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Bernhard Schlink: Gerechtigkeit

Rezensiert von Prof. Dr. Katharina Kriegel-Schmidt, 01.06.2026

Cover Bernhard Schlink: Gerechtigkeit ISBN 978-3-257-61621-7

Bernhard Schlink: Gerechtigkeit. Ein Essay. Diogenes Verlag AG (Zürich) 2025. 208 Seiten. ISBN 978-3-257-61621-7.

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Thema

Im vorliegenden Essay geht es, wie der Titel präzise ankündigt, um eine Auseinandersetzung mit Gerechtigkeit. Der Essay verfolgt dabei weniger ein definitorisches Anliegen – also die Frage, was Gerechtigkeit genau ist –, sondern versucht vielmehr, den Prozessen nachzuspüren, die Schlink als „Gerechtigkeitsarbeit“ beschreibt. Der Essay fragt danach, wann und wie wir eigentlich nach Gerechtigkeit fragen, wann und wie wir Antworten auf die Fragen suchen und wie wir sie finden. Zugleich reflektiert Schlink die Grenzen von Gerechtigkeit sowie unterschiedliche Formen sozialer Ungleichheit.

Autor:in oder Herausgeber:in

Bernhard Schlink ist vielen Leser:innen durch seine Romane gut bekannt (z.B. „Selbs Justiz“, „Der Vorleser“ oder „Das späte Leben“). Schlink ist Jahrgang 1944, war Professor für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der HU Berlin und als Richter des Verfassungsgerichtshofs für NRW tätig. Bernhard Schlink ist Rechtswissenschaftler und Rechtsphilosoph. Als Jurist und Autor setzt sich Schlink schon seit vielen Jahren mit Gerechtigkeitsfragen auseinander.

Entstehungshintergrund

In seinem Vorwort schreibt Schlink, dass er ohne den Glauben an Gerechtigkeit seine Ämter und Aufgaben als Jurist nicht hätte ausführen können (S. 10). Insofern haben seine beruflichen Erfahrungen sicher einen wesentlichen Teil zur Entstehung dieses Büchleins beigetragen. Sein Dank richtet sich an Carsten Dutt, der ihm den „ermutigenden Anstoß“ zum Schreiben des Essays gegeben habe.

Aufbau

Der Essay umfasst knapp 200 Seiten. Er gliedert sich in 5 Kapitel:

  • I: Einführung: Was ist Gerechtigkeit?
  • II: Gerechtigkeit allgemein
  • III: Besondere Gerechtigkeit
  • IV: Gerechtigkeit im Kontext
  • V: Die Zukunft der Gerechtigkeit

Inhalt

Schlink startet von der Auffassung aus, dass Menschen die Erwartung haben, gerecht behandelt zu werden (S. 15). Zudem habe jeder ein subjektives Empfinden für Gerechtigkeit. Seine Überlegungen orientieren sich an der Frage, was unter einer gerechten Behandlung verstanden werden kann und was den Eindruck erweckt, ungerecht behandelt zu werden. Eine wichtige Prämisse (und Ergebnis zugleich) seines Essays lautet: Es gibt gute Gründe für eine Gleichbehandlung und gute Gründe für eine Ungleichbehandlung: Jede Ordnung – auch die Demokratie – basiere auf einer „Architektonik der Gleich‑ und Ungleichbehandlung“ (S. 110). Weiter heißt es: „Demokratie oder genauer eine demokratische, freiheitliche, rechtsstaatliche Verfassungsordnung kann nicht beanspruchen, die einzige Ordnung zu sein, die Gerechtigkeit gewährleistet. Sie kann nur von sich verlangen, mehr Gerechtigkeit als andere Ordnungen zu gewährleisten, die Menschen umfassender als gleiche vorauszusetzen, die Architektonik der Gleich‑ und Ungleichbehandlungen konsequenter auf gute Gründe zu stützen, subtiler auf Gleich‑ und Ungleichbehandlungsbedürfnisse abzustimmen und besser gegen Einbrüche von Willkür zu schützen“ (S. 101). Wie aber stellen wir uns zu Gerechtigkeit, entwickeln Vorstellungen von Gerechtigkeit und eine soziale Gerechtigkeitspraxis?

Das zweite Kapitel „Gerechtigkeit allgemein“ liefert hierfür die erste Antwort: „Gerechtigkeit fängt mit Gleichheit an“ (S. 33). Diese Vorstellung, so Schlink, geht einher mit der Erwartung an Gleichbehandlung. Ausgehend von dieser Setzung entwickelt Schlink seinen Zugang zur (Gerechtigkeit von) Ungleichbehandlung. Gleich‑ wie Ungleichbehandlungen seien für Gerechtigkeit gleichermaßen zentral. Um dies zu ergründen, geht es im Kapitel um das Verteilen, Aus‑ und Zuteilen, um die dabei steuernden Gründe und Maßstäbe.

Im dritten Kapitel „Besondere Gerechtigkeit“ geht es Schlink vor allem um Politische Gerechtigkeit, die Grundlagen der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. In diesem Zusammenhang widmet sich Schlink auchdem Verhalten der Akteure und den Anforderungen, bspw. gemeinsam in demokratischen Prozessen Entscheidungen zu fällen oder aber zivilen Ungehorsam zu üben.

Aristoteles, Rawls und Amartya Sen werden in der Erörterung immer wieder gestreift.

