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Kristin Goetze, Jule Westerheide (Hrsg.): Ohnmächtige Arbeitskämpfe in der Sozialen Arbeit?

Rezensiert von Prof. i.R. Dr. Norbert Wohlfahrt, 07.04.2026

Cover Kristin Goetze, Jule Westerheide (Hrsg.): Ohnmächtige Arbeitskämpfe in der Sozialen Arbeit? ISBN 978-3-7799-8444-3

Kristin Goetze, Jule Westerheide (Hrsg.): Ohnmächtige Arbeitskämpfe in der Sozialen Arbeit? Beschäftigungsbedingungen, Mobilisierbarkeit und gesellschaftliche Funktion. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2026. 170 Seiten. ISBN 978-3-7799-8444-3. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR.

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Thema und Entstehungshintergrund

Obwohl das Urteil, dass die Arbeits‑ und Entlohnungsbedingungen im Sozialbereich verbesserungsfähig sind, vielfach geteilt wird, ist das Thema im wissenschaftlichen Diskurs eher randständig. Gesellschaftliche Wertschätzung des Berufs Soziale Arbeit und dessen materielle Daseinsbedingungen sind nach wie vor nicht deckungsgleich und vielfach beschränkt sich die Sozialarbeitswissenschaft und Sozialpädagogik darauf, normative Anforderungen an den Beruf zu adressieren, der mit dessen Lebenswirklichkeit nicht unbedingt in Übereinstimmung zu bringen ist. Es ist deshalb ein schon im Ausgangspunkt zu würdigender Tatbestand, dass Kristin Goetze und Jule Elena Westerheide sich des Themas Arbeitskämpfe in der Sozialen Arbeit annehmen und damit auch die arbeitspolitischen Rahmenbedingungen in der Sozialen Arbeit in den Blick nehmen. Dabei treffen sie in ihrer Analyse auf einen Sozialsektor, der in Deutschland vielfältige Besonderheiten aufweist und insbesondere durch die Existenz des kirchlichen Arbeitsrechts und seiner Gültigkeit für einen Großteil der Beschäftigten, tarif‑ und arbeitspolitisch durch widersprüchliche Interessen bestimmt ist, die bislang die Durchsetzung eines flächendeckenden Tarifvertrags für die gesamte Berufsgruppe erschweren.

Herausgeberinnen

Kristin Goetze ist Professorin an der Hochschule Osnabrück mit den Arbeits‑ und Forschungsschwerpunkten Professionalisierung Sozialer Arbeit sowie Flucht und Migration. Sie ist Sozialarbeiterin mit mehrjährger Erfahrung in der Migrationsberatung.

Jule Elena Westerheide lehrt am Institut für Arbeitswissenschaft an der Ruhr-Uni-Bochum. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Lohn‑ und Leistungsgerechtigkeit und Frauenerwerbsarbeit.

Aufbau und Inhalt

Der Band gliedert sich in vier Abschnitte, in denen zunächst die politisch-ökonomischen Grundlagen und arbeitspolitischen Rahmenbedingungen Sozialer Arbeit thematisiert werden, danach Akteure und ihre Strategien im Arbeitskampf in den Blick genommen werden und abschließend Ressourcen und Mobilisierbarkeit von Sozialarbeiter:innen zum Gegenstand gemacht werden. In einem vierten Teil haben Autor:innen Raum, aus gewerkschaftlicher, betrieblicher und studentischer Perspektive Einblicke in die Praxis der Arbeitskämpfe in der Sozialen Arbeit zu geben.

Die Herausgeber Kristin Goetze und Jule Elena Westerheide betonen in ihrer als kritische Bestandsaufnahme verfassten Einleitung, dass es dem vorliegenden Sammelband darum geht, die Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit den Verhältnissen im Berufsfeld Soziale Arbeit zu thematisieren. Sie konstatieren, dass der Grad der gewerkschaftlichen bzw. berufspolitischen Organisation nach wie vor gering ist und „das zunehmende Streikgeschehen“ an den Kernbereichen der Sozialen Arbeit weitestgehend vorbei geht.

