Markus Rieger-Ladich, Rita Casale et al. (Hrsg.): Rhetorik der Inklusion, Praxis der Exklusion
Rezensiert von Prof. Dr. Karl-Heinz Dammer, 18.06.2026
Markus Rieger-Ladich, Rita Casale, Flora Petrik, Pia Rojahn, Wolfgang Meseth (Hrsg.):Rhetorik der Inklusion, Praxis der Exklusion. Selbstbeobachtungen der Erziehungswissenschaft. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2026. 395 Seiten. ISBN 978-3-7799-9181-6. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR.
Thema
Entgegen den Erwartungen, die der öffentliche Gebrauch des Begriffs „Inklusion“ nahelegen mag, geht es in diesem umfangreichen Sammelband nicht um die erziehungswissenschaftliche Diskussion zur gesellschaftlichen Teilhabe von behinderten Menchen, sondern um „Selbstbeobachtungen“ der Disziplin. Die 25 Beiträge sondieren aus unterschiedlichen thematischen Blickwinkeln und auf unterschiedlichen Wegen, mit welchen Strategien der (nicht nur) erziehungswissenschaftliche Betrieb die Inklusion bzw. Exklusion von Mitgliedern und Forschungsthemen regelt und damit hegemoniale Strukturen ausbildet, die bestimmen, wer in der scientific community gehört wird und wer nicht, welche Themenfelder und welche theoretischen Zugänge „angesagt“ sind und welche nicht.
Herausgeber:innen
Markus Rieger-Ladich ist Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Tübingen mit u.a. den Arbeitsschwerpunkten Bildungstheorie, Epistemologie, Privilegienkritik und Identitätspolitik. Flora Petrik und Pia Rojahn forschen ebendort als wissenschaftliche Mitarbeiterin bzw. Akademische Rätin u.a. zu sozialer Ungleichheit und den Zusammenhängen von Bildung und Digitalisierung. Rita Casale ist Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Wuppertal mit den Arbeitsschwerpunkten Bildungsphilosophie, Feministische Philosophie, Wissensgeschichte und Universitätsforschung.
Aufbau
Der Band gliedert sich nach einer knappen Einleitung der Herausgeberinnen und Herausgeber in fünf Themenblöcke, dessen erster („Die Werkzeugkiste inspizieren“) theoretischen Zugängen zu der Thematik gewidmet ist. Der zweite Block versammelt unter dem Titel „Epistemologie, Institutionen und Organisationen“ historische Fallstudien zum Umgang mit strittigen Themen in der Erziehungswissenschaft. Sie werden im dritten und vierten Block durch zeitgenössische Fallstudien ergänzt, die sich zum einen mit der Herausbildung „hegemonialer Diskurse“ und „symbolischer Gewaltverhältnisse“, zum anderen mit den akademischen Zugangsbedingungen („Erziehungswissenschaftler:in werden“) befassen. Der fünfte Block schließlich behandelt In‑ und Exklusionstrategien in Nachbardisziplinen.
Inhalt
Die knappe Einführung („Hinter die Kulissen blicken“) skizziert das Ziel des Bandes, das bisher wenig behandelte Problem der In‑ und Exklusion in Hochschulen mit „reflexiver Selbstbeobachtung“ in „dekonstruktiver“ Absicht anzugehen – dekonstruktiv bezogen auf die „Rhetorik der Inklusion“, hinter deren Fassade Exklusion praktiziert werde. Bei der Vorstellung der Inhalte beschränkt sich das Herausgeberteam auf eine knappe summarische Darstellung der Themenblöcke.
Der erste Themenblock „Die Werkzeugkiste inspizieren: Wie sich Ein‑ und Ausschluss erforschen lassen“ enthält drei Beiträge, die sich mit theoretischen Zugangsmöglichkeiten zur In‑ und Exklusionsproblematik befassen.
