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Lukas Zabel, Hans-Jürgen Wirth (Hrsg.): Narzisstische Depression

Rezensiert von Sebastian Kron, 30.03.2026

Cover Lukas Zabel, Hans-Jürgen Wirth (Hrsg.): Narzisstische Depression ISBN 978-3-8379-3399-4

Lukas Zabel, Hans-Jürgen Wirth (Hrsg.): Narzisstische Depression. Theorien und Konzepte in Psychiatrie und Psychoanalyse. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2026. 2., korr. Auflage. 156 Seiten. ISBN 978-3-8379-3399-4. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse.

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Thema

Sigmund Freud definierte in seinem Werk „Trauer und Melancholie“ die psychoanalytische Betrachtung einer melancholischen Depression, die einem realen oder phantasiebehafteten Verlust zugrunde liegt. Dabei schließt Freud nicht aus, dass eine Trauerreaktion, die zumeist auf realen Verlusterfahrungen fußt, nicht in eine melancholische Reaktion übergehen kann (vgl. Freud 2017). Die von Verena Kast aufgestellte Definition der Trauer und der Verlusterfahrung, generell chaotische, unregelmäßig auftauchende Gefühlsreaktionen wahrzunehmen, zeigt den immensen Zusammenhang zwischen einer depressiven Störung und einer Trauerreaktion (vgl. Kast 2015). Das Buch geht weiterhin auf narzisstische Persönlichkeitsstrukturen ein und bringt die Theorie des Narzissmus mit jener der Depression zusammen. Während die gesunde Form des Narzissmus Möglichkeiten schafft, sich über eigene Fähigkeiten und Fertigkeiten bewusst zu werden, zeigt die pathologische Form ein Spannungsfeld zwischen der inneren Selbstwertinstabilität und der stetigen Sehnsucht, sich zumeist external wohlwollende Eigenschaften einzuholen. Zumeist geschieht dies in einer dynamisch-verletzenden Form gegenüber anderen Menschen. Die narzisstische Depression scheint aus Verlust‑ und Demütigungsszenarien zu entspringen. Der erkrankte Mensch zeigt eine erhebliche, intrinsische Motivation, selbstwertfördernde Strukturen external „zu beschaffen“; gelingt dies nicht, deutet dies der*die Betroffene als eine Niederlage, gepaart mit schwerwiegenden Selbstwertproblemen, dem Gefühl der inneren Leere, der unmittelbaren Gefühlslosigkeit und Versagensängsten, die von einem pathologischen Grübeln begleitet werden.

Autor:in oder Herausgeber:in

Dr. med. Lukas Zabel (M. A.) studierte Humanmedizin und Philosophie in Berlin, 2019 promovierte er an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Er ist Arzt in Weiterbildung im Fach Psychiatrie und Psychotherapie.

Entstehungshintergrund

Narzisstische Depressionen treten auf, wenn Einsamkeits-, Verlust‑ und Bindungsmisstrauenserfahrungen den Weg ebnen und daraus zehrend eine Vulnerabilität gegenüber psychischem Stress mit einer Anfälligkeit des Selbstwertes entsteht. Alle diese Faktoren wirken traumatisierend, einschneidend, rufen eine Angst und ein Unbehagen hervor, welches einen Mangel und darauffolgend ein „Verlangen“ nach Bestätigung zuteilwerden lässt.

Aufbau

Das Buch erarbeitet, ausgehend von den psychiatrischen Dynamiken Depression und Narzissmus, eine wegweisende Überleitung zur narzisstischen Depression. Dabei bewegt es sich fundamental im psychoanalytischen und psychiatrischen Kontext.

