Thomas Arnold, Thomas Fuchs: Das unersättliche Selbst
Rezensiert von Dr. Antje Flade, 09.04.2026
Thomas Arnold, Thomas Fuchs: Das unersättliche Selbst. Phänomenologie des Narzissmus | Psychologie des Narzissmus als Symptom unserer Zeit. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2026. 200 Seiten. ISBN 978-3-518-58847-5. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR, CH: 38,50 sFr.
Thema
Das Phänomen des Narzissmus wird aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Die Grundannahme ist, dass Narzissten unter einer inneren Leere und einem Selbstwertmangel leiden, was sie zu kompensieren versuchen.
Autoren
Thomas Arnold ist Akademischer Rat am Philosophischen Seminar und Thomas Fuchs Professor für philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Heidelberg.
Inhalt
Nach einer ausführlichen Einleitung folgen acht Kapitel, in denen das Phänomen des Narzissmus inhaltlich durchleuchtet wird. Darauffolgend werden in einem kurzen Kapitel therapeutische Ansätze vorgestellt. Das zehnte Kapitel besteht aus einer in zwölf Punkte gegliederten Zusammenfassung.
In der Einleitung begründen die Autoren, warum sie zu den vielen Publikationen zum Thema Narzissmus noch eine weitere Veröffentlichung hinzufügen. Ihre Intention ist, die Erkenntnisse zu diesem weitverbreiteten und viel diskutierten Phänomen zu einer phänomenologisch-existenzialen Theorie zusammenzufügen. Die Grundannahme ist, dass Narzissmus auf einer inneren Leere und einem defizitären Selbstwert beruht.
Im ersten Kapitel geht es um das Spiegelmotiv. Angeknüpft wird an die Ovid’schen Metamorphosen, in denen das Schicksal des Narzisses erzählt wird, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt, was tragisch endet. Mit weiteren Beispielen aus der Literatur und Kunst, der Fantasy Literatur, aus Filmen und Fernsehserien führen die Autoren vor Augen, wie allgegenwärtig und zentral das Thema Narzissmus in unserer Kultur ist.
Im zweiten Kapitel wird der Narzissmus als Reaktion auf eine existentielle Leere beschrieben. Diese Bedürftigkeit ist der Motor narzisstischen Handelns. Warum das Selbst unersättlich ist, wird damit erklärt, dass sich die innere Leere nicht, wie der Narzisst hofft, durch Surrogate füllen lässt. Erläuternd wird dazu das Gedicht „Reisen“ von Gottfried Benn zitiert. Das Gefühl der Leere muss ständig bekämpft werden. Auch Extremsportler sind Narzissten, indem sie sich Gefahren aussetzen, um mit dem dadurch erzeugten Thrill ihre innere Leere zu füllen. Ein weiterer Mechanismus, die innere Leere zu beseitigen, sei das Projizieren auf äußere Defizite: Die Situation ist reizarm, die anderen sind uninteressant usw. Das dualistische Konzept: das leere Selbst auf der einen Seite und die Welt auf der anderen Seite, wird von den Autoren zu einem triadischen Modell mit den Komponenten: das leere Selbst, die reale Welt und das Ich-Ideal, erweitert. Das Problem des Narzissten sei, dass sein Ideal, an dem er sich misst, unerreichbar ist. Humor sei ein Mittel, um mit der Diskrepanz zwischen idealem und realem Selbst umzugehen, denn er ermöglicht es, zu sich selbst und zu den eigenen Ansprüchen eine Distanz zu schaffen. Narzissten haben keinen Humor, so die Autoren.
Im kurzen dritten Kapitel wird der gesunde Narzissmus in den Blickpunkt gerückt, den es nach Ansicht der Autoren nicht gibt. Oft sind damit Verhaltensweisen gemeint, die der Befriedigung der Bedürfnisse nach Zuneigung und Anerkennung dienen. Die Verfolgung eigener Interessen mag egoistisch sein, sei aber nicht narzisstisch.
Die leibliche Dimension des Selbstwerts wird im vierten Kapitel behandelt. Der Leib sei sowohl der Ort möglicher Kompensation als auch die Ursache von Kränkungen. Der Versuch, den Körper zu optimieren, sei eine narzisstische Reaktion. Die narzisstische Hypochondrie sei eine Reaktion auf die leibliche Vulnerabilität. Das Altern sei für den Narzissten ein Schreckgespenst. Als Beispiele für Versuche, das Altern zu verdrängen, verweisen die Autoren auf Oscar Wildes „Dorian Gray“ und Thomas Manns „Aschenbach“. Altern und Sterblichkeit setzen der erstrebten Grandiosität eine Grenze.
Thema des fünften Kapitels ist die narzisstische Zeitlichkeit. Die Situation des Wartens sei für Narzissten unerträglich, weil dann die innere Leere zutage treten könnte. Auch die Langeweile könnte für Narzissten gefährlich werden, weil die äußere Leere die innere bloßlegen würde. Ein ständiges Suchen nach Stimulation und Thrill sei die Folge. Das Berichten über grandiose Taten sei eine Flucht vor der inneren Leere und der Angst zu scheitern. Narzissten lügen, um als grandios und als bedeutend zu erscheinen und die anderen zu beeindrucken. Sogar ein Suizid könne narzisstisch motiviert sein.
