Gerhard Hanloser: Linker Antisemitismus
Rezensiert von Johannes Schillo, 23.04.2026
Gerhard Hanloser: Linker Antisemitismus. Zur Kritik eines Kampfbegriffs.
Mandelbaum
(Wien) 2026.
192 Seiten.
ISBN 978-3-99136-525-9.
D: 17,00 EUR,
A: 17,00 EUR.
Reihe: kritik & utopie.
Thema
Thema des Buches ist der seit dem Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023 mit neuem Nachdruck versehene politische, mediale und akademische Diskurs über einen Antisemitismus, der nicht in traditioneller Form aus dem rechten bzw. rechtsradikalen Lager kommt, sondern von links.
Autor
Der Autor ist Soziologe, Pädagoge und Publizist. 2003 hat er die Studie „Krise und Antisemitismus“ publiziert und 2020 den Sammelband „Linker Antisemitismus?“ herausgegeben, an den die neue Veröffentlichung aktualisierend anknüpft.
Aufbau/Inhalt
Eine kurze Vorbemerkung und ein einführendes erstes Kapitel machen die Themenstellung des Autors deutlich: Es geht ihm um einen politisch beaufsichtigten, medial und akademisch flankierten Diskurs, der grundlegende Erkenntnisse der Antisemitismustheorie ignoriert und sich, wie Kampagnen in der BRD, aber auch anderswo, etwa bei der Unterdrückung der „US-Campusbewegung“ zeigen (siehe dazu das zweite Kapitel), zunehmend „verpolizeilicht“ (S. 10). Die zielstrebige Ignoranz betreffe den Kontext des Rassismus, in den der Antisemitismus gehöre und in dem das Soziale naturalisiert werde, was letztlich – wie in faschistischen Regimen praktiziert – zur Polarität von Herrenrasse versus Zersetzungsarbeit fremdvölkischer, antinationaler Kräfte führt. Hanloser erinnert dazu an die Beiträge der Kritischen Theorie (speziell der „Dialektik der Aufklärung“ von Horkheimer/Adorno) und vermisst im neuen Antisemitismus-Diskurs das Bemühen um eine theoretische Klärung. Stattdessen gerate der zentrale Punkt – das rassistische Konstrukt „des Juden“ – aus dem Blick und werde durch die Diskreditierung unerwünschter Kritik am Staat Israel ersetzt. Hanlosers Zielsetzung lautet dagegen: „Antisemitismustheorie hat sich, will sie Wissenschaft bleiben, aus einer herrschaftsdienlichen Komplizenschaft mit der durch Angela Merkel 2008 vor der Knesset ausgerufenen ‚Staatsräson‘ und ihrer Verteidigung Israels zu lösen.“ (S. 15)
Die Kriminalisierung von Zionismuskritik, wie sie unter der ersten Präsidentschaft Trumps begann, wird dann im dritten Kapitel, das auf „Antisemitismus als politische Waffe eingeht“, in ihren Weiterungen verfolgt. Mittlerweile werde – siehe das Beispiel Moshe Zuckermann – „in Israel selbst der Antisemitismus-Vorwurf instrumentell eingesetzt“ (S. 32), treffe also jüdische Dissidenten. Rechtsradikale oder christlich-fundamentalistische Formen von Antisemitismus, „die in den USA weiterhin eine reale Bedrohung darstellen“ (S. 38), würden dagegen vernachlässigt. Dieses Ausblenden der realen Gefahr sei, wie das vierte Kapitel ausführt, ebenfalls in der BRD anzutreffen, wo ihm sogar Lageberichte des Verfassungsschutzes widersprechen (vgl. S. 42f). Das Konstrukt vom linken Antisemitismus, so das fünfte Kapitel, lasse sich dabei zu wesentlichen Teilen als Produkt „antideutscher“ Vorhaltungen erklären, „die zuerst wie ein innerlinker Streit erschienen“ (S. 49) – nämlich als Kontroverse darüber, wie Kapitalismuskritik anzulegen sei: Konzentriere sich diese auf das Finanzkapital, bestehe die Gefahr einer antisemitischen Umdeutung. Und das selbst da, wo vom Judentum gar keine Rede ist, wie der globalisierungskritischen Initiative ATTAC angekreidet wurde (vgl. S. 46).
