Hartmut Häger, Sabine Brand et al.: Gedenkbuch für die als Juden von 1933 bis 1945 verfolgten Hildesheimerinnen und Hildesheimer
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 21.04.2026
Hartmut Häger, Sabine Brand, Ann-Kathrin Möhle, Peter Thon: Gedenkbuch für die als Juden von 1933 bis 1945 verfolgten Hildesheimerinnen und Hildesheimer.
Gerstenberg Verlag
(Hildesheim) 2026.
816 Seiten.
ISBN 978-3-8067-8884-6.
D: 45,00 EUR,
A: 46,30 EUR,
CH: 45,00 sFr.
Reihe: Quellen und Dokumentationen zur Stadtgeschichte Hildesheims - Band 23.
Thema
Als Oral‑ und Local-History werden die Nazi-Menschheitsverbrechen der Shoa (Holocaust) zögerlich und vielfach zu spät „vor Ort“ aufgearbeitet. Es sind immer Einzelpersonen, die aus Verantwortung und Empathie sich daran machen, den Opfern des Nationalsozialismus durch „Stolpersteine“, Denkmäler, museale Sammlungen, Tagebücher, Unterrichtsprojekte und Publikationen „den Opfern ein Gesicht“ geben. In der Stadt Hildesheim, zwischen Hannover und Brauschweig, gibt es in der Nordstadt einen jüdischen Friedhof, auf dem, abgetrennt vom übrigen Friedhofsgelände, ein Totenhaus und prächtige Gräber liegen. Es waren Lehrkräfte und SchülerInnen der Integrierten Robert-Bosch-Gesamtschule (RBG), die im Rahmen von Schulpartnerschafts-, Begegnungs‑ und Schüleraustauschprojekten mit Schulen in Israel eine Arbeitsgemeinschaft bildeten, die den Friedhof als „Beth-Shalom“ – Erinnerungsstätte – ‑einrichteten. Besonders der Oberstudienrat und Pastor Hans-Jürgen Hahn hat sich dabei verdient gemacht und mit der Herausgabe des Auschwitz-Albums von Lili Meier (Gesichter der Juden in Auschwitz, 1995) zur Erinnerung beigetragen. Das Monument zur Erinnerung an die ehemalige, in der „Kristallnacht“ vernichtete Synagoge am Lappenberg, der kürzlich zu Ehren des 1922 in Hildesheim geborenen (Günther Stern) als „Guy-Stern-Platz“ umbenannt wurde, (Literaturwissenschaftler, Guy Stern (+2023 in Detroit/USA), und Holocaust-Überlebende, Hinterbliebene und Historiker haben dazu beigetragen, dass „local History“ im Geschichtsbewusstsein bleibt (Andrew Stuart Bergerson, Nationalsozialismus in alltäglichen Interaktionen, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25952.php). Der Hannöversche Rechtsanwalt, Notar und Präsident des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen, Michael Fürst, war als Ehrengast bei der Buchvorstellung im Hildesheimer Rathaus anwesend; seine familiären Wurzeln liegen ebenfalls in Hildesheim. Der Holocaust-Überlebende, Rechtsanwalt Hugo Goldberg, hat bereits 1971 eine Liste mit Namen von Hildesheimer Juden an die Stadtverwaltung übermittelt, in der Hoffnung, sich an sie zu erinnern; das ist nicht erfolgt!
Gedenkbuch
Der Hildesheimer Historiker, Pädagoge und Ehrensenator der Universität Hildesheim, Dr. Hartmut Häger, hat in jahrzehntelanger Arbeit, in Kooperation mit der Hildesheimer (Heimat-)Schriftstellerin Sabine Brand, der Archivarin Ann-Kathrin Möhle und dem Lehrer Peter Thon (+2025) die umfangreiche, 816-seitige Dokumentation – Gedenkbuch für die als Juden von 1933 bis 1945 verfolgten Hildesheimerinnen und Hildesheimer – in der Reihe „Quellen und Dokumentationen zur Stadtgeschichte Hildesheims“, Stadtarchiv, Bd. 23, vorgelegt.
Die Vorsitzende der Jüdischen Hildesheimer Gemeinde e.V., Channah von Eickstedt, weist mit dem Vorwort darauf hin, dass das Gedenken an die Verstorbenen – Sachor – das jüdische Dasein bestimmt‑ Die Ehrenvorsitzende des Freundeskreises der Jüdischen Gemeinde, Hildesheimer Ehrenbürgerin und ehemalige niedersächsische Landtagsabgeordnete Dr. h.c. Lore Auerbach sieht in dem Gedenkbuch eine „Basis für die Förderung sowie die Unterstützung der Pflege und Erneuerung jüdischer Traditionen in unserer Stadt“.
Der Historiker des Instituts der Geschichte der Universität Hildesheim, Prof. Dr. Michael Gehler, betrachtet in dem Momento der namentlich bekannten 645 jüdischen MitbürgerInnen nicht nur ein Dokument unfassbarer Unmenschlichkeit, sondern mit den vieltausenden Quellen und Anmerkungen „ein Monument wissenschaftlicher Akribie, Gründlichkeit und Sorgfalt“.
Der Herausgeber, der Leiter des Stadtarchivs, Prof. Dr. Michael Schütz, informiert über die verfassten und perpassten Aktivitäten zur Erinnerung an die Hildesheimer Opfer der Shoa. Die Aufnahme des Gedenkbuchs in die Schriftenreihe der Hildesheimer Stadtgeschichte wird dem Anspruch gerecht, Gegenwärtiges mit Vergangenem und Zukünftigem zu verbinden.
