Heiko Berner, Florian Eßer et al. (Hrsg.): Partizipative Forschung und Empowerment
Rezensiert von Carolina Reiners, 03.06.2026
Heiko Berner, Florian Eßer, Elisabeth Richter, Doris Rosenlechner-Urbanek, Clarissa Schär u.a. u.a. (Hrsg.): Partizipative Forschung und Empowerment. Erkundungen in Feldern der Sozialen Arbeit.
Beltz Juventa
(Weinheim und Basel) 2026.
204 Seiten.
ISBN 978-3-7799-8829-8.
D: 42,00 EUR,
A: 43,20 EUR.
Reihe: Partizipative Forschung in der Sozialen Arbeit - 1.
Thema und Entstehungshintergrund
Der Sammelband befasst sich aus unterschiedlichen Perspektiven sowie theoretischen und methodischen Zugängen heraus mit dem Verhältnis von partizipativer Forschung und Empowerment in der Sozialen Arbeit. Er ist im Anschluss an den dritten trinationalen Workshop ‚Partizipative Forschung in der Sozialen Arbeit‘ entstanden, der 2023 unter dem Titel ‚Empowerment in der partizipativen Forschung‘ an der Fachhochschule Salzburg stattfand.
Herausgeber:innen und Autor:innen
Der Sammelband wurde von sieben Wissenschaftler:innen herausgegeben, die an unterschiedlichen Hochschulen in Österreich, Deutschland und der Schweiz tätig sind:
Clarissa Schär ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut Kinder‑ und Jugendhilfe an der Hochschule für Soziale Arbeit/​Fachhochschule Nordwestschweiz.
Stefan Schnurr ist emeritiert und war als Professor der Hochschule für Soziale Arbeit/​Fachhochschule Nordwestschweiz tätig.
Heiko Berner ist FH-Professor im Department Angewandte Sozialwissenschaften an der Fachhochschule Salzburg.
Florian Eßer ist Professor für Erziehungswissenschaft mit sozialpädagogischem Forschungsschwerpunkt am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Osnabrück.
Elisabeth Richter ist Professorin für Interkulturelle Soziale Arbeit an der MSH Medical School Hamburg.
Doris Rosenlechner-Urbanek ist FH-Professorin an der Fachhochschule Salzburg, im Departement Angewandte Sozialwissenschaften.
Wolfgang Schröer ist Professor für Sozialpädagogik im Institut für Sozial‑ und Organisationspädagogik an der Universität Hildesheim.
Neben diesen sieben Herausgeber:innen waren 35 weitere Autor:innen an den Beiträgen des Sammelbandes beteiligt. Diese kommen aus unterschiedlichen akademischen wie auch nicht-akademischen Kontexten.
Aufbau
Der Sammelband erstreckt sich über 204 Seiten und umfasst zwölf Beiträge. Er beginnt mit einem einleitenden Beitrag (S. 7–24) von Stefan Schnurr und Clarissa Schär, zwei der Herausgeber:innen, in dem sie in das Thema des Sammelbandes einführen. Darauf folgen elf weitere eigenständige Beiträge von unterschiedlichen Autor:innen. Diese stellen theoretische Debattenbeiträge, Reflexionen sowie Berichte durchgeführter (partizipativer) Forschungsprojekte dar, in denen die Autor:innen das Verhältnis von partizipativer Forschung und Empowerment diskutieren. Die Beiträge sind dabei nicht nummeriert und nicht in thematische Abschnitte gegliedert, sondern stehen eher unverbunden nacheinander.
Inhalt
In der Einleitung geben die Autor:innen eine kurze historische und theoretische Hinführung zu partizipativer Forschung und Empowerment, wodurch sie die Relevanz einer Auseinandersetzung mit deren Verhältnis herausstellen. Die darauffolgenden elf Beiträge stammen aus unterschiedlichen Positionen, Perspektiven und Feldern der Sozialen Arbeit. Gemeinsam haben sie ihren Bezug zu partizipativer Forschung und Empowerment, wobei ein weites Spektrum an Erfahrungen, theoretischen Verortungen und genutzten partizipativen Forschungsansätzen abgedeckt wird.
Aufgrund des Umfangs und der Diversität der Beiträge, können in der Rezension nicht alle Beiträge umfassend dargestellt werden. Stattdessen werden nachfolgend exemplarisch drei unterschiedliche Beiträge des Sammelbandes vorgestellt:
Marlene Märker, Jacqueline Hackl und Magdalena Strasser diskutieren in ihrem Text „Empowerment in partizipativer Forschung – eine (Un-)Möglichkeit? Blicke auf ein umkämpftes Konzept in widersprüchlichen Verhältnissen“ (S. 42–56) das Verhältnis von partizipativer Forschung und Empowerment aus einer hegemonietheoretischen Perspektive heraus. Die Autor:innen richten dadurch den Blick auf die in dem Verhältnis enthaltenen Widersprüche und Spannungen. Sie argumentieren, dass auch partizipative Forschungsprozesse in hegemoniale Verhältnisse eingebunden und an deren (Re-)Produktion beteiligt sind. Ein emanzipatorischer, empowernder Charakter ist partizipativen Forschungsprojekten somit nicht automatisch immanent. Entsprechend betonen sie, dass partizipative Forschungsprozesse einer hegemonietheoretisch-informierten Perspektive bedürfen, um Ungleichheitsverhältnisse und deren (Re-)Produktion zu hinterfragen. Vor diesem Hintergrund schlagen die Autor:innen vor, Empowerment nicht als normative Setzung zu verstehen, sondern als einen Horizont, in dessen Richtung sich in partizipativen Forschungsprojekten orientiert wird.
