Thomas Köhler-Saretzki: Wo ist Wilma?
Rezensiert von apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting, 22.09.2026
Thomas Köhler-Saretzki: Wo ist Wilma? Ein Bilderbuch über Bindungsmuster. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2025. 3. überarbeitete Auflage. 44 Seiten. ISBN 978-3-86739-388-1. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.
Reihe: kids in BALANCE. Illustriert von Anika Merten. .
Thema
Als John Bowlby und einige Jahre später Mary Ainsworth die ersten Forschungen zum Bindungsverhalten von Kindern unternahmen, konnten sie nicht ahnen, wie bedeutend das Thema in den folgenden Jahren werden würde. Was die beiden Pionier:innen herausfanden, ist nach wie vor fester Bestandteil jedes Studiums und jeder Ausbildung in Psychologie und/oder Pädagogik. Gleichzeitig haben sich die Erkenntnisse der Bindungsforschung in den letzten Jahren erweitert und differenziert. Dass nicht nur psychologisches und pädagogisches Fachpersonal fundierte Kenntnisse über Bindungsmuster besitzen muss – Wissen, das in die tägliche Handlungskompetenz einfließt –, sondern dass auch Eltern und Erziehungsberechtigte darüber informiert sein müssen, schon allein, um sich ihrer großen Verantwortung innezuwerden, zeigt das nunmehr in dritter Auflage publizierte „Bilderbuch über Bindungsmuster“ von Thomas Köhler-Saretzki und Anika Merten.
Autor und Illustratorin
Dr. Thomas Köhler-Saretzki ist Diplompsychologe und Systemischer Familientherapeut. Er leitet die Psychologische Beratungsstelle Herbstmühle in Wipperfürth. Außerdem ist er stellvertretender Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft Erziehungsberatung NRW e.V. (Klappentet).
Anika Merten ist Kommunikationsdesignerin und Illustratorin in Köln: www.anika-merten.de (Klappentext).
Entstehungshintergrund
Das Buch gehört zur Reihe „Kids in Balance“ des Psychiatrie-Verlags. Es handelt sich um ein Bilderbuch, das primär an Erwachsene adressiert ist.
Aufbau und Inhalt
Nach einer kurzen Einführung werden anhand von vier Kindern eines Kindergartens (drei davon sind vier Jahre alt, eins dreieinhalb) die grundlegenden Bindungsmuster vorgestellt. Diese Präsentation ist in die Geschichte einer personellen Transition eingebettet. Literaturempfehlungen, ein Nachwort von Silke Birgitta Gahleitner, die Darstellung des „Kreises der Sicherheit und Exploration“ sowie Downloadmaterialien runden den Band ab.
Fabienne, Klaus, Lilith und Karl-Heinz haben dieselbe Bezugserzieherin – Wilma. Fabienne fühlt sich im Kindergarten sehr wohl. Nachdem sie sich morgens von ihrer Mutter und ihrem Hund verabschiedet hat, spielt sie mit den anderen Kindern. Sie lässt sich schnell trösten, falls einmal Probleme oder Unstimmigkeiten auftreten sollten. Fabienne ist sicher gebunden, weil sie schon als Säugling erfahren durfte, dass sich immer jemand um sie gekümmert hat, wenn sie ihren Bedürfnissen Ausdruck verliehen hat.
Im Gegensatz zu Fabienne bleibt Klaus meistens allein. In aller Regelmäßigkeit holt er sich ein Auto aus dem Schrank, mit dem er sich ohne die anderen beschäftigt. Klaus vermeidet Kontakte, weil er bereits als Baby von den Menschen um ihn herum frustriert wurde und lernen musste, dass nicht immer jemand da war, um ihn zu trösten. In seiner Familie zeigt kaum jemand Gefühle oder spricht über sie.
Lilith, die jünger als vier zu sein scheint, kann sich morgens nur schlecht von ihrer Mutter trennen. Sie ist laut, will beim Spielen mit den anderen Kindern immer bestimmen und möchte ständig wissen, ob sie etwas gut gemacht hat. Lilith hat schon früh ambivalente Bindungserfahrungen machen müssen: ihr Vater trennte sich von der Familie, die Mutter war unberechenbar und gleichzeitig verlässlich.