Das sechste Kapitel leitet zu den jüngsten Auseinandersetzungen in der BRD über, wo die Partei DIE LINKE etwa wegen ihrer Ablehnung der „IHRA-Arbeitsdefinition“ mit entsprechenden Vorwürfen konfrontiert wurde (vgl. S. 62ff). Hanloser gesteht hier der Rede vom „israelbezogenen Antisemitismus“ eine gewisse Berechtigung zu: „Wer Juden und den Staat Israel ineinssetzt, ist Antisemit“ (S. 60). Er wendet sich aber entschieden dagegen, dies mit Antizionismus gleichzusetzen, den es ja in verschiedenen, auch jüdischen, z.B. religiös oder politisch motivierten Varianten gibt. Das siebte Kapitel thematisiert weitere Kontroversen in Sachen Linkspartei. Hanloser bemängelt, dass dabei „der gesamte Nahostkonflikt vor die Folie bundesrepublikanischer Befindlichkeiten und parteipolitischer Machtpolitik gezerrt“ werde (S. 73). Ein Exkurs (vgl. S. 74–78) geht auf den ähnlich gelagerten Falle der Anti-Corbyn-Kampagne in der britischen Labour-Partei ein. Ein anderes Beispiel ist die vom Deutschen Bundestag geächtete BDS-Boykottkampagne (vgl. S. 80), ein weiteres, das im achten Kapitel verhandelt wird, die „postkoloniale“ Bemühung um neue Formen der NS-Vergangenheitsbewältigung. Das Bestreben, „den Holocaust im Kontext imperialistischer Expansion zu untersuchen und Kolonialverbrechen als eine Vorgeschichte der Vernichtungspolitik zu diskutieren“ (S. 91), sei aus bornierter deutscher Perspektive als Angriff auf die eigene – erst in „harten und zähen Kleinkämpfen durchgesetzte“ (S. 96) – Erinnerungskultur abgewehrt worden. Als Argument wurde dabei die Singularitätsthese eingesetzt, die im ritualisierten politischen Gedenken der BRD letztlich auf den Topos von der Unerklärbarkeit des Holocaust hinauslaufe (vgl. S. 95), demnach als Denkverbot wirke. Die praktischen Folgen dieses Verbots demonstriert Hanloser am Fall Achille Mbembe (S. 87ff). Damit leitet er über zum neunten Kapitel, das den Skandal um die 15. Documenta abhandelt. Dieser habe in der politisch aufgeladenen Kultursphäre der BRD suggeriert, dass sich hier der Globale Süden – ähnlich wie bei Mbembe – „mit seinem ihm ureigenen Antisemitismus ausagiert“ (S. 100). Dabei hätten auch auf Zensur programmierte Instanzen mitgewirkt wie etwa die Beobachtungsstelle „RIAS Hessen“, der das zehnte Kapitel gewidmet ist. Dass in solchen angeblich von der Zivilgesellschaft getragenen Initiativen Zensur intendiert ist, demonstriert Hanloser am Fall Moshe Zimmermann (S. 111f).
Darauf folgen zwei Fallstudien. Das elfte Kapitel widmet sich den neuesten Veröffentlichungen der linken Soziologin Eva Illouz, in denen diese nach dem 7. Oktober 2023 eine Wende hin zu einer antilinken Position vollzog. Während sie sich früher von „Medienwächtern“ (S. 113) und anderen zionistischen Zensurinstanzen umstellt sah, wird ihr jetzt das eigene akademische Milieu zum antisemitischen Problemfall. Hanloser wertet dies als eine eher selbstbezogene Umorientierung, „eine intellektuelle Kapitulationserklärung des liberalen Zionismus“ (S. 115). „Illouz bleibt ohne konkrete Belege“ (S. 116), die Soziologin, die sich auf den Uni-Campus fixiere, habe „kein einziges Flugblatt der Campusbewegung zitiert, sie analysiert keine einzige Parole“ (S. 118). Im zwölften Kapitel wird dann der linke Essayist Jean Améry gewissermaßen als Vorläufer einer solchen Wende angeführt, die bei ihm seinerzeit aus Enttäuschung über die Politik der (Neuen) Linken Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre erfolgte. Es geht hier also um die Phase, als aus der antiautoritären Bewegung Gruppen hervorgingen, die sich am Marxismus-Leninismus orientierten und den Befreiungsnationalismus der Dritten Welt, palästinensische Organisationen inklusive, idealisierten oder zum Vorbild erhoben. Dabei teilte Améry jedoch deren Vorwurf, dass die israelische Staatsgründung mit Ungerechtigkeiten gegenüber der palästinensischen Bevölkerung einhergegangen sei (vgl. S. 122, FN 205). Aus der historischen Distanz wirken seine Urteile – so zur jüdischen Siedlerbewegung, die sich für die „Erschaffung einer demokratisch-sozialistischen Gesellschaft“ (S. 124) einsetze – allerdings grotesk, wie Hanloser hervorhebt. Dieser verweist auch darauf, dass das heutige Bemühen, einen linken Antisemitismus unter Berufung auf solche 50 Jahre alte Positionierungen nachzuweisen, einen Anachronismus darstellt. Denn besagte K-Gruppen existieren nicht mehr und ein Hauptadressat von Amérys Kritik, die linke Zeitschrift „Konkret“, spielt mittlerweile eine komplett andere Rolle (vgl. S. 123f).
