Michael Klöpper: Die Dynamik des Psychischen
Rezensiert von Sebastian Kron, 01.07.2026
Michael Klöpper:Die Dynamik des Psychischen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2026. 3. Druck Auflage. 390 Seiten. ISBN 978-3-608-98913-7. D: 50,00 EUR, A: 51,40 EUR.
Thema
Die Psychodynamik befasst sich mit lebensweltlichen, mentalen und psychischen Herausforderungen, die im Hier und Jetzt eine Rolle spielen und in der Vergangenheit ihren „Nährboden“ haben. Diese Erfahrungen sind zumeist konfliktbehaftet und finden in traumatischen, einschneidenden und situativ unruhigen Lebensphasen ihren Ursprung.
Sigmund Freud war es, der die Psychoanalyse als „Redekur“ entwickelte und zentrale triebtheoretisch fundierte Konflikte der frühen Kindheit herausarbeitete. Für ihn lagen viele psychische Probleme in der frühen Kindheit begründet. Mit Einfluss Jungs und Adlers sowie bedeutender Nachfolger:innen gewann das gegenwärtige Erleben einen immer größeren Stellenwert im psychodynamischen Diskurs.
Autor
Herr Dr. med. Michael Klöpper ist als Facharzt für Psychotherapeutische Medizin und Psychoanalytiker in eigener Praxis tätig. Er ist Dozent, seit über 20 Jahren Supervisor von postgraduierten Psychotherapeut:innen und Lehranalytiker (DGPT) an der Akademie für Psychoanalyse und Psychotherapie Hamburg (APH), war deren erster Vorsitzender und Mitglied des wissenschaftlichen Leitungsteams der Psychotherapiewoche Langeoog.
Entstehungshintergrund
Das Buch verspricht auf seiner Banderole ein „zeitgemäßes, kohärentes Denkmodell für die Arbeit in der Psychoanalyse und tiefenpsychologischen Psychotherapie, das die unbewusste Dynamik der Beziehung schrittweise verständlich werden lässt“.
Aufbau
Das vorliegende Fachbuch lässt sich in fünf große Abschnitte unterteilen:
I. Einführung in die Dynamik unbewusster Prozesse
II. Über die Schulter geschaut: Psychodynamik in der klinischen Praxis
III. Glossar: Das Vokabular der psychodynamischen Psychotherapie
IV. Die metapsychologischen Konzepte des Unbewussten in der psychodynamischen Psychotherapie
V. Das Individuum, sein Selbst und sein Ich. Ein komplexes System in Entwicklung
Inhalt
Um das sehr umfangreiche Buch zu clustern, entschied ich mich, zentrale Fragen zu diskutieren, die im Rahmen des Inhalts aufgegriffen werden:
Teil I:
Was bedeuten Konflikt und Struktur im Kontext der psychodynamischen Psychotherapie?
In der psychodynamischen Psychotherapie werden die Begriffe Konflikt und Struktur oft verwendet. Bei einem Konflikt handelt es sich zumeist um innerpsychische Prozesse, die konträr zueinanderstehen und dadurch ein Unbehagen hervorrufen können.
Die Struktur beschreibt nach Gerd Rudolf das Funktionsniveau der menschlichen Psyche und kann als ein Teil des Selbst angesehen werden. Sigmund Freud hingegen entwickelte ein Strukturmodell, wonach die menschliche Psyche in drei strukturell notwendige Instanzen eingeteilt wird, das Es, das Ich und das Über-Ich.
Wenn psychodynamisch konfliktbasiert gearbeitet wird, geht es also darum, innerpsychische konträre Gefühlslagen und Emotionen zu lösen, diese zum Selbst zugehörig zu verstehen und dadurch als weniger belastend wahrzunehmen. Ein strukturbasiertes Arbeiten hat Einflüsse auf die Organisation der menschlichen Psyche.
Teil II:
Was bedeutet psychodynamisches Denken und Handeln?
Psychodynamisches Denken und Handeln versucht, unbewusste psychische Herausforderungen der Vergangenheit mit dem aktuellen Erleben in Einklang zu bringen. Psychodynamisches Handeln ist vielfach einer abwehrenden Haltung der Klient:innen ausgesetzt und versucht, Übertragungs‑ und Gegenübertragungsphänomene zu verstehen und entsprechend zu deuten. Ferner sieht es die primären Abwehrmechanismen als wesentlichen Prozess der psychodynamischen Entwicklungspsychologie und Therapie.
Was bedeutet projektive Identifikation als Faktor gruppendynamischen Handelns?
Die projektive Identifikation beschreibt eine unbewusste Projektion von Verhaltensweisen auf andere, mit dem Ziel, dass sich der*die Gegenüber mit diesen Verhaltensweisen identifiziert, diese also annimmt. In der Psychodynamik handelt es sich dabei um einen relativ unreifen Abwehrmechanismus, der aber zur Folge haben kann, Menschen auf einer gewissen Ebene beeinflussbar zu machen.
