Sandra Richter, Fea Finger: Adultismus wahrnehmen, reflektieren, abbauen
Rezensiert von Alexandra Großer, 14.09.2026
Sandra Richter, Fea Finger: Adultismus wahrnehmen, reflektieren, abbauen. Klett Kita GmbH (Stuttgart) 2026. 128 Seiten. ISBN 978-3-96046-447-1. D: 24,95 EUR, A: 27,50 EUR.
Thema
Die Autorinnen, Sandra Richter und Fea Finger, geben Einblicke und Grundlagenwissen zum Thema Adultismus. Sie zeigen, wie sich Adultismus auf Kinder und Erwachsene auswirkt, was Adultismus ist und wie Erwachsene adultismussensibel und adultismuskritisch handeln können. Anhand von konkreten pädagogischen Situationen erklären sie machtvolles pädagogisches Handeln. Sie laden mit Reflexionsimpulsen dazu ein, sich kritisch mit Macht und Machtverhältnissen auseinanderzusetzen.
Autor:in oder Herausgeber:in
Sandra Richter ist Kindheitspädagogin, Multiplikatorin für den Ansatz der vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung©. Sie ist langjährige Mitarbeiterin des Instituts Kinderwelten e.V., Referentin für Antidiskriminierung und Autorin. Sie begleitet pädagogische Fachkräfte auf dem Weg zu einer inklusiveren Praxis und ist seit 2025 als Landeskoordinatorin des Elternprogramms „Schatzsuche“ in Sachsen-Anhalt tätig.
Fea Finger ist Kindheitspädagogin B.A. und hat als stellvertretende Leitung und pädagogische Fachkraft in einer Kita im U3-Bereich gearbeitet. Inzwischen arbeitet sie als Weiterbildnerin und Beraterin für pädagogische Fachkräfte. Sie ist Autorin und Podcasterin mit den Schwerpunktthemen Adultismus, Partizipation und bedürfnisorientierte Pädagogik.
Aufbau
Das Buch gliedert sich in 7 Kapitel. Die einzelnen Kapitel werden durch eine blau gestaltete Seite eingeleitet. Innerhalb der Kapitel befinden sich farbige Kästen mit Informationen und/oder Reflexionsfragen sowie Tipps, die mit QR-Codes versehen sind. Die Tipps enthalten weiterführende Literatur, Tipps für Bücher oder Zeitschriften, Videobeiträge oder Podcasts.
Inhalt
1 Grundlagen
Im ersten Kapitel widmen sich die Autorinnen verschiedenen Definitionen von Adultismus. Neben der Definition, die von M., der Tochter von Sandra Richter, gestellt wird, stellen im Kapitel selbst, Kinder und Jugendliche ihre Definitionen von Adultismus vor, bevor die Autorinnen diesen Begriff fachlich einordnen. Sie zeigen auf, wie sich Adultismus und adultistisches Sichtweisen durch Gesellschaft und Politik ziehen. Sie fragen nach der Definition von Kindheit, und geben zu bedenken, dass die Perspektiven von Kindern, trotz der Kinderrechte noch immer zu wenig berücksichtigt und gehört werden. Hinterfragt werden auch die Begriffe „minderjährig“ und „volljährig“ (S. 14) sowie „erwachsen“ (S. 15) sein. Im Zusammenhang mit Adultismus geht es immer auch um Macht und Machtverhältnisse. Dies gilt nicht nur für Erwachsene untereinander, sondern vor allem dort, wo Kinder, Jugendliche und Erwachsene aufeinandertreffen. Sie zeigen auf, welche Machtebenen in Kitas wirksam sind und wie Macht, Adultismus und Diskriminierung zusammenhängen. Partizipation ist der Schlüssel, um Macht und Adultismus zu reflektieren, zu entlarven und die Rechte der Kinder auf Selbst-, Mitbestimmung und Beteiligung zu wahren und zu respektieren. „Damit legen Fachkräfte in Kitas einen wichtigen Grundstein für Demokratie“ (S. 34).
2 Erscheinungsformen von Adultismus
Adultismus mit seinen vielfältigen Erscheinungsformen zieht sich durch die gesamte Gesellschaft. Adultismus zeigt sich
- in vielen „Erwachsenensätzen“ (S. 40).
- in der „Missachtung von Grenzen junger Menschen“ (S. 42).
- in der Gestaltung und Ausstattung von „Räumlichkeiten“ (S. 43).
- in „Gesetze[n] und Rechtsprechung“ (S. 44).
- im „öffentlichen Raum“ (S. 46)
- „in der pädagogischen Praxis“ (ebd.)
- in Schutzhandlungen (vgl. S. 50 ff)
- im „beschränkte[n] Zugang von Ressourcen“ (S. 53)
- in der „Herstellung von Normativität“ (S. 55)
- in der „Ausbeutung und Instrumentalisierung von Kindern“ (S. 57) und
- „Generationale[n] Diskriminierung“ (S. 59).
