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Gerald Hüther: Die Kraft von Verbundenheit und Freiheit

Rezensiert von Alexandra Großer, 22.07.2026

Gerald Hüther: Die Kraft von Verbundenheit und Freiheit. Wie natürliche Erfahrungsräume und Beziehungen die kindliche Entwicklung stärken. AV1 Pädagogik-Filme (Kaufungen) 2025. 20,00 EUR.
DVD-Nummer 46505892, 124 Minuten, Online-Nummer 55508610.

Thema

Der Vortrag befasst sich damit, was Kinder brauchen, damit ihre Grundbedürfnisse nach Verbundenheit und Autonomie, Freiheit und Gestaltungsmöglichkeiten erfüllt sind. Gerald Hüther beschreibt, wie Pädagog:innen Kinder begleiten können, damit sie sich als Selbstwirksam erleben. Anhand der Prozesse im Gehirn erklärt er, wie das „Kohärenzwiederherstellungskompetenzgefühl“ entsteht und was dies mit innerer Stärke zu tun hat. Wie Pädagogik beschaffen sein muss, damit Kinder ihre Potenziale entfalten können.

Autor:in oder Herausgeber:in

Dr. rer. nat. Dr. med. habil. Gerald Hüther ist Neurobiologe und Vorstand der Akademie für Potenzialentfaltung. Er war wissenschaftlich am Zoologischen Institut der Universitäten Leipzig und Jena, am Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin in Göttingen, als Heisenberg-Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) sowie an der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen tätig. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte umfassen den Einfluss früher Erfahrungen auf die Hirnentwicklung, die Auswirkungen von Angst und Stress sowie die Bedeutung emotionaler Reaktionen. Er ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen und populärwissenschaftlicher Darstellungen (Sachbuchautor).

Aufbau

Die DVD enthält den Vortrag von Gerald Hüther sowie die Trailer „Der innere Ruf“ und „Wo Kindheit Wurzeln schlägt“.

Inhalt

Gerald Hüther begrüßt das Publikum und gibt gleich ein starkes Statement ab, indem er sagt, dass die Pädagogik, die die Natur‑ und Waldkindergärten vertreten, „diese alte Pädagogik aus dem vorherigen Jahrhundert ablösen wird“ [00:01:05]. Er beginnt seinen Vortrag mit einer Geschichte, mit der er dann auf ein Dilemma hinweist, in dem wir uns befinden. In der alten Pädagogik wurden Kinder durch sehr autoritäre Erziehung dazu angehalten, sich anzupassen, zu gehorchen, den Erwartungen Erwachsener zu entsprechen. Ein Verhalten, das auf Gehorsam beruht. Ziel ist jedoch der freie selbstbestimmte Mensch. Kinder, die selbstdiszipliniert, selbstkontrolliert, selbstverantwortlich agieren. Kinder in Natur‑ und Waldkindergärten lernen, sich in den Raum einzufügen, sich als Teil des Ganzen zu verstehen. Er stellt die Frage, wie Pädagogik es erreichen kann, „dass Kinder sich aus sich selbst heraus als wertvolle Mitglieder der Gesellschaft erleben […] sich in die Gesellschaft einbringen“ (00:06:20), ihre Besonderheiten und Fähigkeiten leben können und eigenverantwortlich handeln. Wie muss Pädagogik beschaffen sein, damit dies gelingt? Ist die Frage, die er stellt.

Anhand des Marshmallowexperiments zeigt er auf, welche Fähigkeiten und Kompetenzen damit verbunden sind, die Kinder erst noch entwickeln. Diese Fähigkeiten lassen sich nur in einer offenen komplexen Umgebung erfahren, wie Kinder sie beispielsweise in Natur‑ und Waldkindergärten erleben. Wenn Kinder Tiere in der Natur beobachten möchten, müssen sie sich in Selbstdisziplin üben, das bedeutet, sie lernen Impulskontrolle, die Folgen abzuschätzen sowie ihr Handeln zu planen (vgl. 00:09:24). Dies sind Kompetenzen, die Kinder nur erfahren können, die man ihnen nicht beibringen kann. Er warnt davor, dass aus gelangweilten Kindern, gelangweilte Erwachsene werden, die dadurch die Gesellschaft zerstören. Provokativ wertet er die digitalen Medien als Beruhigungswerkzeug ab, welches nur Langeweile produziert, um dann beispielhaft zu erklären, wie man dieses „wunderbare Werkzeug“ kreativ nutzen kann. Damit warnt er, vorschnell zu urteilen und abzuwerten, denn es kommt auf die Nutzung an.

