Suche nach Titel, Autor:in, Rezensent:in, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Corinne Michaela Flick (Hrsg.): Welchen Wert hat Balance?

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 13.04.2026

Cover Corinne Michaela Flick (Hrsg.): Welchen Wert hat Balance? ISBN 978-3-8353-6076-1

Corinne Michaela Flick (Hrsg.): Welchen Wert hat Balance? Wallstein Verlag (Göttingen) 2026. 272 Seiten. ISBN 978-3-8353-6076-1. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.
Reihe: Convoco! Edition.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Balance ist Gleichgewicht, ist Gleichberechtigung, ist Humanität

In den Zeiten der Kakophonien, der Fake News und Populismen ist der Ruf nach Menschenwürde, Gerechtigkeit, Frieden und Demokratie angesagt. Es ist der humane Dialog, der die Conditio Humana bestimmt. „Convorare“, Zusammenrufen ist gefragt. Der interdisziplinäre Think-Tank „CONVOCO!“ fordert auf: „For a better Understanding“; das gemeinsame Wissen der Menschheit zu vernetzen und eine Orientierung zu ermöglichen, wie sie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 zum Ausdruck kommt: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der me2nschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“.

Entstehungshintergrund und Herausgeberin

Mit der 2004 gegründeten Initiative CONCOCO! wurde ein interdisziplinärer, unabhängiger Denk-, Meinungsbildungs‑ und Handlungsraum geschaffen, um allen Menschen auf der Erde zu einem guten Leben zu verhelfen. Die Gründerin und Vorstandsmitglied des Think-Tank, Corinne Michaela Flick, ist seit Oktober 2023 Professorin an der Universität Buckingham. Ihre Organisation, ihr Engagement und ihre Initiativen bewirken, dass die Forschungs‑ und Kommunikations-Aktivitäten von CONVOCO, mit den „Convoco Lectures“, dem „Convoco-Forum“, der „Convoco Potcast Reihe“ und der „Convoco Edition“ einen größeren, öffentlichen Bekanntheitsgrad erreichen [1].

Aufbau und Inhalt

Mit dem Bild des Seiltänzers, der sich an der Balancierstange festhält, um das Gleichgewicht zu halten, wird der Wert der Haltung zum Ausdruck gebracht. Es ist der Ganzheitsgedanke, mit dem sich Einstellungen wie Ruhe, Gelassenheit, Besonnenheit, Kompromiss … zeigen. Der kanadische Historiker und Politiker Michael Ignatieff setzt sich mit dem Beitrag – „Aus dem Gleichgewicht geraten“ für Überzeugung und Besonnenheit in extremen Zeiten ein. Es sind Werthaltungen, die Kompromisse bedingen, um wahr sein zu können [2]. Der Wirtschafts‑ und Rechtswissenschaftler Wolfgang Schön nimmt mit dem Zitat „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“, die vielfältigen, historischen und aktuellen Fragen nach der Wahrheit auf: „Die Wahrheit ist nicht Verhandlungssache“, sondern Fakt, der logisch und radikal, freiheitlich und demokratisch. Peter Wittig, Diplomat und Wissenschaftler, thematisiert den „Großmachtkampf oder Balance of Power“ zwischen den USA und China, indem er Donald Trumps China-Politik zwischen Ideologie und Instinkt einordnet. Er schätzt ein, „dass China in den Handels‑ (und Macht-)Auseinandersetzungen mit den USA langfristig als Sieger hervorgeht“. Der Präsident des Kiel-Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Moritz Schularick, zeigt mit dem Beitrag – „Das Ungleichgewicht des Handels“ – dass es zahlreiche blinde Flecken beim freien Wirtachaften gibt. Koordiniertes Handeln ist die Herausforderung.

„Ein System ist dann im Gleichgewicht, wenn die einzelnen Teile in Balance sind“. Die Fuldenser Politikwissenschaftlerin Claudia Wiesner stellt „Das Ende der liberalen Balance“ fest: Eine postliberale internationale Ordnung“ (LIO)und Machtpolitik ist gefordert.

Nina Tannenwald, Po litikwissenschaftlerin an der Brown University/USA, fragt: „Wie sieht die Zukunft der nuklearen Weltordnung aus?“. Auch die nukleare Welt ist aus dem Gleichgewicht geraten – das dritte Atomzeitalter droht. Das nukleare Tabu muss erneuert werden!

Der Historiker von der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg, Jörn Leonhard, betrachtet die historische Entwicklung der Balance-und Gleichgewichtsthematik, indem er die theoretischen und praktischen Verläufe skizziert. Es sind die Beziehungen zwischen Staat und Gesellschaft und die Zusammenhänge zwischen den Wirtschaftstheorien und der Wirtschaftspolitik.