Markus Rieger-Ladich macht in „Zurichtung und Ermächtigung im wissenschaftlichen Feld“ Praxistheorie als Instrument zur Machtkritik stark und grenzt sich damit gegen idealtypische (Weber, Luhmann), subjektivistische (Symbolischer Interaktionismus) und kollektivistische Ansätze (Marxismus) ab. Er beruft sich vor allem auf Pierre Bourdieus Praxeologie, die untersucht, wie Macht durch soziale und professionelle Praktiken verinnerlicht und damit stabilisiert wird. Nach einer knappen Darstellung praxeologischer Forschungen in den Geisteswissenschaften demonstriert Rieger-Ladich am Beispiel der Erziehungswissenschaft, wie dort „epistemische Ungerechtigkeit“ (also das Ausblenden „störender“ Aspekte aus dem Erkenntnisinteresse) praktiziert und dabei auch die Machtstellung des „globalen Nordens“ durch wissenschaftliche Themenselektion gestärkt wird.
Wolfgang Meseth deutet die gängige Metapher von „Zwergen auf der Schulter von Riesen“, die auf das Spannungsverhältnis von Wissenstradierung und Wissenserneuerung hinweist, genauer aus. Er kommt dabei zu dem Ergebnis, dass epistemische Ungerechtigkeit und hegemoniale Strukturen in diesem Bild ausgeblendet werden, was er an exemplarischen Konfliktlinien der Erziehungswissenschaft konkretisiert, bei denen das spannungsreiche Verhältnis von inkludierenden und exkludierenden Praktiken deutlich wird.
Rita Casale wendet sich der Problematik aus einer (zeit-)geschichtlichen Perspektive zu, indem sie die universitären Hegemoniekämpfe in der Erziehungswissenschaft von der Nachkriegszeit mit ihren Versuchen der (Re-)Etablierung einer akademischen Elite über die Demokratisierungsversuche der 60er‑ und 70er-Jahre bis in die Gegenwart nachzeichnet, in der die Hegemoniekonflikte zwischen einerseits der Kritik an „Cancel Culture“ und andererseits dem Versuch, exklusionskritische Forschungsthemen zu etablieren, erkennbar werden. Casale nimmt in diesem Streit eine erkenntnistheoretische Position ein, indem sie als Kriterium für die Beurteilung von Forschungsqualität die Berücksichtigung des Besonderen einführt, die der Tendenz entgegensteht, mit dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit hegemoniale Perspektiven gegenüber marginalisierten durchzusetzen.
Der zweite Themenblock versammelt unter den Stichworten „Epistemologie, Institutionen und Organisationen historische Fallstudien“ zu themenbezogenen Hegemoniekämpfen in der Erziehungswissenschaft.
Anne Rohstock geht in ihrem Beitrag „Disziplingeschichte als gegenwärtige Vergangenheit“ der Aufarbeitung des Verhältnisses zwischen der etablierten Erziehungswissenschaft bzw. ihren Vertretern (es handelte sich hier ausschließlich um Männer) und dem Nationalsozialismus seit 1945 nach. Wurde die Verwicklung mancher Repräsentanten der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik in der Adenauer-Ära verschwiegen, so setzte in den 70er-Jahren eine lebhafte Diskussion darüber ein, der ab 2000 eine weitgehend unkritische Exegese neuer Quellen folgte. Rohstock kritisiert, dass notwendige Irritationen ausblieben, solange man sich nur mit Texten befasse und nicht auch die Wissenschaftler selbst und ihre institutionelle Praxis in den Blick nähme.
Unter dem Titel „Vom Erinnern und Vergessen. Zum Verrücken der Geschichte der Erziehungswissenschaft nach 1945“ widmet sich Anna-Sophie Kruscha dem Umgang mit der Geschichte der DDR-Erziehungswissenschaft in der westlichen Forschung, die sich im Wesentlichen darauf beschränkt habe, ihr östliches Pendant als ein Produkt ideologischer Zwänge der Bildungspolitik und damit als Machtaffirmation zu kritisieren. Am Beispiel eines der bekanntesten Repräsentanten der DDR-Erziehungswissenschaft, Robert Alt, weist Kruscha nach, dass bei der rein ideologiekritischen Lektüre wesentliche historische und systematische Einsichten Alts übersehen wurden und fordert daher, die Erforschung der DDR-Wissenschaft um eine bildungsphilosophische Perspektive zu ergänzen.
