Achille Mbembe: Politik der Feindschaft
Rezensiert von Prof. Dr. Gertrud Hardtmann, 26.05.2026
Achille Mbembe: Politik der Feindschaft.
Suhrkamp Verlag
(Berlin) 2025.
235 Seiten.
ISBN 978-3-518-29932-6.
D: 18,00 EUR,
A: 18,50 EUR,
CH: 25,90 sFr.
Reihe: Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft - 2332. .
Thema
Thema des vorliegenden Bandes ist die kritische Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit und gegenwärtigem Rassismus.
Autor
Achille Mbembe ist Historiker und Philosoph und lehrt an der Universität Witwatersrand in Johannesburg. Er ist bekannt durch Veröffentlichungen und Auszeichnungen.
Entstehungshintergrund
Der vorliegende Band nimmt Bezug auf Fanon, das Phänomen der rassistischen Feindschaft im Kolonialismus und nach der Entkolonisierung.
Inhalt
Einleitung: Die Welt auf dem Prüfstand
(Vortrag am Witwatersrand Institute for Social and Economic Research Johannesburg).
Lässt sich eine Beziehung begründen auf der wechselseitigen Aberkennung der Verwundbarkeit und Endlichkeit? Ist das die einzige Überlebenschance, und ist der Krieg in der Demokratie, Politik und Kultur eine Notwendigkeit? Wie erkennt man im Gesicht des Feindes seinesgleichen und kommt auf der Basis von Gegenseitigkeit zu einer echten Begegnung? Mensch werden, bedeutet dem Anderen ausgesetzt zu sein. Fanon richtete den Blick auf die Licht‑ und Schattenseiten des Menschen.
Erstes Kapitel: Das Ende der Demokratie
Vom 16. Bis zum 19. Jahrhundert waren die Umschichtung der Weltbevölkerung durch Menschenraub, Ausbeutung und Arbeitszwang politische, und auch philosophische, Ziele. Siedlung bedeutete Erweiterung der eigenen Nation. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts entstanden neue multinationale Großstädte mit Menschen mehrerer Nationalitäten und eine Aufmerksamkeit für alle Erdbewohner, wie z.B. auch Tiere und Pflanzen (conditio terrae, anstelle von conditio humana). Die Computertechnologie umfasste alle Bereiche des menschlichen Lebens (Formbarkeit des Menschen und Angleichung an Maschinen) und eine Steigerung der Fragilität und Ausbeutung der Erde. Brutalität wurde durch die Demokratien gedämpft, ging aber über an private Institutionen.
Im demokratischen Sklavenstaat gab es Gemeinschaften der Gleichen und der Nichtgleichen (Sklaven waren keine Rechtssubjekte). Der innere Frieden im Westen basierte auf Gewalt in der Ferne (terroristische Kolonialpolitik).
Gewalt – auch durch technische Hilfsmittel – ist, anders als Macht, auf Zerstörung ausgerichtet. Eliminierungswünsche – oft mythologisch verschleiert – bedeuten Krieg außerhalb der Grenzen des Rechts und der Demokratie. Nekropolitik produziert Verdächtige und Märkte für Waffen, Henker und Opfer, ein Teufelskreis der Gewalt
Zweites Kapitel: Die Gesellschaft der Feindschaft
Kapital, Technologie und Militarismus setzen die liberale Demokratie unter Druck und befördern Entdemokratisierung (Hass gegen Muslime, Araber, Ausländer, Immigranten, Eindringlinge u.a.), Apartheits‑ und Ausrottungsphantasien: In Palästina z.B. Kontrolle, Überwachung, Besiedlung, Checkpoints, Verarmung, Drangsalierungen. Im Kolonialismus bestand das Bild von den Einheimischen größtenteils aus Klischees und Trümmern der echten Biographie zur Abwehr von Scham‑ und Schuldgefühlen. Zerstörungslust nach dem Talionsprinzip in der depressiven Phase: Die vernichtende Wut gegen sich selbst wird nach außen gewendet. Nach Carl Schmitt ist der Feind kein Gegner oder Rivale, sondern eine ständige Bedrohung einer vernichtenden Selbstwahrnehmung.
Massenmoral (Glaubensgenossen) unterstützt affektiv Mythen und Mysterien und endet nicht selten in Terrorismus, da Zweifel unterdrückt oder verboten sind. Trotz Aufklärung grassiert der Rassismus spektakulär in der ‚Phallokratie‘ und sät nach wie vor Tod und Verderben, solange es nicht gelingt, die Welt und die Menschen ‚im Plural zu deklinieren‘ und Diskriminierung durch Fürsorge zu ersetzen.