Gerald Hüther erklärt, dass es Aufgabe der Pädagog:innen ist, Kindern reichhaltige Erfahrungen zu ermöglichen, sodass Kinder sich als Gestalter und Entdecker erleben können und Selbstbildungsprozesse aus ihnen heraus entstehen. Das heißt, Pädagog:innen sind für die Rahmenbedingungen verantwortlich, damit Kinder sich aus sich selbst heraus organisieren und bilden können. „Das ist Pädagogik, Rahmenbedingungen zu setzen, in denen das, was man sich wünscht zu 99 %tigen Sicherheit auch wirklich passiert. Es organisiert sich allein, aber es braucht Rahmenbedingungen, damit es nicht ungünstig wird“ (00:18:54 – 00:19:12).

Anhand der Gehirnentwicklung veranschaulicht der Vortragende, dass jedes Kind genauso richtig ist, wie es ist. Jedes Kind ist einzigartig. Jedes Kind ist hochbegabt, weil es bereits mit bestimmten Fähigkeiten auf die Welt kommt. Er hinterfragt damit die Festlegung des IQ anhand einer gesellschaftlichen wissenschaftlichen Norm. Für Gerald Hüther sind die Natur‑ und Waldkindergärten die Orte, an denen die Begabungen von Kindern entdeckt werden können. Diese können nur entdeckt werden, indem das Kind beobachtet wird. Dazu braucht das Kind eine komplexe Umgebung, in der es explorieren kann, wie beispielsweise in Wald‑ und Naturkindergärten. Gerald Hüther zeigt auf, dass sich jedes Kind die Tätigkeit aussucht, für die es eine Affinität hat. Da gibt es Kinder, die am liebsten nur in Bäume klettern, andere, die mit Materialien Muster in die Wiese legen. Dies kann jedoch nur beobachtet werden, wenn Kinder den Freiraum dazu bekommen.

Jeder Mensch speichert in seinem Gehirn nicht die Probleme, die er hatte, sondern die Lösungen, die er gefunden hat. Diese müssen keine Lösungen beziehungsweise Verhaltensweisen sein, die zu Lösungen führen, die wir gutheißen. Wenn ich beispielsweise gelernt habe, dass ich mit Hauen weiter‑ und durchkomme, wird dies als Lösung im Hirn abgespeichert. Beim nächsten Konflikt ist es sehr wahrscheinlich, dass dann wieder zu dieser Lösung gegriffen wird. Im Leben geht es „immer darum, einen Kohärenzzustand herzustellen, wo alles gut gepasst hat“ (00:36:05). Unser Gehirn möchte möglichst wenig Energie verbrauchen und versucht, bei Inkohärenz immer wieder diesen Kohärenzzustand herzustellen, indem es Lösungen findet. Die durchaus unterschiedlich aussehen können. Gerald Hüther legt ausführlich dar, was passiert, wenn Kinder vielfältige Erfahrungen machen können. Erleben die Gehirne der Kinder immer wieder einen Zustand der Inkohärenz, müssen sie für Probleme immer wieder Lösungen suchen, um den Kohärenzzustand wiederherzustellen. Damit Kinder Problemlösekompetenz entwickeln können, brauchen sie vielfältige Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt.

In der Kita geht es darum, dass Kinder sich wohlfühlen. Wenn Kinder sich nicht wohlfühlen, dann haben sie meist ein Problem. Dann sind oft ihre Grundbedürfnisse nach Verbundenheit und autonomer Gestaltung, welches auch mit Freiheit übersetzt werden kann (00:51:41), verletzt. Es geht darum, Kinder so, wie sie sind, anzunehmen und ihnen bedingungsloses Interesse an ihrer Entfaltung entgegenzubringen. Entfaltung bedeutet für ihn, im Sinne von „Kohärenzwiderherstellungskompetenzgefühl“, dem Kind so viele Herausforderungen wie möglich zu geben, damit es immer wieder Lösungen finden muss. Wer die Erfahrung macht, dass er Probleme lösen kann, lernt, dass er Herausforderungen, die ihm das Leben später stellt, meistern kann (vgl. 00:56:18). Er macht deutlich, dass es nicht um die Weltprobleme geht, wie beispielsweise die Klimakrise, den Krieg in der Ukraine, oder Eheprobleme, mit denen Kinder belastet werden, denn diese Herausforderungen sind für Kinder unlösbar.