Jeanette Windheuser zeichnet in „Zur Etablierung feministischer Erziehungswissenschaft“ den Umgang mit der erziehungswissenschaftlichen Geschlechterforschung im Kontext der Frauenbewegung nach anhand von berufsbiographischen Interviews mit betroffenen Frauen. Dabei kristallisiert sich heraus, dass das Thema zwar zunehmend breit aufgegriffen wurde, die Frauen als Wissenschaftlerinnen aber weiterhin Diskriminierungen v.a. aufgrund ihrer Mutterrolle erfuhren.
Wilfried Datler und Elisabeth Jahn befassen sich in „Psychoanalyse und akademische Pädagogik“ mit der spannungsreichen Beziehung zwischen den beiden Disziplinen. Während pädagogisch interessierte Psychoanalytikerinnen und ‑analytiker bereits in den 1920er-Jahren nach Anschlüssen suchten, blieb die akademische Pädagogik zunächst reserviert bzw. versuchte vereinzelt auch, psychoanalytisch orientierte Pädagogen zu exkludieren, wie das ausführlich dargestellte Beispiel der Auseinandersetzung zwischen Spranger und Bernfeld zeigt. Erst nach dem Mai 68 kam es thematisch wie methodisch zu mehr Brückenschlägen, sodass die psychoanalytische Pädagogik auch institutionell in der Erziehungswissenschaft Fuß fassen konnte. Zugleich blieben aber wissenschaftstheoretisch wie auch praktisch Differenzen bestehen.
Der Themenblock schließt mit einem Beitrag Barbara Rendtorffs, die sich unter dem provokanten Titel „Was die Erziehungswissenschaft schon immer nicht über Geschlecht wissen wollte“ ebenfalls mit der Geschlechterproblematik befasst, dabei aber einen anderen Weg wählt als Windheuser (s.o.). Sie wirft der Erziehungswissenschaft vor, „strukturblind“ zu sein, da sie Geschlecht nicht als eine Grundkategorie behandele, die gesellschaftlich wie auch im Wissenschaftsbetrieb über Exklusion und Inklusion entscheide, was sie an einigen Beispielen illustriert. Insofern seien Geschlechtsstereotypen und die mit ihnen einhergehenden Dichotomien Ausdruck männlich geprägter Machtstrukturen, was abschließend zu der Forderung an die Erziehungswissenschaft führt, die „Geschlechterfrage offensiv und differenziert anzugehen“ (S. 147).
Den historischen folgen im dritten Themenblock zeitgenössische Fallstudien mit dem Schwerpunkt auf hegemonialen Diskursen und symbolischen Gewaltverhältnissen.
Yasemin KaraIkaşolu und Betül Yarar setzen sich unter der Fragestellung „Exklusive Inklusion durch akademischen Humanitarismus“ kritisch mit der Praxis eines DAAD-Förderprogramms für „exilierte Wissenschaftler:innen“ auseinander. Anhand zweier Erfahrungsberichte arbeiten sie die Widersprüchlichkeit des „akademischen Humanitarismus“ heraus, der den Exilierten einerseits die Chance zur Fortsetzung ihrer Forschung eröffnet, sie aber andererseits durch die an Meritokratie und Exzellenz orientierten Hochschulstrukturen zugleich exkludiert. Da sie diese Strukturen für schwer veränderbar halten, appellieren die beiden an die akademische Solidarität der einheimischen Kolleginnen und Kollegen.
Arzu Çiçek entfaltet in seinem Beitrag „Weiße Wissenschaft – oder: Von der Übereinkunft, die Welt falsch zu interpretieren“ aus dekolonialistischer Perspektive eine grundlegende Kritik an der Wissenschaft des „Globalen Nordens“, die nicht-weiße Theorien und Moralvorstellungen ausblende, da sie für den Erhalt ihrer Ordnung irrelevant seien. Insofern handelt es sich für ihn um eine systemnotwendige „Epistemologie der Unwissenheit“, die den „globalen Gesellschaftsvertrag“ (S. 168) stütze und von ihm gestützt werde. Er basiere im Wesentlichen auf Rassismus, der aus Ciceks Sicht in diesem Kontext eine bedeutsamere Kategorie ist als Individuum oder Klasse.