Drittes Kapitel: Fanons Apotheke
Fanon spricht von Zerstörungs‑ und Lebensprinzip; die Frage ist, wie man den ersten kontrolliert und den zweiten unterstützt. Zerstörung zeigt sich im Rassismus, Imperialismus und in unserem Verhältnis zum Tod. Terror hinterlässt Spuren, sowohl bei den Opfern als auch bei den Tätern. Gefährlich ist die Verbindung von Nationalismus, Militarismus und die zunehmende Waffenentwicklung (Gaskrieg im 1. Weltkrieg): Das Innere des Anderen wird zur Zielscheibe. Menschen machen sich zu Göttern, und Entzivilisierung breitet sich aus. Konzentrationslager, Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurden auch zum Vorbild für das 3. Reich. Teilung, Besetzung, Vertreibung und Deportation zielen auf Gewöhnung an Sadismus und Krieg, als Höhepunkt zerstörten Lebens. Vulgärer und kultureller Rassismus ist projektiv ein psychoseähnlicher Wahn, unterstützt durch sexuelle Phantasien. Der Mythos macht die Opfer verantwortlich. Diese Ängste und Identifikationen müssen in einer ‚radikalen Dekolonisierung‘ bekämpft werden. Heilung bedeutet die wechselseitige Anerkennung der Verschiedenheit.
Fanon behandelte die Opfer: Kombattanten und Zivilisten, Männer und Frauen, die unter Depression, Reizbarkeit und sozialen Ängsten litten. Das zerstörte Beziehungssystem musste mühsam wieder hergestellt werden durch Sprache und Gemeinschaft, damit sich der lebendige Tod nicht auch noch der Zukunft bemächtigte (Fallbeispiele aus der Klinik).
Viertes Kapitel: Dieser nervtötende Süden
Die Schwarzen sind Teil der Weltgeschichte und des Westens. Das Faktum Neger ist mehr oder weniger anerkannt, die ‚Negerfrage‘ stößt jedoch auf Kritik, insbesondere wenn es um Anerkennung geht. Die literarische, ästhetische und kulturelle Bewegung des Afrofuturismus, entstanden in der Diaspora, untersucht die Vergangenheit der ‚farbigen Völker‘ und ihre aktuelle Lage. Sie kritisiert, wenn Menschen zu Objekten gemacht werden, und vermittelt eine schwarze Welterfahrung. An die Stelle der Idee des Menschen tritt inzwischen der Kosmos (s.a. Tiere, Pflanzen) und anstelle Lebensformen einzuebnen, geht es um die Anerkennung. Negersklaven und Industriearbeiter sind das Produkt einer Raubdynamik, da Sklaven zum in Geldwert gemessenen Gut gemacht wurden, aber trotzdem Menschen blieben. Ihre ‚Entfremdbarkeit‘ wurzelte im Rassenprinzip. In einer Art ‚Menschenzoo‘, waren sie weder Tiere noch Objekte. In traumatischen Alpträumen lebt die Vergangenheit in der Gegenwart fort.
Museen fungierten in der Neuzeit als Absonderungsinstrumente nach den Regeln der Verletzung und Vergewaltigung (fehlende Würde bei Klassifizierungen, der Geist von Apartheid, Kult des Unterschiedes), anstelle das Skandalpotenzial zu überliefern. Ein ‚Antimuseum‘ ist zu schaffen mit Archivmaterial in Gestalt von Spuren des Wahns von Rasse und Geschlecht (der Körpers der Negerin als Objekt). Die Idee der Menschheit muss, angefangen von der Verwundbarkeit des Körpers, als in ständiger Schöpfung begriffen und eine Beziehung der Fürsorge entwickelt werden. Wir erleben eine Universalisierung der Situation, die früher Negern vorbehalten war: Der ‚Tiefenneger‘ ist heute eine subalterne zur Ausrottung oder Aussonderung bestimmte Menschenart.
Eine Größenphantasie ist, dass sich alles – auch Lebewesen nach Menschenart – herstellen lässt. Durch die Koppelung an Maschinen brauchen die heutigen Herren kein Knechte mehr.
Der Klassenkampf war untrennbar mit dem Rassenkampf verbunden. Heute greift man nicht mehr auf die Biologie zurück, es genügt ‚Ausländer‘ zu sein. Ist die ‚Globalisierung der Apartheid‘ die Zukunft? Die Fiktion eines neuro-ökonomischen Menschen, der sich und andere instrumentalisiert, führt zur Abschaffung des ‚tragischen Subjekts der Psychoanalyse‘, das in Konflikt mit sich selbst und dem Anderen steht und für sein Schicksal verantwortlich ist.
