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Gabriele Fischer, Peter Hammerschmidt et al. (Hrsg.): Rassismus und Soziale Arbeit

Rezensiert von Dr. Franziska Baumbach, 20.08.2026

Cover Gabriele Fischer, Peter Hammerschmidt et al. (Hrsg.): Rassismus und Soziale Arbeit ISBN 978-3-7799-9444-2

Gabriele Fischer, Peter Hammerschmidt, Gerd Stecklina (Hrsg.): Rassismus und Soziale Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2026. 177 Seiten. ISBN 978-3-7799-9444-2. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
Reihe: Aktuelle Themen und Grundsatzfragen der Sozialen Arbeit.

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Thema

Der gesellschaftliche Umgang mit Rassismus ist verwoben mit dem Umgang Sozialer Arbeit mit Rassismus – das Buch widmet sich den professionstheoretischen Herausforderungen, die sich daraus ergeben.

Herausgeber:innen

Gabriele Fischer ist Professorin für Gender, Migration und Diversität an der Hochschule München.

Peter Hammerschmidt ist Professor für Grundlagen der Sozialen Arbeit an der Hochschule München.

Gerd Stecklina ist Professor an der Hochschule München mit u.a. den Arbeitsschwerpunkten Geschlechterforschung und Theorie und Geschichte der Sozialen Arbeit.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist der neunte Band der Reihe Aktuelle Themen und Grundsatzfragen der Sozialen Arbeit der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Hochschule München. Die Reihe dokumentiert die Themen und Beiträge des Colloquiums Soziale Arbeit der Hochschule München.

Aufbau

Der Band versammelt sieben Beiträge zum Thema Rassismus und Soziale Arbeit, welche auf die Einführung der Herausgeber:innen folgen.

Inhalt

In der Einleitung stellen die Herausgeber:innen fest, dass auch in der Wissenschaft noch kontrovers ist, was unter Rassismus zu verstehen sei (9), das Buch will der Beantwortung der Frage nachgehen. Soziale Arbeit braucht die Auseinandersetzung mit Rassismus aus vielerlei Gründen: Adressat:innen wie Fachkräfte erleben Rassismus oder handeln rassistisch. Soziale Arbeit muss sich auch die Frage nach der eigenen Rolle in institutionalisiertem Rassismus gefallen lassen und es gilt auszuloten, wie Rassismuskritische Soziale Arbeit gelingen kann. In Deutschland hat die Historisierung von Rassismus (als nationalsozialistische Vergangenheit), die Dethematisierung des Kolonialismus und die Tatsache, dass traditionell Migration und nicht Rassismus problematisiert wird, dazu geführt, dass die Auseinandersetzung mit Rassismus gesellschaftlich wie wissenschaftlich noch in den Kinderschuhen steckt (12). Die Vernachlässigung der historischen Aufarbeitung des Kolonialismus hat vielerlei Konsequenzen, u.a. ein mangelndes Verständnis der rassistischen Episteme (16), die er hinterlassen hat. Rassismus wird als gesellschaftliches Verhältnis definiert, das historisch gewachsen und in allen gesellschaftlichen Bereichen zu finden ist. Für Soziale Arbeit ist es fundamental, über fundiertes Wissen über Rassismus im Allgemeinen und Rassismus in der Sozialen Arbeit im Besonderen zu verfügen.

Juliane Karakayalı will mit ihrem Beitrag eine grundlegende Einführung in das Konzept des institutionellen Rassismus leisten: Wie wird Rassismus (als gesellschaftliches Verhältnis) in Organisationshandeln übersetzt? (43) Die Komplexität des institutionellen Rassismus liegt in der vermeintlichen Neutralität, die von Strukturen ausgeht: Regeln, Routinen, Normen, Werte, Wissen und Erwartungen führen zu Wir-Sie-Konstruktionen zum Nachteil der Ausgeschlossenen. Dies ist im Kontext Schule wiederholt erforscht. Die Schule hat in Deutschland bspw. historisch die Aufgabe, durch die Vermittlung einer einheitlichen deutschen Sprache zur nationalen Einigung beizutragen. Dieser monolinguale Habitus (Gogolin) führt zur Problematisierung von Mehrsprachigkeit und hat bis heute Konsequenzen, da Abweichungen von der Sprachnorm zu Markern für Nicht-Zugehörigkeit werden (48).

Karakayalı blickt auf viele Studien, welche rassistische Ausschlüsse in der Schule nachweisen, der Begriff des institutionellen Rassismus ermöglicht als theoretischer Rahmen die Einordnung empirische Befunde in ein Verständnis von Ausschließungspraxen in und durch Institutionen. (50)

Çağan Varol untersucht in seinem Beitrag die räumliche Dimension von Rassismen im Zusammenspiel mit Politiken zum Regieren der Stadt. (55) In Sozialräumen, die als Brennpunkte stigmatisiert sind, können Stadtentwicklung, Sicherheitsbehörden und Soziale Arbeit Praxen anwenden, die woanders auf Widerstand stoßen würden (65).

Carolin Küppers plädiert in ihrem Beitrag über Kritisches Weißsein im Kontext Sozialer Arbeit für eine kritische Kompliz:innenschaft, welche sich stets bewusst ist, dass Selbstreflexion solidarisches Handeln nicht ersetzen kann (94): Es gilt, an den Institutionen der Sozialen Arbeit so zu arbeiten, dass sie rassismuskritischer werden.

