Sabrina Bennewitz: Verhalten verstehen statt Bewerten
Rezensiert von Alexandra Großer, 29.09.2026
Sabrina Bennewitz: Verhalten verstehen statt Bewerten. Systemisch denken und handeln in Kita, Krippe und Kindertagespflege. Verlag Herder GmbH (Freiburg, Basel, Wien) 2026. 128 Seiten. ISBN 978-3-451-03695-8. D: 18,00 EUR, A: 18,60 EUR, CH: 19,50 sFr.
Thema
Sabrina Bennewitz verbindet die systemische Haltung und Perspektiven mit der pädagogischen Praxis. Verschiedene Praxisbeispiele geben Einblick wie die systemische Perspektive in die Arbeit mit Kindern, Eltern und Familien einfließen kann und wie sich dadurch die Beziehungen und Zusammenarbeit verbessern.
Autor:in oder Herausgeber:in
Sabrina Bennewitz ist Erzieherin und war 16 Jahre im Gruppendienst als auch als Leitung tätig. Sie arbeitet als therapeutisch-beratende Seelsorgerin (BTS) und systemische Beraterin (DGSF).
Aufbau
Das Buch enthält 13 Kapitel und 6 Exkurse. Bis auf das erste Kapitel, enthält jedes Kapitel ein Praxisbeispiel in einem grauhinterlegten Kasten. In farbig abgesetzten Kästen befinden sich Exkurse, Informationen zu weiterführender Literatur sowie Wissenshäppchen.
Inhalt
Zugänge zu systemischem Denken
Im ersten Kapitel erläutert die Autorin den systemischen Ansatz ausgehend von der systemischen Familientherapie und dem Ökosystemischen Ansatz von Urie Bronfenbrenner mit den Systemebenen Mikro-, Meso-, Exo-, Makro- und Chronosystem. Sabrina Bennewitz arbeitet die Vorteile heraus, die im pädagogischen Alltag durch die systemische Sichtweise auf Kinder und Familien entstehen. Systemisch zu fragen, zu denken, fördert Perspektivwechsel und hat Auswirkungen auf alle Beteiligten. Damit wird eine reflektierte, konstruktive und vorurteilsbewusste Zusammenarbeit mit Familien möglich.
Modelle und Methoden für die Praxis
Mit dem Modell des Mobiles von Steve de Shazer gibt die Autorin ein anschauliches Beispiel dafür, wie Kinder mit ihrer Familie verbunden sind. Bewegt sich ein Teil hat das Folgen auf alle anderen Teile. Übertragen auf Familien beschreibt der Ansatz von Virginia Satir, anschaulich die Auswirkungen auf die Bewegung innerhalb des Systems. Neben dem Bild des Systems als Mobile, erläutert die Autorin die Hypothesenbildung. Anhand eines Praxisbeispiels erklärt sie die Vorteile der Arbeit mit Hypothesen und der Arbeitshypothese. Ein weiterer Fokus liegt auf dem Symptomträgerkonzept sowie auf dem Biopsychosozialen Modell von Gildhoff-Fröhlich. Im Zusammenspiel greifen die verschiedenen Modelle und Konzepte ineinander und verhelfen zu einer „vielperspektivischen Sicht auf das Kind“ (S. 28). Sabrina Bennewitz zeigt, wie die verschiedenen Modelle in der pädagogischen Arbeit mit Kindern und Familien ineinandergreifen und sie Kinder und Eltern unterstützen können.
Warum Schuldzuweisungen nicht weiterhelfen
Oft haben pädagogische Fachkräfte vermeintlich einfache Erklärungen dafür das Verhalten von Kindern und ihrer Eltern. Diese gehen oft mit folgenden Gedanken einher ‚wenn die Mutter, der Vater dies und jenes machen würde, dann …‘. Diese Erklärungen und Gedanken führen oft zu Frust, Missverständnissen und Schuldzuweisungen auf beiden Seiten. Damit dies nicht geschieht, braucht es Verständnis und Offenheit gegenüber Eltern, mehr über sie und ihre Geschichte zu erfahren, um miteinander Lösungen zu finden. Das Praxisbeispiel zeigt, wie es zu Missverständnissen kommt, und was die Fachkraft stattdessen tun kann.