Schluss: Ethik der Passanten
Angesichts der Verwundbarkeit sehen manche das Heil in der Kraft der Zerstörung. Die Demokratien schwächeln bis zum Systemwechsel. Das Land unserer Geburt tragen wir in uns, wenn auch im Laufe des Lebens weniger vertraut. Wie kann man Gelassenheit in turbulenten Zeit bewahren? Ein Zufall bestimmt, wie wir wahrgenommen werden. Können wir akzeptieren, dass wir alle Reisende – Passanten – sind auf dem Weg zu einem Anderswo? Ein Mensch in der Welt werden ist keine Frage der Geburt, Herkunft oder Rasse. Wir müssen die Zerstückelung unseres Lebens annehmen. Jede Begegnung ist ein Samenkorn einer umfassenden Menschheit. Der Mensch gehört an alle Orte und soll deshalb lernen, Orte zu wechseln und neue Beziehungen von Solidarität und Distanz einzugehen. Europa ist nicht mehr das Gravitationszentrum der Welt. Nötig, und auch möglich, ist gemeinschaftlich eine Universalität zu entwickeln, die Katastrophen vorbeugt.
Diskussion
Ein verstörendes Buch, und noch verstörender, wenn man dazu parallel – was zu empfehlen ist – Fanon liest. Gibt es eine Alternative zu der ‚Politik der Feindschaft‘? Eine ‚Politik der Besorgnis‘ nicht nur in Bezug auf Menschen, sondern auf alles was lebendig ist, auch Tiere und Pflanzen? Fanon und Mbembe beschreiben die destruktiven Auswirkungen einer ‚Politik der Feindschaft‘. Das wirft vor allem nicht nur Fragen auf, wie so etwas entsteht, sondern auch wie es verändert werden kann.
Die Suche nach Feinden (Gegner) mit gleichen Waffen ist als ein Jungenspiel im Latenzalter (um sich zu erproben, abzugrenzen, zu behaupten) menschlich, sportlich und universal. Aber:
- ‚Kinder spielen gern Soldaten. Doch nur, wenn sie nicht geraten, werden sie dann mit der Zeit, was als Kinder sie gefreut.‘
sagt ein kluger pädagogischer Vers. Denn Nationalismus und Fremdenhass sind im Wesentlichen Eigenschaften von Heranwachsenden und Erwachsenen, nicht angeboren, aber erworben in einem Alter, in dem sich die ganze Welt entweder öffnet oder projektiv verschließt. Die Chance auf das radikal Neue ist ebenso groß wie die Angst vor dem Unkontrollierbaren, die projektiv den Fremden zum Feind macht und nicht zu einem Gleichen unter Gleichen. Begegnungen mit dem Fremden sind immer verbunden mit positiven und negativen Selbsterfahrungen, Vorurteilen und Urteilen; sie zerstören konstruktiv falsche Größen‑ und Überlegenheitsphantasien und bieten eine Chance, sich selbst mit anderen Reisenden als ‚Passanten‘ zu begreifen auf der Suche nach einer neuen, nicht ausschließlich familien‑ oder nationalgebundenen Solidarität, nach einer notwendigen Distanzierung von einer Vergangenheit, die man sich nicht selbst ausgesucht hat (der Zufall der Geburt). Denn diese kann zu einem Gefängnis werden und den Zugang zur Welt verschließen, oder zu einem Ort der Freiheit, neue Bindungen einzugehen und überraschende und bereichernde Erfahrungen mit sich selbst und Anderen zu machen.
Ist Rassismus u.a. ein besonderes Problem von Jungen (was nicht heißt, dass auch Frauen Rassistinnen sein können), die in der Adoleszenz den Übergang zum Erwachsenwerden – Trennung und Neubeginn – nicht geschafft haben? Stellt unsere Gesellschaft gerade für Jungen in dem schwierigen Übergang von der Pubertät zum Erwachsensein keine geeigneten ‚Übergangsriten‘ mehr zur Verfügung? Wenn man die Aufmärsche rechtsradikaler Jugendlicher, insbesondere außerhalb der Großstädte, in Deutschland beobachtet: Ist es der Wunsch gesehen und – ernstgenommen zu werden? Suchen die Jungen Konfrontation? Auseinandersetzung? Oder regressiv eher ein Verschwinden in einer anonymen Masse in einem Alter, in dem die Aufgabe ist, einen Weg zu einem gesunden Selbstwertgefühl (nicht auf Kosten anderer) zu finden? Dieses Buch enthält mehr Fragen als Antworten, ist aber geeignet, selbstkritisch Zweifel zu wecken, auch am eigenen Umgang mit Diskriminierungen.
Fazit
Ein sehr wichtiges, wenn auch nicht leicht zu lesendes Buch, das auch im Unterricht benutzt werden kann, um eigene Verletzungen und Verletzbarkeiten spürbar zu machen, z.B. u.a. die Angst vor dem ‚Fremden‘ (auch bereits vor dem anderen Geschlecht).
Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie, Psychoanalytikerin
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