Claus Melter thematisiert ebenso Rassismus in und durch Soziale Arbeit: Ohne kritische Reflexion und aktives Entgegenwirken trägt Soziale Arbeit aktiv zur Stabilisierung von Diskriminierung und strukturellen Verarmungs‑ und Rassismusverhältnissen bei (99). Soziale Arbeit agiert nicht außerhalb rassistischer Strukturen, sie ist selbst Teil davon – „durch institutionelle Routinen, implizite Haltungen von Fachkräften und durch fehlende strukturelle Verankerung antirassistischer Praxis“ (100). Die eigenen Verstrickungen müssen verstanden und Teil des Professionalisierungsprozesses werden. (108)

Astride Velho macht anhand einer Fallskizze konkret, wie berufliches Handeln von Fachkräften zu den rassistischen Verhältnissen beiträgt.

Gabriele Fischer wirft die Frage nach der Rolle Sozialer Arbeit in der Erinnerung bzw. Nicht-Erinnerung von Opfern rechtsextremistischer Gewalt auf: Sie analysiert einen Fall, in dem Soziale Arbeit aktiv zur Dethematisierung eines rassistischen Mordes beigetragen hat. In einem Forschungsprojekt untersuchte sie, wie ein Sozialarbeiter 1992 nach einem rassistisch motivierten Mord, aus dem Umfeld einer rechtsextremen Jugendgruppe heraus, seine akzeptierende Arbeit fortsetzte. Der Sozialarbeiter berichtete selbst, wie er die Jugendlichen nach dem Mord zu einer Distanzierung bewegte; die Jugendgruppe löste sich in der Folge auf und die lokale Gemeinde sah die Arbeit als erfolgreich an. Die Jugendlichen zogen in andere gewaltbereite Szenen weiter, der Ort hatte seinen Ruf wiederhergestellt. Die Erinnerung an das Opfer spielte bei all dem keine Rolle. Die Soziale Arbeit war durch den Fokus auf die Täter:innen und durch die Übernahme der Interessen der Kommune zentral daran beteiligt, dass der Mord aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwand. (144) Ein Bezug zu den gesellschaftlichen Kontexten wurde von Seiten der Sozialen Arbeit nicht hergestellt, das Bewusstsein der Jugendlichen, dass ihre rassistische Haltung von vielen Bürger:innen geteilt wurde, nicht aufgegriffen. Hier sieht Gabriele Fischer Potenzial für Soziale Arbeit: Sie könnte/müsste einen Beitrag zu leisten, sich den marginalisierten Geschichten zuzuwenden und sie sichtbarer zu machen, indem sie sich die Erinnerungsarbeit zur Aufgabe macht.

Das letzte Kapitel des Buches ist ein Gespräch zwischen Juliane Sagebiel und Gerd Stecklina über die Geschichte des Antisemitismus. Sie wird nachgezeichnet, um die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Rassismus und Antisemitismus deutlich zu machen. Da es sich hierbei um ein vieldiskutiertes Thema handelt, ist die theoretische Fundierung umso wichtiger.

Diskussion

Alle Beiträge fordern gut begründet eine Veränderung Sozialer Arbeit über die Reflexion der eigenen Verstricktheit in rassistische Verhältnisse hinaus. Das erste Kapitel steht auf diese Weise für sich als sehr gute Einführung in den Themenkomplex und legt sehr fundiert und differenziert die Grundlage für das Buch. Rassismus wird begriffsgeschichtlich aufgearbeitet, im Kontext von Kolonialismus verortet, wichtige Theoretiker:innen und die Kernpunkte ihrer Theorie werden dargestellt (Truth, Hall, Said, Spivak, Balibar, Rommelspacher). Rassismus und Antisemitismus werden voneinander abgegrenzt definiert, obwohl diese in enger Verbindung stehen: Antisemitismus impliziert immer die Notwendigkeit der Vernichtung der Juden:Jüdinnen, da diese nicht nur entmenschlicht, sondern auch als übermächtig wahrgenommen werden. Rassismus plädiert traditionell für die Unterwerfung und Nutzbarmachung der Rassifizierten. (21) Weißsein wird als Begriff eingeführt und die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit Rassismus aus den Grundüberzeugungen der Profession Soziale Arbeit abgeleitet. Der Beitrag von Gabriele Fischer begründet eindrucksvoll vor dem Hintergrund der Geschichtsphilosophie Walter Benjamins einen konkreten Vorschlag: Wenn Soziale Arbeit sich die Erinnerungsarbeit mit zur Aufgabe macht, kann ein konkreter, gesellschaftlich äußerst relevanter Beitrag geleitet werden, in den Lebenswelten der Adressat:innen rassistische Normalitäten zu durchbrechen. Rassistische Gewalt kann mit all ihren dramatischen Konsequenzen für die Betroffenen durch konsequentes Thematisieren und Erinnern in den Fokus gerückt werden. Nicht als Täterarbeit oder öffentlichkeitswirksames Feigenblatt, sondern um eine gesellschaftliche Verschiebung der Betrauerbarkeit von Leben (Judith Butler) zu erreichen.

Die Beiträge beleuchten das Eingebundensein Sozialer Arbeit in gesellschaftliche Strukturen, die von rassistischen Verhältnissen durchzogen sind, gut begründet aus den relevanten Perspektiven heraus (Institution, Sozialraum, Adressat:innen, Fachkräfte, Profession, Historie). Professionsethisch wird begründet, dass über die Selbstreflexion von Profession und Fachkräften hinausgegangen und rassismuskritisch gehandelt werden muss, um notwendige Veränderungen anzustoßen.

Fazit

Das Buch ist ein gelungener und aktueller Beitrag zur Fachdiskussion um Soziale Arbeit, die in der Migrationsgesellschaft nicht ohne die fundierte Auseinandersetzung mit Rassismus auskommt.

Rezension von
Dr. Franziska Baumbach
Dr. Franziska Baumbach ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin für Soziale Arbeit an der Humanistischen Hochschule Berlin
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Es gibt 17 Rezensionen von Franziska Baumbach.

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ISSN 2190-9245