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Karl Heinz Brisch (Hrsg.): Bindungstraumatisierungen

Rezensiert von Sebastian Kron, 30.06.2026

Cover Karl Heinz Brisch (Hrsg.): Bindungstraumatisierungen ISBN 978-3-608-98954-0

Karl Heinz Brisch (Hrsg.):Bindungstraumatisierungen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2026. 4. Auflage. 240 Seiten. ISBN 978-3-608-98954-0. D: 40,00 EUR, A: 41,20 EUR.

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Thema

Traumatisierungen sind festverankerte, einschneidende Erlebnisse und Erfahrungen, die sich in das seelische und somatische Erleben manifestieren können. Sie zeigen sich in immer wiederkehrenden Intrusionen (Flashbacks), die zumeist durch Situationen, Gerüche und Sinneswahrnehmungen hervorgerufen werden (Trigger). Betroffene Personen reagieren unterschiedlich, einige entwickeln panikartige Ängste, andere dissoziieren, wieder andere erleben auf panische Ängste folgende Depersonalisations‑ und ‑realisations‑ oder schockartige Gefühlszustände.

Bindungstraumatisierungen gehören dabei zu den schwerwiegendsten Traumatisierungen, die katastrophale, psychische und somatische Folgereaktionen haben können.

Herausgeber:in

Karl Heinz Brisch ist psychologischer Kinder‑ und Jugendlichenpsychotherapeut, Psychotherapeut, Psychiater und Bindungsforscher in der Fachrichtung Psychoanalyse. Er arbeitet mit Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und Gruppen. (vgl. Wikipedia)

Entstehungshintergrund

Eine unruhige politische Lage, Konflikte in aller Welt und Einsamkeitserfahrungen scheinen ein Wiedererleben traumatischer Leidensprozesse voranzubringen. Es sind oftmals die frühsten Bindungserfahrungen, an die sich Menschen mit Bindungsstörungen bewusst und unbewusst „erinnern“. Jene Traumatisierungen können von einer emotionalen Vernachlässigung bis hin zu emotionaler, psychischer, somatischer und sexualisierter Gewalt reichen und beeinflussen das Seelenleben der Betroffenen oft lebenslänglich.

Aufbau

Das vorliegende Buch nähert sich auf psychodynamischer Ebene dem Phänomen der Bindungstraumatisierungen an. Es diskutiert ausgehend von Beschreibungen zu traumatischen Erlebnissen und Erfahrungen das Störungsbild, geht auf Täter-Opfer-Introjektionen ein und schlägt den Bogen zu therapeutischen Herausforderungen und Konzeptionen.

Inhalt

In dem Kapitel Trauma ist nicht gleich Trauma grenzt das vorliegende Buch Bindungstraumatisierungen von anderen Traumatisierungen ab und definiert Grundmerkmale einer Traumatisierung, wie psychische, somatische, vegetative und Selbstschutzmechanismen, die sich in Dissoziations-, Derealisations‑ und ‑personalisationszustände bemerkbar machen. Das Buch geht außerdem auf Erinnerungsmechanismen ein, die zumeist auf ein „Speichern“ extremer Ausnahmesituationen im Hippocampus deuten lassen. Ferner grenzt das Buch Typen eines Traumas ein:

  • Typ-I-Traumata (diskutiert ein plötzlich eintretendes, von außen kommendes und einmaliges Traumata. Dabei aktiviert das Trauma ein enormes Bindungsbedürfnis als Selbstschutz.)
  • Typ II-Traumata (wird als längerfristiges, immer wieder auftretendes, einschneidendes Erlebnis verstanden)

Zu den traumatischen Erlebnissen Typ II zählen auch sogenannte Bindungstraumatisierungen, die auf (sexuelle) Misshandlungen, Vernachlässigungen und überaus stressvolle Bindungsmisstrauenserfahrungen der (frühen) Kindheit zurückzuführen sind. Junge Wesen erleben im Moment des Traumas eine enorme Angst, gepaart mit psychischem und somatischem Stress und werden äußerst vulnerabel gegenüber psychischen Erkrankungen, wie Traumafolgestörungen, die Depressionen, Suchterkrankungen, dissoziative und paranoide Erkrankungen zur Folge haben können. Die therapeutische Arbeit ist von einer besonderen Empathie mit der nötigen Ruhe und einem Zugang zum Kind geprägt, der sich auf eine Ebene der empathischen Feinfühligkeit begibt. Hinzukommend kann der Einsatz von Spielutensilien den Zugang zum Kind immens erleichtern. Neben einer enormen Angst können Aggressionen des Kindes den Therapieverlauf beeinflussen. In der Arbeit mit Täter*innen muss beachtet werden, dass diese zumeist über kein Schuldbewusstsein verfügen, welches daher schrittweise herausgearbeitet werden muss. In der therapeutischen Arbeit kann die Weitergabe von Wissen im Bereich der Bindungstraumatisierungen wesentlich bedeutsam sein.