Inhalt

Das erste Kapitel Narzissmus geht zu Beginn auf psychiatrische Überlegungen ein, um anschließend den Bogen zu psychoanalytischen Konzepten zu schlagen. Dabei sehen psychiatrische Überlegungen den Narzissmus in einem schmalen Grad zwischen gesunder Anerkennung und Bewunderung und krankhaftem Drang, selbstwertfördernde Strukturen zwanghaft anzueignen. Dabei sind Betroffene zumeist auf der einen Seite äußerst vulnerabel und verletzlich, auf der anderen verspüren sie das aufopferungsvolle Verlangen, sich selbst zu positivieren. Aus der psychoanalytischen Perspektive wird der Narzissmus aus einer oder mehrerer missglückter Objektbeziehungen und dem daraus resultierenden Wunsch, das Selbst wieder zu bekräftigen und zu stärken, gesehen. Im zweiten Kapitel wird die Depression aus psychiatrischer Perspektive als eine erdrückende Niedergeschlagenheit, verbunden mit einer enormen, inneren Leere und Unruhe, beschrieben. Die Depression neigt dazu, einen Verlust sämtlicher freudeverheißender Situationen, Momente oder Aktivitäten hervorzurufen. Das Buch geht auf verschiedene Formen, unter anderem der melancholischen Depression, der Major Depression und der Dysthymie, ein. Alle Formen unterscheiden sich in ihrer Intensität, im Rhythmus des Auftretens und zum Teil auch in ihrem ätiologischen Hintergrund. Aus der psychoanalytischen Perspektive wird die Depression als eine Verkettung von Verlusten, daraus resultierenden Ängsten und einer inneren Leere verstanden, die sich aus innerpsychischen Konflikten und kränkenden Erfahrungen der frühen Kindheit zuspitzen kann. Auch das Selbst als solches ist fragil und einer Dynamik unterlegen, die aller eher reduzierend wirkt. Das Kapitel Das Verhältnis von Narzissmus und Depression aus psychoanalytischer Sicht gibt eine Zusammenführung zweier psychiatrischer Auffälligkeiten, wobei der Narzissmus auf einer nicht pathologischen und pathologischen Ebene betrachtet werden kann. Bei der narzisstischen Depression handelt es sich um einen verzweifelten Versuch, selbstwertspendende Faktoren durch andere Objekte zugesprochen zu bekommen. Der Narzissmus und die Depression zehren beide aus einem manifesten Selbstwertverlust und dem daraus hervorgehenden Unbehagen, sich nicht ausreichend wertgeschätzt zu wissen. Dabei verspüren Betroffene den inneren Drang, sich an selbstwertspendenden Objekten zu bereichern. Das Buch grenzt die narzisstische von verwandten Formen der Depression ab und geht auf verschiedene Autoren ein, die sich mit der narzisstischen Depression befassten (z.B. Otto F. Kernberg, Heinz Kohut, Hugo Bleichmar). Weiterhin zeichnet sich eine narzisstische Depression durch regressive Charakterzüge mit dem Hang zum pathologischen Grübeln über das Selbst ab. Der Objektlibido werden libidinöse Kräfte entzogen und direkt auf das Selbst übertragen. Auf klinisch-psychiatrischer Ebene zeichnen sich biologisch-medizinische Faktoren ab, die zu einer Wesensveränderung und Veränderung der Selbstreflexion beitragen. Darüber hinaus zeichnet sich je nach ätiologischem Modell – das Buch schlägt a.) das Vulnerabilitätsmodell (Prädispositionsmodell), b.) das Prädispositionsmodell, c.) das Spektrummodell vor – ein innerer Kampf zwischen einer gesteigerten Vulnerabilität und persönlichkeitsambivalenten Strukturen des innerpsychischen Erlebens ab. In einem weiteren Unterkapitel grenzt das Werk fundamentale Differenzialdiagnosen ab. In einem Kapitel Diskussion wird Bezug auf neuere Entwicklungen der Forschungen genommen, in einem weiteren wesentliche Erkenntnisse geclustert.

Diskussion

Die Soziale Arbeit kann von dem vorliegenden Fachbuch wegweisend profitieren. Es bringt fundamentale Erkenntnisse der Psychiatrie mit jenen der Psychoanalyse zusammen und ebnet den Weg eines integrativen Denkens zwischen Persönlichkeitsdynamik und medizinisch-pathologischer Grunderörterung. Ferner dient das Buch als Überblickswerk, nimmt Bezug auf bedeutende Überlegungen zu den psychisch-psychiatrischen Störungsbildern eines pathologisch fundierten Narzissmus und einer depressiven Verstimmung und versucht, diese Überlegungen in Einklang zu bringen. Dabei werden Randprofessionen, wie soziale Berufe, überblickshaft und „blitzlichtartig“ an herausragende Erkenntnisse herangeführt.

Fazit

Das Fachbuch baut eine Brücke zwischen einer medizinischen Grunderörterung und Persönlichkeitsdynamiken des innerpsychischen Erlebens. Es erweist sich als wissensspendend, „blitzlichtartig“ und überblicksmäßig, zentrale Erkenntnisse zu erlangen.

Weiterführende Literatur

Freud, Sigmund (2017): Trauer und Melancholie. CreativeSpace Independent Publishing Platform Kast, Verena (2015): Trauern. Phasen und Chancen eines psychischen Prozesses. Freiburg im Breiskau, 4. Auflage der erweiterten Neuausgabe 2013 (38. Gesamtauflage)

Rezension von
Sebastian Kron
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Es gibt 31 Rezensionen von Sebastian Kron.

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ISSN 2190-9245