Im ersten Abschnitt des Buches befasst sich Jan Bertram zunächst mit politökonomischen Widersprüchen des Arbeitskampfes in der Sozialen Arbeit. Ausgehend von dem Tatbestand, dass sich die Kosten für soziale Dienstleistungen im Kapitalismus als sogenannte faux frais auffassen lassen, schlussfolgert er, dass die Ausgestaltung der Arbeitsplätze sowie die Entlohnung im Sozialberiech das Ergebnis politischer Entscheidungen ist, die natürlich auch Rückwirkungen auf die Arbeitskämpfe haben. Aus seiner Sicht besteht der zentrale Widerspruch im Sozialsektor im Bedürfnis des Staates in diesem vermehrt marktwirtschaftliche Elemente zum Zweck der Kostenbegrenzung durchzusetzen, obwohl dieser Sektor von seinem Ausgangspunkt her explizit der marktwirtschaftlichen Logik entzogen wurde. Für Arbeitskämpfe bedeutet dies, dass durch Streiks nur Verhandlungsdruck ausgeübt werden kann, wenn die Schädigung gesellschaftlicher bzw. staatlicher Interessen in Kauf genommen wird.

Mario Gambus, Berno Schuckert-Witsch und Jule Elena Westerheide befassen sich in ihrem Beitrag mit dem Titel „Kaum Tarifverträge bei kirchlichen Trägern“ mit den Gründen für das Fehlen eines flächendeckenden Tarifvertrags im Berufsfeld Soziale Arbeit. Für sie liegt einer der wesentlichen Gründe in der Zersplitterung der Tariflandschaft, die insbesondere durch das bei vielen Trägern und Einrichtungen geltende kirchliche Arbeitsrecht begründet ist. Dieses leugnet durch den Begriff der Dienstgemeinschaft den Interessengegensatz von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, der in der Sozialwirtschaft immer offenkundiger wird. Die Autor:innen problematisieren den Begriff der Dienstgemeinschaft und verweisen auf das kirchliche Konsensprinzip, das grundsätzlich auf den Ausschluss gewerkschaftlicher Mittel im Arbeitskampf gerichtet ist. Die von den Arbeitgebern behauptete Flächenwirkung der kirchlichen AVR bezeichnen sie als „weder bundesweit noch regional belegbar“ (S. 37). Eine Tarifierung der kirchlichen Arbeitsorganisationen würde aus ihrer Sicht „als Tarifbindung des viertgrößten Tarifsektors Signalwirkung enthalten“ (S. 38).

Im zweiten Abschnitt des Buches geht es um Akteure und Strategien im Arbeitskampf. Hier thematisiert Claudia Mayer zunächst Aushandlungsparadigmen der Arbeitsbeziehungen im sozialen Bereich. Sie analysiert die zwei Paradigmen Kampf oder Konsens und kommt zu dem Fazit, dass diese im Sozialbereich vermischt werden und damit beide Prinzipien an Schlagkraft verlieren. Sie plädiert für Strukturen, die die Ebene der Leistungsträger und der Leistungserbringer:innen stärker in den Blick nehmen.

Moritz Fritsche und Joachim Köhler befassen sich mit Arbeitskämpfen als Kämpfe um Anerkennung der gesellschaftlichen Verantwortung in der Sozialen Arbeit. Sie skizzieren hierzu die Begründung der einschlägigen Forderungen von verdi, Deutscher Beamtenbund (dbb) und der Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL). Sie kommen dabei zu dem Resultat, dass der gewerkschaftliche Versuch der Legitimation ihrer materiellen Interessen durch ideelle Berechtigungstitel von den Arbeitgeber.innen interessenpolitisch gekontert wird. Mit der Begründung ihres Handelns durch (vermeintlich) gültige Ideale „leistet sich die Gewerkschaft einen Bärendienst“ (S. 54). Sie verkennt die sozialpolitischen Interessen im Arbeitskampf (die vielfach fiskalpolitisch begründet sind) und verweist auf einen Wert des Sozialen, der in Wirklichkeit gar nicht existiert, sondern durch Arbeitskampf erst hergestellt werden muss.