Wo liegt der Zusammenhang zwischen einem sehnsüchtigen Verlangen nach Zuneigung und einer traumatisierten Persönlichkeit?
Traumatische Erlebnisse, die auf dem Bedürfnis nach Bindung und Zugehörigkeit beruhen, haben oft prekäre Ausmaße, insbesondere dann, wenn sie in der frühen Kindheit passieren. Das sehnsüchtige Verlangen nach Zuneigung basiert auf einem erschütterlichen Wunsch, intakte Beziehungen zu führen und dadurch dem Gefühl innerer Unsicherheiten zu entkommen. Dabei unterscheiden sich Individuen. Einige meiden Bindungen und Beziehungen, wieder andere versuchen vergangenheitliche, traumatische Beziehungserfahrungen mit zum Teil aufzwängenden, aktuellen Bindungsmustern zu kompensieren.
Was bedeutet die Identifikation mit dem Aggressor?
Sich mit dem Aggressor zu identifizieren, heißt, Eigenschaften der aggressionsspendenden Person zu übernehmen und dem Ich zugehörig zu begreifen. Das Täter-Introjekt kann als retraumatisierend wahrgenommen werden und gewisse Gefühle der Panik ohne Ankündigung auslösen.
Was bedeutet Transgenerationalität in der psychologischen Traumatologie?
Transgenerationalität bedeutet in der Traumatologie, dass diverse Eigenschaften eines Traumas über Generationen weitergegeben werden. Sie geht davon aus, dass psychische Erlebens‑ und Leidensprozesse traumatisierter Menschen an andere Generationen übertragen werden können.
Was ist eine neurotische Depression und welchen Ursprung hat sie?
Neurotische Depressionen sind oftmals gepaart mit diversen Ängsten und zeigen sich in Phasen der tiefen Traurigkeit, inneren Leere und Unruhe. Neurotische Depressionen entspringen vielfach aus traumatischen Erlebnissen des Verlustes und der Trauer und basieren auf der Angst, erneut verlassen zu werden.
Welche Bedeutung haben das Unbewusste und libidinöse Triebwünsche?
Sigmund Freud sah sowohl in libidinösen als auch destruktiven Phantasien unbewusste Eigenschaften, die im Es ihren Ursprung haben. In den Anfängen der Psychoanalyse wurden libidinöse Phantasien als Ursprung eines jeden Erlebens und Verhaltens gesehen. Die Triebtheorie Freuds war eine der zentralen Überlegungen, wenn es um zwischenmenschliche Eigenschaften ging.
Teil III:
Der dritte Teil des Buches bildet ein Glossar mit der Definition einiger zentraler Begrifflichkeiten ab.
Teil IV:
Welche Methoden und welche Wirkung hat die psychodynamische Psychotherapie?
„Die psychodynamische Psychotherapie umfasst alle psychotherapeutischen Methoden, die
a.) von der Wirkung des Unbewussten ausgehen,
b.) das Unbewusste als Bestandteil des Selbst ansehen,
c.) von dessen Wirkung im Krankheitsfall ausgehen,
d.) psychische Erkrankungen als das Ergebnis einer komplexen Entwicklung mit Beginn in der frühesten Kindheit ansehen.“ (S. 237)
Damit haben Methoden der psychodynamischen Psychotherapie ihre Wurzeln in unbewussten Erfahrungen, Wünschen und Sehnsüchten. Sie kombinieren komplexe Herausforderungen der frühesten Kindheit mit dem aktuellen Erleben und Verhalten. Ziel der psychodynamischen Therapie ist es, das Unbewusste bewusst und durch empathische, feinfühlige Gespräche verletzende Faktoren unschädlich zu machen bzw. Strategien zu entwickeln, diese als Bestandteil des Selbst zu begreifen.
Welche Bedeutung hat die Psychoanalyse?
Die Psychoanalyse war Ausgangspunkt aller psychodynamischen Überlegungen. Sie geht auf Sigmund Freuds „Redekur“ zurück und vereint psychoanalytische Methoden, Theorien mit der Therapie und Behandlung ihrer Analysand:innen.
Was bedeutet Objektbeziehungspsychologie?
Die Objektbeziehungspsychologie ist eine der modernsten psychodynamischen Überlegungen, wenn es um zwischenmenschliche Beziehungen und Beziehungsgefüge geht. Sie sieht innere und äußere Objekte der menschlichen Psyche und hat ihren Hauptursprung in der Bindungstheorie. Innere Objekte sind innerpsychische Repräsentanzen, die als Symbol früherer Objektbeziehungen stehen, die also auf früheste Bindungserfahrungen fußen. Äußere Objektbeziehungen beschreiben Repräsentanzen aktueller, erlebbarer Bindungen.