In einem weiteren Kapitel Verletzung der Grenzen in der Psychotherapie werden fundamentale Kompetenzen eines*einer Therapeut*in herausgearbeitet:

  • Individuelle Kompetenzen (Umgang mit Spaltung, Verdrängung, Verleugnung und Dissoziation)
  • Intersubjektive Kompetenzen (Abstinenz, Empathie, Umgang mit Übertragung, Gegenübertragung, Projektion, Projektiver Identifizierung)
  • Soziale Kompetenzen (Umgang mit Angst, Scham, Wut, Aggressionen, Isolation)

In einem Unterkapitel geht es um den Ethikbegriff in der Psychotherapie generell, ferner werden der Ethikverein und zentrale ethische Leitlinien in der Psychotherapie herausgearbeitet. Auch werden Themen der Abstinenz in einen historischen und aktuellen Kontext gebracht. Darüber hinaus spielen Rahmenbedingungen der Empathie eine Rolle, die eine Voraussetzung einer guten Patient*innen‑ und Therapeut*innenbeziehung sind. Ferner werden überblicksartig Erwartungen der Ratssuchenden, schwerpunktmäßig die Wahl des Therapieverfahrens und die Verletzung der Grenzen im Rahmen des Therapieverlaufs aufgegriffen.

Ein weiteres Kapitel Die Identifikation mit dem Täter und der Umgang mit dem Täter-Introjekt geht nach einem kurzen praktischen Beispiel auf Begrifflichkeiten des destruktiven Narzissmus, darüber hinaus auch auf Überlegungen Rosenfelds, ein. Bei einem destruktiven Narzissmus handelt es sich um eine narzisstische Repräsentanz mit destruktiven, also vernichtenden Anteilen. Rosenfeld sah seine Hauptaufgabe darin, eine gesunde Form der Selbstrepräsentanz zu schaffen, um die betroffene Person aus selbstvernichtenden Zuschreibungen zu befreien. Das Täter-Introjekt bildet also die Funktion, ein Abbild des*der Täter*in innerpsychisch zu generieren. Dieses Abbild wird als retraumatisierend empfunden. Fortfolgend wird dann auf die Kriterien einer dissoziativen Persönlichkeitsstörung Bezug genommen, die als eine internalisierte Schutzmaßnahme wahrgenommen wird, in eine zwiespältige Persönlichkeitsstruktur aus einer oder mehreren anderen Persönlichkeiten zu flüchten.

Das Kapitel Bindung und komplexes Trauma thematisiert zum einen das Adult Attachment Interview als zentrales diagnostisches Instrument, um komplexe, traumatisch bedingte Desorganisationen der Persönlichkeit zu erkennen. Im Weiteren geht es um unverarbeitete Trauer‑ und Verlusterfahrungen, die den Weg zu verfestigten traumatischen Erlebnissen und unsicheren, personenbezogenen Bindungstypen ebnen. Im Folgenden geht das Buch auf Daniel Browns Waisenhausstudie ein und thematisiert die Folgen schwerster Traumatisierungen im Rahmen von Misshandlungserfahrungen. Ferner wird deutlich, dass traumatische Erlebnisse, die in der frühen Kindheit geschahen bis ins hohe Lebensalter Einfluss auf die Psyche der Menschen haben. In den Anfängen wurde dies bereits von Sigmund Freud erkannt und durch Ferenczi weiter ausgearbeitet. Die von Ferenczi entworfene Theorie von der Identifikation mit dem Aggressor entwickelte eine weitreichende Strahlkraft, die durch Theorien der Bindung und Erziehung ausgebaut wurde. Der Autor beschreibt beispielhaft aus seiner Tätigkeit an einer Londoner Klinik und greift erneut zentrale Merkmale der dissoziativen Persönlichkeitsstörung auf. Deutlich werden bei dieser Form der Persönlichkeitsstörung unsichere Bindungsstabilitäten. Viele der Patient*innen fühlen sich in Verlust und Trauer der frühen Kindheit gefangen und können diesem Gefühl nicht entkommen. Hinzukommende, traumatische, furchtverheißende Erlebnisse der Kindesmisshandlung manifestieren sich derart im Erleben des Kindes, dass das Gefühl der inneren Leere und der tiefen Angst als unerträglich wahrgenommen wird. So scheint die dissoziative Persönlichkeitsstörung aus traumatischen, Demütigungs‑ und Verlusterfahrungen der frühen Kindheit zu zehren und in ihrem Wesen dissoziativ/​abschweifend vom aktuellen Erleben erkennbar zu werden. Im Weiteren wird der intergenerationale Kreislauf des Missbrauchs thematisiert und empirisch anhand einer Studie von Anne Murphy, Miriam Steele, Howard Steele, Karen Bonuck und Paul Meissner aufgegriffen, was es bedeutet, diesen Kreislauf zu durchbrechen.

