Arist von Schlippe, Jochen Schweitzer et al.: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I
Rezensiert von Wolfgang Schneider, 08.07.2026
Arist von Schlippe, Jochen Schweitzer, Angelika Eck, Julika Zwack:Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I. Das Grundlagenwissen. Vandenhoeck & Ruprecht Brill Deutschland GmbH (Göttingen) 2026. 4., aktualisierte und ergänzte Auflage. 616 Seiten. ISBN 978-3-525-40062-3. D: 45,00 EUR, A: 47,00 EUR.
Thema
30 Jahre sind seit der Erstauflage dieses Buches vergangen – ein Zeitraum, in dem sich das systemische Arbeiten immer weiterentwickelt hat. Deshalb wurde diese vierte Auflage nicht bloß überarbeitet, sondern auch ergänzt, und erhält somit neben den wichtigsten Grundlagen der systemischen Therapie und Beratung neue Kapitel, die sich zum Beispiel mit Emotionsfokussierung und Sexualtherapie beschäftigen. Grundsätzlich wurden das Buch auf den neusten Stand der Literatur gebracht, auch das Stichwortverzeichnis ist größer als in der Vorauflage.
Autoren
Prof. Dr. phil. Arist von Schlippe, Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut, Familientherapeut und Familienpsychologe, hat den Lehrstuhl Führung und Dynamik von Familienunternehmen am Wittener Institut für Familienunternehmen der Universität Witten/​Herdecke inne. Er ist Lehrtherapeut für systemische Therapie, Coach und Supervisor (SG). Prof. Dr. rer. soc. Jochen Schweitzer (1954–2022), Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut sowie Kinder‑ und Jugendlichentherapeut, leitete von 2005 bis 2022 die Sektion Medizinische Organisationspsychologie am Institut für Medizinische Psychologie des Universitätsklinikums Heidelberg. Ab 1979 war er als Familientherapeut in der Kinder‑ und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Familientherapeutischer Ambulanz tätig. 1995 verschob sich der berufliche Schwerpunkt auf die Team‑ und Organisationsberatung im Gesundheits‑ und Sozialwesen. Verbandspolitisch war Jochen Schweitzer seit 1997 aktiv. In diesen Rollen und als Forscher war er an der wissenschaftlichen und sozialrechtlichen Anerkennung der Systemischen Therapie im Gesundheitswesen wesentlich mitbeteiligt.
Aufbau & Inhalt
Kernstück des Buches ist die Annahme, dass psychische Probleme und Konflikte nicht isoliert in einzelnen Menschen entstehen, sondern im Zusammenhang ihrer Beziehungen, Kommunikationsmuster und Lebenskontexte betrachtet und damit auch bearbeitet werden sollten und müssen. Ziel systemischer Therapie ist es, gemeinsam mit Klient:innen neue Perspektiven, Handlungsmöglichkeiten und Ressourcen zu entwickeln, anstatt ausschließlich Defizite oder Diagnosen in den Mittelpunkt zu stellen.
Unter dem Titel „Die Entwicklung der systemischen Therapie und Beratung“ geht es im ersten Teil um die Entwicklungslinien, so dass deutlich wird, wie sich die systemische Therapie aus der Familientherapie entwickelt hat. Ursprünglich stand nicht das Individuum, sondern die Familie als Ganzes im Mittelpunkt. Symptome wurden als Ausdruck gestörter Beziehungsmuster verstanden und nicht ausschließlich als Merkmal einer einzelnen Person. Zu den wichtigsten Entwicklungslinien, die beschrieben werden, gehören die frühen familientherapeutischen Ansätze wie die strukturelle und strategische Familientherapie, das Mailänder Modell mit seiner Arbeit über Hypothesen, Zirkularität und Neutralität sowie den Übergang zu einer kooperativen Haltung, die lösungsorientierte Kurztherapie, die narrative Therapie aber auch neuere Entwicklungen wie Bindungsforschung, Mentalisierung, emotionsorientierte Verfahren und integrative Ansätze. Besonders deutlich wird, dass sich die Rolle der Therapeut:innen verändert hat: Sie sind nicht die Expert:innen, die Diagnosen stellen und Probleme identifizieren, sondern Gesprächspartner:innen, die Veränderungsprozesse gemeinsam mit den Klient:innen gestalten.
Der zweite Teil des Buches bildet unter dem Titel „Systemtheorie für Praktiker“ das theoretische Herzstück des Buches. So wird unter anderem definiert, was eigentlich unter dem Begriff System subsumiert wird. Es geht dabei um das Verständnis, dass ein System aus Elementen, die miteinander in Beziehung stehen, gebildet wird. Das Verhalten eines einzelnen Mitglieds kann daher nur im Zusammenhang mit den übrigen Beziehungen verstanden werden. Deutlich wird, dass ein solches Verständnis eng mit der Abkehr von einer linearen Denkweise – also der Annahme, dass A automatisch B auslöst – zum zirkulären Denken verknüpft ist. Dass also Verhalten Beziehungen beeinflusst, aber gleichzeitig Beziehungen auch Verhalten beeinflussen. Ebenso wird erläutert, warum Beobachtungen niemals vollständig objektiv sind. Jede Wahrnehmung ist bereits eine Konstruktion der beobachtenden Person. Thematisch stehen im Fokus dieses Kapitels unter anderem die Allgemeine Systemtheorie, Kybernetik erster und zweiter Ordnung, Gregory Batesons Kommunikations‑ und Lerntheorie, die Lumann’sche Theorie über soziale Systeme sowie ein Blick auf den Konstruktivismus an sich als eine Art, auf die soziale Wirklichkeiten ‚gemacht‘ werden.