In dem Gespräch zwischen Jocelyn Jasmin Dechêne, JaëI In‘ t Veld, Paul Mecheril und Laura Meyer-Stolte über „Rassismuskritik und die Ambivalenz disziplinärer Zugehörigkeit“ geht es um grundsätzliche Fragen disziplinärer Selbstkritik in der Erziehungswissenschaft, die für die Beteiligten mit ihrer eigenen Identität als Erziehungswissenschaftlerin oder ‑wissenschaftler beginnen. Alle stammen ursprünglich aus einem anderen Feld und erfahren die Erziehungswissenschaft zwar als relativ offene Disziplin, in der aber dennoch bestimmte Bedingungen für die Zugehörigkeit gelten, die auch hier unter dekolonialistischer Perspektive kritisch befragt werden. Als entscheidende Frage erscheint am Schluss die nach dem Ziel der Selbstkritik: Man ist sich einig darüber, dass sie nicht die Konservierung des Status Quo im Auge haben, sondern sozial und normativ reflektiert auf den erziehungswissenschaftlichen Betrieb blicken sollte.
Diane Ray analysiert in ihrem englischsprachigen Artikel unter Rückgriff auf Bourdieu ihre diskriminierenden Erfahrungen mit „Classism, Racism and Sexism“ an britischen Elite-Hochschulen.
Astrid Messerschmidt widmet sich den „Zusammenhängen und Unterscheidungen von Rassismus‑ und Antisemitismuskritik in Erziehungswissenschaft und Bildungsarbeit“. Auch wenn Fortschritte im erziehungswissenschaftlichen Diskurs über Migration hin zur „Migrationsgesellschaft“, die Übergänge und Zwischenräume zulasse, zu verzeichnen seien, ist aus Messerschmidts Sicht dennoch zu bemängeln, dass der Rassismus der gesellschaftlichen Mitte vor allem in der Bildungsarbeit ausgeklammert bliebe, da man sich dort allein auf rechtsextreme Jugendliche fokussiere. Was den Antisemitismus betrifft, wo wird er historisch und inhaltlich vom Rassismus abgegrenzt. In diesem Bereich seien zwar viele kritische Studien und Expertisen vorhanden, deren Erkenntnisse aber noch nicht ausreichend ihren Weg in die Institutionen gefunden hätten.
Simone Müller und Daniela Holzer versuchen in ihrem Text zu „Monströsen Reinszenierungen“, sich dem Problem des wissenschaftlichen Selbstverständnisses unter Rückgriff auf die Metaphern des „Monsters“ und der „Show“ zu nähern. Im Zentrum der Kritik steht die „neoliberalisierte Universitätsbetriebsamkeit“ (S. 227), die anschaulich dargestellt wird mit der Fülle der Aufgaben, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu erfüllen haben, um ihr „Leistungsportfolio“ für den universitären Quasi-Markt (Münch) „aufzublähen“ (S. 229). Selbstkritisch reflektieren die Autorinnen ihre eigene Anpassung an den Betrieb, der dazu zwinge, andere Facetten und Notwendigkeiten des Lebens auszublenden. Sie fordern daher einen radikalen Blick auf das und die vom „Monster“ Ausgeschlossene(n) und eine „leidenschaftliche Praxis“ (S. 237) gehaltvoller Forschung, die nicht auf das möglichst rasche Füllen des Portfolios zielt.
Markus Sauerwein, Nina Hogrebe und Jana Heer liefern unter dem Titel „Who is representing whom?“ einen methodologischen Beitrag, der sich kritisch mit dem Objektivitätsverständnis quantitativ-empirischer Wissenschaft auseinandersetzt, vor allem deren problematischem Anspruch, Wirklichkeit gültig zu repräsentieren. Die Grenzen dieses Anspruchs werden an zwei breit angelegten Studien (PISA und IGLU) aufgezeigt und als Alternative die „Critical Race Theory“ vorgeschlagen, die ebenfalls quantitativ vorgeht, deren Kategorisierungen es aber erlauben, Erfahrungen von Gruppen, die in der herkömmlichen Forschung unberücksichtigt bleiben, zu erfassen.
Der vierte Themenblock zeitgenössischer Fallstudien II: Erziehungswissenschaftler:in werden befasst sich mit den fachlichen und persönlichen Voraussetzungen für den Zugang zur Erziehungswissenschaft.
