Maria-Sibylla Lotter: Opfer
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 08.04.2026
Maria-Sibylla Lotter: Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (München) 2026. 224 Seiten. ISBN 978-3-446-28791-4.
Täter und Opfer sein
„Wer vor der Vergangenheit Augen, Ohren und das Herz verschließt, wird weder in der Gegenwart leben, noch in die Zukunft denken können“ (Richard von Weizsäcker, 1985). Es gibt einen individuellen und kollektiven Zusammenhang von Erinnern und Identität (Ulrike Jureit/Christian Schneider, Gefühlte Opfer, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/10056.php). Im ethischen und menschenrechtlichen Diskurs ist Täter‑ und Opfersein verbunden mit Schuld und Sühne, mit Strafe und Vergeltung. In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (1948) kommt zum Ausdruck, dass die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnende Würde und ihre gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens bilden. Im „Internationalen Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung“ (7.März 1966) wird postuliert, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleichsind und ein Recht auf gleichen Schutz des Gesetzes gegen jede Diskriminierung haben.
Entstehungshintergrund und Autorin
Im ethischen, moralischen, (inter-)kulturellen Umgang der Menschen miteinander gilt der kategorische Imperativ (Kant): „Was du nicht willst, das man dir tu‘, das füg‘ auch keinen andern zu!“. Doch diese Tugend wird immer wieder missachtet durch gewaltsam ausgetragene Konflikte und Kriege; sie erzeugen Täter und Opfer. Schuldspruch und Unschuldsvermutung sind Rechtstitel im gesellschaftlichen Miteinander. Die Ethikerin und Ästhetikerin von der Universität Bochum, Maria-Sibylle Lotter, setzt sich auseinander mit einer veränderten „Opferkultur“, bei der das „Opfer“ per se recht hat und berechtigt ist, öffentlich anklagend zu wirken. Sie plädiert für eine „Philosophie als Kritik der Kritiken“, wie sie John Dewey und andere als „progressive Erziehung“ formuliert haben (Michael Knoll, Dewey, Kilpatrick und „progressive“ Erziehung, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11412.php).
Aufbau und Inhalt
Die Autorin gliedert ihre Studie in acht Kapitel. In ersten thematisiert sie die „neue Therapiemoral“, indem sie sich mit dem „Fall Gil Ofarim“ im Leipziger Westin Hotel (2021) auseinandersetzt: „Wer sich öffentlich empört, hat fast nur Vorteile“ (und anscheinend immer recht). Im zweiten wird die „begriffliche Ausweitung der psychischen Verwundbarkeit“ diskutiert und damit eine Akzentverschiebung beim autonomen, verantwortungsvollen, humanen Umgang miteinander vorgenommen. Es sind Triggerwarnungen, die bei Personen mit posttraumatischen Belastungsstrungen hilfreich sein können. Drittens geht es um die Erweiterung und „Verschiebung der Moral“ und von der „Täterzentrierung zur Opferausrichtung“. Framing als sprachliche und begriffliche Konnotation und gegen Mobbing und Hass. Viertens kommt die „Laientheorie des Traumas“ zur Geltung. Die Anhänger der Dissozialisationstheorie gehen davon aus, dass die unmittelbarste, erlebbare Erfahrung von Gewalt sich darin äußern kann, Gewalt nicht zu erkennen, was zu einer Neuinterpretation der Opferrolle führt. Mit dem „I can’t breathe“ von George Floys wird fünftens „die Resakralisierung des Opfers“ virulent. Die Black-Lives-Matter-Bewegung gegen Polizeigewalt hatte ihren „Heiligen“; vom individuellen zum kollektiven Rassismus und zur „strukturellen Ungerechtigkeit“. Mitgefühl, Empathie und Solidarität mit dem Opfer wird zur Instrumentalisierung der Opferrolle. Sechstens zeigen sich Im kritischen sprach‑ und kulturwissenschaftlichen Diskurs „Verletzungen durch Sprache“: Sprache ist Macht, vor allem dann, wenn sie Gewalt ausdrückt und diskriminier:. Hate-Speech als illokutionäre Sprachhandlung (Langton und Maitra) oder als excitable speech (Butler). Siebtens geht es um die „Tyrannei der Werte“ (Eberhard Straub, Zur Tyrannei der Werte, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/10807.php). Meinungs-, Gedankenfreiheit sind allgemeingültige Menschenrechte. Im achten, Schlussbeitrag, geht es um die Verschiebung des Menschenbildes, angesichts des Opfer-, Trauma-, Verletzlichkeits-Diskurses. „Menschen reagieren in der Kommunikation nicht nur kognitiv, sondern immer auch affektiv und moralisch wertend auf die Ausdrucksformen anderer“.
Bei der Bewertung und Strafzumessung muss ein Unterschied vorgenommen werden, ob ein Täter kaltblütig und berechnend einen Menschen umbringt, oder ob ein an posttraumatischen Bewusstseinsstörungen leidender, halluzinierender Kranker seinen Gegenüber tötet. Die Theorie der moralischen Typisierung (Moral Typecasting von Kurt Gray und Daniel M. Wegner) warnt davor, „Täter und Opfer in starre Rollen zu pressen“.
Diskussion
Verwundbarkeit und Verletzlichkeit gehören zur Conditio Humana (Angela Janssen, Verletzbare Subjekte, 2018. www.socialnet.de/rezensionen/25043.php). Es ist die notwendige Balance zwischen Tun und Lassen, zwischen Handeln und Leiden, zwischen Macht und Ohnmacht, die das politische Denken und Handeln des zôon politikon bestimmen sollte. Es ist Aufklärung, die Sinn und Sein bestimmt.
Fazit
Konflikte und Verletzungen sind Gründe und Erlebnisse des Menschseins, genauso wie ein gelingendes, gutes Leben: Opfer kann Opfer‑ und Täter Tätersein.
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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