Am Ende des Abschnitts laden die Autorinnen dazu ein, sich in Teamsitzungen jeweils zwei Bereiche vorzunehmen und diese zu betrachten und zu reflektieren, wie diese Machtformen abgebaut werden können.
3 (Aus-)Wirkungen von Adultismus
Jeder Erwachsene hat in seinem Leben selbst Adultismus erfahren. Die adultistischen Sätze und Verhaltensweisen, die von Generation zu Generation von den Erwachsenen an die Kinder weitergegeben werden, hinterlassen „Narben“ (S. 61), Verletzungen auf emotionaler Ebene, bei Kindern und Erwachsenen. Erhalten Kinder immer wieder die Botschaft, dass ihre Meinung nicht zählt, und ihre Perspektiven nicht wichtig sind, kann es passieren, dass Kinder „resignieren und […] in ihrem Verhalten passiv werden“ (S. 63). Andere Kinder zeigen aggressive Verhaltensweisen, wieder andere geben die „Unterdrückung“ (ebd.) weiter. Abwertungen und negative Zuschreibungen führen dazu, dass Kinder in ihrem Selbstwert verletzt werden und ein negatives Selbstbild über sich selbst entwickeln. Es gilt, den Kreislauf zu durchbrechen, sich als Erwachsener der eigenen Verletztheit und Abwehrmechanismen, wie beispielsweise „Das hat mir auch nicht geschadet“ oder „Ich durfte als Kind auch nicht widersprechen!“ (S. 64) bewusst zu werden.
4 Adultismus erkennen und abbauen
Die Autorinnen geben an, dass die Reflexion und sich bewusst werden von adultistischen Denk‑ und Verhaltensweisen ein Veränderungsprozess ist, der die einzelne Fachkraft betrifft, als auch die gesamte Kita. Sie monieren, dass in Schutzaufträgen oft der Schutz der Kinder hervorgehoben wird, die Förderrechte und Beteiligungsrechte dafür zu wenig beachtet werden. Es gilt, alle drei Schutz-, Förder‑ und Beteiligungsrechte, in den Fokus zu stellen. Ein weiterer Baustein, den es zu beachten gilt, wenn sich Kitas auf den Weg zu einer adultismussensiblen Kita machen, ist es, die Entwicklung, Fähigkeiten und Kompetenzen von Kindern in den Blick zu nehmen. Einen weiteren Blick gilt es auf die „Erwachsenenprivilegien“ (S. 74) zu werfen. Anhand von Impulsen laden sie ein, die „eigenen Privilegien“ (S. 75) zu reflektieren, über die Erwachsene verfügen.
5 Adultismus im Kita‑ und Krippenalltag konkret
In diesem Abschnitt schauen die Autorinnen adultismuskritisch auf verschiedene Bereiche im pädagogischen Alltag. Oft legen Erwachsene die Regeln in der Kita fest, ohne dabei die Sicht der Kinder zu berücksichtigen. Dabei handelt es sich bei Regeln, um gemeinsam „ausgehandelte Vereinbarungen“ (S. 81), die zusammen mit Kindern neu gedacht werden können und aus dem gemeinsamen Leben in der Kita entstehen. Allzu oft spiegeln sie jedoch die Machtverhältnisse in der Kita wider und werden zur Legitimation von Macht missbraucht. Die Autorinnen laden ein, alle Regeln unter die Lupe zu nehmen und die Kinder zu beteiligen. Um die Beteiligungsrechte der Kinder zu wahren, braucht es tragfähige Beschwerdeverfahren und Beschwerdemöglichkeiten für Kinder. Ein weiterer Punkt, bei dem sich das „Machtgefälle zwischen Kindern und Erwachsen“ (S. 87) deutlich zeigt, sind die Essensituationen in der Kita und deren Gestaltung. Dieses kann sich durch verbale Äußerungen zeigen, wie „Iss ordentlich!“ (ebd.) als auch im Ablauf, wann, wo und wie viel gegessen wird. Am konkreten Beispiel der Schlaf‑ und Ruhesituation gehen die Autorinnen auf die verschiedenen Bedürfnisse von Kindern ein, und wie diese im Alltag adultismussensibel berücksichtigt werden können. Einen weiteren Fokus legen die Autorinnen auf die Übergänge in der Kita. Hier besonders auf die Eingewöhnung und auf den Übergang von der Kita in die Schule. Des Weiteren sprechen Sandra Richter und Fea Finger die Gestaltung von Angeboten und Projekten an, die oftmals für Kinder geplant werden und weniger mit den Kindern und an ihren Interessen. Oft ist es sogar so, dass in Kitas feste Jahrespläne den Takt vorgeben. Dadurch werden nicht nur die Selbst‑ und Mitbestimmungsrechte der Kinder beschnitten, sondern auch wieder Machtebenen etabliert. Dies kritisch zu hinterfragen und zu verändern, ist Aufgabe beim Abbau von Adultismus.
