Simone Christina Jerke: Gesundheitssystem Deutschland? Frag doch einfach!
Rezensiert von Prof. Dr. med. et Dr. disc. pol. Andreas G. Franke, 15.05.2026
Simone Christina Jerke: Gesundheitssystem Deutschland? Frag doch einfach! Klare Antworten aus erster Hand.
UTB
(Stuttgart) 2026.
328 Seiten.
ISBN 978-3-8252-6098-9.
D: 17,90 EUR,
A: 18,40 EUR,
CH: 24,50 sFr.
Reihe: Frag doch einfach!
Thema & Zielsetzung
Der Titel des Buches lässt den Inhalt und die Zielsetzung des Buches mehr als erahnen: Die Autorin stellt die wesentlichsten Aspekte des deutschen Gesundheitssystems dar und erklärt diese den Leser:innen – sie geht dabei aber teilweise auch über das Gesundheitssystem hinaus. Simone Christina Jerke weist zunächst darauf hin, dass dieses Teilsystem des deutschen Sozialstaates häufigen Reformierungen unterlegen war und ist und im EU-Vergleich als eines der teuersten Systeme gilt, aber nicht zu einer besonders hohen Lebenserwartung der Bevölkerung führt. Ein wesentlicher Aspekt ist aus ihrer Sicht die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung. Vor allem vor diesem Hintergrund sieht die Autorin einen gewissen Erklärungsbedarf.
Herausgeber bzw. Autor:innen
Simone Christina Jerke wurde im Jahre 1989 geboren und ist nach einem Bachelorstudium der Politikwissenschaften und einem Masterstudium der Soziologie noch ein „Neuling“ unter den (Buch-) Autor:innen. Als studierte Politikwissenschaftlerin und Soziologin arbeitet sie als freiberufliche Dozentin in den Bereichen Humanwissenschaften und Sozialwissenschaften (u.a. für die Carus-Akademie des Universitätsklinikums Dresden sowie die Fachhochschule Dresden) sowie als zertifizierte Kommunikationstrainerin.
Entstehungshintergrund/​Vorgeschichte
Simone Christina Jerke beschreibt zunächst eine hohe Reformierungsgeschwindigkeit des deutschen Gesundheitssystems. Darüber hinaus beschreibt sie einen weiterhin hohen Reformbedarf und beschreibt eine „mangelhafte Gesundheitskompetenz der deutschen Bevölkerung“. An diesem Punkt setzt die Autorin ihr Buch an. Sie vermittelt den Leser:innen zunächst Wissen über das deutsche Gesundheitssystem und stellt Funktionslogiken dar und liefert schließlich praktische Querverweise, sodass die Leser:innen entsprechende Kenntnisse und Kompetenzen erwerben können.
Aufbau & Inhalt
Das Buch gliedert sich nach einem Vorwort der Autorin sowie einer Erklärung der im Buch verwendeten Symbole und der Darstellung einiger eklektischer Eckdaten in drei große Teile, die von einem Glossar, einem Quellenverzeichnis der Infographiken und einem Stichwortverzeichnis gefolgt werden. Der erste große Teil ist in einzelne Unterkapitel unterteilt und widmet sich „Aufbau und Grundlagen des Gesundheitssystems“. Hier stellt die Autorin zunächst aber nicht den Aufbau und die Grundlagen des Gesundheitssystems dar, sondern wirft zunächst gemeinsam mit den Leser:innen einen Blick in die Geschichte des deutschen Sozialstaates. Als Zentrum dessen stellt sie zunächst die Geschehnisse nach der „Landflucht“ in der Industrialisierung dar und erläutert die Bismarcksche-Sozialgesetzgebung. Nach diesem geschichtlichen Abriss und einem Blick über den Tellerrand in die anderen Sozialversicherungen des deutschen Sozialstaates stellt Simone Christina Jerke die Grundprinzipien des deutschen (gesetzlichen) Krankenversicherungssystems dar. Dabei fehlt auch ein Blick in die private Seite des Krankenversicherungssystems nicht – und auch die Beihilfe sowie freie Heilfürsorge werden keineswegs ausgespart. Schließlich wird die Besonderheit des deutschen Krankenversicherungssystems mit seinen gesetzlichen sowie privaten Anteilen erläutert. Auch die heiklen Aspekte wie bspw. die Schaffung einer putativen Zweiklassenmedizin durch das Nebeneinander von gesetzlicher und privater Krankenversicherung werden aufgegriffen. Dabei fehlen auch die Begriffe der Solidarität und des „sozialen Charakters“ der Krankenversicherung nicht. Nach einem kurzen Ausflug in die gesetzliche