Eine weitere wichtige Botschaft, die er in seinem Vortrag mitgibt, ist, dass pädagogische Fachkräfte aufhören sollen zu glauben, dass sie ein Kind verändern könnten. Es ist ein Irrglaube, zu denken, ein Mensch könnte einen anderen Menschen verändern. Oft ist es so, dass Erwachsene versuchen, das Verhalten von Kindern durch Belohnung, Bestrafung und Kontrolle zu verändern. „Abrichtung und Dressur heißt das“ (01:00:58) und stammt aus dem letzten Jahrhundert. Mit solchen Methoden werden Kinder zu „gehorsamen Befehlsempfänger:innen, die innerlich kaputt sind“ (01:01:15 – 01:01:20). Was wir jedoch tun können, ist, Kindern andere Lösungen anzubieten und sie einzuladen, zu ermutigen und zu inspirieren, ihren Blick zu weiten und andere Lösungen auszuprobieren (vgl. 01:02:39). Das funktioniert jedoch nur, wenn Kinder auf Erwachsene treffen, die sie mögen, sie wertschätzen und so annehmen, wie sie sind. Kinder bilden in der Beziehung mit anderen ein Ich-Konstrukt aus und lernen damit, wie sie sich zu verhalten haben, damit sie gemocht werden. Werden Kinder zu Objekten von Menschen gemacht, indem diese sie belehren, nach ihren Vorstellungen und Absichten, Bewertungen und Zielen erziehen, „werden die beiden Grundbedürfnisse nach Verbundenheit und eigenen Gestaltungsmöglichkeiten katastrophal verletzt“ (01:06:09). Damit erklärt Gerald Hüther, dass Menschen nicht mehr ihrem inneren Selbst, ihrem inneren Ruf folgen, sondern sich anpassen und anhand verschiedenster Bewältigungsstrategien versuchen, ihre Grundbedürfnisse zu stillen, indem sie nach Anerkennung streben, nicht immer mit adäquaten Strategien. Sein Appell am Ende des Vortrags lautet daher, mehr auf die innere Stimme zu hören, mit sich selbst liebevoller umzugehen, damit wir wieder liebevoller mit anderen umgehen können. Denn es braucht Pädagog:innen, die sich selbst mögen, damit sie Kinder liebevoll begleiten und ihnen bedingungsloses Interesse an ihrer Entfaltung entgegenbringen können.

Diskussion

Gerald Hüther fordert dazu auf, den Blick auf Kindheit zu verändern, die Selbstbildungsprozesse von Kindern zu fördern, zu fordern, liebevoll zu begleiten und Kindern mit echtem Interesse zu begegnen.

Sehr kritisiert wird von ihm die Nutzung von Tablets und Smartphones, die für Kinder sehr schnell langweilig werden und alles, was man damit dann noch tun könne, sozusagen „als gestalterischer Akt“ (00:10:16), wäre, sie zu zerlegen und zu zerstören. Im ersten Augenblick möchte man hier widersprechen, da er damit zunächst provoziert. Im nächsten Augenblick jedoch zeigt er auf, wie digitale Medien kreativ genutzt werden können. Damit bestätigt er, dass durch die kreative Nutzung der Medien die Kinder ebenso ihre Impulskontrolle, Handlungsplanung und Folgenabschätzung schulen als auch Medienkompetenz erwerben.

Ein Fazit, welches Gerald Hüther zieht, ist, es dem Kind möglichst viele Steine in den Weg zu legen, damit es lernt, diese wegzuräumen. Der Vortragende erklärt sehr anschaulich, wie das Gehirn arbeitet. Er zeigt auf, dass im Hirn nicht die Probleme verankert sind, die das Leben uns stellt, sondern die Lösungen, die wir gefunden haben. Denn das Hirn arbeitet energiesparend. Ähnliches Problem, gleiche Lösung. Das Gedächtnis bedient sich aus dem Erfahrungsschatz. Deshalb brauchen Kinder Herausforderungen, die sie bewältigen müssen. Je mehr sie bewältigen müssen, desto reichhaltiger ihr Lösungsschatz. Die Natur ist dafür der perfekte Ort, um Kohärenzwiderherstellungskompetenzgefühle zu erzeugen. Denn hier lernen Kinder viele Bewältigungsstrategien.

Gerald Hüther provoziert, fordert damit zum Denken, zum Nachdenken heraus. Macht darauf aufmerksam, dass in Kitas immer wieder versucht wird, die Verhaltensweisen von Kindern mit Methoden zu ändern, die aus der alten Pädagogik stammen. Zugleich verbindet er seine Thesen immer wieder mit den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. Erklärt, dass wir uns in unsicheren Umbruchsituationen befinden. Sein Vortrag enthält nicht nur wichtige pädagogische Botschaften, sondern ebenso wichtige politische Botschaften. Damit wird deutlich: Pädagogik ist auch politisch.

Gerald Hüther regt mit seinem Vortrag zum Nachdenken an. Er fordert heraus. Und macht deutlich, dass wir alle im gleichen Boot sitzen. Doch wir alle haben es auch in der Hand, uns selbst zu reflektieren und zu verändern, nicht den anderen.

Fazit

Gerald Hüther regt mit seinem Vortrag zum Nachdenken an und rüttelt auf. Die Zuschauer*innen bekommen nicht nur anschauliche Einblicke in die Gehirnentwicklung, sondern lernen auch, wie Kohärenzwiederherstellungskompetenzgefühle entstehen und was das alles mit Pädagogik und der Begleitung von Kindern zu tun hat.

Rezension von
Alexandra Großer
Fortbildnerin, päd. Prozessbegleiterin, systemische Beraterin
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Es gibt 105 Rezensionen von Alexandra Großer.

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ISSN 2190-9245