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Matthias Richter, Klaus Hurrelmann: Gesundheitstheorien

Rezensiert von Prof. Dr. med. Hanns Rüdiger Röttgers, 19.08.2026

Cover Matthias Richter, Klaus Hurrelmann: Gesundheitstheorien ISBN 978-3-7799-8533-4

Matthias Richter, Klaus Hurrelmann: Gesundheitstheorien. Ein interdisziplinäres Lehrbuch für Wissenschaft und Praxis. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2026. 9. Auflage. 304 Seiten. ISBN 978-3-7799-8533-4. D: 26,00 EUR, A: 26,90 EUR.

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Thema

„Gesundheit“ ist einerseits eine subjektive Befindlichkeit, ein körperlicher und seelischer Zustand des Individuums, andererseits Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung und Theoriebildung. Mit eben diesen namensgebenden „Theorien über Gesundheit“ aus verschiedenen Disziplinen beschäftigt sich das Buch.

Autoren

Klaus Hurrelmann, ehemals Universität Bielefeld, seit der Emeritierung dort an der Hertie School of Governance, ist Soziologe und einer der vor allem qua Politikberatung wirkungsstärksten Gesellschaftswissenschaftler der Bundesrepublik; sein Name ist mit Konzepten der Bildungsforschung ebenso verbunden wie mit Jugendstudien und der institutionellen Etablierung eines sozialwissenschaftlich geprägten „Public Health“-Verständnisses.

Matthias Richter, jetzt TU München, stammt aus derselben Tradition und ist in seinem akademischen und wissenschaftlichen Werdegang mit Klaus Hurrelmann eng verbunden.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Werk knüpft an die 1988 begonnene Reihe von Büchern derselben Autoren an, die unter den Titeln „Sozialisation und Gesundheit“ sowie später „Gesundheitssoziologie“ ebenfalls bei Juventa/​Beltz erschienen. Die Autoren selbst begründen die neue Benennung mit der Notwendigkeit, die eigene, primär sozialwissenschaftliche Perspektive um die anderer Disziplinen zu ergänzen und somit ein, so der Untertitel und Anspruch, „interdisziplinäres Lehrbuch für Wissenschaft und Praxis“ anzubieten.

Aufbau

Die Autoren benennen die Einleitung mit „Zugängen zur Gesundheit“; dieses Kapitel bildet den Rahmen. Kapitel 2 beschäftigt sich mit „Gesellschaft und Gesundheit“, wobei der Fokus eindeutig auf westlichen Industriegesellschaften liegt. Kapitel 3 ist mit “Interdisziplinäre Gesundheitstheorien“ überschrieben, hier werden etwa allgemeine Gesellschaftstheorien, Public-Health Theorien, aber auch primär psychologische Zugänge wie Lern‑ und Verhaltenstheorien thematisiert.

Neu gegenüber den früheren Auflagen ist das Kapitel 4: „Gesundheit als produktive Realitätsverarbeitung“. Hier wird der inter-, oder besser transdisziplinäre Ansatz der Autoren über den sehr offenen Zugang der Lebensbewältigung thematisiert; Hurrelmann selbst hatte den Begriff ein einem Werk von 1983 geprägt. Kapitel 5, „Strategien in der Gesundheitsförderung“, befasst sich mit Vorgehensweisen in unterschiedlichen sozialen Zusammenhängen, das Kapitel 6 analog dazu mit „Strategien der Krankheitsprävention“. Kapitel 7 ist mit „Ausblick“ benannt und plädiert für einen theoriegeleiteten Zugang im professionellen Handeln.

Inhalt

Die Autoren stellen medizinische, psychologische, pädagogische und gesellschaftswissenschaftliche Zugänge zum Thema Gesundheit vor und führen parallel in zugehörige Begriffe und Konzepte wie den WHO-Gesundheitsbegriff oder die Health Literacy ein.