Was heißt psychodynamisch zu verstehen?
Psychodynamisches Verständnis basiert auf dem „Erkennen“ und Deuten von Eigenschaften und unbewussten Erfahrungen mit Krankheitswert.
Was bedeuten
a.) die Bindungstheorie,
b.) das Konzept der Mentalisierung,
c.) die psychoanalytische Selbstpsychologie und
d.) die Intersubjektivität
in der Psychodynamik?
Die Bindungstheorie geht auf John Bowbys Überlegungen von Bindung und Beziehung zurück und erfuhr durch den Einfluss von Mary Ainsworths Konzept der mütterlichen Feinfühligkeit ihre Weiterentwicklung. Die Bindungspsychologie thematisiert fundamentale Primärbindungen (Bindungen zur Bezugsperson).
Das Konzept der Mentalisierung sieht das mentale innerpsychische Erleben der eigenen oder einer anderen Person als Ausgangspunkt für deren Erleben und Verhalten an. Die Fähigkeit zu mentalisieren beschreibt das Verständnis von innerpsychischen Gefühlslagen und dem Abgleich mit dem gegenwärtigen Erleben und Verhalten. Dieses Konzept hat seinen Ursprung in der Bindungstheorie, in der Kognitions-, anteilig auch in der Sprachwissenschaft und lässt sich daher als interdisziplinär verorten.
Die psychodynamische Selbstpsychologie sieht das Selbst als zentralen Anker und geht auf Heinz Kohut zurück. Dieser sah innerpsychische Entwicklungskrisen als Fundament einer pathologisch, narzisstischen Ich‑ und Selbst-Entwicklung an.
Die Intersubjektivität sieht Meinungen, Gefühle und Betrachtungen im Fokus eines übergreifenden Verständnisses mehrerer Subjekte und Menschen.
Alle diese Theorien haben Einfluss in die Psychodynamik und prägen diese auf unterschiedlicher Weise. Sie lassen sich als elementar verorten, wenn es darum geht, die Wirkungen von Objektbeziehungen auf das Selbst zu betrachten.
Teil V:
In welchem Zusammenhang stehen das Selbst und das Ich zueinander?
Das Ich ist eine innerpsychische Instanz, die dem Selbst zugehörig ist und den Anforderungen des Es und des Über-Ichs einer Realitätsprüfung unterzieht. Sie wird als vermittelnde Instanz zwischen unbewussten Triebregungen und elterlichen Moralanforderungen gesehen.
Was heißt es, psychisch „zu reifen“?
Psychisch zu reifen ist ein Prozess, bei dem das Individuum zentralen, innerpsychischen Entwicklungsaufgaben gerecht werden muss. Er sieht das Selbst an stetige Konfrontationen mit Konflikten, konträren Gefühlslagen und Emotionen gebunden.
Das Buch schlägt den Bogen von praktischen Fällen der Therapie zur Grunderörterung psychodynamischer Theorien und Modelle. Die Herausforderung, dies kompensierbar zu machen, bewog mich dazu, theoretische Modelle in dieser Rezension zu diskutieren, wohlweislich, dass sie nicht dem komplexen Inhalt des Werkes gerecht werden können.
Diskussion
Der Autor wird seiner Anforderung an das vorliegende Buch gerecht, als er schreibt, dass es sich bei dem Fachbuch um „ein zeitgemäßes, kohärentes Denkmodell für die Arbeit in der Psychoanalyse und tiefenpsychologischen Psychotherapie, das die unbewusste Dynamik der Beziehung schrittweise verständlich werden lässt“ handelt. Das Buch vermittelt wegweisende Überlegungen, die auch interdisziplinär wirkend den Gestaltungsspielraum sämtlicher Sozialarbeitender erweitern können. Durch die didaktische Aufbereitung an spezifischen, praktischen Fällen zeigt es sich wissensspendend und vielseitig einsetzbar.
Fazit
Das vorliegende Buch erweist sich als wissensspendend und didaktisch breit aufgearbeitet. Es besticht in seiner Komplexität mit praktischen Fällen der psychodynamischen Psychotherapie und deren Erörterung an theoretischen Modellen und Begrifflichkeiten. Der Inhalt dieser Buchbesprechung wird der Komplexität des didaktisch wertvollen Werkes nicht gerecht werden, bildet aber zentrale Begrifflichkeiten ab, die schwerpunktartig aus dem Buch entnommen wurden und bei denen der Versuch einer Definition unternommen wurde.
Rezension von
Sebastian Kron
Mailformular
Es gibt 33 Rezensionen von Sebastian Kron.