Flora Petrik berichtet unter dem Titel „Heikle Übergänge“ von einem Forschungsprojekt, das in 17 Interviews und 36 autobiographischen Darstellungen ermittelte, wie der Übergang von der Schule ins erziehungswissenschaftliche Studium erlebt wird, wobei sie zwei kontrastive Beispiele genauer ausführt. Wesentliche Ergebnisse der Studie sind: Die Fachwahl hängt stark von der sozialen Herkunft (Erziehungswissenschaft als Aufsteigerfach) ab, der Habituswechsel führt häufig zu Irritationen (vgl. dazu genauer den Beitrag von Stang und Grabau zu diesem Themenblock) und die individuellen biographischen Erfahrungen haben einen wesentlichen Einfluss auf Erfolg oder Misserfolg im Studium.
Kai Wortmanns Beitrag „Promovieren. Acht Perspektiven auf eine erziehungswissenschaftliche Praxis“ besteht in der Reflexion seiner Erfahrungen als Promovend der Erziehungswissenschaft auf der persönlichen Ebene (Ängste und Selbstzweifel, Verdrängen anderer Bedürfnisse, aber auch Einsicht in eine privilegierte Position), wie auch bezogen auf den institutionellen Kontext (Promotion als Initiationsritus, familiäres Setting).
Josephina Stang und Christian Grabau führen einen „Dialog über das Verhältnis von Theorie, Praxis und Erfahrung in der Hochschullehre“, das zwischen „Befreiung und Beschämung“ oszilliere. Beide geben sich nicht zufrieden mit der argumentativen Patt-Situation, in der studentische Klagen über zu viel Theorie der korrespondierenden Dozierenden-Klage über Theoriemüdigkeit gegenüberstehen, sondern suchen nach produktiven Auswegen, wofür sie Bourdieus autobiographische Reflexion eines erfolgreichen Wissenschaftlers aus „einfachen Verhältnissen“ heranziehen, dessen Verhältnis zum universitären Betrieb stets ambivalent blieb. Als wesentlicher Grund für die „Theoriemüdigkeit“ erscheint das Ausklammern studentischer Erziehungserfahrungen durch den theoretischen Diskurs, was mit Bourdieu als „symbolische Gewalt“ interpretiert wird. Als Schlussfolgerung für den Lehrbetrieb wird zum einen die gegenseitige Anerkennung sowohl als Theoretiker(in) als auch als (Praktiker(in), zum anderen das explizite Aufgreifen und Reflektieren persönlicher Erfahrungen gefordert.
Pia Rojahn und Mai-Britt Ruff schließen dieses Themenfeld mit ihrem Beitrag „Über Infantilisierung“ ab, der sich kritisch mit einer der beliebtesten universitären Lehrmethoden auseinandersetzt, dem Forschenden Lernen, das den Autorinnen wegen der methodischen Engführung und der thematischen Beschränkung auf den schulischen Bereich betrifft, zu kurz greift, da Reflexion und Wissen hier kaum eine Rolle spielten. Dies stehe in Widerspruch zu Humboldts Idee von Freiheit und Gleichberechtigung der Lehrenden wie der Studierenden. Als Gegenmodell zu der „Dauerinfantilisierung“ (Arendt) wird Bildung durch Wissenschaft vorgeschlagen, die das Bedürfnis nach Selbstüberschreitung wecke und so als „wundersamen Mehrwert“ (S. 311) unkontrollierbare Bildungsprozesse anstoßen könne.
Im letzten Themenblock werden hauptsächlich kontrastive Beobachtungen aus Nachbardisziplinen angestellt.
Sandra Beaufaÿs geht in ihrem Artikel von der Prämisse aus, dass Wissenschaft grundsätzlich ein vergeschlechtlichtes Machtfeld sei und untersucht vor diesem Hintergrund die „Geschlechterordnung in der (Erziehungs-)Wissenschaft“ in zwei Richtungen: innerhalb der Disziplin und bezogen auf deren Prestige im Feld der Wissenschaften. Unter beiden Perspektiven relativiert sich die statistische Besonderheit, dass es in der Erziehungswissenschaft mehr Professorinnen als Professoren gibt. Intern würden Frauen weiterhin durch ihre geringe Rezeption in Theoriedebatten und bei der „Klassikerpflege“ diskriminiert, extern durch das geringe Prestige der Erziehungswissenschaft, die u.a. aufgrund ihrer tragenden Rolle bei der Lehramtsausbildung im Ruch der Praxisnähe (und damit Theorieferne) stünde.
