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Judy Schachner: Sarabellas fabelhafter Hut

Rezensiert von apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting, 23.09.2026

Cover Judy Schachner: Sarabellas fabelhafter Hut ISBN 978-3-86739-391-1

Judy Schachner: Sarabellas fabelhafter Hut. Über die Kunst des Tagträumens und kreativen Denkens. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2026. 36 Seiten. ISBN 978-3-86739-391-1. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.
Reihe: Kids in BALANCE. Übersetzt von Antje Riley.

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Thema

Mit geeigneten digitalen Hilfsmitteln wäre es sicherlich ein Leichtes, nachzuweisen, dass die sogenannte Aufmerksamkeitsdefizithyperaktivitätsstörung oder die Variante ohne Hyperaktivität zu einem der am meisten diskutierten und sowohl in wissenschaftlicher Literatur analysierten als auch in Alltagsratgebern aufgegriffenen Syndrome gehört. Wurde AD(H)S bis noch vor einigen Jahren vorwiegend bei Kindern diagnostiziert, so hat sich die Personengruppe längst auf Erwachsene ausgedehnt. AD(H)S ist zu einer Modediagnose mit und ohne Berechtigung avanciert, mehr noch: Es handelt sich um ein pop-psychologisches Phänomen par excellence. Ob ihm mit Medikamenten beizukommen ist und falls ja, mit welchen, darüber scheiden sich seit Jahrzehnten die Geister.

Nicht nur vor einem solchen Hintergrund ist es begrüßenswert, dass in einer Geschichte über das Thema das Wort selbst nicht fällt, sondern „über die Kunst des Tagträumens und kreativen Denkens“ reflektiert wird.

Autor:innen

Judy Schachner lebt in den USA. Sie schreibt und illustriert Kinderbücher. Bekannt geworden ist sie mit ihrer Bilderbuchreihe zur Katze Skippyjon Jones.

Antje Riley „übersetzt Literatur aus dem Englischen, Französischen und Spanischen“ (vgl. Klappentext). Außerdem bietet sie Projekte für Jugendliche zum literarischen Übersetzen an (vgl. https://echtabsolut.de).

Die Online-Materialien stammen von Anja Freudiger. Die studierte Schulpsychologin, die lange in Frühförderstellen und kinder‑ und jugendpsychiatrischen Praxen tätig war, hat selbst viele Bilderbücher verfasst, unter anderem „Mein großer Bruder Matti“, ein Bilderbuch über ADHS.

Entstehungshintergrund

Die deutsche Übersetzung ist im Psychiatrie-Verlag in der Reihe „Kids in Balance“ erschienen. Das englische Original wurde bereits 2017 veröffentlicht.

Inhalt

Judy Schachner erzählt die Geschichte der kleinen Sarabella, die nicht so gern an Gesprächen teilnimmt, dafür aber umso lieber über alle möglichen Dinge nachdenkt. Von ihren Eltern fühlt sie sich geliebt, so wie sie ist – „mit den Füßen auf dem Boden und dem Kopf in den Wolken“ (o. S.). Manche Gedanken hält Sarabella fest, manch andere lässt sie ziehen oder gar nicht an sich heran. Dazu zählen alle, die mit den Schulaufgaben zu tun haben. Über die Briefe, die sie wegen ihrer mangelnden Konzentration mit nach Hause bekommt, regen sich die Eltern nicht auf, sondern kommentieren, dass ihre Tochter „Tagträume in der DNA“ habe.

Als Sarabella eines Tages im Mathematikunterricht besonders abwesend ist und ihre Aufgaben in einem separaten Raum erledigen darf, bringt sie Herr Fantozzi, ihr Klassenlehrer, auf die Idee eines Hutes, indem er bemerkt, dass es wohl schwer für sie sei, ihre Gedanken „unter einen Hut zu bringen“. Die Aufgabe fürs Wochenende, ein Bild von ihren Tagträumen zu malen, fällt Sarah dennoch solange nicht leicht, bis in ihrer Vorstellung ein großer Wal auftaucht, der sagt: „Du musst nur wagen, deine Gedanken zu tragen“. Daraufhin gestaltet sie einen großen Hut aus Packpapier und klebt ihre schönsten Zeichnungen von Tagträumen darauf. Sie wagt es, diesen der Klasse, inklusive des Wal-Zitats, am Montag vorzustellen. Am Dienstag trägt ihr Klassenkamerad Bob einen ganz ähnlichen Hut.

Die Sarabellas Geschichte mitgegebenen Online-Materialien von Anja Freudiger richten den Blick auf die „unvorhersehbaren Assoziationsketten oder ‑netzwerke“. Nachdem „ein Reiz der Umwelt“ sie „in Gang“ (S. 2) gesetzt habe, stürmten sie auf Kinder mit AD(H)S ein und beschäftigten sie intensiv (vgl. ebd.). Das sei „nicht nur ein Hindernis für die Interaktion, sondern auch für die Konzentration im Alltag der Kinder“ (ebd.). In der Schule werde das oft als Problem gesehen, aber eigentlich sei das „Abschweifen“, das damit einhergehende „divergente Denken“, eine Ressource, die bei komplexen Themen genutzt werden könne. Wenn man dem Kind ermögliche, seine Assoziationsketten zu kommunizieren, sei es dazu in der Lage, diese „aus der Vogelperspektive zu betrachten oder auch zu sortieren“ (ebd.).