6 Adultismuskritisch und solidarisch mit jungen Menschen handeln (lernen)
In diesem Kapitel halten die Autorinnen ein Plädoyer, Kinder als Expert*innen ihres eigenen Lebens zu unterstützen, ihnen Gehör zu verschaffen, an ihrer Seite zu stehen, ihnen Räume zu eröffnen (vgl. S. 104). Es „braucht Erwachsene, die ihnen immer wieder versichern, dass sie als Kinder selbst am besten wissen, was sie fühlen, möchten, können und brauchen“ (S. 104). Erwachsene können viel dafür tun, um Adultismus abzubauen. Neben der „Selbst‑ und Praxisreflexion“ (S. 105) braucht es auch den Mut, sich gegenseitig „auf Grenzüberschreitungen“ (ebd.) hinzuweisen und gemeinsam Lösungen zu finden. Um Adultismus abzubauen, braucht es die reflexive Auseinandersetzung mit der eigenen Macht und Machtverhältnissen. Nicht selten kommt es dabei zu Abwehrmechanismen, die es zu überwinden gilt. Dabei geht es darum, sich als lernende Gemeinschaft zu verstehen, als auch zu lernen, einzuschreiten, wenn jungen Menschen Unrecht geschieht, sie Adultismus erfahren, und das Schweigen zu brechen, sich gegenseitig zu unterstützen. Auch mit den Familien über Adultismus zu sprechen.
7 „Sechs Jahre Ungerechtigkeit“
Im letzten Kapitel berichtet ein Experte, Fea Finger „von seinen Erfahrungen [mit Erwachsenen] in den [verschiedenen] Systemen [aus] Kindertageseinrichtung und Schule“ (S. 103). Jan Bauer erklärt, wie er Erwachsene erlebt und was es mit ihm macht, wie er sich fühlt, worüber er gerne mit Erwachsenen reden möchte und worüber nicht, was sie tun und lassen sollten.
Diskussion
Im Buch selbst kommen Kinder und Jugendliche zu Wort. In ihrem Vorwort erklären die Autorinnen, warum sie bewusst auf Altersangaben verzichtet haben, und regen zur Reflexion darüber an, was uns Altersangaben mitteilen, was fehlende Altersangaben bei uns bewirken, „welche (Be-)Wertungen sich melden“ (Vorwort). Bereits mit diesem Einstieg regen Sandra Richter und Fea Finger zum Reflektieren an. Immer wieder laden die beiden Autorinnen zur Reflexion ein, geben Übungen an die Hand, zeigen ausführlich, wo und wie sich Adultismus, nicht nur im pädagogischen Alltag, zeigt, welche Auswirkungen dies auf (junge) Menschen hat und wie pädagogische Fachkräfte sensibel und aufmerksam gegenüber Adultismus und Diskriminierung werden. Als auch, welche Möglichkeiten sie haben, diese abzubauen. Beim Lesen des Buchs wird schnell sehr deutlich und klar, dass es unvermeidlich ist, sich den eigenen adultistischen Verhaltensweisen im pädagogischen Alltag zu stellen, sich ihnen zuzuwenden und diese zu reflektieren. Dies kann ein durchaus schmerzhafter Prozess sein. Denn wir alle tragen Verletzungen, die durch adultistische Verhaltensweisen geliebter Bezugspersonen entstanden sind, in uns. Widmet sich ein Team diesem Prozess, bedeutet dies, nicht nur die eigenen Sichtweisen zu verändern, sondern auch den gesamten pädagogischen Alltag auf den Prüfstand zu stellen. Der Abbau von Adultismus ist eng verwoben mit Partizipations‑ und Beteiligungsprozessen von Kindern und ihren Perspektiven. Adultismus ist „eine Form von Diskriminierung“ (S. 70) und damit Gewalt. Teams, die sich auf den Weg machen, müssen sich nicht nur der eigenen Macht stellen, sondern auch neue Handlungsweisen und Denkmuster etablieren.
Fazit
Die Autorinnen setzen sich dafür ein, verantwortungsvoll mit Macht in Kindertageseinrichtungen umzugehen. Einen adultismuskritischen Blick zu entwickeln. Sie unterstützen pädagogische Fachkräfte dabei mit theoretischem Hintergrundwissen und Reflexionsimpulsen. Eine Auseinandersetzung, die auch ihren Weg ins Schutzkonzept finden sollte.
Rezension von
Alexandra Großer
Fortbildnerin, päd. Prozessbegleiterin, systemische Beraterin
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