Das folgende dreizehnte Kapitel knüpft an diesen Rückblick an, indem es den von der Frankfurter Schule in der Nachkriegs-BRD identifizierten „sekundären Antisemitismus“ der Jüngeren zum Thema macht, also die von der Elterngeneration – stillschweigend oder explizit – übernommene Haltung, dass man sich als Deutscher für die eigene Biographie nicht zu schämen brauche. In der Hauptsache geht Hanloser aber auf die spätere Phase ein, als sich die antiautoritäre Bewegung gegen die ältere Generation stellte. Sie wandte sich dabei gleichzeitig gegen den entstehenden Philosemitismus, der das neue nationale Selbstbewusstsein der Republik legitimieren sollte: „In allzu großer offizieller Israel-Begeisterung erblickte die Alte wie die Neue Linke einen notdürftig kaschierten Antisemitismus“ (S. 139). Einen Nachtrag dazu stellt das vierzehnte Kapitel dar, das auf den aktuell wieder erhobenen Vorwurf eingeht, in der heutigen Palästinasolidarität habe man es mit der „Abwehr deutscher Schuld“ (S. 146) zu tun. Hanloser diskutiert dazu die betreffende Demonstrations-Parole, wo er aber vor allem den Angriff auf die „philosemitische Maske“ (S. 139) der BRD entdeckt: „Dass die Palästinenser etwas auszubaden haben, was andere, nämlich die Nazi-Deutschen, verschuldeten, darauf haben Linke immer wieder hingewiesen.“ (S. 155) In dem Zusammenhang wird auch die seit Neuestem populäre Rede vom „importierten Antisemitismus“ aufgegriffen, die gewissermaßen einen Parallelfall zu Hanlosers Hauptthema darstellt.
Das fünfzehnte Kapitel bringt zusammen mit den abschließenden Bemerkungen das Fazit der Kampfbegriff-Analyse. Hanloser, der noch einmal eine aktuelle Liste staatlichen Einschreitens im Medien‑ bzw. speziell Kulturbetrieb liefert und auch die jüngsten Interventionen von Staatsminister Weimer würdigt (vgl. S. 162ff), wertet „Antisemitismusvorwürfe als Modus des Grundrechtsabbaus“ (S. 158). Er schließt sich zudem an die Diagnose von Micha Brumlik an, bei den besagten Attacken habe man es mit einem „neuen McCarthyismus“ zu tun: „Der Kampfbegriff ‚linker Antisemitismus‘ stellt eine aktuelle Form des Antikommunismus dar. Er soll den Begriff ‚links‘ entwerten und ihm den emanzipatorischen Gehalt absprechen.“ (S. 185) Hanloser stuft dabei Angriffe auf den linken Standpunkt unterm Etikett „Kampf gegen Antisemitismus“ regelrecht „als Teil einer globalen faschistoiden Formierung“ (ebd.) ein, an der sich auch die israelische Regierung beteilige und die etwa in Deutschland zur Diskriminierung jüdischer Bürger führe, die sich in der Tradition eines zionismuskritischen Judentums zu Wort melden.
Diskussion
Hanlosers Studie steht im Kontext neuerer Veröffentlichungen etwa von Georg Auernheimer oder Fabian Goldmann, die eine deutlich Schieflage feststellen, wenn es um die Befassung mit dem Staat Israel und dessen aktueller Politik geht. Hier greift, was Hanloser an zahllosen Beispielen vorwiegend aus den letzten beiden Jahrzehnten belegt, rasch der Vorwurf des Antisemitismus, so dass dessen klassische Verbindung mit dem rechten bzw. rechtsradikalen Nationalbewusstsein irrelevant bzw. die von dort nach wie vor ausgehende Bedrohung jüdischen Lebens ausgeblendet wird. Stattdessen wird durch staatliche Intervention innerhalb der Linken, die zwar eine schwer eingrenzbare Größe darstellt, aber immerhin durch programmatischen Internationalismus und das Aufwerfen der Klassen‑ statt der Rassenfrage gekennzeichnet ist, die rassisch begründete Judenfeindschaft verortet.
