Eva Lermer: Positive Psychologie
Rezensiert von Dr. Harald Uhlendorff, 10.06.2026
Eva Lermer:Positive Psychologie. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2026. 2. überarbeitete Auflage. 117 Seiten. ISBN 978-3-8252-6640-0. D: 19,00 EUR, A: 19,60 EUR, CH: 25,50 sFr.
Thema
Das Buch bietet eine kompakte wissenschaftliche Einführung in den Bereich der Positiven Psychologie. Dabei wird die Entwicklung der Positiven Psychologie und eine Auswahl von zentralen Konzepten und Forschungsergebnissen dargestellt.
Autorin
Eva Lermer ist Professorin an der Technischen Hochschule Augsburg. Sie arbeitet u.a. auf den folgenden Gebieten: Organisationspsychologie, Positive Psychologie, Entscheidungs‑ und Kommunikationspsychologie, Human-AI-Interaction.
Entstehungshintergrund
Das Buch ist die zweite Auflage eines 2019 erschienen Werkes. In der neuen Auflage hat die Autorin die Literatur der letzten Jahre einbezogen.
Aufbau
Im ersten Kapitel werden die Geschichte und einige Kritikpunkte an der Positiven Psychologie besprochen. Ziele und Begriffe des Forschungsfeldes werden in einem Exkurs dargestellt. Im zweiten Kapitel erörtert die Autorin ausgewählte Forschungsergebnisse zu den Effekten positiver Emotionen und Befunde aus dem Kontext des Arbeitslebens. Kapitel drei befasst sich mit der Frage: „Was macht glücklich und wer ist glücklich?“ Hier geht es u.a. um die nicht genetisch bestimmten Anteile des persönlichen Glücksempfindens, um unsere Tendenz, sich schnell an Glücksgefühle zu gewöhnen und um Martin Seligmans Ideen zum Wohlbefinden. Im vierten Kapitel werden zentrale Konzepte der Positiven Psychologie besprochen, z.B. Dankbarkeit, Achtsamkeit und Flow. Das fünfte und letzte Kapitel befasst sich vor allem mit Positiver Psychologie für Führungskräfte.
Inhalte
Die Autorin definiert Positive Psychologie als die „wissenschaftliche Untersuchung des Erlebens und Verhaltens in Bezug auf positive Aspekte des menschlichen Lebens.“ Dabei „werden Faktoren untersucht, die zu einem gelingenden und erfüllten Leben beitragen, die die Persönlichkeitsentwicklung und das subjektive Wohlbefinden beeinflussen.“
Positive Psychologie wird vielfach kritisiert: So ist die Positive Psychologie ein Sammelbegriff geworden, der unwissenschaftliche Vertreter („zahlreiche Esoteriker“, „selbsternannte Gurus“ usw.) angezogen hat. Dadurch wird der Begriff verwässert. Ein anderer Aspekt sind die häufig uneindeutigen Begrifflichkeiten, z.B. Happiness oder Dankbarkeit. Hier regt die Autorin gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern an, vor allem die Qualität der Forschung in der Positiven Psychologie weiter zu stärken. Klare Definitionen, transparente Forschungsdesigns und validierte Instrumente dürften hier hilfreich sein.
Die Autorin betrachtet die Positive Psychologie als eine Nachfolgerin der Humanistischen Psychologie im Sinne einer sich entfaltenden, sich selbst verwirklichenden Persönlichkeit nach Carl Rogers oder Abraham Maslow. Trotz einiger Vorläufer wird Martin Seligman (* 1942) oft die Grundsteinlegung der Positiven Psychologie zugeschrieben. Er entwickelte das einflussreiche PERMA-Modell, auf das ich noch zu sprechen komme.
Anschließend werden Forschungsbefunde aus dem Arbeitskontext vorgestellt, z.B. zur „happy-productive-worker“-Hypothese und den damit verbundenen Studien. Für mich überraschend war, dass eine neue Studie eine große Gruppe von „happy-unproductive“ Beschäftigten identifiziert, was zu weiterer Forschung ermuntert. Andere Studien zeigen, wie positive Emotionen die Wahrnehmung verändern und die Kreativität anregen.
Für das Glücksempfinden sind genetische Voraussetzungen, lebensbezogene Umstände und intentionale Aktivitäten von Bedeutung. Hier interessiert besonders, auf welche Art und Weise gezielte Aktivitäten das Wohlbefinden in seiner Dynamik nachhaltig beeinflussen können, zum Beispiel durch Achtsamkeit, Dankbarkeit und „gute Taten“. Dabei gilt es Überlegungen zum Adaptations-Level-Phänomen einzubeziehen, wonach sich Personen nach positiven Ereignissen zwar besser fühlen, aber nach einer Weile auf ihr vorheriges Wohlbefindenslevel zurückfallen. Danach beschreibt die Autorin Martin Seligmans PERMA-Theorie der fünf voneinander unabhängigen Elemente des Wohlbefindens, die ein erfülltes Leben ausmachen sollen: positive emotion (positives Gefühl), engagement (Engagement), positive Relationships (positive Beziehungen), meaning (Sinn), accompplishment (Zielerreichung); Akronym: PERMA.