Im Vergleich zu seinen Altersgenoss:innen scheint Karl-Heinz in seiner Entwicklung leicht verzögert zu sein. Oft gerät er in Streit mit anderen Kindern. Einigermaßen klar kommt er vor allem mit Jüngeren. Gegenüber Wilma verhält er sich kontrollierend. Zu Hause hat Karl-Heinz erlebt, dass Erwachsene ihm nur bedingt Sicherheit und Schutz bieten – seine Eltern waren in dieser Hinsicht nicht immer verlässlich, weil sie oft abgelenkt und mit sich selbst beschäftigt waren.
Als Wilma ein Baby erwartet, übernimmt Friederike, eine erfahrene Erzieherin, ihre Vertretung. Auf ihr Beziehungsangebot reagieren Fabienne, Klaus, Lilith und Karl-Heinz, die Wilma vermissen, ganz unterschiedlich. Da Friederike sehr feinfühlig ist, gelingt es ihr, auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder einzugehen. Mit dem „Kreis der Sicherheit“ manifestiert sich, was sie im Einzelnen brauchen: Für Fabienne ist es wichtig, dass Friederike auf sie achtet und ihr bei Problemen beisteht; Klaus benötigt Zeit, um sich an die neue Erzieherin zu gewöhnen; Lilith verlangt es in erster Linie nach Sicherheit, während Karl-Heinz jemanden braucht, der ihm hilft, seine Gefühle zu erkennen und mit ihnen umzugehen.
Während Friederike mit Fabienne direkt über Wilmas Weggang und die Gefühle des Mädchens dazu reden kann, muss sie sich das Vertrauen von Klaus erst nach und nach erschließen. Seine Gefühle und Bedürfnisse bleiben verborgen. Ganz anders Lilith – sie hat mit überbordenden Gefühlen zu kämpfen. Friederike bietet ihr Momente besonderer Nähe, wenn sie mit ihr ein Buch liest und mit ihr versucht, die Phänomene ihrer Affektwelt einzuordnen. Bei Karl-Heinz setzt die Erzieherin auf Wiederholungen – immer wieder versucht sie, ihm Stabilität zu vermitteln.
Friederike organisiert einen Elternabend, auf dem sie über die Fortschritte der Kinder berichtet. Als Wilma nach einigen Monaten zu Besuch kommt, zeigt sie den Kindern ihr Baby. Zu diesem Zeitpunkt hat es Friederike geschafft, zu allen Kindern eine passende Beziehung aufzubauen.
Insgesamt drei Downloadmaterialien, die der Autor kurz vorstellt, stehen zur Verfügung: der in den Sprachen Deutsch, Farsi, Türkisch, Spanisch und Englisch vorliegende „Kreis der Sicherheit und der Exploration“, ein „Plakat zu den vier Bindungstypen“, das im A-2-Format bestellt werden kann, sowie ein „Schema zu Bindung und Beziehung“. Der Verweis auf die „Bindungs‑ und Beziehungswippe“, mit der „das Herzstück der Bindungstheorie“, die Balance zwischen Bindung und Exploration, auf einfache Weise vergegenständlicht werden könne, schließt die Materialien ab.
Diskussion
Prinzipiell ist es eine sehr gute Idee, die von John Bowlby und Mary Ainsworth definierten Hauptbindungstypen so aufzubereiten, dass jede:r sie nachvollziehen und verstehen kann. Ohne jeden Zweifel birgt ein solches Unterfangen das Risiko der Vergröberung und allzu ausgeprägten Simplifizierung, von der die hier vorliegende Darstellung nicht gänzlich frei ist. Dennoch überwiegen die Vorzüge.
Punkten kann das Bilderbuch auf den ersten Seiten mit dem Vergleich, der zwischen dem Verhalten der Kinder in der Einrichtung und ihrer vorherigen Entwicklung im häuslichen Umfeld vorgenommen wird: Das, was Wilma beobachtet, ist zuhause, bei den primären Bezugspersonen der Kinder, angelegt worden. Allerdings ist die sich vor diesem Hintergrund ergebende Kategorisierung der Bindungstypen sehr rigide. Lediglich bei Karl-Heinz, dem Kind mit der desorganisierten Bindung, wird die Gefahr der statischen Einordnung benannt. Erwartet hätte man den Hinweis auf die Dynamik der Bindungstypen, ferner auf das Vorliegen von Mischformen.