Hanlosers Kritik trifft einen entscheidenden Punkt. Beim Antisemitismus handelt es sich ja nicht einfach um national motivierte Gegnerschaft oder um die traditionelle Form religiös begründeter Judenfeindschaft. Es geht hier vielmehr um eine mehr oder weniger spezielle Form des Rassismus, der einem Volk oder einer Volksgruppe einen biologistisch begründeten Wesenskern zuschreibt und das Individuum damit definitiv auf seine Naturbestimmung festlegt. Diese mit der Etablierung bürgerlicher Nationalstaaten und dem imperialistischen Kampf um die Aufteilung der Welt entstandene Ideologie rechtfertigt die eigene völkische Identität und bestreitet in letzter Konsequenz das Lebensrecht fremdvölkischer Elemente, die qua Natur aus der Volksgemeinschaft auszuschließen sind.
In der Theoriebildung zum Antisemitismus hat es dazu verschiedene Erklärungsversuche gegeben, mit denen jedoch der neue Kampfbegriff, den Hanloser dokumentiert und analysiert, kaum etwas zu tun hat. Was heute als „linker“ – oder in ähnlichen Varianten als „israelbezogener“, „sekundärer“ etc. – Antisemitismus gebrandmarkt wird, liegt nämlich auf einer ganz anderen Ebene: Es geht um die Zurückweisung einer propalästinensisch, antiimperialistisch oder völkerrechtlich argumentierenden Kritik an der israelischen Politik und ihren Grundlagen. Mit der rassisch begründeten Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit hat eine solche Staatskritik nichts zu tun. Ein wichtiges Thema ist hier vielmehr die zionistische Nationalideologie, zu der es seit dem 19. Jahrhundert unter Sozialisten, Anarchisten oder sonstigen Internationalisten, auch unter (religiösen) Juden zahlreiche Kontroversen gegeben hat und teilweise noch gibt. All das ignoriert der neue Kampfbegriff. Er arbeitet im Wesentlichen mit Unterstellungen, wie die Studie minutiös ausführt. Hanlosers Analyse bezieht dabei teils entlegene Debatten und ältere Ideologeme ein, bietet einen äußerst dichten Text mit differenzierter Argumentation und macht in 318 Fußnoten Kontexte deutlich.
Die Studie ist natürlich weit davon entfernt, den verschiedenen Stellungnahmen ‚zur Judenfrage‘, die aus der heterogenen Größe der politischen Linken seit den Zeiten der Arbeiterbewegung und des Aufstiegs des Sozialismus im 19. Jahrhundert erfolgten, einfach zuzustimmen oder politische Unbedenklichkeit zu bescheinigen. Viele Passagen des Buchs befassen sich mit Verirrungen oder Entgleisungen auf Seiten der Alten wie der Neuen Linken. So geht Hanloser etwa detailliert auf die Idealisierung des antikolonialen Befreiungsnationalismus ein, wie sie in der BRD nach der Auflösung der 68er-Bewegung stattfand und bis zur Bejahung stalinistischer oder terroristischer Gewaltakte führte (vgl. S. 140ff). Und natürlich erinnert er daran, dass es im linken Lager Antisemiten gab. Ein berühmtes Beispiel ist etwa der Anarchist Bakunin, der gegen den „Juden Marx“ polemisierte und dabei schon die späteren rassistischen Urteile vom blutsaugenden Volksschädling vorwegnahm. Zu erinnern wäre auch daran, dass auf der Karriere des ehemaligen Sozialisten Benito Mussolini die Etablierung des Faschismus als Herrschaftsform fußte und dass deren Variante in Deutschland im Namen eines nationalen Sozialismus auftrat. Das ändert aber nichts daran, dass der nationalistische Standpunkt, zu dem der Antisemitismus gehört, in der internationalistischen Linken seinen Antagonisten hat.
Fazit
Der Autor hat eine weit ausholende, äußerst dichte und um Differenzierung bemühte Diskursanalyse vorgelegt, die sich den aktuellen Fortschreibungen der Antisemitismuskritik und ihrer öffentlichen Verbreitung widmet. Er stellt vor allem die Defizite heraus, die sich durch die Verschränkung staatlicher Eingriffe mit medialen, kulturellen und akademischen Diskursen ergeben – mit der Folge, dass die eigentlich erforderliche Theoriebildung in den Hintergrund tritt.
Rezension von
Johannes Schillo
Sozialwissenschaftler und Autor
Website
Mailformular
Es gibt 27 Rezensionen von Johannes Schillo.





