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Peter-Georg Albrecht: Aufbau und Verstaatlichung der Sozialen Arbeit in SBZ und früher DDR

Rezensiert von Prof. Dr. Julia Hille, 14.07.2026

Cover Peter-Georg Albrecht: Aufbau und Verstaatlichung der Sozialen Arbeit in SBZ und früher DDR ISBN 978-3-658-50900-2

Peter-Georg Albrecht: Aufbau und Verstaatlichung der Sozialen Arbeit in SBZ und früher DDR. In den Verlautbarungen der Volkssolidarität 1945-1955. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2026. 179 Seiten. ISBN 978-3-658-50900-2. D: 54,99 EUR, A: 56,53 EUR, CH: 61,00 sFr.
Reihe: Kasseler Edition Soziale Arbeit.

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Thema

Die Studie ist eine detaillierte historische Analyse der ostdeutschen Sozialgeschichte. Gegenstand ist die Transformation der Hilfstätigkeit der Volkssolidarität in den ersten Nachkriegsjahren zur Agitationsarbeit in der Frühphase der DDR. Die „Aktion Volkssolidarität“ gegen die Nachkriegs‑ bzw. „Wintersnot“ wurde 1945 ursprünglich als überparteiliches Hilfswerk gegründet, um die ärgste Not der Nachkriegszeit zu lindern. Untersucht wird, wie sich diese institutionelle Aufgabenstellung bzw. Identität in den ersten zehn Jahren veränderte.

Ein Hauptthema ist der Prozess des Aufbaus der Organisation und ihrer späteren Verstaatlichung. Albrecht analysiert, wie die ursprünglich zivilgesellschaftlichen, von verschiedenen demokratischen Parteien und sogar Kirchen geprägten Ansätze einer abgestimmten Fürsorge schrittweise unter die Kontrolle von KPD bzw. SED und des staatlichen Apparates gerieten. Er zeigt, wie soziale Hilfe zu einem Instrument des Aufbaus, der sozialpolitischen Konzeption und der Festigung des politischen Systems der DDR wurde und fragt dabei systematisch danach, ob und wie die Aktivitäten und Strukturen als Soziale Arbeit verstanden werden können (S. 1). Der methodische Fokus liegt auf der Auswertung offizieller Dokumente, Aufrufe und interner Mitteilungen der Volkssolidarität.

Autor

Dr. Peter-Georg Albrecht hat Anfang der 1990er-Jahre Soziale Arbeit studiert und in der Politikwissenschaft über ein Thema im sozialarbeiterischen Handlungsfeld Altenarbeit promoviert. Er leitete mehrere Jahre ein Alten‑ und Service-Zentrum in der Stadt Magdeburg. Nach zahlreichen Forschungsaktivitäten arbeitet Albrecht heute als Referent im Prorektorat für Studium, Lehre und Internationales der Hochschule Magdeburg-Stendal. Als Mitglied des Instituts für demokratische Kultur an der Hochschule ist er weiterhin in der Forschung aktiv. Gegenstand seiner Untersuchungen sind öffentliche Einrichtungen und kommunalpolitische Koordination, Wohlfahrtsverbände und Soziale Arbeit.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Studie basiert auf den Diskursen im Rahmen des Sammelbands „Genese Ost: Transformationen der Sozialen Arbeit in Deutschland“, die u.a. vom Autor in den Jahren 2022 bis 2024 angeregt wurden. Albrecht hat, gemeinsam mit Co-Autorinnen, bereits aus den Diskursen entstandenen Sammelband sowie an anderer Stelle zu Transformationen in der Altenarbeit sowie insbesondere zur Transformation der Volkssolidarität geforscht. Diese Erkenntnisse und Erfahrungen fließen in die vorliegende Untersuchung ein.

Aufbau

Zunächst wird der Forschungsstand zur Volkssolidarität und zur Frage einer Sozialen Arbeit und Sozialpolitik in SBZ und früher DDR aufgearbeitet, danach wird die Untersuchungsmethodik auf Basis der Grounded Theory Method expliziert (Kapitel 2 und 3). Darauf aufbauend geht der Autor zunächst auf die Organisationsentwicklung der Volkssolidarität in den ersten Jahren ihres Bestehens ein, bevor er sich den handelnden Personen sowie den Zielgruppen, Zielen und Arbeitsaufgaben des von ihm „Aktion bzw. Organisation“ genannten kollektiven Akteurs widmet (Kapitel 4 und 5)