Jekaterina Markow analysiert den „Diskurs der akademischen Philosophie über ihre eigenen sozialen Ausschlüsse“ und kommt dabei zu dem Urteil, dass sie „auf dem Klassismusauge blind“ sei. Sexismus und Rassismus würden zwar mit unterschiedlichen Ansätzen analysiert, die entweder auf direkte Diskriminierung durch Gatekeeper der Disziplin abhöben oder auf indirekte Diskriminierung durch innerwissenschaftliche Bewertungskriterien. Klassismus hingegen werde in beiden Ansätzen ausgeklammert, obwohl er mit den erstgenannten Diskriminierungen zu einer „Benachteiligungs-Kaskade“ (S. 343) beitrage, die sowohl Zugänge zur als auch Erfolge in der Disziplin behindere.
Bastian Ronge behandelt in „Klassismus: Ein Tabuthema (in) der Philosophie?“ dasselbe Thema, geht dabei aber genauer auf die Kriterien ein, die zur Exklusion durch Klassismus bzw. ihrer Tabuisierung führen. Letztere sei vor allem auf der Akteursebene sowohl bei Benachteiligten als auch bei Privilegierten festzustellen, die versuchten, ihre soziale Herkunft zu verschleiern, sei es, weil ihnen die Instrumente zur Analyse ihrer Situation fehlen oder weil sie nicht als gleichberechtige Sprecherin oder Sprecher anerkannt würden. Auf der Diskursebene macht Ronge im Anschluss an Bourdieu die „scholastische Vernunft“ als Hauptgrund für Diskriminierung aus, eine Vernunft, die mit starren Dichotomien über In‑ und Exklusion von Themen und Personen entscheide. Die Dichotomien seien bereits in den platonischen Dialogen angelegt gewesen, als „normativ asymmetrische Gegensatzpaare“ (S. 356) aber erst mit dem Sieg des Bürgertums nach der Französischen Revolution wirksam geworden, weswegen Ronge hier auch von „bourgeois ignorance“ spricht.
Der folgende Beitrag besteht aus einem Gespräch zwischen Flora Petrik und Markus Rieger-Ladich mit Sophie Vögele, die ein Forschungsprojekt leitete, das versuchte „über klassistische und rassistische Strukturen“ in Schweizerischen Kunsthochschulen „aufzuklären“. Es zeigte sich, dass diese, entgegen ihrem inklusiven Selbstverständnis, bei der Auswahl der Kandidatinnen und Kandidaten implizit sehr wohl diskriminierende Kriterien ansetzten und dass diese Kriterien auch in den Einstellungen der Studierenden festzustellen waren. Aufschlussreich ist das Gespräch weniger wegen dieses Forschungsergebnisses, sondern weil ausführlich die Abwehrreaktionen der Institutionen und damit ihre implizite Normativität beschrieben werden, die sich unter anderem darin zeigten, dass Vögele in ihrer weiteren wissenschaftlichen Arbeit stark behindert wurde.
In dem abschließenden Artikel geht Thomas Etzemüller unter dem Titel „Einschlüsse/Ausschlüsse“ der Frage nach, welche Darstellungsform am besten zur Erhellung diskriminierender Strukturen an Hochschulen geeignet sei. Während ihm wissenschaftliche Formate und auch autobiographische Texte nur bedingt aufschlussreich erscheinen, weil die Sprechenden notwendig in die kritisierten Strukturen involviert seien, entdeckt er ein aufklärerisches Potenzial in fiktionalen Texten, da diese den Schreibenden wie den Rezipierenden die Möglichkeit zur Distanzierung und zugleich größerer Offenheit gäben. Er illustriert diese am Beispiel des weitgehend ignorierten Campus-Romans von M. D. Williams: „Ethnographie eines anthropologischen Instituts“ (1993), dessen Betrieb durch die Unsicherheit aller Mitglieder, Konkurrenz, Exzellenzstreben, die innenarchitektonische Markierung von Hierarchien und exkludierende Rekrutierung der Mitglieder gekennzeichnet ist.
