Stefanie Rietzler, Fabian Grolimund: Du schaffst das, Merle!
Rezensiert von apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting, 17.07.2026
Stefanie Rietzler, Fabian Grolimund: Du schaffst das, Merle! Hogrefe AG (Bern) 2025. 440 Seiten. ISBN 978-3-456-86385-6. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 34,50 sFr.
Thema
Viele Kinder und Jugendliche setzen sich im Hinblick auf schulische Leistungen entweder selbst massiv unter Druck oder werden von ihren Erziehungsberechtigten, von Lehrpersonen oder der Institution Schule als solcher zu steter Steigerung ihrer Performance angetrieben. Es ist nicht ausgeschlossen, dass der damit einhergehende dysfunktionale Perfektionismus bereits im Grundschulalter zu Burn-out-Symptomen führt, dass Kinder meinen, nie genug zu leisten oder zu denken, in ihrer Schule fehl am Platz zu sein, weil alle anderen besser seien als sie, sie also so etwas wie ein juveniles Impostor-Syndrom an den Tag legen. Daraus können anankastische Persönlichkeitsstörungen resultieren. Was jedoch zuvörderst ins Gewicht fällt, ist die Einschränkung der Lebensqualität und das Zunichtemachen kindlicher Unbeschwertheit.
Autor:innen und Illustrator
Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund „haben in Fribourg Psychologie studiert und leiten gemeinsam die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Mit ihrer Arbeit möchten sie dazu beitragen, dass möglichst viele Kinder eine entspannte, erfolgreiche Schulzeit erleben und mit Freude lernen können“ (S. 437).
Marcus Wilke ist freiberuflicher Illustrator. Vgl. www.galerie-wilke.de.
Entstehungshintergrund
„Du schaffst das, Merle“ bildet den nunmehr dritten Band einer Kinderbuchreihe, die primär um das Verhalten neurodivergenter Kinder kreist: Dem Hasenmädchen Lotte, das gern vor sich hinträumt, ist der erste Band gewidmet („Lotte, träumst du schon wieder?“, vgl. S. 438), dem traurigen Jungfuchs Jaron der zweite („Jaron auf den Spuren des Glücks“, vgl. S. 439).
Aufbau
Im Mittelpunkt steht die Geschichte der jungen Ente Merle, bestehend aus 85 kurzen, mit Überschriften versehenen Kapiteln. Ergänzt werden sie mit Übungen für Kinder, die unter ihrem Perfektionismus leiden, sowie mit einem Theorieteil für erwachsene Leser:innen.
Inhalt
Ente Merle geht mit ihren Freund:innen in eine kleine Dorfschule mitten im Wald. Eines Tages händigt Frau Luchs ihr, Bärin Frieda und Eule Fridolin einen ganz besonderen Brief aus: die drei sind eingeladen, an der „Academia“, der „Schule für das gelehrte Tier“, unter dem Motto „Pluribus es electus“ stehend, die sogenannte Übertrittsprüfung abzulegen.
Nach einer ersten intensiven Vorbereitungszeit entscheidet sich Merles Freundin, Bärin Frieda, gegen das gemeinsame Lernen und die Prüfung, während Merle sich weiterhin mit Hocheifer vorbereitet und schließlich als Einzige aus ihrer Klasse die Prüfung besteht.
An der Academia erwarten sie neue Herausforderungen: Frau Hermelin, die Direktorin, fragt Merle nach dem Sport, den sie praktiziere, und nach dem Instrument, das sie spiele. Da weder das eine noch das andere in ihrem Leben vorkommt, wächst Merles Frustration. Diese steigert sich weiter und wächst sich zur Traurigkeit aus, als die Ente mit den herablassenden Sprüchen einer Mitschülerin, Eichhörnchen Kim, konfrontiert wird – allein deshalb, weil Kim sich ärgert, dass im Internat der Academia nicht sie mit ihrer besten Freundin – Reh Laria – in ein Zimmer kommt, sondern Merle.
Laria und Merle freunden sich schnell miteinander an. Von Larias Bruder darf Merle eine Geige leihen, sodass sie nun über ein Instrument verfügt, mit dem sie Unterricht erhalten kann. Zufälligerweise trifft sie den Graureiher Nadir, einen berühmten Geigenspieler, der einige Zeit an der Academia lehren soll. Nadir beschließt, Merle zu unterrichten. Er zeigt ihr, wie man den Bogen richtig führt und bringt ihr das erste Stück nah, das sie auf Geheiß der Direktorin zu Ende des Schuljahres vorspielen muss.