Sie plädieren im Kapitel 1 für ein Mit‑ statt für ein Neben‑ oder gar Gegeneinander der beteiligten Fachdisziplinen und schildern kompakt die grundsätzlichen Herangehensweisen von Medizin, Psychologie, Pädagogik, Politik‑ und Gesellschaftswissenschaft. Sie wahren dabei allerdings durchgehend eine soziologische Perspektive, die sie naturgemäß am treffendsten darstellen.

Am Beispiel der westlichen Industrieländer werden etwa der Einfluss des sozioökonomischen Status auf Gesundheitsverhalten und Lebenserwartung, die Teilhabemöglichkeiten am Gesundheitssystem, aber auch die Rahmenbedingungen von Gesundheitsförderung und Prävention dargestellt.

Die Kapitel 2 bis 4 haben medizinsoziologische und Public-Health-Schwerpunkte; sie eignen sich gut als aktuelles Nachschlagewerk und Stichwortfinder z.B. für Förderanträge und öffentliche Programme.

Vermeintliche Gegensätze wie die zwischen Verhältnis‑ und Verhaltensprävention werden im Kapitel 5 instruktiv aufgelöst. Hier sei die überzeugende Darstellung des Miteinanders beider Zugänge bei der Frage des Tabakrauchens erwähnt: Prävention hat dann am ehesten einen nachhaltigen Erfolg, wenn sie neben dem individuellen, verhaltensbezogenen Zugang (Aufklärung, Gesundheitsbildung, Appelle) auch gesamtgesellschaftlich agiert (Rauchverbote im öffentlichen Raum, Preisgestaltung, Werbe‑ und Abgabebeschränkungen).

Die Autoren arbeiten dies weiter für die Umgebungen der Schule und des Arbeitsplatzes aus, adressieren aber auch die Kommunalpolitik.

Erwähnenswert ist wegen seiner Klarheit und Knappheit im Kapitel 6, „Krankheitsprävention“ der Abschnitt 6.4. „Gesundheitskompetenz“, so die am ehesten passende deutsche Übersetzung des Begriffs „health literacy“. Hier schlagen die Autoren eine konzeptionelle Hierarchisierung in die Komponenten der „funktionalen Kompetenz“, die das Verstehen von Informationen, die Verarbeitung von Medikamentenbegleittexten, die Kooperationsfähigkeit bei komplexen und langzeitigen Behandlungen, der „interaktiven Kompetenz“, die die Fähigkeit zur Kommunikation und Navigation im System, und als höchste Stufe der „kritischen Kompetenz“ vor. Hiermit ist ein eigenes Urteilsvermögen und im Idealfall die aktive Partizipation in der gesundheitsförderlichen Gestaltung der Lebensumgebung gemeint.

Diskussion

Die Autoren plädieren in ihrem Band, das zusammen mit den Vorgängerauflagen ein Standardwerk darstellt, für ein Mit‑ statt für ein Neben‑ oder gar ein Gegeneinander der beteiligten Fachdisziplinen. Das Anliegen ist uneingeschränkt zu unterstützen. Hurrelmann und Richter lassen allerdings durchscheinen, dass sie den eigenen, primär sozialwissenschaftlichen Zugang als besonders geeignet betrachten, während sie etwa den medizinischen als grundsätzlich biologistisch-eingeengt darstellen und allenfalls Randgebieten der Medizin eine gesellschaftliche oder sonstige außerfachliche Perspektive zubilligen. Dies wird in apodiktischen Formulierungen wie „vor dem Hintergrund der zentralen Rolle der Lebens‑ und Arbeitsbedingungen und des Gesundheitsverhaltens für chronische Erkrankungen sind einseitige Investitionen in biomedizinische Forschung wenig erfolgversprechend“ deutlich. Alleine die Debatte um eine großflächige Vergabe von GLP-1-Analoga im National Health Service Großbritannien erschüttert die deutlich zu unterkomplexe These: Im Erfolgsfall führt hier eine rein biomedizinische Innovation dazu, dass sowohl gesundheitsökonomische wie gesundheitssoziologische Überlegungen neu ausgerichtet werden müssen.

