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Rudolf Pölking: Warum wir Filme schauen – und wie sie uns verändern

Rezensiert von Werner Fröhlich, 20.04.2026

Cover Rudolf Pölking: Warum wir Filme schauen – und wie sie uns verändern ISBN 978-3-662-71553-6

Rudolf Pölking: Warum wir Filme schauen – und wie sie uns verändern. Springer International Publishing AG (Cham/Heidelberg/New York/Dordrecht/London) 2025. 121 Seiten. ISBN 978-3-662-71553-6. D: 27,99 EUR, A: 28,77 EUR, CH: 31,00 sFr.

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Thema

Das Buch erscheint in der Reihe „Sachbuch“ des Springer-Verlags Berlin, wendet sich also in erster Linie nicht an Fachleute und Wissenschaftler, sondern an interessierte Laien, die sich über die Wirkung von Filmen auf die Zuschauer informieren möchten. Das Thema wird unter psychologischen, tiefenpsychologischen, sozialpsychologischen sowie sozialanalytischen und sozialwissenschaftlichen Aspekten behandelt.

Autor

Rudolf Pölking, geb. 1954 in Mönchengladbach, ist Diplompsychologe und hat in unterschiedlichen Berufsfeldern gearbeitet, als Streetworker, Therapeut in einer Beratungsstelle, Organisationsberater und mehr als 25 Jahre als Führungskraft in der Industrie. Pölking ist Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Sozialanalytische Forschung (DGSF).

Aufbau

Das Buch ist nach dem Vorwort in 6 Kapitel gegliedert:

  1. Die Wurzeln unserer Filmwelten
  2. Wieso schauen wir uns Filme an?
  3. Mediensucht
  4. Wie verändert uns das Anschauen eines Spielfilms?
  5. Filmwelten: Urszenen einer Zeitenwende?
  6. Erweiterungen und Epiloge

Inhalt

Der Autor widmet sich einer Thematik, die seiner Ansicht nach bisher zu wenig untersucht worden ist, nämlich wie Filme auf Menschen wirken und welche Veränderungen sie herbeiführen können. Abgesehen von speziellen Untersuchungen etwa zur Frage, ob die Darstellung von Gewalt in Filmen Aggressionen hervorruft, gebe es wenige Publikationen, die sich mit den psychologischen Ursachen und Auswirkungen von Spielfilmen in der Breite und Tiefe befassen. Mit seiner Veröffentlichung betrete er „Neuland“ (S. 84).

Der Untersuchungsgegenstand ist breit angelegt. Mit „Filmen“ meint der Autor nicht nur Spielfilme, die in Kinos gezeigt werden, sondern auch Fernsehfilme‑ und Serien, Clips, Reels und Videos, die im Fernsehen oder in den sozialen Medien angeboten werden.

Die Filmvorführung im Kinosaal ist für Pölking unter Bezugnahme auf Sloterdijk ein Gemeinschaftserlebnis, das mit dem Lagerfeuer der menschlichen Frühzeit vergleichbar ist, eine Urversammlung rund um ein gehegtes Feuer, das später „Herd“ heißen wird. Die Versammelten lauschen einem, der erzählt, was er erlebt hat. Das Vermögen, Geschichten zu erzählen und zu erfinden, rechnet Pölking zu den vier Meilensteinen in der Entwicklung der Menschheit. Das Medium der bewegten Bilder, der Film, der erst Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden ist und dessen Entwicklung bis jetzt noch nicht abgeschlossen ist, markiert womöglich eine neue „Zeitenwende“.

Das Anschauen von Filmen, gleich welchen Genres, gleich welcher Länge und in gleich welcher Situation ist für den Autor nicht nur „Konsum“, nicht nur Nebensache, sondern „Genuss“, der intensiv mit dem menschlichen Seelen‑ und Triebleben verbunden ist. Es geht um die Sehnsucht, Gefühle zu erleben, inklusive „Gänsehaut und nassen Tassentüchern“. Durch das indirekte, sublimierte Ausleben wird der innere Triebdruck reduziert und man fühlt sich erleichtert.

Negativ zu werten ist die Gefahr der Mediensucht, die von Pölking schlüssig und realitätsnah beschrieben wird. Sucht wird gefördert durch ein System von Belohnungen und Befriedigungen, speziell im Fall der Handysucht durch Mehrfachfunktionen, die dazu führen, dass das Handy „immer dabei“ und jederzeit mit einem Klick zu bedienen ist – ein „sich selbst verstärkender Teufelskreis“ (S. 70). Als Mittel zur Verhinderung exzessiver Mediennutzung durch Kinder empfiehlt Pölking einen familiären Mediennutzungsvertrag.

Eine weitere negative Folge von Filmkonsum ist die Unterlassungswirkung: Anstatt aktiv mit anderen zu kommunizieren, verbringen wir passiv und mühelos Zeit mit dem Anschauen von Filmen. Chancen verstreichen ungenutzt. Aktivitäten erfordern mehr Anstrengung

Der Autor sieht durchaus, dass Filmzuschauer vielfachen Manipulationen ausgeliefert sind. Die letzten hundert Jahre Menschheitsgeschichte erscheinen als fortgesetzte Vereinnahmung durch künstliche Welten. Nicht mehr die objektive Realität, sondern die geschickt in Szene gesetzte Fiktion entscheidet darüber, wie Realität wahrgenommen und gedeutet wird, wofür weniger die Spielfilme als die vielen kleinen Clips in den sozialen Medien verantwortlich sind.