Unfallversicherung wendet sich die Autorin der Finanzierung von ambulantem sowie stationärem Gesundheitssystem zu. Hier werden insbesondere die Neuerungen der letzten Jahre und Dekaden dargestellt und erklärt; ein wesentlicher Teil der Betrachtung entfällt auf die Diagnosis-Related-Groups (DRGs) bzw. Fallpauschalen. Dabei kommen auch die Besonderheiten des psychiatrischen Versorgungssystems zur Sprache (PEPP). Nachdem die Autorin noch die aktuelle Krankenhausreform streift, widmet sie sich den Grundsätzen anderer/ausländischer Gesundheitssysteme und wirft schließlich auch einen Blick in die DDR. Der zweite Teil des Buches (Was bedeutet das praktisch? Spezielle Felder im deutschen Gesundheitssystem) ist in sechs Kapitel untergliedert und vertieft die im ersten Teil angerissenen Aspekte, greift aber auch bislang unbehandelte Aspekte auf. Jerke beginnt mit der Darstellung des Unterschiedes zwischen ambulanter und stationärer (aber auch teilstationärer) Versorgung. Insbesondere thematisiert sie die Frage nach der Notwendigkeit bzw. Verpflichtung von Hausbesuchen durch Ärzt:innen und des notwendigen Erscheinens von Patient:innen in der (Haus-) Arztpraxis sowie der Vorstellung in der Notaufnahme bzw. die Hinzuziehung des Rettungs‑ bzw. Krankentransportdienstes, bevor sie die Organisation der ambulant tätigen Ärzt:innen aufgreift. Auch die Arten von Arztpraxen und die Bedeutung der Begrifflichkeit der freien Arztwahl werden thematisiert. Im Anschluss wird das ambulante, durch die kassenärztliche Vereinigung geregelte Versorgungssystem unter die Lupe genommen. Auch die Endlichkeit von Ressourcen kommt in diesem Zusammenhang zur Sprache; in diesem Rahmen werden auch die Terminservicestellen (eingeführt von Gesundheitsminister Gröhe) und die Rolle von kassenärztlichem Bereitschaftsdienst, Notaufnahmen und Bereitschaftspraxen angesprochen. Natürlich fehlt auch die Thematisierung von Arbeitsunfähigkeit (AU) und Überweisungsscheinen nicht sowie die heikle Debatte über die Budgetierung v.a. hausärztlicher Leistungen. Danach folgt ein Kapitel über die „Präklinische Notfallversorgung“. Neben definitorischen Aspekten (Krankentransportwagen, Rettungswagen, etc.) wird den Leser:innen die Struktur und Organisation der Notfallmedizin nähergebracht. Dabei finden auch ein Blick in die Vergangenheit sowie in die monetäre und die gesetzliche Lage der Notfallversorgung statt. Schließlich beklagt die Autorin eine „mangelnde Gesundheitskompetenz der Bevölkerung“ v.a. in diesem Bereich. Diesen Teil schließt sie ab, indem sie mit gewissen Mythen in der Notfallversorgung „aufräumt“. Direkt im Anschluss folgt ein Kapitel über die psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung mit ihren „Eigenheiten“. Neben berufskundlichen Informationen erhalten die Leser:innen auch Informationen über rechtliche Hintergründe (z.B. Zwangsmaßnahmen), die Epidemiologie psychischer Erkrankungen und die oft frustrane Therapieplatzsuche. Am Ende dieser Betrachtung findet ein Einblick in „alternative“ bzw. „vorgeschaltete“ Versorgungsmöglichkeiten statt (Telefonseelsorge, gesundheitliche Selbsthilfe). Im vierten Kapitel bearbeitet die Autorin das deutsche Apothekensystem. Auch dieses wird unter die Lupe genommen und in seinen Facetten erklärt. Dabei kommen u.a. auch Schlüsselbegriffe wie „verschreibungspflichtige Medikamente“ und „Over-the-Counter-Drugs“ neben „Generika“ und dem Werbeverbot für Arzneimittel zur Sprache. Aber auch andere lebensnahe Aspekte wie das „Apothekensterben“ und Online-Apotheken sowie das „E-Rezept“ werden den Leser:innen vorgestellt und erklärt. Das „Pflegesystem“ und die „Klinische Versorgung“ sind die letzten beiden Kapitel des zweiten Teiles, die von Simone Christina Jerke aufgegriffen werden. Gerade der Teil über das Pflegesystem nimmt einen großen Raum in Anspruch. Dabei beginnt die Autorin mit der Finanzierung sowie dem Schlüsselbegriff der Pflegebedürftigkeit und der Pflegegrade, die die früheren Pflegestufen