Thomas Köhler-Saretzki bietet fiktionale, fachlich wohlfundierte Fallgeschichten auf einem einfachen, mündlichen Lehrniveau, deren narrative Umsetzung indessen optimiert werden könnte, bleibt manchmal doch ein Quäntchen Emotionalität zu vermissen. In diesem deskriptiven Duktus kommt auch eine Figur namens Herrmann vor, vermutlich ein Kind, mit dem kaum jemand klarkommt. Hermann bleibt ominös. Zu Klaus heißt es, dass er seltener als andere zu Wilma den Kontakt suche, „auch nicht, wenn er Probleme mit Hermann“ habe. Vier Seiten weiter kann man zu Lilith lesen, dass sie oft Streit habe und „dann Hilfe“ brauche – „nicht nur bei Hermann“. Wenn es auch nur um ein Detail geht, fehlt etwas. So zeigt sich ein Fauxpas, den man hätte vermeiden können.
Die Namen der Kinder sind gut gewählt, weil sie tendenziell nicht der aktuellen Mode entsprechen und sich somit kaum die Eltern eines „real existierenden“ vierjährigen Klaus oder Karl-Heinz dysphemisiert fühlen können. Beim pädagogischen Fachpersonal fällt die deutliche Hierarchisierung zwischen Leitung und den Gruppenerzieher:innen auf. Eine Kindertagesstätte, in der die Leitung als „Frau Bolbie“, ein hier sehr symbolischer Familienname, angesprochen wird, die beiden Bezugserzieher:innen aber mit den Vornamen, Wilma und Friederike, scheint rein formal im Abseits jeglichen demokratischen Impetus zu verorten zu sein.
Sehr begrüßenswert ist es, dass Wilma und Friederike als Leuchttürme der Feinfühligkeit, nachgerade als Inkarnation sensitiver Responsivität gezeichnet werden. Vor allem Friederike entspricht einem pädagogischen Ideal, denn ihre Geduld und ihre Beziehungsarbeit erstrecken sich nicht nur auf die Kinder, sondern umfassen ebenso intensive Anstrengungen in Richtung Bildungs‑ und Erziehungspartnerschaft.
Anika Mertens realistische Illustrationen passen hervorragend zum Text und begleiten ihn gut. Ab und an beinhalten sie Zusatzinformationen, z.B. die Abbildung der Bindungs‑ und Beziehungswippe beim Elternabend.
Das Downloadmaterial wartet nicht mit einer unangebrachten Abundanz von Ratschlägen auf, sondern reduziert sich auf druckbare Dateien der Abbildungen, die man aus dem Buch kennt. Das ist erfreulich.
Etwas fragwürdig ist der Link zu einer teuren Bindungs‑ und Beziehungswippe von KIKT, einem Versandhandel für therapeutische Materialien. Vielleicht hätte eine Anleitung zum Eigenbau aus Pappe oder Sperrholz mehr Sinn ergeben.
„Wo ist Wilma“ ist ein Bilderbuch für Erwachsene, von dem man sich wünschte, dass es seine Mission nicht ganz so niederschwellig vor sich hertrüge. In den mit einem fett gedruckten kleinen „i“ markierten Abschnitten rechts neben dem eigentlichen Text hätte man gut Literaturnachweise und fundiertere Informationen zu den Bindungsmustern unterbringen können. Etwas mehr Input und Informationen zur Weiterentwicklung der Bindungsforschung hätten nicht geschadet. Trotz der Literaturhinweise am Ende bleibt das Bilderbuch vom reinen Informationsgehalt her überschaubar. Der Schwerpunkt liegt eindeutig auf den Beispielen und den daraus induzierten einführenden Worten.
Fazit
Für Menschen, die noch nichts von Bindungstheorie gehört haben, ist „Wo ist Wilma?“ als einfacher Zugang zum Thema geeignet. Eltern und Erziehungsberechtigte sowie Schüler:innen, die ihre sozialpädagogische Erstausbildung beginnen, können von dem Buch profitieren.
Rezension von
apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting
Literaturwissenschaftlerin (Venia legendi für Romanische Literaturwissenschaft, Französisch und Italienisch) sowie Dozentin an einer Fachschule für Sozialpädagogik.
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