Johannes Körner thematisiert am Beispiel der Auseinandersetzung um die Tarifbindung bei freien Trägern in Berlin die gewerkschaftliche Interessenvertretung in der Sozialen Arbeit. Er sieht die durch das Subsidiaritätsprinzip gedachte Rolle der freien Träger durch die Vermarktlichung der Wohlfahrtsverbände als „extrem gefährdet“ und zeichnet empirisch nach, was in den vorangegangenen Kapiteln analysiert wurde: So dürfen Fördersummen nur in einer Höhe gewährt werden, wie sie auch im Haushaltsplan vorgesehen sind. Er bilanziert, dass angesichts der vermeintlich geringen Organisationsmacht der Gewerkschaften im Bereich der freien Träger es wahrscheinlich ist, dass diese von vornherein einkalkulieren, dass sie nicht in der Lage sind, genügend „politischen Druck in der Öffentlichkeit auf den Senat auszuüben, um auf weitere Maßnahmen hinzuwirken“ (S. 64).

Im dritten Abschnitt des Bandes geht es Wolfgang Merz, Lara Rowitz und Lukas Underwood zunächst um das Handlungsfeld der Kinder‑ und Jugendhilfe. Sie verfolgen dabei die These, dass sich das Ausbleiben einer breiteren interessenpolitischen Mobilisierung im Bereich der stationären Kinder‑ und Jugendhilfe mit dem Fehlen von thematischen, normativen und strukturellen Querverbindungen erklären lässt. Auf der Basis von Fallstudien in fünf Einrichtungen fragen sie nach den strukturellen Bedingungen und subjektiven Ansprüchen der Beschäftigten. Im Ergebnis zeigt sich eine Fragmentierung von Arbeitskonflikten, die sich nach Einrichtungen und Beschäftigtengruppen unterscheidet, wobei einzelne Arbeitskonflikte durchaus das Potenzial der „Verallgemeinerungsfähigkeit“ in sich tragen.

Christopher Grobys und Gian-Luca de Carlo berichten über eine Mixed-Methods-Studie zur gewerkschaftlichen Orientierung von Sozialarbeiter:innen. Sie kommen dabei zu dem widersprüchlichen Befund, dass einerseits die positiven Haltungen von Sozialarbeitenden gegenüber den Gewerkschaften überwiegen und andererseits eine geringe Streikbereitschaft besteht. Sie plädieren für eine gewerkschaftliche Praxis, die stärker an den Erfahrungen der Sozialarbeitenden anknüpft, „ohne den Professionsanspruch, etwa in Form eines ausgeprägten Pflichtbewusstseins, zu verletzen“ (S. 90).

Mit Streiks im Sozial‑ und Erziehungsdienst beschäftigen sich Sarah Hinz und Yalcin Kutju. Sie gehen dabei der Frage nach, ob und inwiefern sich die Mobilisierungserfolge der Fachkräfte in Kitas auf Sozialarbeiter:innen im ASD übertragen lassen. Die öffentlichkeitswirksame Mobilisierung in den „Kita-Streiks“ steht im Kontrast zu den Sozialarbeiter:innen im ASD, der in Folge des New Public Management unter hohem Kostendruck, verbunden mit knappen Ressourcen und Bürokratisierung steht. In ihrer Fallstudie verdeutlicht sich ein ambivalentes Verhältnis der Beschäftigten im ASD zur Frage der kollektiven Organisierung. Sie kommen zu der Schlussfolgerung, dass dies wesentlich dadurch begründet ist, dass es im ASD (im Unterschied zum Kita-Bereich) an einer „vergleichbaren öffentlichen Erzählung“ mangelt, „die die schwierigen Arbeitsbedingungen der Beschäftigten mit gesellschaftlich akzeptierten Modernisierungszielen verknüpft“ (S. 102). Der Aufbau von Kooperationsmacht müsste im gesamten SuE-Bereich durch die Gewerkschaften systematischer erfolgen, z.B. in Form von funktionsfähigen Netzwerken, die über einen längeren Zeitraum hinweg wachsen und erfolgreich kooperieren.