Eigene Persönlichkeitsprägungen aufdecken
Dieser Abschnitt beschäftigt sich mit den eigenen biografischen Erfahrungen, die in zwischenmenschlichen Beziehungen zum Tragen kommen. Im Praxisbeispiel zeigt die Autorin, wie die eigenen und pädagogischen Werte als auch biografischen Erfahrungen, den Umgang mit einem regelmäßig zu spät kommenden Vater und dessen Kind beeinflussen. In der anschließenden Aufarbeitung des Praxisimpuls analysiert die Autorin mithilfe des Riemann-Thomann-Modell die Hintergründe des Verhaltens der pädagogischen Fachkraft (vgl. S. 42). Sabrina Bennewitz erklärt, wie dieses Modell für die eigenen Reflexion genutzt werden kann. Sie erklärt wie die pädagogische Fachkraft im Praxisbeispiel aufgrund der Selbstreflexion „von der emotionalen Ebene auf die Sachebene wechseln“ (S. 43) kann.
Fragende Haltung statt schnelles Urteilen
In diesem Praxisbeispiel und Kapitel erfahren die Leser*innen, wie sie weniger schnell urteilen und mit Abstand zur beobachtenden Situation zwischen Mutter und Kind offener und mit fragender Haltung auf die Eltern zugehen. Indem Bewertungen und Vorurteile bewusst gemacht, diese beiseitegeschoben werden, kann die Fachkraft wertschätzender auf die Mutter zugehen. Anhand von Small Talk und beiläufigen Fragen, lassen sich so Zusammenhänge erfahren. Dies eröffnet neue Perspektiven und die Möglichkeit gemeinsam nach Lösungen zu suchen.
Wie pädagogische Fachkräfte Eltern erreichen
Vielen Leser*innen dürfte es bekannt vorkommen, dass sie manche Eltern nicht erreichen. Dies kann besonders frustrierend sein, wenn Kinder leiden „und es um dringliche Probleme geht“ (S. 48). Sabrina Bennewitz zeigt in ihrem Beispiel und in der anschließenden Bearbeitung, wie pädagogische Fachkräfte bei einer Trennung von Eltern ihre Allparteilichkeit behalten und zum Wohle des Kindes handeln.
Rollen von Kindern und Eltern verstehen
Die Autorin greift im Praxisimpuls Kinder mit ruhigen und regelkonformen Verhaltensweisen auf, die im Gegensatz zu den lauten und „temperamentvollen“ (S. 53) Kindern, kaum bis gar nicht auffallen, sondern eher im Tagesgeschehen untergehen. Mit diesem Beispiel erläutert sie das Thema Parentifizierung und wie pädagogische Fachkräfte Kinder und Eltern unterstützen können.
Von strikten Regeln zum gegenseitigen Verständnis
In vielen Kindertageseinrichtungen und Kindertagespflegestellen wird auf gesunde Ernährung geachtet. Nicht selten kommt es hier zu Konflikten und Missverständnissen zwischen Fachkräften und Eltern. Diesen Praxisimpuls nutzt die Autorin auch, um auf Traumaerfahrungen und Trigger im Zusammenhang mit Traumata aufmerksam zu machen.
Herausforderndes Verhalten als Ausdruck unerfüllter Bedürfnisse
Wenn Kinder mit familiären Herausforderungen konfrontiert sind, bleiben ihre Bedürfnisse, die sie haben, oft unerfüllt. Durch ihre, oft nicht adäquaten, Verhaltensweisen zeigen sie ihre Not. Für Pädagogen wie Eltern gilt es, die Gründe des Kindes zu finden, Perspektiven zu wechseln und miteinander Lösungen zu finden. Dabei ist es wichtig, dass auch Pädagogen sich als Teil des Systems begreifen. Sie sind damit Teil des Problems als auch der Lösung.
Mit einer wertschätzenden Haltung raus aus dem Teufelskreis
Mit dem Praxisbeispiel zeigt sich der kommunikative Teufelskreislauf, der sich ergibt, wenn pädagogische Fachkräfte und Eltern sich in gegenseitigen Vorwürfen und Abwehrhaltungen verstricken. In der Analyse geht die Autorin darauf ein, wie dieser unterbrochen werden kann.
Gegenüber Eltern in der professionellen Rolle bleiben
Eric Berne hat in seinem Kommunikationsmodell verschiedene Ich-Zustände beschrieben, aus denen Menschen reagieren. Das Kommunikationsmodell aus der Transaktionsanalyse hilft dabei die verschiedenen Ich-Zustände zu analysieren aus denen heraus wir miteinander in Kontakt treten. In Elterngesprächen und im Team, kann es durchaus vorkommen, dass unser Kind-Ich oder unser Eltern-Ich angesprochen wird, aus dessen Modi wir dann reagieren. Dieses Modell zu kennen und die „unerwünschten Modi zu erkennen“ (S. 82) helfen dabei das eigene Kommunikationsverhalten und das anderer Menschen zu verstehen. Es hilft dabei sich der eigenen Ich-Zustände bewusst zu werden und in Gesprächen im Erwachsenen-Ich zu bleiben bzw. in dieses zu wechseln.