Der Beitrag „Unsichtbarkeit in der partizipativen Forschung. Mehrdimensionale Reflexion von Macht und Empowerment am Beispiel von Care Leaver*innen-Forschung“ von Katharina Mangold und Angela Rein (S. 57–73) reflektiert Unsichtbarkeiten in partizipativen Forschungsprojekten am Beispiel der Care Leaver:innen-Forschung in der Schweiz und in Deutschland. Dabei beziehen sie Erfahrungen ihrer eigenen Forschungsprojekte mit ein. Sie zeigen auf, dass partizipative Forschungsprozesse zwar individuelles und teilweise auch strukturelles Empowerment der Beteiligten ermöglichen können, jedoch nicht alle Care Leaver:innen davon profitieren, da diese keine homogene Gruppe darstellen. So zeigen die Autor:innen auf, dass vor allem jene Care Leaver:innen partizipieren, die ‚Erfolge‘, wie beispielsweise Bildungserfolge vorweisen können. Care Leaver:innen, die aufgrund von Hürden und Barrieren, wie etwa ein hochschwelliger Hochschulkontext, nicht partizipieren, werden in den Projekten nicht repräsentiert und erfahren in diesem Rahmen kein Empowerment. Aufbauend darauf fordern die Autor:innen, dass Forschenden bei partizipativen Forschungsprojekten die Aufgabe zukommt, eine intersektionale Perspektive einzunehmen, um die Heterogenität und Machtverhältnisse innerhalb der Zielgruppe stärker zu berücksichtigen und so Unsichtbarkeiten entgegenzuwirken.
Sophia Schorr, Daniel Lieb, Leah Stange, Stefanie Vochatzer und Anna Maria Kamenik plädieren in ihrem Beitrag „Von der partizipativen Forschung zum Empowerment. Eine methodologische Bestimmung kollaborativer Autoethnographie“ (S. 123–136) dafür, kollaborative Autoethnografie in das Methodenrepertoire partizipativer Forschung aufzunehmen. In ihrer Argumentation greifen sie auf ihre eigenen Erfahrungen als wissenschaftliches Kollektiv, bestehend aus Menschen aus Nicht-Akademiker:innenfamilien, zurück und verknüpfen diese mit theoretischen Bezügen. In Hinblick auf das Verhältnis zu Empowerment arbeiten sie heraus, dass kollaborative Autoethnografie das Potenzial besitzt, individuell wahrgenommene Erfahrungen als strukturelle Ungleichheitsverhältnisse zu begreifen und so eine individuelle und kollektive Form von Empowerment zu ermöglichen.
Diskussion
Der Sammelband leistet einen Beitrag zur praktischen und theoretischen Diskussion des Verhältnisses von partizipativer Forschung und Empowerment. Die unterschiedlichen Beiträge verdeutlichen die Vielfalt partizipativer Forschung und Forschungsmethoden im Bereich der Sozialen Arbeit. Durch ihre unterschiedlichen Perspektiven, Positionen und Schwerpunktsetzungen eröffnen die Autor:innen Einblicke in theoretische Bezüge, methodische Herangehensweisen und Reflexionen konkreter Forschungsprojekte. Dadurch werden sowohl die Komplexität des Verhältnisses von partizipativer Forschung und Empowerment als auch die darin enthaltenen Herausforderungen sowie Potenziale sichtbar. Besonders hervorzuheben ist dabei die kritische Perspektive, die viele Autor:innen einnehmen, durch die die Widersprüche und Machthierarchien innerhalb partizipativer Forschungsprozesse reflektiert werden.
Eine umfassende systematische theoretische Verhältnisbestimmung von Empowerment und partizipativer Forschung wird im Sammelband nicht angestrebt. Ebenso kann und soll der Sammelband nicht alle Felder der Sozialen Arbeit vollständig abdecken. Vielmehr bietet er den Lesenden differenzierte Einblicke in unterschiedliche Ansätze, Perspektiven und Widersprüche partizipativer Forschung sowie deren Verhältnis zu Empowerment in unterschiedlichen Bereichen der Sozialen Arbeit.
Anzumerken sei jedoch, dass der Sammelband nicht über eine thematische Gliederung der Beiträge verfügt. Stattdessen folgen diese ohne erkennbare Strukturierung oder Sortierung aufeinander, was eine Orientierung im Sammelband teilweise erschwert.
Fazit
Der Sammelband „Partizipative Forschung und Empowerment. Erkundungen in Feldern der Sozialen Arbeit“ bietet den Lesenden Einblicke in unterschiedliche theoretische Überlegungen und Reflexionen aus Forschungsprojekten zum Verhältnis von partizipativer Forschung und Empowerment. Er eröffnet Zugang zu unterschiedlichen Perspektiven, Ansätzen und Konzepten sowie zu Potenzialen, Herausforderungen und Hürden in diesem Feld und ermöglicht so eine differenzierte Annäherung an das Verhältnis von partizipativer Forschung und Empowerment.
Rezension von
Carolina Reiners
M.A., Projektmitarbeiterin und Doktorandin an der Universität Innsbruck.
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