Die an der Münchner Maximilians-Universität lehrende Wirtschaftswissenschaftlerin Monika Schnitzer stellt mit „Informieren, um zu bewahren“ die Balancefrage unseres Wohlfahrtsstaates. Es sind die veränderten Rahmenbedingungen, wie sie sich im (fortschreitenden) Generationenkonflikt darstellen: Sozialversicherungen und Bürokratie. Und es sind die notwendigen Reformen, die angegangen werden müssen.

Der Salzburger Neuro‑ und Sinnesphysiologe Herbert A. Reitsamer setzt sichauseinander mit „Balance durch ‚Steuern, Regeln oder beides“. In autoritären Systemen wird Steuerung als alleiniges, absolutes, ideologisches Ordnungsprinzip ein gesetzt, während in liberalen Demokratien Regeln Revisionen, Veränderungen und situative Rückkopplungsaspekte vorherrschen.

Der Münchner Rechts‑ und Verfassungsgeschichtler Stefan Korioth betrachtet mit dem Beitrag: „Demographischer Wandel und Generationengerechtigkeit“ die gerechten, sozialen Lastenverteilungen und mahnt, die demographischen Veränderungen nicht durch halbherzige Einzelkorrekturen lösen zu wollen.

Die Bonner Rechtswissenschaftlerin Birke Häcker fragt nach der „Balance im ‚gerechten‘ Vertrag“. Privat‑ und Gesellschaftsverträge (Civil‑ und Common-Law) sind Rechtsinstitute, die auf ethischen, menschenrechtlichen Grundlagen beruhen: „Ein Rechtsgeschäft, das gegen die guten Sitten verstößt, ist nichtig“.

Der Amsterdamer Politikwissenschaftler Philipp Pattberg stellt „Balance-Betrachtungen zum verspäteten ökologischen Zeitalter“ an. Im interkulturellen, globalen philosophischen Bewusstsein ist der Umgang des Menschen mit der Natur symmetrisch (etwa im asiatischen Denken) oder asymmetrisch (im europäischen Denken). Es bedarf der Abkehr von Erzählungen der Kontrolle, der Herrschaft und der Ausbeutung hin zu Erzählungen der Partnerschaft, der Gegenseitigkeit und der wechselseitigen Abhängigkeit zwischen Mensch und Natur“.

Der Braunschweiger Neurobiologe und Lebenswissenschaftler Martin Korte präsentiert eine „Neuropsychologie der Balance“. Mit Milliarden von Nervenzellen und Billionen von Synapsen regelt das menschliche Gehirn Wohlbefinden und Stress. Als Stressor stellt Hitze eine besondere, gesundheitliche. Körperliche und seelische Belastung dar. Es ist das individuelle und kollektive, emotionale und sachliche Umfeld, das zu neuronalen Störungen führen kann.

Timo Meynhardt von der HHL Leipzig unternimmt mit „Relationship is all you need“ einen Selbstversuch: „KI als Alter Ego“. Der Chatbot „Timotar“ pendelt zwischen persönlicher Überzeugung und Simulation. Irritierend und gleichzeitig quasi-real – „Ist Timotar Ich?“ – stellt sich die Frage: „Werkzeug oder Geselle?“.

Im Schlussbeitrag führt der Zürcher Artistic-Direktor Hans Ulrich Obrist mit dem italienischen Künstler Michelangelo Pistoletto: „Die Kunst der Balance: Das dritte Paradies“. Seine Spiegelbilder im Stil des Arte Povera wollen die „Demokratie“ als „Demopraxie“ schaffen: „Demos bedeutet Volk, Praxis bedeutet Praktikabilität“ – Cittadellarte.

Diskussion

Convoco bedeutet, heute die Verantwortung für die Welt von morgen zu übernehmen. Balance ist ein dynamischer, sich verändernder Prozess, Fragezeichen und Leuchtturm. Damit unsere Lebenswelt nicht aus den Fugen gerät, kommt es darauf an, sie in Balance zu halten, und dort, wo sie wackelt und gefährdet ist, zu stützen.

Fazit

Die Suche nach Balance ist wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Sie ist lohnend, und man kann fündig werden!


[1] Corinne Michaela Flick, Hg., Wie viel Freiheit müssen wir aufgeben, um frei zu sein?, 2022, www.socialnet.de/rezensionen/​29300.php

[2] Avishai Margalit, Über Kompromisse und faule Kompromisse, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/​11536.php.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
Mailformular

Es gibt 1747 Rezensionen von Jos Schnurer.

Zitiervorschlag anzeigen Besprochenes Werk kaufen

Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner NPO Forum e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Sponsoren

Wir danken unseren Sponsoren. Sie ermöglichen dieses umfassende Angebot.

Über die socialnet Rezensionen
Hinweise für Rezensent:innen | Verlage | Autor:innen | Leser:innen sowie zur Verlinkung

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245