Diskussion
Auch wenn es – bei so umfangreichen Sammelbänden kaum vermeidbar – zu einigen thematischen Überscheidungen kommt, greift der Band ein wichtiges und zu Unrecht randständiges Thema auf. Die Exklusion unliebsamer Forschungsansätze oder Personen ist zwar ein gängiges Phänomen der Universitätsgeschichte, hier aber geht es um spezifische Gruppen, die aus ideologischen Gründen systematisch in Hochschulen diskriminiert werden.
Die Stärke des Bandes liegt darin, dass er neben der Diskurskritik einen dominanten Akzent auf konkrete diskriminierende Erfahrungen legt, die Personen aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer sozialen und ethnischen Herkunft im Hochschulbetrieb machen. Ein weiterer Vorzug sind die unterschiedlichen Herangehensweisen, mit denen diese Erfahrungen dargestellt und analysiert werden. Dass es dabei, entgegen dem Titel, nicht nur um die Erziehungswissenschaft geht und die „Praxis der Exklusion“ klar im Vordergrund steht, tut der Qualität keinen Abbruch, man hätte allerdings gern etwas mehr über die zu entlarvende „Rhetorik der Inklusion“ erfahren, die hier implizit als Charakteristikum des Fachs erscheint, das indes genauso von theoretischen und methodologischen Divergenzen und daraus bisweilen resultierenden „Grabenkämpfen“ gekennzeichnet ist wie andere Disziplinen. Wenn die Erziehungswissenschaft hier eine Sonderstellung hat, so liegt sie in der zunehmend intensiven theoretischen wie empirischen Bearbeitung pädagogisch und gesellschaftlich relevanter Aspekte verschiedener Arten von Diskriminierung (empirisch wie theoretisch); insofern liegt hier eher eine Spannung zwischen theoretischer Beschäftigung mit dem Problem und den institutionellen Praktiken vor.
Für diejenigen, die weniger mit dem Antidiskriminierungsdiskurs vertraut sind, wären möglicherweise einleitende Darstellungen seiner Hintergründe im Poststrukturalismus und der Dekolonialisierungstheorie hilfreich gewesen, um die Analyse der Sachverhalte genauer nachvollziehen zu können, wenn es beispielsweise um den „globalen Norden“ oder „white ignorance“ geht. Ähnliches gälte auch für Bourdieus Habituskonzept, das in mehreren Beiträgen herangezogen, aber nur bezogen auf die dort jeweils zur Debatte stehenden Aspekte dargestellt wird.
Die aus den Emanzipationsdebatten der 1960er‑ und 70er-Jahre hervorgegangene Beschäftigung mit den vielfältigen Formen von Diskriminierung und ihre theoretische Vertiefung ist ohne Zweifel ein Gewinn für die Erziehungswissenschaft in dem Sinne, wie Casale es andeutet, weil sie das Augenmerk auf das Besondere und daher oft wissenschaftlich Marginalisierte richtet. Dass die institutionelle Praxis diesem Anspruch an vielen Stellen widerspricht, führt der Band überzeugend vor Augen – noch überzeugender wäre es gewesen, wenn auch der Diversitätsdiskurs bzw. diejenigen, die ihn vertreten, selbstkritisch auf eventuelle eigene diskriminierende Praktiken hin analysiert worden wären.
Fazit
Auch wenn der Ertrag der einzelnen Beiträge unterschiedlich hoch sein mag, liegt mit dem Sammelband eine Fundgrube für alle diejenigen vor, die sich für die institutionelle Praxis wissenschaftlicher Institutionen und deren verborgene Normativität sowie deren Wirkung auf davon Exkludierte interessieren.
Rezension von
Prof. Dr. Karl-Heinz Dammer
Professor für Allgemeine Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg.
Arbeitsschwerpunkte: Erziehungs- und Bildungsphilosophie, Geschichte der Schule, Bildung und Erziehung im gesellschaftlichen Kontext, Bildungsreformen.
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