Walter Gehres: Die Pflegefamilie als "Familie eigener Art"
Rezensiert von Wolfgang Schneider, 03.07.2026
Walter Gehres:Die Pflegefamilie als "Familie eigener Art". Biografische Chancen und Risiken für Pflegeeltern und ihre Kinder. Ergon Verlag (Baden-Baden) 2025. 159 Seiten. ISBN 978-3-98740-211-1. D: 34,00 EUR, A: 35,00 EUR.
Reihe: Erziehung, Schule, Gesellschaft - Band 92.
Thema
Wer beruflich mit Pflegeeltern zu tun hat, der weiß, dass diese eine unverzichtbare, meist hervorragende Arbeit in der Jugendhilfe leisten, aber auch Herausforderungen mit sich bringen. Der vorliegende Band, der aus einer ergänzten Sammlung früherer Fachaufsätze des Autors besteht, untersucht Wege des Umgangs mit Konkurrenzen gegenüber Herkunftseltern, das Aushalten von Paradoxien und den Experimentalcharakter pflegefamilialer Beziehungen. Die präsentierten Forschungsergebnisse basieren auf Grundlagenforschungen zu biografischen Lebensverläufen von Pflegekindern, wobei Fallrekonstruktionen ehemaliger Pflegekinder, Pflegeeltern, zuweilen auch Herkunftseltern als Datengrundlage der Studien dienen. Die Gestaltung eines Beziehungsdreiecks zwischen Herkunfts- und Pflegefamilien sowie die Entwicklung von Resilienz bei Pflegekindern stehen dabei besonders im Fokus.
Autor
Prof. Dr. Walter Gehres ist Soziologe und Sozialpädagoge mit den Forschungsschwerpunkten Sozialisation, Identitätsbildung sowie Kinder- und Jugendhilfe. Nach seinem Studium der Soziologie, Psychologie, Politologie und Philosophie an der Freie Universität Berlin promovierte er 1995 mit einer Arbeit über die Lebensgeschichte und Persönlichkeitsentwicklung ehemaliger Heimkinder. 2014 habilitierte er sich an der Universität Hildesheim im Fach Soziologie mit einer Untersuchung zur Sozialisation und Erziehung in Pflegefamilien.
Aufbau & Inhalt
Auf der Grundlage langjähriger qualitativer Forschungsarbeiten und Fallrekonstruktionen ehemaliger Pflegekinder, Pflegeeltern und teilweise auch Herkunftseltern untersucht Gehres die besonderen Beziehungen innerhalb von Pflegefamilien. Er beschreibt, wie Pflegekinder zwischen Herkunfts- und Pflegefamilie ihre Identität entwickeln, welche Bedeutung stabile Bindungen und Resilienz besitzen und wie das Spannungsfeld zwischen beiden Familiensystemen konstruktiv gestaltet werden kann.
Nach einer Einleitung, die unter anderem einen kurzen Überblick über den vorhandenen Forschungsstand liefert, geht es mitten ins Thema unter der Kapitelüberschrift Der Einfluss von Pflegeeltern auf die biografischen Entwicklungen ihrer Pflegekinder – Chancen und Risiken: ein Überblick. Vier Fallbeispiele bilden das Grundgerüst des Kapitels, von denen in einem Fall die Beziehung zur Pflegefamilie bis über das 40. Lebensjahr hinaus beleuchtet wird. Im Fokus steht, welche biografischer Bedeutung das Zusammenleben mit den Pflegeeltern zukommt – sowohl im Positiven als auch im negativen Sinne. Gehres leitet daraus Empfehlungen für Pflegeeltern ab, die aufzeigen, „welche Spielräume Pflegeeltern in der Pflegebeziehung haben, auf die Entwicklung ihrer Pflegekinder konstruktiv oder destruktiv Einfluss zu nehmen“ (S. 13).