Ein weiteres Kapitel Undifferenziertes Sozialverhalten: Ein Überblick greift soziale Missstände in der Persönlichkeitsstruktur während der Kindheit misshandelter Menschen auf. Thematisiert werden hierbei Studien von René Spitz in Kombination mit Bowlbys Erkenntnisse missglückter Bindungserfahrungen im Rahmen einer hospitalen Persönlichkeitsentwicklung. Hervorgehoben wird in diesem Zusammenhang die institutionelle Betreuung schutzbedürftiger Säuglinge und das daraus möglicher Weise entstehende, enthemmte Sozialverhalten, das aus einer verletzlichen und unzureichend fürsorglichen behandelten Persönlichkeitsstruktur hervorgeht. Im Weiteren wird auf undifferenzierte Abweichungen im Verhalten eingegangen und der Bezug zur Bindung hergestellt. Ferner wird der Versuch unternommen, biologische Faktoren und den Entwicklungsverlauf eines differenzierten Sozialverhaltens aufzugreifen und zu konkretisieren. Hinzukommend werden Interventionen thematisiert.

Das Kapitel Kein Täter werden?. Bindungs‑ und traumasensible Wege aus der Gewaltbereitschaft in der Kinder‑ und Jugendhilfe greift präventive und intervenierende Maßnahmen in der Kinder‑ und Jugendhilfe auf, um junge Menschen vor einer Tatbereitschaft zu wahren. Es greift empirische Befunde auf und analysiert zentrale biografische und gruppendynamische Aspekte in der Lebenswelt junger Menschen.

Im Weiteren spannt das Buch den Bogen in die Pflege, arbeitet zentrale Begriffe in der Pflege heraus und geht darüber hinaus darauf ein, welche Folgen Gewalt in der kindlichen Pflege haben kann und welche Schutzmaßnahmen präventiv einwirken.

Das Kapitel Dyadische Entwicklungspsychotherapie zeigt einen psychotherapeutischen Fokus mit Blick auf Bindungstraumatisierungen. Ein Entwicklungstrauma kann vielschichtig in Erscheinung treten, sämtliche biopsychosoziale Systeme betreffen und schädigen. Genannt werden in dem vorliegenden Buch das Bindungssystem, das biologische System, neuronale Systeme und die Affektregulation. Traumatische Erlebnisse dieser Art haben unter anderem Einfluss auf die Selbstregulation, das Sicherheitsgefühl und die Selbstreflexion. Entsprechend ist es notwendig, dass eine gelungene Psychotherapie bei allen diesen Faktoren ansetzt, das Somatische, das Psychische und das Soziale gleichermaßen wichtig berücksichtigt. Freude, Trost, Hoffnung, Offenheit und engagiertes Mittun sind wesentliche Pfeiler der Dyadischen Entwicklungspsychologie. Weiterhin werden Themen der Intersubjektivität, ein spielerisches Vorgehen sowie der affektiv-reflexive Dialog umrissen. Diskutiert werden außerdem die emotionale Regulation und das reflexive Verhalten im Therapieprozess.