Insgesamt aber überwiegen für Pölking die positiven Wirkungen. Wer Filme konsumiert, nimmt teil am ganz großen Mainstream der heutigen Zeit, ist kein absonderlicher Außenseiter, sondern mittendrin in der Gemeinschaft der Mitmenschen. Spielfilme helfen dabei, die nicht gesellschaftskonformen Impulse leichter zu bändigen. Sie tragen dazu bei, das gesellschaftliche Miteinander zu fördern, denn Filmgenuss macht die Menschen verträglicher. Das Miterleben von Angstlust, Nervenkitzel, Furcht, Wonne und Hoffnung verschafft in kurzer Folge Sinnesempfindungen, die es so im grauen Alltag nicht gibt und die risikolos und mit endlicher Erleichterung durchlebt werden können.

Filme sind für Pölking ein Hilfsmittel zur Selbststeuerung, zur Verbesserung der eigenen Stimmungslage, zum besseren Verständnis des gesellschaftlichen Lebens und zur Orientierung in der komplexen Welt.

In körperlicher Hinsicht können Filme zur Stimmungsaufhellung und Selbstbelohnung beitragen, indem sie zur Ausschüttung der Hormone Oxytocin und des Glückshormons Dopamin führen. Die Abwechslung von Erregung und Entspannung ist physiologisch wohltuend. Flottierende Energie wird gebunden und beruhigt.

Ein interessantes Phänomen, das näher untersucht zu werden verdient, ist der vom Autor angesprochene „Wiederholungszwang“. Der immer gleiche, vorhersehbare Handlungsablauf in Filmen, Fernsehserien oder Clips wird, obwohl ständig wiederholt, nicht als langweilig, sondern als beruhigend und entspannend empfunden.

Eher bekannte Beispiele politisch-ökonomischer Nutzung von Filmen sind die in der Nazizeit vom Reichspropagandaministerium geförderten Unterhaltungsfilme zur Stimmungsaufhellung und Stützung der staatlichen Herrschaft, desgleichen die Werbung für Markenprodukte durch Product Placement.

Pölking ist davon überzeugt, dass Filme in der Lage sind, Menschen zu verändern. Die Darstellung in Filmen kann zu einem neuen „Framing“ führen, das heißt, der mentale Rahmen, durch den Menschen die Welt betrachten, wird verändert, ohne dass sie es bewusst wahrnehmen. Die Auswirkung von Filme auf die Persönlichkeitsbildung‑ oder Verformung wurde bisher allerdings nur in Teilaspekten untersucht. Als „Neuland“ zu erforschen wären insbesondere die parasozialen Interaktionen und parasozialen Beziehungen, etwa zu Filmfiguren, denen man im wirklichen Leben nie begegnet ist.

Diskussion

Rudolf Pölking widmet sich einem Thema, bei dem jeder, der Filme schaut, gleich ob im Kino, im Fernsehen, auf dem Tablet oder auf dem Handy, mitreden kann. Dennoch ist dem Autor rechtzugeben, dass zwar viel über Filme geschrieben wird, dass es aber wenig Ansätze zur objektiven und systematischen Untersuchung der Motivationen und Reaktionen von Zuschauern gibt. Diese Lücke füllt Rudolf Pölking zumindest ansatzweise mit seinem einfach und gut verständlich geschriebenen Sachbuch. Die psychologischen Ursachen und Auswirkungen von Spielfilmen in aller Breite und Tiefe darzustellen, wäre zu viel verlangt von einem 121-Seiten-Werk; immerhin zeigt aber der Autor – auch mit einem beeindruckenden Quellennachweis – dass er die einschlägige Fachliteratur der Psychologie, der Sozialpsychologie, der Psychoanalyse und der Soziologie ausgewertet hat und dass er keinen der in Betracht kommenden Aspekte vergessen hat. Der Autor spricht die Leser (und Filmzuschauer) direkt an und führt sie mit Leitfragen durch die Thematik. Er erklärt Fachausdrücke, wie z.B. das Premack-Prinzip (S. 70), in verständlicher Weise.

Der These vom Kinosaal als Lagerfeuer der Jetztzeit wird nicht jeder folgen wollen. Zum Lagerfeuer-Feeling gehört Zusammengehörigkeitsgefühl, das Bewusstsein, einer gleichgestimmten Gruppe anzugehören. Das wird nicht bei allen Kinobesuchern so sein.

Letztlich ist nicht entscheidend, ob der Leser oder die Leserin jeder einzelnen These oder Behauptung des Autors zustimmt oder ob man jeden der zitierten Filme kennt oder gesehen hat – von größerer Bedeutung ist, dass Anstöße gegeben werden, sich mit den eigenen Rezeptionsgewohnheiten und der Beziehung der Filmwelten zur gesellschaftlichen Entwicklung auseinanderzusetzen.

Fazit

Das Sachbuch „Warum wir Filme schauen – und wie sie uns verändern“ von Rudolf Pölking ist eine gut verständlich geschriebene Einführung in die bisher nur in Teilaspekten untersuchte Thematik, wie Filme auf die Zuschauer wirken. Auf der Grundlage eigener Beobachtungen und Erfahrungen, Interviews und Fachliteratur aus Psychologie und Soziologie beschreibt der Autor die individuellen und gesellschaftlichen Folgen des Filmkonsums in der Gegenwart.

Rezension von
Werner Fröhlich
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Es gibt 4 Rezensionen von Werner Fröhlich.

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ISSN 2190-9245