Laria und Merle verbringen ihre spärliche freie Zeit oft mit zwei Igel-Zwillingsbrüdern, deren Mutter, eine renommierte Künstlerin, der Schule ein Gemälde schenkt. Dass die Direktorin dieses fälschen lässt, damit sie das Original zu ihrer eigenen Bereicherung verkaufen kann, entdecken die Zwillinge, als sie sich in Frau Hermelins Büro befinden, um sich zu einem Streich zu bekennen. Es gelingt den vier Schüler:innen, den Betrug aufzudecken.
Im Verlauf des Schuljahrs kämpft Merle immer wieder mit den Anforderungen, die auf ihr lasten, und mit aufkeimenden Enttäuschungen. Sie erlebt aber auch befreiendes Lachen, als sie im Zirkusprojekt, das Frau Gämse, eine allseits beliebte Lehrerin, initiiert hat, im Clownskostüm auftritt. Wegen dieses Projekts, das nicht dem Wesen der Academia entspreche, so Frau Hermelin, soll Frau Gämse entlassen werden. Doch natürlich siegt das Gute, denn Frau Gämse wird Direktorin, weil Frau Hermelin wegen des Kunstverbrechens verhaftet wird.
Erwartungsgemäß meistert Merle das Geigenvorspiel mit Bravour und avanciert zu guter Letzt zum Star der Aufführung, mit dem das Zirkusprojekt abgeschlossen wird.
Auf Merles Geschichte folgt eine Doppelseite mit Motivationssätzen und dazu passenden Abbildungen. So parallelisieren die Verfasser:innen Merles Geschichte mit perfektionistisch ausgerichteten Kindern im Allgemeinen, bevor sie mit der „Tyrannicus-Schrumpfkur“ (S. 384 ff.) beginnen. Dabei handle es sich um Methoden, die wissenschaftsbasiert und von Expert:innen erprobt seien.
Ausgehend von der Definition des Tyrannicus als „harte, kalte und verurteilende Stimme“ (S. 387), die sich im Fall von Merle bei Schwierigkeiten melde oder dann, wenn die Erledigung einer Aufgabe nicht perfekt sei (vgl. S. 387), werden die Leser:innen aufgefordert, ihren Tyrannicus zu entlarven, zu entdecken, in welchen Situationen er vorkomme und zu überlegen, wie er aussehen könne. „Tyrannicus-Sprüche“, z.B. „Du schaffst das sowieso nicht!“ oder „Alle werden enttäuscht von dir sein.“ (S. 393 f.), sollen genau unter die Lupe genommen und mit eigenen Überlegungen ergänzt werden. Die Übungen „Sei dir selbst ein/e Freund/in“, „Den Tyrannicus veralbern“, „Merle hebt ab (Achtsamkeitsübung)“, „Alles nur Glück?“ und „Was mache ich, wenn es schwierig wird?“ runden das Material ab.
In den danach angefügten „Wissenschaftlichen Hintergründen für Erwachsene“ erläutern die Autor:innen die Unterschiede zwischen „positivem“ bzw. „selbstorientiertem“ Perfektionismus einerseits und „funktionalem Exzellenzstreben“ bzw. „pflichtbewusstem Leistungsstreben“ oder „dysfunktionalem“ bzw. „maladaptivem“ Perfektionismus andererseits. Es gelte, Lernziele im Hinblick auf ein wohltuendes Streben zur Leistung, auf einen positiven und selbstgesteuerten Perfektionismus hin, umzuorientieren, dabei als Erstes „Fehlersensibilität“ auszubilden, was heiße, Fehler nicht als Manko zu sehen, sondern als Gelegenheit zum Lernen zu begrüßen.
Ein dysfunktionaler Perfektionismus manifestiere sich auch im „Diskrepanzerleben“ (den eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden und auch von den Mitschüler:innen als „diskrepant“ zu ihnen eingestuft werden), in „geringer Selbstwirksamkeit“ (sich wenig zutrauen), in „Selbstwertkontingenz“ (der Auffassung sein, dass man sich Zuneigung verdienen müsse) und „hoher Gewissenhaftigkeit“ bzw. dem „Drang, ständig beschäftigt zu sein“, sich keine Pause erlauben zu dürfen (S. 417–423). Rietzler und Grolimund erläutern diese Dimensionen ausführlich, bevor sie den „theoretischen Hintergrund der vorgestellten Übungen“ skizzieren, indem sie die Strategie der „Externalisierung“ vorstellen, kurz auf „kognitive Verfahren“ im Allgemeinen eingehen und sich danach auf „kognitive Defusion“ („Gedanken sind manchmal nur das Hintergrundgeschwätz des Gehirns“, S. 426), „Selbstmitgefühl“ („eine liebevolle innere Stimme kultivieren“, S. 428) und „Achtsamkeitsverfahren“ (die „wertungsfreie“ und „absichtliche“ Konzentration auf das „Hier und Jetzt“, S. 429) fokussieren. Es folgen Bemerkungen zu „deliberate practice“ – zu „Lernprozessen, die darauf ausgerichtet sind, Kompetenzen in einem Bereich möglichst rasch zu erweitern“ (S. 430). „Ein persönliches Wort an Eltern und Lehrkräfte“ sowie ein ausführliches Literaturverzeichnis stehen am Ende des Bandes.