Den Kern der Untersuchung bilden die Kapitel 6 und 7, in denen die Frage nach dem Charakter der Volkssolidarität als Sozialer Arbeit detailliert bearbeitet wird. Weitere rahmende Forschungsfragen werden in den Kapiteln 8 und 9 gestellt: Dazu gehören das Verhältnis zum Sozialstaat, die weltanschaulichen und systembezogenen Verortungen und Abgrenzungen, die Austarierung von Dezentralität und Zentralität, der Milieubezug, die Parteilichkeit und das Verhältnis der Volkssolidarität zur alliierten Besatzungsmacht. Ein umfangreiches Verzeichnis des genutzten Archivmaterials und ein ebenso reichhaltiges Literaturverzeichnis beschließen das Werk. Ein Überblick über den Aufbau, der zugleich eine Zusammenfassung der Ergebnisse enthält, ist dem Buch als Kapitel 1 vorangestellt.

Inhalt

Kapitel 2 und 3 bereiten die eigentliche Untersuchung vor: Der Forschungsstand wird nach vier Literatursträngen geordnet aufgearbeitet, das Grounded-Theory-Verfahren als Methodik offengelegt.

Kapitel 4 rekonstruiert die Organisationsentwicklung. Die Volkssolidarität wurde am 17. Oktober 1945 in den Köllmann-Werken in Leipzig als lokale Initiative gegen die drohende Wintersnot gegründet; zwei Tage später erschien in der Sächsischen Volkszeitung der öffentliche Gründungsaufruf (S. 62 f.). Getragen wurde sie zunächst von einem breiten, überparteilichen Konsortium aus SPD, KPD, CDU, LDPD, evangelischer und katholischer Kirche sowie dem FDGB – ähnliche, zunächst eigenständige Initiativen entstanden zur selben Zeit auch in den anderen Ländern und Provinzen der SBZ, etwa das „Hilfswerk“ in Sachsen-Anhalt, bevor sie sukzessive unter dem Dach der Volkssolidarität zentralisiert wurden.

Kapitel 5 fragt nach Adressatinnen, Zielen und Arbeitsaufgaben der Volkssolidarität. Zu den Adressatinnen zählten zunächst breit gefasst Notleidende – Alte, Kranke, Umsiedlerinnen, Heimkehrer, Kinder, Frauen, Menschen mit Behinderungen und Opfer des Faschismus –, während sich der Fokus Anfang der 1950er Jahre zeitweilig auf „internationale Friedenskämpfer“ verengte (S. 83). Die Volkssolidarität strebte u.a. an – so ihre Ziele der ersten Zeit –, die „Widerstandskraft“ ihrer Adressat:innen zu stärken und einen Beitrag zu ihrem „Glück“ zu leisten. (S. 87). Die Arbeitsaufgaben selbst verschoben sich vom „Wiederaufbau“ zerstörter Gebäude und Infrastruktur in den ersten Nachkriegsjahren zum „Neuaufbau“ eines sozialistischen Staatswesens ab 1949, ergänzt um Tätigkeiten wie Verteilen, Sammeln, Aufklären, Überzeugen und Kämpfen (S. 90 f.).

Kapitel 6 stellt die für die Studie zentrale Frage, ob sich in all dem Praxen, Strategien und Prinzipien einer Sozialen Arbeit erkennen lassen; und verneint dies.

Kapitel 7 entfaltet die titelgebende Kernkategorie, dass die Volkssolidarität sich selbst nicht als Soziale Arbeit, sondern als Bewegung verstand. Ihr karitatives Gründungsmomentum trat zugunsten eines politischen Selbstverständnisses zurück (S. 109). Sie inszenierte sich als freiwillige Volksbewegung bei zugleich straff geführten Strukturen (7.2), verschob ihre Haupttätigkeit vom Wieder‑ zum Neuaufbau und von Hilfe zu einer „Aufklärung“ genannten Agitation (7.3), und changierte in ihrem Verhältnis zur Staatlichkeit beständig zwischen Abgrenzung und Aufgehen im Staat (7.4).

Kapitel 8 zeigt die weltanschauliche Abgrenzung der Volkssolidarität: von bürgerlichen und religiösen Positionen – trotz anfänglicher Einbindung von Diakonie und Caritas ins Trägerkonsortium (8.1) – sowie, systembezogen, von allem Faschistischen, Militaristischen, Imperialistischen und Kapitalistischen (8.2).