Frederic Genn befasst sich mit gewerkschaftlich ungenutzten Machtressourcen am Beispiel der sozial-administrativ beschäftigten Sozialarbeiter:innen in der Tarifrunde öffentlicher Dienst. Er diskutiert dabei zentrale Arten gesellschaftlicher Machtressourcen und ergänzt diese durch die Perspektive der Beschäftigten. Im Rahmen einer Expertenbefragung ergibt die Einschätzung der Reproduktionsmacht von Sozialarbeiter:innen „kein einheitliches Bild“ (S. 112). Genn verweist auf einen Doppelcharakter der Kooperationsmacht, in dem ihre Abhängigkeit zu anderen Berufsgruppen zur Nachrangigkeit führen kann, weil sie selbst nicht ausreichend organisiert sind. Die Befragten (die ein Bewusstsein für die zahlreichen strukturellen Mobilisierungshemmnisse haben) betonen die Notwendigkeit der Aufwertung ihrer Arbeit im öffentlichen Diskurs „als Schlüsselquelle zum Ausbau gewerkschaftlicher Machtressourcen“ (S. 116).

Der abschließende vierte Abschnitt des Bandes soll Einblicke in die Praxis des Arbeitskampfes liefern. Er beginnt mit einem Beitrag von Ulrike Eichinger, Louisa Gonzales, Katharina Szabo, Marie-Madeleine Viney und Johanna Wudowenz zur betrieblichen Selbstorganisation als Beitrag zur Professionalisierung Sozialer Arbeit. Am Beispiel der Fallanalyse einer Betriebsratsgründung, die in ihren verschiedenen Phasen rekonstruiert wird, verdeutlicht sich das Spannungsfeld eines selbstermächtigenden Sich-ins-Verhältnis-Setzen zu den betrieblichen Handlungsmöglichkeiten. Eine starke solidarische Belegschaft wird als wichtiger Faktor beschrieben, im Kontext des Machtressourcenansatzes zu agieren. Eine „emanzipatorisch ausgerichtete“ Institutionalisierung von Betriebsräten, so die Autorinnen, benötigt „ein Bewusstsein, ein Wissen und eine Sprache darüber“, was der sinnvolle, strukturbildende Lösungsansatz ist (S. 129).

Über Arbeitskämpfe in der Sozialen Arbeit, ihre Kontexte, Erfahrungen und (Miss-)Erfolge berichten Laura Einhorn, Christian Nehls und Marc Schraven. Sie möchten Einblicke in die Praxis eines konkreten Arbeitskampfes von Beschäftigten im Bereich der Kinder‑ und Jugendhilfe geben, der zur Etablierung eines Betriebsrats und zur Einführung eines Haustarifvertrags beim Träger (es handelt sich um die Stiftung Leuchtfeuer) führte. Die Stiftung (mit einem vergleichsweise hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrad) lehnte zunächst eine direkte Übernahme des Entgeltteils des TVöD ab, es kam aber zum Abschluss eines Haustarifvertrags, der aber wiederum durch die Stiftung nicht einheitlich angewandt wurde und schlussendlich durch gerichtliche Entscheidung durchgesetzt werden musste. Aus Sicht der Autor:innen zeigt der Arbeitskampf, dass die Mobilisierung im Kampf gegen schlechte Arbeitsbedingungen zugleich durch diese erschwert werden kann (durch Trägerwechsel der Beschäftigten) und dass die Beschäftigten über gestiegene Machtressourcen verfügen, um Druck auf die Arbeitgeberseite auszuüben.

Mit Erfahrungen im Kampf um eine angemessene Vergütung im Praxisstudium beschäftigen sich Lisa Rehfisch und Christian Rettig. Am Beispiel von Nordrhein-Westfalen geben sie zunächst einen Überblick über die Lebenssituation der Studierenden und das aktuelle Vergütungsspektrum im Praxisstudium. Aus der Schilderung ihrer über zwölf Monate gemachten Erfahrungen mit dem Eintreten für eine angemessene Vergütung von studentischen Pflichtpraktika in der Sozialen Arbeit ziehen sie den Schluss, dass (gepaart mit starken Fürsprecher:innen in der Gewerkschaft und solidarischen Beziehungen in der Studierendenschaft) eine tarifpolitische Verankerung ihrer Forderungen möglich ist. Dies ist auch ein Plädoyer für eine zunehmende Verankerung der Studierenden in der Gewerkschaft.