Die Grundlagen, Möglichkeiten und Ansprüche Sozialer Gerechtigkeit bilden einen weiteren Fokus von Schlink. Hier diskutiert er etwa das Verhältnis der Generationen (Generationengerechtigkeit, Generationenkonflikte), die (Un-)Gleichbehandlung bei Behinderung oder geringem ökonomischen Status sowie Fragen des Strafmaßes und der Verurteilung bei Straftaten.

Das vierte Kapitel „Gerechtigkeit im Kontext“ stellt die Frage nach dem Begriffsverständnis: Wird Gerechtigkeit als Tugend oder (moralische) Norm verstanden? Und jeweils mit welchen Folgen? Hier interessiert sich Schlink nicht nur für das jeweils zugrundeliegende Konzept, sondern die damit einhergehenden Konflikte, wenn Gerechtigkeit auf andere Konzepte trifft wie bspw. auf Barmherzigkeit. Es geht in diesem Kapitel um das gerechte Handeln, um Gerechtigkeit gegenüber anderen, gegenüber sich selbst, im Kontext unterschiedlicher Arbeitssettings. Konsequent fragt Schlink nach dem „guten Grund“, die eine oder andere Handlung zu vollziehen.

Das fünfte und letzte Kapitel „Die Zukunft der Gerechtigkeit“ beginnt Schlink mit folgender Einschätzung: „Das Leben ist gerechter geworden“ (S. 183). „Verrechtlichungen“ und „Vergerechtlichungen“ vollzögen sich weltweit (S. 185). Dies sieht Schlink nicht nur bezogen auf die Gegenwart, sondern auch auf den gegenwärtigen Umgang mit der Vergangenheit. Zentral für Schlink ist die Tatsache, dass mit diesen Veränderungen sich auch unsere Wahrnehmung der Welt verändert. Sie wird, laut Schlink, normativer und das hat seinen Preis: „Der Blick auf die Welt, wie sie sein soll, kann den Blick auf die Welt, wie sie ist, trüben“ (S. 194).

Schlinks Schlussfolgerungen am Ende des Buches nehmen in den Blick, dass Gerechtigkeitsarbeit zwischen Wahrnehmungen und Erwartungen stattfindet; von kognitiven und normativen Prozessen beeinflusst wird, immer Gleich‑ und Ungleichbehandlung einschließen und (von neuem) ausloten muss und zentral für jedes Gemeinwesen ist.

Diskussion

„Das Fragen nach Gerechtigkeit und das Suchen nach der Antwort ist Arbeit – Gerechtigkeitsarbeit“ (S. 30). In dieser Aussage ist gleichsam ein Plädoyer enthalten, als das dieser Essay verstanden werden kann: Wir müssen uns anstrengen, wir müssen Schwierigkeiten und Unbequemlichkeiten in Kauf nehmen, wenn uns das Zusammenleben nicht egal ist und wenn es uns interessiert, welche Rolle dabei eine Gleich‑ oder Ungleichbehandlung spielt.

Dazu gehört auch, in Kauf zu nehmen, dass wir es bei Gerechtigkeit nicht mit einer einfachen Formel zu tun haben oder mit einem Maßstab, der absolute Gültigkeit besäße und auf alle Situationen und Konflikte anwendbar wäre.

Schlink zeigt, dass es ein klares Bewusstsein für Perspektivität bedarf, ein Gerechtigkeitsempfinden immer auch subjektiv ist und jede Gerechtigkeitsbestimmung ein Prozess des Abwägens ist.

Das Büchlein eignet sich für jede*n, sei es in Ausbildung, Beruf oder privat, sozialwissenschaftlich sozialisiert, einer anderen Disziplin zugehörig oder Laie, denn Schlink schreibt gut verständlich und bindet aktuelle Beispiele ein, die er mit wiederkehrender Formel (bzw. Fragestellung) auf nachvollziehbare Weise zu erörtern versucht. So hat man nach der Lektüre Kernkonzepte und Fragestellungen und damit „Anker“ gewonnen, um einzuschätzen, was Gerechtigkeit bedeuten kann, wie sie hergestellt und erarbeitet werden kann.

Schlinks Essay überzeugt insbesondere dadurch, dass er Gerechtigkeit nicht als abstrakten Idealzustand, sondern als konflikthafte gesellschaftliche Praxis begreift. Gerade dadurch bietet das Buch wertvolle Anregungen für sozialwissenschaftliche, politische und alltägliche Debatten über (Un-)Gleichheit, Teilhabe und Verantwortung.

Fazit

Der Essay „Gerechtigkeit“ zeigt auf anschauliche Weise, dass jedes Gemeinwesen von einer Architektonik der Gleich‑ und Ungleichbehandlung getragen wird, an der Menschen, Generationen und Gesellschaften fortgesetzt arbeiten (müssen). Schlink stellt anhand unterschiedlicher gesellschaftlicher Phänomene die Frage nach dem guten Grund, gleich oder ungleich zu behandeln und lädt dazu ein, eigene Erfahrungen und Erwartungen zu prüfen.

Rezension von
Prof. Dr. Katharina Kriegel-Schmidt
Professorin für Soziale Arbeit und Sozialpädagogik an der Europäischen Fernhochschule Hamburg, Leitungsteam der Bundesweiten Forschungsgruppe Mediation (ForMed), wiss. Beirätin der Zeitschrift Konfliktdynamik.
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Es gibt 5 Rezensionen von Katharina Kriegel-Schmidt.

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ISSN 2190-9245