Diskussion
Die Geschichte rund um Merle und den Leistungsdruck, unter den sie sich selbst setzt, nimmt nach einem eher gemächlichen Auftakt an Fahrt auf. Sie ist nicht unbedingt als innovativ zu bezeichnen, ist aber gefällig und enthält viele spannende Episoden, die Kinder im Grundschulalter ansprechen können. Laut Verlagsangabe richtet sich das Buch an Kinder im Alter von 7–12 Jahren, an eine Zielgruppe also, die über das Grundschulspektrum hinausgeht. Für die im weiteren Sinne therapeutisch orientierten Seiten ist das plausibel, nicht jedoch für die Fiktion, die den weitaus größten Raum einnimmt, deren Gattungszuordnung sich als schwierig gestaltet und an keiner Stelle erwähnt wird.
Den Ort der Erzählung zeigen die vorderen und hinteren Umschlagseiten – ein Wald, der eine Art Dorf umgibt, in dem unterschiedliche Tierfamilien wohnen und arbeiten. Die erzählte Zeit könnte irgendwann im dritten Viertel des 20. Jahrhunderts angesiedelt sein, denn es ist normal, Gespräche mit einem Festnetztelefon zu führen. Handys gibt es noch nicht. Darüber hinaus bleiben Ort und Zeit vage, was genauso für die Gattung Märchen zu sprechen scheint wie die Charaktere, allesamt anthropomorphisierte Tiere. Warum wurden sie als Akteur:innen gewählt? Warum keine Menschen? Die Autor:innen konstruieren ein Figureninventar, das man in ähnlicher Form in Bilderbüchern für weitaus jüngere Kinder vorfindet. Die Entscheidung dafür bleibt opak. Es ist anzunehmen, dass Margit Auers „Schule der magischen Tiere“ eine bedeutende Inspirationsquelle darstellt, wobei in Betracht zu ziehen ist, dass bei Auer die Tiere selbst nicht oder nur sehr bedingt als Akteur:innen auftreten, sondern vielmehr die Interaktion der Protagonist:innen mit den ihnen zugeordneten Tieren im Zentrum des Interesses steht.
Highlights der Handlung bestehen in kleinen Slapstick-Szenen, so etwa, wenn Häsin Lotte in eine Hochzeitstorte fällt, oder wenn Laria, Merles Zimmergenossin, ausgelassen mit Merles Geschwisterschar spielt. Die mit dem Geigenunterricht einhergehende Ernsthaftigkeit potenziert sich durch die Spannung im Detektiv-Abenteuer. Nicht zu vergessen ist, dass „Du schaffst das, Merle!“ ebenfalls in einer langen Tradition von Internatsgeschichten zu verorten ist – von Enid Blytons „Hanni und Nanni“ bis hin zu „Harry Potter“ mit vielen anderen dazwischen. Kurzum: der Text bietet von allem ein bisschen etwas. So kann ein ganzer Fächer von Präferenzen der jungen Adressat:innen bedient werden.
Ein sprachliches Kunstwerk ist leider nicht entstanden. Wörter und Sätze erwecken nicht selten den Eindruck, eher beliebig und austauschbar zu sein, was eventuell gar Zweifel am „unique content“ aufkommen lässt. Gerade auf den ersten Seiten sind einige Bemerkungen überzogen: Academia, die Schule für das gelehrte Tier, oder „Pluribus es electus“ – solche Formulierungen triefen vor Ironie. Auch Erläuterungen in Fußnoten, zum Glück selten, sind in Kinderbücher sehr gewöhnungsbedürftig. Die Informationen zum „Übertritt“ in eine weiterführende Schule oder zum „Wappen“ hätte man direkt im Fließtext unterbringen können.