Als zentrale Konzepte der Positiven Psychologie werden Dankbarkeit, Achtsamkeit, Flow, Resilienz und Psychologisches Kapital besprochen. Dankbarkeitsrituale können beispielsweise nicht nur kurzfristig das Wohlbefinden steigern, sondern auch längerfristig wirken. Ähnlich günstige Folgen werden aus Achtsamkeitsstudien berichtet. Flow wird hier als „fokussierter Bewusstseinszustand völliger Hingabe, mit verminderter Wahrnehmung des eigenen Selbst und der Zeit, aufgrund einer optimalen Beanspruchung der eigenen Fähigkeiten“ verstanden. Flow entsteht bei einer guten Balance zwischen den wahrgenommenen Anforderungen einer Aufgabe und den subjektiven Fähigkeiten. Psychologisches Kapital wird als Indikator für die individuelle Leistungsfähigkeit angesehen. Das Psychologische Kapital „wer man ist“ (gemeint ist hier: Selbstwirksamkeit, Hoffnung, Optimismus, Resilienz) wird abgegrenzt vom traditionellen ökonomischen Kapital „was man hat“, vom Humankapital „was man weiß“ und vom sozialen Kapital „wen man kennt“. Auch hier werden ermutigende Forschungsergebnisse dargestellt. Aus meiner Sicht ist hervorzuheben, dass sich die Autorin intensiv mit der Messung der genannten Konzepte auseinandersetzt.
Im letzten Kapitel wird Positive Psychologie auf Führungspersonen in der Arbeitswelt bezogen. Bei charismatischen Führungskräften besteht die Gefahr, „dass ohne ein positives Wertesystem, das der Führungskraft als Kompass dient“ diese Form der Führung „auch zu unethischen Zielen missbraucht werden kann“. Im Folgenden wird die ethikorientierte humanistische Führung näher besprochen, die einerseits „eine Kultur der Exzellenz“ und gleichzeitig „die persönliche Entwicklung und Menschenwürde“ anregen und vorleben soll.
Diskussion
In diesem Buch wird die Positive Psychologie vorwiegend aus einer organisationspsychologischen Perspektive besprochen. Das halte ich für sachdienlich, da die Positive Psychologie gerade in der Arbeitswelt an Bedeutung gewinnt.
Von diesem Buch werden alle profitieren, die sich in das Feld der positiven Psychologie einarbeiten wollen. Gerade für Studierende erscheint mir hilfreich, dass methodische und inhaltliche Fachbegriffe definiert werden (z.B., Operationalisierung, Zwillingsstudie, Priming, Salutogenese, Big Five). Auch Begriffe aus der Alltagssprache, die in die Positive Psychologie Eingang gefunden haben, werden im Buch präzisiert (z.B. Happiness, Dankbarkeit, Wohlbefinden).
Das Buch ist aber auch für Forschende interessant, weil die Autorin beeindruckend viele Messinstrumente vorstellt, wodurch die ein‑ oder mehrfaktorielle Struktur der Konzepte und deren Kulturabhängigkeit berücksichtigt werden können. Das alles hilft, die Qualität der Forschung in der Positiven Psychologie weiter voranzutreiben. Neben dem umfangreichen Literaturverzeichnis gibt die Autorin gute Hinweise auf weiterführende Literatur, von denen ich bei der Auseinandersetzung mit diesem Buch profitiert habe.
Etwas gewöhnungsbedürftig ist, das die Autorin manchmal längere englische Zitate in den Text einbindet. Angesichts der Zielgruppen ist das aber letztlich kein Problem. Zwei kleine Unstimmigkeiten in den Abbildungen bzw. Tabellen waren anfangs etwas verwirrend für mich: In Abbildung 2 müsste es statt „verbesserte kognitive“ wohl „verbesserte kognitive Leistung“ heißen, wie ich durch einen Vergleich mit der ersten Auflage des Buches festgestellt habe. In Tabelle 3 müsste einmal das Wort „Beziehungen“ durch das Wort „Engagement“ ersetzt werden, wie ich aus dem darauffolgenden Fließtext geschlossen habe.
Fazit
Das vorliegende, meines Erachtens gut gelungene Buch wendet sich an Studierende und Forschende und bietet eine gut lesbare Einführung in den Bereich der Positiven Psychologie. Besonders geeignet erscheint es mir für Personen, die im Bereich Organisationpsychologie arbeiten möchten. Das Bestreben im Bereich Positive Psychologie hohe wissenschaftliche Standards einzuhalten und einzufordern, halte ich für wertvoll und weiterführend.
Rezension von
Dr. Harald Uhlendorff
Psychologischer Psychotherapeut
apl. Prof. am Department Erziehungswissenschaft der Universität Potsdam, im Ruhestand
Tätigkeitsfelder: Psychotherapie, Entwicklung im höheren Erwachsenalter, psychische Belastungen im Beruf
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