Schwächen finden sich auch im medizinischen Teil: Psychische Erkrankungen, wie auf Seite 51 geschehen, tendenziell mit einem niedrigen sozioökonomischen Status zu verbinden, ist unangemessen, wird vom deutlich inversen sozialen Gradienten bei der Anorexia nervosa ebenso widerlegt wie durch die Sozialstatusunabhängigkeit tiefgreifender Entwicklungsstörungen wie Autismus.

Im politikwissenschaftlichen Teil schließlich unterschätzen und/oder übersehen die Autoren, dass die simpel vorgebrachte These der zunehmenden Armut in Deutschland allenfalls ein Oberflächenphänomen beschreibt. Zum einen führt die relative Definition der Armutsgefährdung über einen Prozentsatz des Durchschnittseinkommens dazu, dass die so gemessene „Armutsquote“ fast unveränderlich und, wenn überhaupt, am wirksamsten durch die Ausbürgerung von Hochverdienern zu senken ist, zum anderen verkennt sie, dass allein der steigende Anteil von Studierenden (3 Millionen 2026 gegenüber 1 Million 1980) zwingend zu einer Zunahme der passageren „Armutsfälle“ führt. Dies ist aber ebenso wie die große Zahl von Personen, die per Flucht‑ und nicht per Arbeitsmigration nach Deutschland kommen und dann in der Regel zunächst Transferleistungen beziehen, ein Zeichen der Stärke und nicht des Versagens des Sozialstaats.

Was hier zuletzt komplett fehlt, in anderen Ländern aber durchaus intensiv diskutiert wird (Vgl. „Born in Bradford“, die britische Langzeituntersuchung über die Folgen der Konsanguinität/Verwandtenehen in der pakistanischstämmigen Community), ist der wachsende Anteil patriarchalisch und fundamental religiös geprägter Milieus, deren Gesundheitsverhalten und Umgang mit dem Gesundheitssystem durch die eurozentrisch-säkularen Deutungsmuster der Autoren nicht angemessen erfasst werden kann. So bleiben bedauerliche „blinde Flecken“ im Buch.

Wie bei einem Werk dieses nicht nur medizinsoziologisch etablierten Autorenduos zu erwarten, sind Definitionen, Referenzen und aktuelle Anknüpfungspunkte ansonsten präzise ausformuliert, die zitierte Literatur umfassend. Es kommt zu einigen Wiederholungen; letztlich werden die Leitideen des Kapitels 1 iterativ immer wieder vertieft. Dies muss kein Nachteil sein, macht das Werk aber eher zur Studienlektüre und/oder zum Steinbruch für Politikberatung und Projektanträge als zur vertieften Wissenschaft. Die kleineren inhaltlichen Schwächen wurden oben angesprochen, stehen dem positiven Gesamteindruck aber nicht entgegen.

Fazit

Das Buch verspricht einen Überblick über gängige Gesundheitstheorien im interdisziplinären Arbeitsfeld und kann helfen, die gegenseitigen professionellen Scheuklappen zu lockern. Der aktuelle Diskussionsstand im deutschen Sprachraum wird zutreffend dargestellt, wenn auch an manchen Stellen die Argumentation sehr eng und/oder plakativ geführt wird und Kontroversen ausgespart bleiben.

Rezension von
Prof. Dr. med. Hanns Rüdiger Röttgers
M.A. (Politikwissenschaft), M.A.E. (Applied Ethics). Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Öffentliches Gesundheitswesen -Umweltmedizin- Fachhochschule Münster, FB Sozialwesen, Lehrgebiet Gesundheitswissenschaft/Sozialmedizin. Beauftragter für den Masterstudiengang "Therapie, Förderung, Betreuung (Clinical Casework)"
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Es gibt 14 Rezensionen von Hanns Rüdiger Röttgers.

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ISSN 2190-9245