In dem Kapitel Das fragmentierte Selbst werden Entwicklungstraumen als Gewalt‑ oder Vernachlässigungserfahrungen verstanden, bei denen die Einwirkungen von der schutzspendenden Person ausgehen. Das Kind, welches sich eigentlich in der frühen Kindheit von gesellschaftlichen Einflüssen bedroht fühlt, findet nicht die schutzspendende Sicherheit, die es eigentlich bräuchte, im Gegenteil, es wird im Zuge somatischer und psychischer Gewalt zusätzlich von der Bezugsperson bedroht. Als Folgen für das Kind werden fragmentierende Selbstwirksamkeitserfahrungen gesehen, die dem Grunde nach aus der Introjektion, im weiteren Verlauf auch Identifikation mit dem Aggressor, herrühren und das Kind therapielos meist lebenslänglich begleiten und mit Dissoziationserfahrungen sowie schockierende innere Anteile der psychischen Lähmung einhergehen. Fragmentierende Selbsterfahrungen haben auch innerpsychische Leidensprozesse zur Folge, die Handlungen, Gefühle, Selbstwirksamkeitserfahrungen, sprachliche Entwicklungsprozesse und Prozesse der Impulsentwicklung beeinflussen. Therapeutisch schlägt die Autorin des Kapitels eine Form der Intervention vor, bei der die Integration der traumaassoziierenden Selbstanteile vorherrschend ist. Mittels kreativer Methoden wird die Zuwendung zum Hier und Jetzt geschult und der Fokus auf Dort und Damals soll in gewissem Maße verblassen. Als Voraussetzung für die Durchführung der Methode diskutiert die Autorin ein intaktes Bindungssystem der Gegenwart, das genaue Betrachten von Übertragungs‑ und Gegenübertragungsprozessen mit einem Fokus der stabilisierenden, therapeutischen Rehabilitation, die Beobachtung von Abwehrprozessen, die sinnstiftenden Eigenschaften und die Besprechung dieser sowie die Haltung einer achtsamkeitsbasierenden Assoziation im Hier und Jetzt. Dies geschieht über die Stärkung sensibilisierender Ressourcen und innerpsychischer Möglichkeiten. Als Bedingung werden eine gute Netzwerkarbeit und Kooperation mit helfenden Einrichtungen verstanden, die Möglichkeiten offenhalten den innerpsychischen und mentalen Schutz des Kindes zu wahren und auszuloten.

Ein weiteres Kapitel diskutiert zwischenelterliche Gewalt zwischen Bezugspersonen im Beisein oder unter Beobachtung des Kindes. Dabei werden psychische und physische Gewalteinwirkungen zwischen Bezugspersonen verstanden, die bei dem betroffenen Kind psychosoziale Probleme hervorrufen können. Zumeist ist die Gefahr eine Posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln recht hoch, auch emotionale Belastungen, schulische und soziale Probleme sind keine Seltenheit. Im weiteren Verlauf des Kapitels werden Verhaltensstörungen beim Kind als Folge gesehen und auch Interventionen zugunsten der Kinder diskutiert. Als Methoden stellen die Autor*innen unter anderem die fokussierende Therapie auf die zwischenelterliche Gewalt und eine allgemeine Intervention vor.

In einem weiteren Kapitel werden rituelle Gewalteinwirkungen diskutiert, die aus einer Ideologie folgend auf das Kind einwirken. Hier wird beispielhaft auf Bezugspersonen einer satanistischen Ansicht der Weltordnung eingegangen. Dabei werden Kinder unter rituellen Gewalteinwirkungen erzogen. Das Buch thematisiert darüber hinaus Maßnahmen dem entgegenzutreten und diskutiert mögliche Aussteigerprogramme.

Abschließend wird noch das MOSES-Therapiemodell durch den Herausgeber selbst beschrieben. Dieses Konzept ist bindungsfokussierend und findet vordergründig in der stationären Begleitung Anwendung. Hierbei spielen eine körperfokussierende Behandlung, milieu‑ und einzelgesprächstherapeutische Maßnahmen eine Rolle. Ebenfalls werden kognitive und empathiebasierende Interventionen angewandt. Die Eltern werden in die pädagogische und psychotherapeutische Arbeit, welche durch Sozialarbeit, Team‑ und Supervisionen begleitet wird, eingebunden.

Diskussion

Schwerwiegende Traumatisierungen in der frühen Kindheit haben zumeist unbehandelt Einfluss auf die gesamte psychosoziale Entwicklung. Ebenso ziehen sie somatische Folgen mit sich, die sich in Schmerzen, gleichzeitig aber auch in einer verminderten Reifeentwicklung widerspiegeln. Soziale Arbeit setzt dort an, wo therapeutische Beratungen allein nicht helfen. Sie baut ein breites, kompetenzbasiertes Netzwerk auf und hat Einfluss auf Adoptiv‑ und Pflegefamilien schwersttraumatisierter Kinder. Sie fängt auf, ist Wegbegleiterin in schwierigen Lebenslagen und schlägt interdisziplinäre Brücken zu anderen helfenden Berufsgruppen.

Fazit

Einen in sich fokussierenden Blick auf schwerste Traumatisierungen der frühen Kindheit mit schwerpunktartigen und interdisziplinären Ansätzen zeigt das vorliegende Fachbuch auf. Es erweist sich zielführend für den therapeutischen Umgang mit Traumatisierungen, diskutiert zeitgleich aber auch spezifische Folgen von Traumen der frühen Kindheit.

Rezension von
Sebastian Kron
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ISSN 2190-9245