Andreas Kewes: Freiwilliges Engagement in der Gesellschaft
Rezensiert von Prof. Dr. Jan Tietmeyer, 08.04.2026
Andreas Kewes: Freiwilliges Engagement in der Gesellschaft. Soziologische Zugänge für Forschung und Praxis. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2026. 134 Seiten. ISBN 978-3-17-038777-5. 27,00 EUR.
Thema
Das Buch widmet sich den internationalen wissenschaftlichen Erkenntnissen der Engagementforschung. Sie sollen für die Forschung und die Praxis in Deutschland zugänglich und nutzbar gemacht werden Konkret werden mehrere Ziele verfolgt, nämlich zunächst die Darstellung internationaler Forschungsergebnisse, um sie nach Deutschland in die hiesige Forschung zu importieren. Außerdem möchte der Autor explizit Praktiker:innen aus der Engagementförderung erreichen, damit sie die internationalen Erkenntnisse aufnehmen können. Als drittes Ziel soll mit der Lektüre des Buches die Fantasie der Lesenden angeregt werden, um im freiwilligen Engagement weitere Entwicklungen erreichen zu können.
Autor
Das Buch ist von Dr. Andreas Kewes erarbeitet worden. Als promovierter Soziologe und Politikwissenschaftler ist er an der Deutschen Sporthochschule in Köln tätig. Zuvor war er sehr aktiv in der Engagementforschung, u.a. als Leiter der Geschäftsstelle der Sachverständigenkommission für den Vierten Engagementbericht der Bundesregierung.
Aufbau
Der Aufbau des Buches ist innerhalb der Kapitel einheitlich. Es gibt zwei rahmende Kapitel, nämlich die Einleitung zu Beginn des Buches und ein (vorläufiges) Fazit zum Schluss. Dazwischen werden in 12 Kapiteln jeweils internationale wissenschaftliche Erkenntnisse zum freiwilligen Engagement dargestellt. Die Titel der Kapitel geben einen recht guten Eindruck davon, was in dem jeweiligen Kapitel behandelt wird. Konkret handelt sich hierbei um:
- Who ist a volunteer? – Welche Alltagstheorien gibt es über das Engagement?
- Volunteers Function Index – Wie und wieso sollten wir zu Motiven forschen?
- Volunteer Process Model – Wie hängen die unterschiedlichen Stadien des Engagements zusammen?
- Volunteer Stages and Transition Model – Wie läuft ein Engagement ab?
- „Hier engagiere ich mich anders“ – Wie hängen Engagement und soziale Identität zusammen?
- Volunteerability, Recruitability, Engageability – Was sind die Stellschrauben der Engagementförderung?
- Der soziale Mechanismus der Sortierung – Woher kommt die soziale Ähnlichkeit der Freiwilligen?
- Entpolitisierung, Spannungen und Plug-in-Volunteers – Wie lässt sich kritisch zu freiwilligem Engagement forschen?
- „Ich breche ab, also bin ich“ – Wie zeigt sich ein Strukturwandel des Engagements?
- Freiwilliges Engagement als unbezahlte Arbeit – Wie hängen Engagement und Arbeit zusammen?
- Engagement in sozialen Feldern – Wer beteiligt sich eigentlich wo im Engagement?
In den Kapiteln findet sich jeweils zu Beginn ein Kästchen mit dem Namen „Fragen zur Lektüre“. Dort sind jeweils Fragen aufgelistet, die im Rahmen des Kapitels behandelt werden. Dadurch entsteht für die/den Leser:in ein schneller Eindruck davon, ob sich die Lektüre des entsprechenden Kapitels lohnen wird. In einem sich direkt anschließenden Kästchen werden jeweils die dem Kapitel zugrunde liegenden wissenschaftlichen Publikationen als „Die Ankertexte“ benannt. Alle Beiträge zur internationalen Forschung sind dann in zwei Kapitel eingeteilt, nämlich einer Diskussion und einer kritischen Würdigung.
Inhalt
Zur Verdeutlichung des Vorgehens und der Tiefe der Inhalte der jeweiligen Kapitel des Buchs sollen hier zwei Inhaltskapitel und das (vorläufige) Fazit kurz skizziert werden.
Zunächst fokussiert die inhaltliche Darstellung nun das achte Kapitel des Buchs, dass sich mit den Stellschrauben der Engagementförderung befasst. Die hier aufgeführten „Fragen zur Lektüre“ sind „Wie ist es mit der Fähigkeit von Non-Profit-Organisationen (NPOs) oder (sozial-)politischen Akteuren bestellt, freiwillige Tätigkeit zu organisieren?“ und „Was müssen zivilgesellschaftliche Organisationen, aber auch Politik, Wirtschaftsunternehmen und Bildungseinrichtungen machen, um Freiwillige gewinnen und halten zu können?“. Grundlegend sind vier Ankertexte, die im Verlauf des Kapitels dargestellt werden. Die Ausführungen orientieren sich dann an volunteeribility (Freiwilligkeitsfähigkeit von Personen, Organisationen und Gesellschaften), recruitability (Fähigkeit der Organisationen zur Gewinnung von Freiwilligen) und engageability (Bindungsfähigkeit von sozialen Organisationen). Im weiteren Verlauf werden diese Bereiche dann mit verschiedenen Perspektiven zusammengebracht, bspw. einer analytischen Perspektive oder einer Perspektive auf Barrieren und deren Überwindung. Daraus entsteht eine übersichtliche Tabelle. In der abschließenden kritischen Würdigung ordnet der Autor die erarbeiteten Inhalte entsprechend ein und widmet sich dabei mehreren Themen bspw. der manche:r Leser:in evtl. fehlenden Normativität der Darstellungen. Denn Handlungsempfehlungen werden in der Folge nicht weiter ausgearbeitet.