Das zweite Kapitel Jenseits von Ersatz und Ergänzung: Die Pflegefamilie als eine andere Familie entwickelt Walter Gehres auf Basis seiner eigenen Forschung zum Aufwachsen bei Pflegeeltern eine Theorieerweiterung der bestehenden Pflegeelternkonzepte. Diese sehen Pflegefamilien wahlweise als Ersatz oder Ergänzung zur Herkunftsfamilie, während der Autor dafür plädiert Pflegefamilien im soziologischen Sinne als Familie eigener Art zu verstehen, entwickeln sie doch eine eigene familiäre Identität mit exklusiven Anforderungen, Chancen und Herausforderungen. So kommt es neben all den positiven Aspekten zu Belastungen, die sich nur im speziellen System Pflegefamilie finden lassen wie zum Beispiel Loyalitätskonflikte, Identitätsfragen und die Balance zwischen Zugehörigkeit zur Pflegefamilie und der Verbindung zur Herkunftsfamilie. Was bedeutet es für eine Pflegefamilie eigentlich, wenn sich der junge Mensch, der wie das eigene Kind angenommen wird, plötzlich auf die Suche nach seinen biografischen Wurzeln macht? Was brauchen Pflegeeltern, um diesen Schritt, der ja nicht automatisch eine Bedrohung des bisherigen Zusammenlebens sein muss, aushalten zu können?
‚Scheitern‘ von Pflegeverhältnissen – ein Klärungsversuch zur Sozialisation in Pflegefamilien“ ist daran anschließend das dritte Kapitel überschrieben, wobei der Begriff des Scheiterns ganz bewusst in Anführungszeichen gesetzt ist. Hier geht es um das vorzeitige Beenden von Pflegeverhältnissen, das nicht selten ausgelöst wird, vom Drang der jungen Menschen, sich mit der eigenen Herkunft zu beschäftigen, und der daraus resultierenden Reaktion der Pflegeeltern. Aber ist ein Scheitern wirklich immer negativ? Gehres verneint das, bietet es doch die Möglichkeit, sich mit der „Entwicklung einer angemesseneren Unterstützung von Pflegeeltern“ (S. 14) zu beschäftigen, um die eingangs beschriebene bisweilen als Bedrohung des Pflegefamiliensystems empfundene Suche nach den eigenen Wurzeln aushalten und begleiten zu können.
Dass biografische Krisenerfahrung zur Entwicklung gehören, ist Kern des Kapitels Der Doppelcharakter biografischer Krisen. Zentrale Konzepte und heuristische Implikationen. Für diese theoretische Rahmung wird zwischen erwartbaren und nicht erwartbaren Krisen unterschieden. Unter erwartbaren Krisen versteht Gehres Entwicklungsschritte, die in der Regel alle Menschen betreffen wie der Übergang zwischen der Jugend und dem Erwachsensein. Den thematischen Fokus dieses Buches dagegen sieht er als nicht erwartbare Krise, weil die Herausnahme aus dem Elternhaus und die Unterbringung in einer Pflegefamilie alles andere als ‚üblich‘ ist und insofern eine besondere Herausforderung für die betroffenen jungen Menschen darstellt, die nur ein kleiner Teil ihrer Altersgruppe auch meistern muss. Betrachtet wird, wie Dritte auf diese Krisen Einfluss nehmen und welche Weichen gestellt werden müssen, damit diese Krisen eben keinen Risikofaktor, sondern eine Möglichkeit für positive Entwicklung darstellen.
Diskussion
Wissenschaftlich fundiert ist wohl die erste Bezeichnung, die nach dem Lesen dieses Buches als notwendig erscheint. Kein Wunder, ist der Autor doch ein ausgewiesener Experte in Sachen Pflegefamilien. Gehres gelingt es, die Forschungsergebnisse mit der Praxis zu verknüpfen, in dem er wichtige Empfehlungen und Schlussfolgerungen ableitet, die sich am Ende unter einem Plädoyer für diese stationäre Hilfeform subsumieren lassen: Pflegefamilien sind als eigenständige soziale Lebensform anzuerkennen, da sie in der Regel über die besondere Stärke verfügen, Kindern neue Entwicklungs- und Beziehungserfahrungen zu ermöglichen und sie auf ihrem Weg zu einem gelingenden Leben zu unterstützen. Es tut dem Buch sehr gut, dass aber nicht nur das unbestritten Positive Niederschlag findet, sondern eben auch Risiken wie der wahrscheinlich nie gänzlich zu vermeidende ‚Wettbewerb‘ zwischen Herkunfts- und Pflegefamilie benannt werden.
Fazit
Ein wichtiger Blick auf Chancen aber auch Risiken der Wohnform Pflegefamilie in der Jugendhilfe.
Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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