Sieht man von ihrer Tiergestalt ab, wirken die Akteur:innen weitestgehend realistisch, wenngleich sie oftmals typisiert, dem Märchen entsprechend in Gut und Böse kategorisiert, daherkommen. Frau Hermelin, der Bösen, mit adultistischer Haltung, Druck und autoritärem Erziehungsstil arbeitend, wird die Lichtgestalt der guten Frau Gämse gegenübergestellt. Sie begegnet den Kindern auf Augenhöhe. Partizipation ist für sie keine leere Worthülse. Einen besonderen Stellenwert nimmt Nadim, der Graureiher, ein, der Merle zum „Abheben“, zum Fliegen zu noch unbekannten Zielen hin, motiviert und ihr vermittelt, das ihr unbekannte Instrument mit Geduld und Freude zu begrüßen. All das ist gefällig und schön. Aber um die ästhetische Qualität der Geschichte zu intensivieren, wäre es wünschenswert gewesen, in puncto Individualisierung der Charaktere nachzuschärfen.
In erster Linie jedoch, und das ist ein großer Pluspunkt, besticht die Protagonistin Merle durch Authentizität. Ihr innerpsychisches Erleben ist gut nachvollziehbar. Wenn sie über ihren Büchern und Heften brütet, wenn sie nach der Aufnahmeprüfung ein schlechtes Gefühl hat, weil sie meint, keine Chance gegenüber den anderen Teilnehmenden zu haben, die, abgesehen von ihr selbst, alle einen Vorbereitungskurs besucht haben, wenn sie sich ausgegrenzt fühlt, weil alle außer ihr ein Instrument spielen oder eine bestimmte Sportart praktizieren, dann ist das unmittelbar anrührend und bringt in jüngeren und älteren Leser:innen Empathie hervor.
Das Mesosystem, in dem Merle sich bewegt, könnte besser nicht sein. Im sozialen Gefüge ihres Heimatortes fühlt sie sich aufgehoben. Von ihren Freund:innen und ihren Familien erfährt sie Zuneigung und Support. Rundum positiv dargestellt ist Merles Mutter. Mit ihren vielen Kindern und der Arbeit, der sie außer Haus nachgeht, kann sie ihre älteste Tochter nicht so fördern, wie sie es eigentlich möchte. Sie weiß um diese erschwerten Bedingungen und unterstützt Merle mit ihrer uneingeschränkten Liebe. Indem sie ihre Tochter ermutigt, sich Pausen zu gönnen oder indem sie sie an die Bedeutung des Namens Merle („helles, strahlendes Meer“) erinnert, versucht sie, den Druck des Perfektionismus zu lindern. Außerdem versichert Mutter Ente ihrer Tochter, dass sich ihre Liebe zu ihr in keiner Weise ändere, wenn Merle das erste Jahr auf der Academia nicht schaffe.
Auf welche Ursachen Merles Perfektionismus zurückgeht, bleibt offen. Eine Gemengelage aus verschiedenen Gründen lässt sich vermuten. Im Buch finden sich dazu keine Spekulationen. Es bleibt bei der Präsentation der Ausprägungen, die es zu mildern gilt. Gut, dass Merles erstes Schuljahr an der Academia so endet, wie sie es sich vorgestellt hat. Sie hat ihre Ziele erreicht, wird in ihrem Streben auch in Zukunft nicht nachlassen, sich aber von einem hypertrophen Perfektionismus verabschieden und ihren Selbstwert von Leistung entkoppeln. Ob sie ihren „Tyrannicus“ damit zum Schweigen bringt, ist abzuwarten. Im Buch dominiert ein ganz klassisches Soap-Happy End: beim „Zirkus-Zauber“ sind Merles Mutter, ihre Geschwister und ihre Freund:innen versammelt, um den erfolgreichen Abschluss des ersten Academia-Jahres zu feiern.
Dass sich Kinder unter 10 Jahren, Kinder, an die Merles Geschichte primär adressiert ist, von einem dermaßen destruktiven Perfektionismus geißeln lassen, ist biografisch dysfunktional. Es ist kaum zu glauben, dass eine „Übergangsprüfung“ eine solch immense Rolle spielt, sie letztendlich die simple Transition von der Grundschule in ein Gymnasium massiv zu belasten scheint. Sicher ist, dass die Realitätsnähe eines solchen Szenarios von vielen Variablen abhängt und mit ihnen differiert.