Den Abschluss des Bandes liefert eine gewerkschaftliche Stellungnahme zum kirchlichen Sonderweg von Mario Gembus und Berno Schuckert-Witsch. Hierbei geben sie Einblicke in Arbeits‑ und Tarifkämpfe bei kirchlichen Trägern im Gesundheits‑ und Sozialwesen. Ihre Kritik am sogenannten „Dritten Weg“ richtet sich auf die „Absurdität“ eines eigenen Arbeitsrechts, in dem der Interessengegensatz von Arbeitgebern und Arbeitnehmern in ein gemeinschaftliches Dienen umgedeutet wird. Dabei – so die Autoren – ist durch die Vermarktlichung des sozialen Dienstleistungssektors dieser Interessengegensatz offenkundig geworden. Die Autoren sprechen von einem wachsenden Selbstbewusstsein kirchlicher Arbeitnehmer:innen die sich in einem zunehmenden Gegensatz zur kirchlichen Gesetzgebung geltend macht. Sogenannte kirchengemäße Tarifverträge sind aus Sicht der Autoren aus gewerkschaftlicher Sicht inakzeptabel, da dies die Unterwerfung unter Kirchenrecht bedeuten würde. „Eine kirchenrechtliche Verankerung von Tarifverträgen wäre völlig ausreichend – Tarifverträge im Sinne des Tarifvertragsgesetzes, mit allen damit verbundenen Grundrechten für Beschäftigte und Arbeitgeber“ (S. 164).

Diskussion

Der von Kristin Goetze und Jule Elena Westerheide herausgegebene Sammelband verdeutlicht, dass auch die Arbeitskämpfe in der Sozialen Arbeit von den Widersprüchen bestimmt sind, die den gesamten sozialen Dienstleistungssektor kennzeichnen. Ein sozialstaatlich bestimmter Bereich der Versorgung soll – mal mehr, mal weniger – kapitalistischen Verwertungsinteressen untergeordnet werden und Prinzipien des Wettbewerbs für sich geltend machen. In den Arbeitskämpfen der Sozialen Arbeit spiegelt sich deshalb nicht nur die (durch kirchliches Arbeitsrecht verschärfte) Fragmentierung der Trägerlandschaft, die dadurch bedingte fehlende tarifliche Flächendeckung, sondern auch ein widersprüchliches Bewusstsein von der Tragfähigkeit und den Durchsetzungsfähigkeiten gewerkschaftlicher und beschäftigtenorientierter Gegenmacht. Positive Beispiele, das dokumentiert der Band, symbolisieren gerade durch ihren Ausnahmecharakter, dass der so überaus geschätzte Wert des Sozialen, wenn es an dessen materielle Einlösung geht, alles andere als ein Pfund ist, mit dem man wuchern kann. Deshalb zeigt der Band auch, dass die Auseinandersetzung um bessere Beschäftigungs‑ und Entlohnungsbedingungen auch ein Kampf gegen die Ideologien sein muss, die ideellen Zuschreibungen Vorrang gegenüber den materiellen (und damit realen) Daseinsbedingungen sozialer Berufe geben.

Fazit

Die Neubelebung der Debatte um die Beschäftigungsbedingungen in der Sozialen Arbeit ist überfällig. Eine Gesamtbilanz des Bandes zeigt, dass Arbeitskämpfe in der Sozialen Arbeit nicht von den politisch gesetzten Rahmenbedingungen isoliert betrachtet werden können. Insofern sollte mit dem (wachsenden?) Bewusstsein von der Notwendigkeit beschäftigtenorientierter Interessenvertretung im Sozialsektor auch dessen politische Regulierung in den Blick genommen werden. Für Studierende, Lehrende und Beschäftigte im Sozialbereich stellt der Band eine empfehlenswerte Lektüre dar, da er den Blick auf ein oft vernachlässigtes, aber in seiner Bedeutung gar nicht hoch genug einzuschätzendes Feld der gesellschaftlichen Bedeutung sozialer Berufe lenkt.

Rezension von
Prof. i.R. Dr. Norbert Wohlfahrt
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Es gibt 49 Rezensionen von Norbert Wohlfahrt.

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ISSN 2190-9245