Kapitel 9 schließlich bündelt die Prozesse zwischen Aufbau und Verstaatlichung im engeren Sinn: die Zentralisierung über den neu geschaffenen Zentralausschuss trotz heterogenen Trägerkonsortiums (9.1), den Wandel vom allgemeinen Arbeitsethos zur Beherrschung durch die Arbeiterpartei (9.2), die zunehmende, teils über verschwiegene Personalunionen laufende Durchdringung durch KPD bzw. SED (9.3) sowie, besonders anschaulich, die Sowjetisierung der VS-Rhetorik – von anfänglicher „Russenangst“ bis, wie Albrecht es pointiert zusammenfasst, zur „Lobhudelei für vermeintliche ruhmreiche Taten“ der Sowjetarmee (S. 164).

Diskussion

Die Studie schließt eine Lücke, die von der Forschung selbst seit Jahrzehnten benannt, aber nie gefüllt wurde – von Braun (1990) über Springer (1999) und Lattka (2002) bis König (2025) hatten mehrere Autor:innen genau diese vertiefte Untersuchung der Frühgeschichte der Volkssolidarität angemahnt. Zweitens besticht die Studie durch ihre methodische Redlichkeit: Albrecht macht nicht nur seine Ergebnisse, sondern auch die im Forschungsprozess verworfenen Arbeitshypothesen transparent – eine in der Forschungsliteratur selten anzutreffende Offenheit, die die eigene Erkenntnisgenese für Leser:innen nachvollziehbar macht.

Weiterhin reflektiert Albrecht den Doppelcharakter seiner Quellen erkenntnistheoretisch überzeugend: Er macht sich den Hinweis älterer DDR-Forschung zu eigen, wonach amtliche Verlautbarungen zugleich Propagandadokument und unfreiwilliger Indikator realer Problemlagen seien, und führt diese Ambivalenz durch den gesamten Forschungsprozess kritisch mit. Besonders überzeugend ist der genuin sprachanalytische Zugriff: Indem Albrecht den Wandel einzelner Begriffe – etwa  von „Wiederaufbau“ zu „Neuaufbau“ – über die Jahre nachzeichnet, macht er die schleichende Politisierung der Volkssolidarität auf sehr konkrete Weise sichtbar.

Weniger herausgearbeitet wurde, welches theoretische Verständnis von Sozialer Arbeit der Analyse eigentlich zugrunde liegt. Kapitel 3.2 legt sehr ausführlich das Kodierverfahren der Grounded Theory offen, doch als inhaltlicher Bezugspunkt für das, was als Soziale Arbeit gelten soll, dient letztlich nur einmal, im Kapitel zu den Zielen der Arbeit, die globale Definition von IFSW, DBSH und DGSA (S. 87), nicht aber ein durchgehend angelegter analytischer Maßstab, an dem sich die untersuchten Praxen der Volkssolidarität messen lassen. Ähnliches gilt für die titelgebende Gegenkategorie „Bewegung“. Gerade weil der zentrale Befund der Studie lautet, dass sich die Volkssolidarität als Bewegung und nicht als Soziale Arbeit verstand, wäre eine solche theoretische Fundierung gewinnbringend gewesen, um zu klären, wie die beiden Kategorien ineinander übergehen.

Eben jener methodische Dreischritt aus Originalzitaten, Arbeitshypothesen und den kodierend, vergleichend und interpretierend entwickelten Ergebnissen, der die Transparenz der Studie ausmacht, ist für ebenso arbeitende Forschende sicherlich instruktiv, führt die an den Ergebnissen interessierte Leserin bzw. den interessierten Leser andererseits – insbesondere in den Unterkapiteln mit den vielen Originalzitaten – in einen hermetischen Raum, der schwer zu verlassen ist, in dem aber dafür jedes Kapitel für sich stehen kann.

Fazit

Die Publikation bietet Studierenden, Lehrenden und Forschenden in der Sozialen Arbeit aus unterschiedlichen Perspektiven wichtige Einblicke in die Transformation und Entwicklung der Sozialen Arbeit in der SBZ und frühen DDR. Sie ist aber auch für Praktiker:innen in der Verbandsarbeit, ‑leitung und Verbandsentwicklung lohnend. Die dargestellten Aspekte von organisatorischer Beteiligung und Leitung, Kooperation und Konkurrenz, Parteilichkeit und parteilicher Vereinnahmung sind auch heute, gerade in Zeiten gesamtgesellschaftlicher Entdemokratisierungstendenzen, von großer Bedeutung – nicht nur für die Soziale Arbeit.

Rezension von
Prof. Dr. Julia Hille
Professur für Systemische Soziale Arbeit, Hochschule Merseburg
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Es gibt 1 Rezension von Julia Hille.

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ISSN 2190-9245