Freudiger präsentiert mannigfaltige Gestaltungstools. Je nach individuellem Talent könne man für den kreativen Umgang mit mangelnder Konzentration und Tagträumereien alle Künste heranziehen. Beim Entwickeln der Methoden seien der eigenen Fantasie und Kreativität keine Grenzen gesetzt. Die Beispiele der Autorin bewegen sich vom Gedankenhut über die Collage hin zum Nachspielen von Assoziationsketten, zu einem Gedankentagebuch oder zu Mindmaps (vgl. S. 3 f.).

Diskussion

Es gibt nicht viel zu diskutieren bei „Sarabellas fabelhaftem Hut“ – es sei denn, man wollte monieren, dass Sarabella selbst und das Mesosystem, in dem sie sich bewegt, ein bisschen zu idealistisch, vielleicht ein bisschen zu weichgespült und dem Kind zugewandt, gezeichnet werden.

Sarabella ist ein smartes und gewitztes kleines Mädchen, dem die Tagträume gewisse Probleme bereiten, das aber damit eher auf Du und Du zu stehen scheint. Es ist rundum passend, dass die Bandbreite ihrer Gedanken und Assoziationen im Mittelpunkt steht und den anderen Figuren nur wenig Gewicht beigemessen wird. Die wunderbar verständnisvollen Eltern kritisieren Sarabella nicht und auch Herr Fantozzi ist sehr empathisch, obwohl er das Mädchen immer wieder zur Konzentration mahnen muss und Briefe an ihre Eltern schickt. Sarabellas Mitschüler:innen nehmen die Besonderheit der ausschweifenden Imagination eher neutral zur Kenntnis. Sie sind leicht amüsiert, aber weit von Mobbing entfernt.

Ihren Wunsch, sich besser konzentrieren zu können, vertraut Sarabella ihrer Schwester Cece an. In der Familie scheint diese eine Sonderstellung einzunehmen, denn sie sagt, dass Konzentration ganz einfach sei. Sarabella müsse „nur tief durchatmen und die Augen zusammenkneifen“.

Schachners farbenprächtige Illustrationen begleiten die Geschichte, geben die Tagträume perfekt wieder und transzendieren sie gleichermaßen. Sie halten vielerlei „Add-ons“ parat, mit denen Betrachter:innen jeden Alters Räume für die eigene Fantasie erschließen können. Als ob sie aus dem metaphorischen Hut gezaubert worden wären – so wirken die Bilder. Tiere jeglicher Art, unterschiedliche Pflanzen, Früchte, Instrumente, Menschen und fantastische Figuren fügen sich zu einem surrealen Panoptikum, das von realistischen Einsprengseln, so etwa Schriftzügen in den Illustrationen, geerdet wird.

Mit seiner ausgeklügelten Text‑ und Bildkomposition lädt das Buch zum dialogischen Vorlesen für Kinder ab fünf Jahren ein – zum Lesen kurzer Passagen, zum Innehalten, zum Nachfragen und zum Goutieren des Werks in seiner Gesamtheit. Daraus resultiert eine ganzheitliche Förderung der primären Adressat:innengruppe.

Positiv herauszustellen ist ebenso, dass der englische Titel, „Sarabella’s Thinking Cap“, nicht wörtlich ins Deutsche übersetzt wurde. Abgesehen davon, dass die direkte Übertragung grammatikalisch schwierig geworden wäre, ist „fabelhaft“ ein sehr viel passenderes Adjektiv, weitaus besser geeignet, um die Diversität der Gedanken zu fassen und zu verdeutlichen, dass nicht nur konvergentes, sondern auch divergentes, kreativeres „Out-of-the-box-Denken“ zum Ziel führt.

Ein Pluspunkt ist nicht zuletzt, dass die Online-Materialien das Thema nicht ad infinitum aufbauschen, sondern sich auf knappe, dafür umso wirkungsvollere Anmerkungen und Ideen fokussieren. Das Plädoyer, die Perspektive auf AD(H)S-Kinder zu ändern, gewinnt damit an Eindringlichkeit.

Fazit

„Sarabellas fabelhafter Hut“ ist ein vollumfänglich empfehlenswertes Bilderbuch zum Thema AD(H)S in seinen Facetten Tagträumereien, Konzentrationsmangel und Ressourcen der Kreativität. Das Bilderbuch ist ein regelrechtes Kleinod, das nicht nur die eigentlichen Adressat:innen, Kinder im Alter der Protagonistin, sondern auch Erwachsene immer wieder gern zur Hand nehmen werden und ihnen das vielbeschworene Lächeln ins Gesicht zaubern wird. Hier passt das Sprachstereotyp.

Rezension von
apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting
Literaturwissenschaftlerin (Venia legendi für Romanische Literaturwissenschaft, Französisch und Italienisch) sowie Dozentin an einer Fachschule für Sozialpädagogik.
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Es gibt 49 Rezensionen von Anne Amend-Söchting.

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ISSN 2190-9245