Kapitel 10 befasst sich mit der Frage: Entpolitisierung, Spannungen und Plug-In-Volunteers – Wie lässt sich kritisch zu freiwilligem Engagement forschen? Die aufgeführten „Fragen zur Lektüre“ sind „Wie hängen Engagement und Politik zusammen?“, „Ist Engagement politisch“ und „Wer profitiert eigentlich vom Engagement?“. Bei den im weiteren Verlauf dargestellten Ankertexten handelt es sich in diesem Kapitel um zwei Texte, die beide von derselben Autorin, Nina Eliasoph, verfasst worden sind. Die Diskussion der Ausarbeitungen fokussier die Frage in wie weit Engagement auch kritisch gesehen werden kann/sollte, bspw. wenn Engagierte auf vermeintlich Hilfebedürftige treffen oder wenn Projekte Wertschätzung für etwas vorgeben, das sie gleichzeitig mit ihrem Handeln zu verändern versuchen. In der kritischen Würdigung wird diese Widersprüchlichkeit weiter konkretisiert, indem bspw. herausgearbeitet wird, dass Engagierte nicht unbedingt „die Guten“ sein müssen sondern teilweise auch als selbstbezogene Mittelschichtsangehörige auf der Suche nach Kontakten/​Anschluss zu sehen sind. Trotzdem wird die Vorgehensweise in den Ankertexten abschließend kritisiert, denn ihre methodische Vorgehensweise wird als zu anekdotisch charakterisiert.
Das Fazit des Buches (Normativität und die Dilemmata der Engagementforschung – ein vorläufiges Fazit) fokussiert die Normativität des Themas der Engagementforschung. Die soziale Erwünschtheit von freiwilligem Engagement wird als Besonderheit in deutschen Forschungskontexten herausgearbeitet und problematisiert.
Diskussion
Die Stärke von Andreas Kewes‘ Buch liegt zweifellos in der verdichteten und zugänglichen Aufbereitung internationaler Forschungsergebnisse zur Engagementforschung für ein deutschsprachiges Publikum. Der Mehrwert für die deutsche Engagementlandschaft ist deutlich, da die präsentierten Erkenntnisse wichtige Impulse für die weitere Auseinandersetzung mit dem Thema liefern. Allerdings offenbart die Lektüre auch eher fehlende Stellen, insbesondere hinsichtlich der fehlenden Integration der Einzelbeiträge in eine kohärente Theoriebildung und des weitgehenden Verzichts auf die Entwicklung konkreter Handlungsempfehlungen.
Die einzelnen Kapitel präsentieren eine Vielzahl an Befunden, die jedoch wenig miteinander verknüpft sind. Es entsteht der Eindruck einer Sammlung von Forschungsergebnissen, anstatt einer systematischen Analyse, die über die bloße Deskription hinausgeht. Dies erschwert es, ein umfassendes und integriertes Verständnis des freiwilligen Engagements zu entwickeln. Zugleich ist die fehlende theoretische Verbindung der Kapitel insofern problematisch, als dass sie es der Leserschaft erschwert, die präsentierten Erkenntnisse in einen größeren Kontext einzuordnen und eigene Schlussfolgerungen abzuleiten.
Ebenfalls kritisch ist der Verzicht auf konkrete Handlungsempfehlungen, insbesondere angesichts der explizit angesprochenen Zielgruppe der Praktiker:innen aus der Engagementförderung. Während der Autor die Fähigkeit der Leser:innen betont, die Erkenntnisse selbstständig weiterzuentwickeln und an den jeweiligen Kontext anzupassen, ist es fraglich, ob dies für alle Zielgruppen gleichermaßen möglich ist. Für Praktiker:innen ohne fundierten Forschungshintergrund stellt das Buch somit möglicherweise eine Herausforderung dar, da es keine konkreten Anleitungen oder Checklisten für die Umsetzung der Forschungsergebnisse bietet.
Dennoch ist es wichtig anzumerken, dass der Verzicht auf normative Aussagen und Handlungsempfehlungen auch eine bewusste Entscheidung des Autors ist. Eine umfassende Theoriebildung und die Ableitung konkreter Maßnahmen erfordern weitere Forschung und sind mit Unsicherheiten verbunden. Der Autor hat sich bewusst dafür entschieden, sich auf die Darstellung der Forschungsergebnisse zu beschränken und eine vorschnelle Verfestigung von Handlungsempfehlungen zu vermeiden.
Insgesamt stellt das Buch somit ein wertvolles Werk dar. Es regt zum Nachdenken an und liefert wichtige Impulse für die Engagementforschung und ‑praxis in Deutschland. Wer jedoch nach konkreten Antworten oder einer umfassenden Theorie sucht, wird enttäuscht sein. Das Buch erfordert eine aktive Auseinandersetzung mit den präsentierten Inhalten und die Bereitschaft, eigene Schlussfolgerungen zu ziehen.
Fazit
„Freiwilliges Engagement in der Gesellschaft“ ist eine wertvolle Ressource für alle, die sich mit den vielfältigen Facetten des Engagements auseinandersetzen möchten. Durch die präzise Darstellung internationaler Studien bietet das Buch einen aktuellen und fundierten Überblick, der zum Weiterdenken anregt und die Basis für innovative Ansätze in der Engagementförderung legen kann. Wer konkrete Empfehlungen erwartet, muss diese erst auf der Grundlage der Inhalte des Buchs weiterentwickeln.
Rezension von
Prof. Dr. Jan Tietmeyer
Professor für Innovationen in der Sozialen Arbeit Hochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen
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ORCID: https://orcid.org/0009-0002-1238-4390
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