ersetzt haben. Auch die Pflegekosten werden thematisiert. Schließlich erklärt die Autorin auch den Einsatz von Angehörigen in der Pflege, differenziert ambulante und stationäre Pflegemaßnahmen und spricht auch rechtliche Aspekte (z.B. gesetzliche Betreuung, Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung) an. Hinsichtlich des Aspektes „Klinische Versorgung“ spricht Jerke zunächst die Arten der klinischen Versorgung an (Grund-, Regel-, Spezial‑ und Maximalversorgung) und wendet sich dann der Trägerschaft von Krankenhäusern zu sowie der „bangen“ Frage, ob in deutschen Krankenhäusern zu viel operiert wird und ob auch zukünftig die stationäre Versorgung gesichert sein wird. Der dritte Teil des Buches „Gesundheitskompetenz – ein Aufruf zur medizinischen Selbstedukation“ stellt den kleinsten Teil des Buches dar. Hier werden die Leser:innen zunächst darüber aufgeklärt: „Was ist Gesundheitskompetenz“. Natürlich fehlt der Begriff der „Health Literacy“ in diesem Zusammenhang nicht. Jerke stellt dieses Thema sowohl im Rahmen von politischen Entscheidungen als auch im Spannungsfeld von „Überschätzung“ und „Eigeninitiative“ dar.
Zielgruppe
Die Zielgruppe des Buches wird zwar von der Autorin nicht explizit benannt, wird aber implizit klar: Sie richtet sich an einen Personenkreis, der mehr über das deutsche Gesundheitssystem wissen will und wissen sollte. Nicht umsonst beklagt sie zunächst die zu geringe „Health Literacy“ der Bevölkerung. Das Buch eignet sich somit sicherlich für interessierte Laien – aber auch für Personenkreise aus den angrenzenden Bereichen des Gesundheitssystems dürfte das Buch hilfreich und äußerst interessant sein.
Diskussion
Das Buch von Simone Christina Jerke liefert einen spannenden und gut verständlichen Einblick in das deutsche Gesundheitssystem und angrenzende Bereiche. Es setzt keine (größeren) Kenntnisse voraus, sondern erklärt vielmehr sehr gut verständlich auf Laienniveau und etwas „darüber“. Für Expert:innen aus der Gesundheitsbranche bietet es sicherlich nicht ausreichend Informationen und keinen ausreichenden Differenzierungsgrad – dies ist aber keineswegs das Ziel der Autorin. Vielmehr liefert sie informierten Laien eine solide Informationsgrundlage. Dabei ist der Grad der Informationsvermittlung aber sicherlich auch für Personenkreise aus angrenzenden Bereichen des Gesundheitssystems sehr gut geeignet. Zwar werden die Aspekte des Buches nicht nur sehr verständlich dargestellt, sondern auch mit gewissen Fakten im Sinne von Daten untermauert; hier fehlt es aber an manchen Stellen an weitergehendem Datenmaterial, um bestimmte Aspekte v.a. im Verlauf besser einordnen zu können und damit bestimmte Entwicklungen und Reformen verstehen zu können. Die Autorin hält sich im gesamten Verlauf ihres Buches aus oft polemisch geführten Debatten, beispielsweise über eine „Zweiklassenmedizin“, heraus, sondern stellt die zu diesen Debatten führenden Aspekte größtenteils „unparteiisch“ dar, sodass die Leser:innen sich daraus eine eigene Meinung bilden können.
Fazit
Simone Christina Jerke ist es mit ihrem Erstlingswerk gelungen, das riesige Feld des deutschen Gesundheitssystems mit einigen Blicken über den Tellerrand – longitudinal sowie transversal – verständlich für Laien, aber auch für einen Personenkreis, der am Rande des Gesundheitssystems arbeitet, darzustellen. Sie stellt diverse wichtige Aspekte des Gesundheitssystems zusammen und erklärt diese, ohne aber die Leser:innen in ihrer Meinungsbildung zu beeinflussen. Sehr objektiv werden diverse Aspekte somit zusammengestellt, sodass die Leser:innen aus der Lektüre gut informiert hervorgehen und sich auf dieser Basis eine eigenständige Meinung über das Gesundheitssystem bilden können.
Rezension von
Prof. Dr. med. et Dr. disc. pol. Andreas G. Franke
M.A.
Professur für Beratung und Case Management in Prekären Lebenslagen
Hochschule der Bundesagentur für Arbeit, Campus Mannheim
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