Bei einer so entscheidenden Übergangsprüfung oder einer damit vergleichbaren ist es für alle Kandidat:innen essenziell, die innere Stimme eines Antreibers nicht zu laut ertönen zu lassen und nicht in den Egostate eines internen Tyrannen zu schlüpfen. Wie nutzt man den „Antreiber“ als intrinsische Motivation, den grundlegenden Willen zur Leistung, Exzellenz und Perfektion mit Freude und Humor eskortierend? Diese Frage ist erkenntnisleitend für die Übungen zum Umgang mit dem „Tyrannicus“. Mit einer sehr adäquat gestalteten und gefälligen Doppelseite werden sie eingeleitet. Auf einem ausbalancierten Reflexionsniveau, mit verhaltenstherapeutischer Grundierung, ohne dass sie diesen Anspruch ostentativ vor sich hertragen, sind die Übungen so konzipiert, dass nicht nur Kinder, sondern ebenso Jugendliche und sogar Erwachsene davon profitieren können. Man wünscht sich, dass alle Pädagog:innen, allen voran jene mit dem Autoritätsgebaren einer Frau Hermel diese Übungen kennen, um Kinder zu selbstorientiertem Streben nach Leistung anzuregen.
Die „wissenschaftlichen Hintergründe für Erwachsene“ (S. 417 ff.) bestechen durch pointierte Definitionen des Themas Perfektionismus, wobei die Dichotomie „selbstorientiertes Exzellenzstreben“ und „dysfunktionaler Perfektionismus“ unmittelbar einleuchtet. Gleichwohl hätte man sich eine Erweiterung und Vertiefung der Grundlagen hin zu Egostate-Theorien und entsprechenden Therapieoptionen gewünscht. Dem ist wiederum entgegenzuhalten, dass dies den Rahmen des Buches hätte sprengen können und es herausfordernd ist, auf einem solch weiten theoretischen Feld Reduktionen vorzunehmen. Ohnehin können sich alle erwachsenen Adressat:innen zwecks weiterer Informationen an der gründlich zusammengestellten Bibliografie orientieren.
Sehr verloren und sogar leicht deplatziert sind die knappen Worte zur sogenannten „deliberate practice“. Bei dieser Art des „bewussten Lernens“ beziehe man sich auf Teilaspekte des Gebiets, auf dem man Fortschritte erlangen wolle. Man lerne aus den Fehlern und schreite rasch zu einer hohen Leistungsebene voran. Lernen aus den Fehlern ist eine Sache, aber ein Lernen im Eiltempo, alle Inhalte schnellstens in sich „hineinfressen“, erinnert doch stark an das altbekannte „Bulimie-Lernen“. Alles um das Thema „deliberate practice“ hätte entweder ausgespart oder weiter ausgeführt werden müssen. Ein knapper Absatz dazu kann in die Irre führen.
Im Großen und Ganzen ist es Rietzler und Grolimund sehr gut gelungen, zu demonstrieren, dass es nicht um die Verabschiedung von Perfektionismus als Streben auf Ziele hin und erst recht nicht um die Verabschiedung von Leistungen als solchen geht, sondern dass eine dysfunktionale und den Selbstwert unterminierende, sich an einer vermeintlichen Pflicht orientierende Ambition fokussiert wird. „Du schaffst das, Merle“ bietet einen niederschwelligen Zugang zum Thema Leistungshypertrophie. Die an Erwachsene gerichteten Seiten eignen sich hervorragend für Eltern und Erziehungsberechtigte, die dazu tendieren, ihre Kinder mit ihrem eigenen Perfektionismus oder gar daraus resultierenden anankastischen Störung zu überrollen und die bereit sind, diese Haltung zu revidieren.
Fazit
Als Roman für Kinder, dessen differenziertere Gattungszuordnung diffus bleibt, kann „Du schaffst das, Merle!“ nicht ganz überzeugen, insbesondere weil die Botschaften, die vermittelt werden sollen, Gehalt und Gestalt belasten. Der Inhalt steht nicht für sich allein, sondern wird für ein klar definiertes Learning instrumentalisiert, ohne der primär anvisierten Altersgruppe gerecht zu werden. Voll umfänglich zu empfehlen sind indessen die Übungsmaterialien und die „wissenschaftlichen Hintergründe für Erwachsene“, seien sie noch so knapp. Übungen und Hintergründe tragen dazu bei, Kinder auf dem Weg zu einem gelasseneren Umgang mit sich selbst zu begleiten und ihre Bezugspersonen so zur Reflexion zu bewegen, dass sie den Weg selbstorientierter Exzellenz unaufgeregt und locker mit ihnen gehen.
Rezension von
apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting
Literaturwissenschaftlerin (Venia legendi für Romanische Literaturwissenschaft, Französisch und Italienisch) sowie Dozentin an einer Fachschule für Sozialpädagogik.
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