Im sechsten Kapitel geht es um die Beziehungen des Narzissten zu anderen Menschen. Er sei auf die anderen angewiesen, weil er sie als Mittel braucht, um sich in ihnen zu spiegeln. Eine echte wechselseitige Beziehung bedrohe die Autonomie des Narzissten. Wie reagiert wird, sei je nach Narzissmus-Variante unterschiedlich. Der grandiose Narzisst verachte die anderen, wenn sie sich nicht als Spiegel eignen. Der maligne Narzisst werte die anderen ab, um sich selbst aufzuwerten. Der vulnerable Narzisst neige zur Gewalttätigkeit, wenn er gekränkt wird. Am Ende des Kapitels wird auf die Ätiologie des Narzissmus eingegangen. Als psychologische Ursachen werden zum einen die Vergötterung des Kindes durch die Eltern, zum anderen die emotionale Kälte dem Kind gegenüber angeführt. Eltern, die ihr Kind vergöttern, fördern demnach dessen narzisstische Entwicklung. Das Kind erlebe, dass es an Wert gewinnt, wenn es die Idealvorstellungen der Eltern erfüllt. Als Beispiele, wie sich emotionale Kälte auswirkt, führen die Autoren Kaiser Wilhelm II. und Donald Trump an.
Im siebten Kapitel wird der Frage nachgegangen, inwieweit sich männliche und weibliche Personen im Hinblick auf das Merkmal Narzissmus unterscheiden. Festgestellt wird, dass zwischen den geschlechtstypischen Rollenzuschreibungen und den Ausprägungen von Narzissmus Zusammenhänge bestehen. Grandioser Narzissmus finde sich eher bei Männern. Eine offene narzisstische Störung sei die Anorexie, die vor allem bei Mädchen und Frauen auftritt, die im Spiegel ihr narzisstisches Idealbild suchen.
Der Einfluss der Kultur auf eine in den Narzissmus mündende Entwicklung wird im achten Kapitel analysiert. Die Autoren sehen im Narzissmus „eine Grundfigur des Selbst‑ und Weltverhältnisses, die die gegenwärtige Kultur in besonderem Maße charakterisiert“ (S. 151). Das Verlangen nach Gewinn und Konsumgütern sei die Kompensation eines inneren Mangels. In einer individualisierten Gesellschaft sei das Streben nach Einzigartigkeit etwas Normales, was jedoch zu Erschöpfung und Depressionen führen kann. Die Digitalisierung fördere den Narzissmus, denn die Visibilität nehme zu. Bilder lassen sich verschönern oder auch fälschen. Narzisstische Motive tragen zur Polarisierung bei: Man gehört zu den Wissenden, die den anderen, den Dummen, überlegen sind. Kränkung führe zu Empörung und Wut. Man schütze sich dagegen durch den Rückzug in Echokammern. Auch eine narzisstisch gefärbte Spiritualität gäbe es: Es ist der selbstgerechte Mensch, der sich für empathisch und demütig hält, ohne es zu sein. Hingewiesen wird hier auf den „Mutter Teresa Narzissmus“.
Das neunte Kapitel ist der Frage der therapeutischen Möglichkeiten gewidmet. Dass diese begrenzt sind, sei keine Frage, denn Narzissten begeben sich selten in Therapie. Eine innere Leere lasse sich nicht so leicht beseitigen und ein Verzicht auf Surrogate, die das leisten sollen, fällt schwer. Die zwei Wege zur Therapie sind der Umweg und der Absturz. Im ersten Fall geht es um das schrittweise Erlernen von Empathie, im anderen Fall wird eine narzisstische Krise zum Therapieanlass. Unabdingbar ist das Erleben von Wärme und Güte in der therapeutischen Beziehung. Diese ist eine Art „emotionaler Brutkasten“, der es erlaubt, die fehlende Selbst-Wärme auszubilden.
Das zehnte Kapitel ist ein Rückblick auf die vorangegangenen Ausführungen in Form von zwölf Punkten. Ganz am Schluss heißt es dann, dass der Narzissmus ein universelles Phänomen ist, ohne dass gleich von einer Persönlichkeitsstörung gesprochen werden muss.