Aufbau und Inhalt
Die Dokumentation enthält Kurzbiografien „vom allen ‚als Juden‘ verfolgten Hildesheimerinnen und Hildesheimern. die … zwischen dem 30. Januar 1933 und dem 8. Mai 1945 in Hildesheim wohnten, unabhängig davon, ob sie … sich zum Judentum bekannten oder nichtjüdische Familienangehörige waren“. Aufgeführt werden persönliche Daten, Familienverhältnisse, Wohnorte/Aufenthalte, Ausbildung/Berufstätigkeit, Mitgliedschaften und ehrenamtliche Tätigkeit, Lebens‑ und Leidenswege. Bereits seit 1950 gibt es in Hildesheim Gedenkliteratur für Kriegstote und Bombenopfer. Für ehemalige jüdische Mitbürger zeugen aktuell 300 „Stolpersteine“ und 415 Grabstellen davon, dass seit mehr als 700 Jahren Menschen jüdischen Glaubens in der Stadt lebten. In einer kurzen Geschichte der jüdischen Gemeinde in Hildesheim, seit 1322, wird deutlich, dass Judenverfolgungen, Diskriminierungen und Vertreibungen in Deutschland, auch in Hildesheim, alltäglich waren. Erst durch die Aufklärung – und mit Hegels Diktion: „Der Mensch gilt so, weil er Mensch ist, nicht weil er Jude, Katholik, Protestant, Deutscher u.s.f. ist“ – gelang es, wenn auch eingeschränkt, gleiche Rechte und Pflichten für alle Bewohner durchzusetzen. 1849 wurde die Synagoge am Lappenberg eingeweiht, und die jüdische Schule entstand. Mit der Zunahme der Einwohnerzahlen um 1876 von 22.500 auf 47.000 stiegen auch die der jüdischen BürgerInnen von 450 auf 600 Personen. Als Soldaten dienten und starben sie im Ersten Weltkrieg. Nach den Pogromen vom November 1938 war auch Hildesheim „judenfrei“. Nur wenige überlebten die Gräuel in den Konzentrations‑ und Vernichtungslagern Theresienstadt, Sobibórl, Auschwitz… Nach 1945 zogen Überlebende des Holocaust, und ab 1991 Juden als „Kontingent-Flüchtlinge“ aus den GUS-Staaten auch nach Hildesheim. Am 25. Januar 1997 gründete sich der Verein „Jüdische Gemeinde“, und am 10. November 2009 – 160 Jahre nach der Einweihung der Synagoge am Lappenberg und 71 Jahre nach der Zerstörung – erwarb die Jüdische Gemeinde das ehemalige Gemeindehaus der katholischen Pfarrgemeinde St. Johannes (der ehemaligen jüdischen Schule) und richtete ihre Synagoge ein.
Den größten Teil der Publikation nehmen die Biografien der Hildesheimer Jüdinnen und Juden auf 644 Seiten ein. Es sind kurz‑ und längergefasste, von Frieda Abraham bis Sonja Zucker alphabetisierte Informationen, keine Erzählungen. Hartmut Häger betont, dass die in vielen Jahren zusammengetragenen, oftmals auf Umwegen ermittelten Fakten lückenhaft, aber wahr sind. Das Gedenkbuch ist nicht vollständig sondern wartet darauf, durch weitere Forschungen ergänzt und erweitert zu werden.
Diskussion
Die „Nürnberger Rassengesetze“ von 1935 diktierten, dass „kein Jude Deutscher (Arier) sein könne“. Plünderungen jüdischen Eigentums, bis zur Ermordung der Juden, waren rechtens und patriotisch. Die Deportationen in die Vernichtungslager waren organisatorisch.-bürokratische Maßnahmen. Die „Banalität des Bösen“ (Hannah Arendt) zeige sich im Vollzug. Dagegen anzugehen bedarf einer verantwortungsbewussten, ethischen und moralischen Erinnerungskultur. In einer von Forschungsgruppe Wahlen des ZDF 2020 durchgeführten Umfrage zeigt, dass fast ein Drittel der deutschen Bevölkerung einen Schlussstrich ziehen und sich nicht weiter mit dem Menschheitsverbrechen der Nazis beschäftigen wollten. Zwar könnten drei Viertel der Befragten vage etwas mit dem Begriff „Holocaust“ anfangen, doch über genaueres Wissen darüber verfügten nur rund 20 Prozent. „Auschwitz“ ist vielen Schülerinnen und Schülern nicht bekannt (Achim Doerfer, Irgendjemand musste die Täter ja bestrafen. Die Rache der Juden, das Versagen der deutschen Justiz nach 1945 und das Märchen deutsch-jüdischer Versöhnung, 2021, www.socialnet.de/rezensionen/29097.php). Die Frage, ob man nach dem Holocaust noch ein Gedicht schreiben könne, wird ja nicht mit „Hans-guck-in-die-Luft“ beantwortet, sondern nur damit, sich intellektuell, propädeutisch und empathisch damit auseinanderzusetzen (Eva Matthes, u.a., Hg., Holocaust Education im 21. Jahrhundert, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/20232.php). Von den „Stolpersteinen“ bis hin zu den Berichten, Lebensläufen, Biographien und Schicksalserzählungen ziehen sich die Bemühungen von Einzelnen und Initiativen, damit die Menschheitsverbrechen des Holocaust und der Shoa im gesellschaftlichen Gedächtnis erhalten bleibt.
Fazit
Den Opfern Gesicht und Ehre geben! Ein „Nie wieder!“ ist Anspruch und Verantwortung! Die ausgewählten Fotografien zeigen Menschen wie dich und mich. Abbildungs-, Quellen-. Literatur‑ und Medienverzeichnis verweisen auf das Wissen über die faschistische Politik des Nationalsozialismus und das verbrecherische, menschenverachtende Tun der Nazis.
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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