Mitten ins reale Leben der systemischen Therapie und Beratung geht es im dritten Teil unter der Überschrift „Praxis: Grundlagen“. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf einer wichtigen Grundlage für das systemische Arbeiten, der eigenen Haltung der Fachkräfte. Diese Haltung muss geprägt sein von Ressourcen‑ und Lösungsorientierung, einer absoluten Wertschätzung für das Gegenüber bei gleichzeitiger Neugier auf das, was da kommt. Dabei schwebt über allem das Nicht-Wissen als Ausdruck der Professionalität. Berater:innen und Therapeut:innen sind eben nicht Expert:innen, sondern überlassen diesen Status dem Gegenüber – immer unter der Prämisse, dass Veränderung eben nicht von Außen gemacht wird, sondern durch den gemeinsamen Prozess ermöglicht wird. Um diesen Weg in der Praxis gehen zu können, werden in diesem Teil als weitere Themen die Auftragsklärung im Arbeitsprozess, die Zieldefinition sowie die Kooperation mit den Klient:innen, die Gestaltung der therapeutischen Beziehung und der Umgang mit Problemen im Prozess beleuchtet.
„Praxis: Methoden“ ist der vierte Teil überschrieben. Dabei lernen die Leser:innen zum Beispiel das Systemische Fragen kennen, das dazu dienen soll, beim Gegenüber neue Sichtweisen zu ermöglichen. Dzu gehört zum Beispiel das zirkuläre Fragen („Was würde XY jetzt denken, wenn Sie ihr diese Frage stellen…“). Zu dem umfangreichen Werkzeugkasten an Methoden, der in diesem Teil vorgestellt wird, gehören außerdem zum Beispiel die Genogrammarbeit, bei der es darum geht, familiäre Beziehungen über mehrere Generationen sichtbar zu machen. Dabei werden Muster wie Loyalitäten, Konflikte, Rollen oder wiederkehrende Lebensereignisse erkannt. Vorgestellt wird außerdem die Methode „Familienskulpturen“, mit der die räumliche Darstellung von Beziehungen erfolgen kann. Dadurch können Nähe, Distanz, Machtverhältnisse oder emotionale Dynamiken unmittelbar sichtbar werden. Durch Reframing als weitere Methode erhalten Verhaltensweisen eine neue Bedeutung. Was bisher als Problem erschien, kann beispielsweise als bisher sinnvoller Lösungsversuch verstanden werden. Dargestellt wird auch die Vorgehensweise der Externalisierung, durch die Probleme sprachlich von der Person getrennt werden: Beispielsweise wird aus der Aussage „Sie sind ängstlich“ die Externalisierung „Die Angst beeinflusst Sie“. Dadurch entstehen neue Handlungsmöglichkeiten.
Dass systemisches Denken weit über die Psychotherapie hinaus Anwendung finden kann, zeigt sich im fünften Teil „Praxis: Setting und Kontexte“. Vorgestellt werden unter anderem neben Einzel-, Paar‑ und Familientherapie Möglichkeiten aus dem Bereich der Jugendhilfe, der Schule oder auch der Organisationsberatung und Supervision. Dabei wird jeweils erläutert, welche Besonderheiten das jeweilige Setting besitzt, welche Rollen Fachkräfte einnehmen und wie systemische Methoden angepasst werden. Ein zentrales Thema ist außerdem die Zusammenarbeit mit anderen Professionen.
Im Nachwort als abschließender sechster Teil richten die Autoren einen Blick in die Zukunft, wobei deutlich wird, dass Systemik kein starres Verfahren ist, sondern sich kontinuierlich weiterentwickelt und Erkenntnisse anderer Disziplinen aufnimmt. Arist von Schlippe und Jochen Schweitzer betonen in diesem Kapitel zum Beispiel die Notwendigkeit der zunehmenden Integration verschiedener Therapieschulen, die stärkere Orientierung an wissenschaftlicher Evidenz sowie die Bedeutung des Einbezugs von Emotion, Bindung und Neurobiologie und die Weiterentwicklung systemischer Konzepte für neue gesellschaftliche Herausforderungen.
Diskussion
Ein Klassiker in modernem Gewand und frischer Sprache, geschrieben von zwei Autoren, die seit Jahrzehnten in Wissenschaft und Praxis unterwegs sind beziehungsweise waren. Wer dieses Buch liest, wird nicht nur theoretisch fundiertes Wissen vorfinden, sondern auch praxisnahe Hinweise für die Arbeit in Psychotherapie, Beratung, Sozialer Arbeit, Pädagogik, Coaching und Organisationsentwicklung. Dabei überzeugt das Buch mit einer alltagsnahen Sprache, was es sehr lesefreundlich macht, wozu auch die Cartoons und vielen Fallbeispiele beitragen. Bemerkenswert ist die breite Streuung der Inhalte, so dass das Buch sowohl für Neulinge im Bereich des systemischen Arbeitens viele interessante Einblicke gibt als auch erfahrenen Fachkräfte vielfältige Vertiefungsmöglichkeiten bietet.
Fazit
Ein Standardwerk für all jene, die in Beratung Therapie systemisch Arbeiten wollen.
Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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