Diskussion
Der Begriff Narzissmus wird mittlerweile so oft verwendet, dass man sich fragt, wie es dazu gekommen ist. Zum einen liegt es daran, dass viele, auch ganz unterschiedliche Verhaltensweisen als narzisstisch bezeichnet werden, zum anderen ist es die Entwicklung in Richtung einer individualisierten und digitalisierten Gesellschaft. Um in dieser Gesellschaft etwas zu gelten, muss man sich als einzigartiges Individuum hervorheben. Die Autoren bezeichnen in ihrem achten Kapitel „Kultur und Gesellschaft“ den „Narzissmus als Grundfigur der Gegenwart“, dennoch sehen sie im Narzissmus in erster Linie eine therapiebedürftige Persönlichkeitsstörung, d.h. ein individuelles Merkmal. Den Narzissten kennzeichnet eine innere Leere, die er durch Konsum und Abwertung anderer sowie sonstiger Mechanismen zu kompensieren trachtet. Doch was ist überhaupt die innere Leere? Ist es fehlendes Erfahrungs‑ und theoretisches Wissen, ein leeres Langzeitgedächtnis, eine fehlende Vergangenheitsperspektive, weil man alles vergessen hat oder das Gewesene als irrelevant abtut, oder einfach nur ein eklatanter Mangel an Empathie? Lässt sich auch Einsamkeit, das Gefühl von Verlassenheit und allein in der Welt zu sein, darunter subsumieren? Die existentielle Leere bleibt ein vages Konzept. Zugleich wird es überfrachtet. Ungeduld, weil man warten muss, wird zur narzisstischen Ungeduld, weil sie die innere Leere offen legt. Dass es auch andere Ursachen gibt, die das Warten zur Qual machen, weil die Bahn Verspätung gehabt und man deshalb den Anschluss verpasst hat, wird nicht in Betracht gezogen.
Wenn die Ursache des Narzissmus eine innere Leere ist, und äußere Bestätigung diesen Mangel, den man sich nicht eingestehen will, beseitigen soll, dann fragt sich doch, wie es dazu gekommen ist. Auf die Ätiologie: das Erziehungsverhalten der Eltern, wird jedoch nur kurz eingegangen, auf den Einfluss der Peer Group überhaupt nicht. Der Ätiologie hätte insgesamt mehr Raum gegeben werden müssen, weil sich hier schließlich die Ansatzpunkte für eine Prävention finden.
Was die Unersättlichkeit des Selbst betrifft, drängt sich die Unterscheidung zwischen existentiellen und Wachstumsbedürfnissen auf. Existentielle Bedürfnisse nach Nahrung, Schlaf, Schmerzfreiheit und Sicherheit hören auf zu existieren, sobald sie befriedigt sind. Wachstumsbedürfnisse z.B. nach Anerkennung und Macht sind im Prinzip nicht erfüllbar. Wer Macht hat, will noch mehr Macht. Unersättlichkeit könnte so auch statt auf eine innere Leere auf ein Wachstumsbedürfnis zurückgeführt werden können. Es ist schon etwas da, aber man will noch mehr: Der Narzissmus könnte also nicht nur auf einer existentiellen Leere beruhen, die durch Surrogate nicht zu beseitigen ist, sondern auch daher rühren, dass das Vorhandene als nicht ausreichend erlebt wird. Die Suche nach Anregungen und Stimulation ließe sich darauf zurückführen, dass die Lebenswelt ringsum als so reizarm und trostlos wahrgenommen wird, dass man nach Anregungen lechzt. So lässt sich auch die Annahme infrage stellen, dass Extremsportler so handeln wie sie es tun, weil sie so ihre innere Leere zu füllen versuchen. Der Körper reagiert bei gefährlichen Aktionen mit der Ausschüttung von Neurotransmittern, was Glücksgefühle hervorruft. Dieses Gefühl, das man kaum als Surrogat bezeichnen würde, möchte der Extremsportler nicht missen.
Dass die therapeutischen Möglichkeiten begrenzt sind, um Menschen dazu zu verhelfen, ihren Narzissmus zu überwinden, hat auch damit zu tun, dass die heutige Gesellschaft narzisstische Einstellungen fördert. Das sehen auch die Autoren so, wenn sie den Narzissmus als eine Grundfigur des Selbst‑ und Weltverhältnisses bezeichnen, die die gegenwärtige Kultur in besonderem Maße charakterisiert. Narzissmus ist in diesem Sinne das Ergebnis einer Mensch-Gesellschaft-Beziehung und kein von gesellschaftlichen Einflüssen losgelöstes individuelles Merkmal.
Am Schluss heißt es, dass der Narzissmus ein universelles Phänomen ist, dass kein Mensch über einen vollkommen stabilen Selbstwert verfügt und dass alle Menschen früher oder später zu Surrogaten greifen, ohne dass dies gleich eine Persönlichkeitsstörung sein muss.
Fazit
Narzissmus ist ein aktuelles Thema, dem die Aufmerksamkeit sicher ist, denn es betrifft den Zustand unserer Gesellschaft. Das Buch bietet eine ausführliche, mit anschaulichen Beispielen versehene Beschreibung des Narzissmus als einem individuellen Merkmal und darüber hinaus eine Analyse der heutigen westlichen Gesellschaft, den Nährboden, auf dem der Narzissmus gedeiht. Es ist nicht nur Narzissten, sondern allen an gesellschaftlichen Fragen interessierten Menschen zu empfehlen.
Rezension von
Dr. Antje Flade
Psychologin, Sachbuchautorin
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