Familienkulturen offen und sensibel begegnen
In diesem Abschnitt stellt die Autorin die idealtypischen Sozialisationsmuster, der psychologischen Autonomie und relationalen Verbundenheit, vor, sowie das Wertequadrat nach Schulz von Thun. Diese Modelle dienen der Reflexion und Orientierung. Besonders die Modelle der Sozialisationsmuster, da es hier viele Mischformen zwischen den „Menschen unterschiedlicher Herkunft“ (S. 87) gibt. Die Modelle unterstützen dabei verschiedene „kulturelle Erfahrungen, Werte und Weltanschauungen“ (S. 90) einzuordnen und zu verstehen. Das Wertequadrat hilft dabei Werte mit ihren Gegensätzen und Schwestertugenden und Entwicklungstendenzen sichtbar zu machen. Es hilft dabei andere Perspektiven einzunehmen und Elterngespräche vorzubereiten.
Das Kindeswohl ins Zentrum stellen
Dieser Abschnitt geht der Frage nach, was zu tun ist, wenn pädagogische Fachkräfte „subtile Zeichen für Kindeswohlgefährdungen“ (S. 101) wahrnehmen. Die Autorin weist auf die Anzeichen einer Kindeswohlgefährdung bei Kindern hin und erklärt, beispielhaft die Verfahrensweise beim Verdacht auf eine Kindeswohlgefährdung bei einem Kind. Sie weist daraufhin, dass jede Kita in ihrem Kinderschutzkonzept auch einen Verfahrensablauf haben sollte, welchen jede pädagogische Fachkraft in der Kita kennen sollte.
Diskussion
Die Autorin nimmt in diesem Buch die Leser*innen mit, die Kitapraxis mit systemischer Perspektive zu betrachten. Zunächst schafft sie die Grundlagen dafür. Neben einer systemischen fragenden Haltung, erklärt sie anhand verschiedener Modelle, wer alles zum System gehört. Oft erleben pädagogische Fachkräfte sich als eine Einheit und die Eltern als eine andere Einheit, in deren Mittelpunkt das Kind steht, sozusagen die Schnittmenge der Einheiten. Durch die systemische Sichtweise gehören pädagogische Fachkräfte, die Kita, die Kinder der Gruppe bzw. die Kinder der gesamten Kita und Pädagog*innen zum System, wenn auch zum erweiterten System, des Kindes dazu. Wie bei einem Mobile beeinflussen sich die Systeme gegenseitig. Die Autorin weist immer wieder daraufhin, dass, auf der einen Seite die Pädagog*innen zum System dazugehören und gleichzeitig gegenüber Eltern Allparteilichkeit wahren sollen. Ein Balanceakt, den es sich immer wieder gilt bewusst zu machen. All zu oft werden Kinder und ihre Eltern anhand ihrer Verhaltensweisen nach den eigenen Maßstäben, Werten und Normen, bewertet und verurteilt. Damit dies nicht geschieht hilft es mit der systemischen Brille auf den guten Grund zu schauen und diesen durch eine offene und neugierige Haltung zu erkunden. Es ist diese Perspektive, die das Buch zu etwas besonderem macht. Auch wenn pädagogische Fachkräfte um die systemische Perspektive wissen, geht sie doch oft im Alltag unter. Das Buch erinnert daran, dass pädagogische Fachkräfte die Anwälte der Kinder sind und damit gleichzeitig auch die systemische Haltung ihr pädagogisches Handeln ausmacht. Ein Kind kommt nie allein in die Kita, es hat immer seine Familie und seine Erfahrungen mit im Rucksack, neben der Brotdose.
Fazit
Ein Buch, das daran erinnert, dass pädagogische Fachkräfte, Kinder, Eltern systemisch miteinander verbunden sind und jede*r Teil des Problems und der Lösung ist. Ein Buch, das zeigt, wie pädagogische Fachkräfte durch die systemische Sichtweise und Haltung mit Kindern und Eltern Herausforderungen besprechen und Lösungen finden können.
Rezension von
Alexandra Großer
Fortbildnerin, päd. Prozessbegleiterin, systemische Beraterin
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