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Elena Braun, Volker Reinhardt: Guter Politikunterricht

Rezensiert von Dr. phil. Hubert Kolling, 12.05.2026

Cover Elena Braun, Volker Reinhardt: Guter Politikunterricht ISBN 978-3-98649-061-4

Elena Braun, Volker Reinhardt: Guter Politikunterricht. Die Perspektive von Schülerinnen und Schülern. Schneider Verlag Hohengehren (Bielefeld) 2026. 163 Seiten. ISBN 978-3-98649-061-4. D: 18,00 EUR, A: 18,20 EUR.

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Thema

Im Zentrum des hier vorzustellenden Buches steht die Frage, was einen „guten Politikunterricht“ aus der Perspektive der Lernenden, der Schülerinnen und Schülern, auszeichnet.

Autor:innen

Elena Braun, Master of Education (M.Ed.), arbeitet als Lehrerin in der Realschule Neuried (im oberbayerischen Landkreis München).

Prof. Dr. Volker Reinhardt ist seit 2016 Professor für Politikwissenschaft und Politikdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg, wo er das Institut für Politik‑ und Geschichtswissenschaft leitet und bei verschiedenen Organisationen und Bildungsinstitutionen als Berater tätig ist. Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher Publikationen, darunter „Wirksamer Politikunterricht“ (2024), (gemeinsam mit Markus Rehm, Markus Wilhelm und Dorothee Brovelli) „Unterrichtsqualität: Perspektiven von Expertinnen und Experten, 22 Bände“ (Baltmannsweiler 2024), (gemeinsam mit Dirk Lange) „Basiswissen Politische Bildung, Band 1+2“ (Baltmannsweiler 2021), (gemeinsam mit Markus Rehm und Markus Wilhelm) „Wirksamer Fachunterricht“ (Baltmannsweiler 2021), „Jugend und Politik. Empirische Studien zur Wirkung politikvernetzter Projektarbeit“ (Wiesbaden 2015).

Entstehungshintergrund

Zu den Hintergründen der Entstehung der Studie werden keine Angaben gemacht. Die Drucklegung des Buches erfolgte mit Förderung der Heidehof Stiftung (https://www.heidehof-stiftung.de/startseite), die ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige und mildtätige Zwecke auf den Gebieten der Erziehung, der Volks‑ und Berufsbildung, der Wissenschaft und Forschung, der Hilfen für Menschen mit Behinderungen, der Kunst und Kultur sowie des Umweltschutzes durch Förderung der Ökologie und des Natur‑ und Landschaftsschutzes verfolgt, in deren Beirat auch Volker Reinhardt vertreten ist.

Aufbau

Nach einer kurzen Einführung ins Thema gliedert sich die Studie in die Kapitel „Grundlagen“ (S. 15–50), „Methodisches Vorgehen“ (S. 51–67), „Ergebnisse und Diskussion“ (S. 69–110), „Praktische Implikationen“ (S. 111–113) sowie „Reflexion und Ausblick“ (S. 115–118), die durch ein „Literaturverzeichnis“ (S. 119–125) und einen „Anhang“ (S. 127–163) mit dem „Codebuch“ und „Interviewleitfaden“ ergänzt werden.

Inhalt

Wie Elena Braun und Volker Reinhardt einleitend bemerken, ist ihre Fragestellung nach einem guten Unterricht respektive guten und wirksamen Politikunterricht „bewusst sehr offen, da möglichst viele Aspekte eines wirksamen und guten Politikunterrichts aufgegriffen werden sollen“ (S. 12). Grundlage der Studie sei dabei das Buch „Wirksamer Politikunterricht“ (Reinhardt 2024), das mittels zehn bildungswissenschaftlich und politikdidaktisch relevanten Fragen die Perspektive von Expert:innen aus Wissenschaft und Praxis bezüglich eines wirksamen Politikunterrichts erfasst hat. Diese zehn Fragen dienten nun auch als inhaltliche Strukturierung für die Schülerperspektive.

Um zu klären, was unter einem wirksamen Unterricht zu verstehen ist, werfen die Autor:innen zunächst einen Blick auf die Funktionsweise des Unterrichts und die Erklärungen aus der Allgemeinen Didaktik. Anschließend ziehen sie zentrale Ansätze der Politikdidaktik heran, um die Frage nach einem wirksamen Politikunterricht zu beantworten. Im Zuge dessen führen sie zentrale Begrifflichkeiten in Bezug auf die gesamte Untersuchung ein, um danach die Perspektive von Expert:innen darzulegen, bevor sie im Anschluss den Forschungsstand zu Unterrichtsqualität und wirksamen Politikunterricht aus Schülerperspektive aufarbeiten, woraus sich die Relevanz der vorliegenden Untersuchung ergibt.

Wie Elena Braun und Volker Reinhardt feststellen, wurden die subjektiven Qualitätskonzepte der Schüler:innen bezüglich des Politikunterrichts bisher „kaum erforscht“. Während die Perspektiven von Wissenschaftler:innen sowie Praktiker:innen zu wirksamem Politikunterricht bereits beleuchtet worden seien, würden diese innerhalb der vorliegenden Arbeit durch die Perspektive der Schüler:innen ergänzt: „Dadurch sollen die bisherigen Erkenntnisse zu wirksamem Politikunterricht um eine weitere Perspektive ergänzt und der Forschungsstand zu Unterrichtsqualität aus Schülersicht vorangetrieben werden“ (S. 49).

Die Relevanz dieser Studie ergebe sich dabei nicht nur durch das Schließen einer Forschungslücke, sondern auch durch die praktischen Implikationen, die die Ergebnisse mit sich bringen können. Wenn man sich darüber im Klaren sei, welche Aspekte des Unterrichts positiv von den Lernenden wahrgenommen werden, könne man in der Unterrichtsvorbereitung gezielt darauf eingehen. Dadurch könne eine Lehrkraft ein Unterrichtsangebot gestalten, das schülernah, interessant und motivierend ist und zu gewünschten Wirkungen führen kann.

Um den Forschungsprozess transparent und nachvollziehbar zu machen, beschreiben die Autor:innen im Rahmen des „Methodischen Vorgehens“ die ausgewählte Stichprobe, um daran anschließend das Forschungsdesign zu erläutern, welches das Leitfadeninteview, den Pretest und die qualitative Inhaltsanalyse umfasst. Wie sich hierbei zeigt, wurden im Rahmen der Untersuchung insgesamt acht Schüler:innen (jeweils vier Mädchen und vier Jungen) der neunten Klasse, die alle aus derselben, ländlich gelegenen Realschule kommen, zu wirksamem Politikunterricht interviewt und mit einem der acht Lernenden zuvor ein Pretest durchgeführt. Ziel der Interviews sei es gewesen, durch ein exploratives qualitatives Design „möglichst viele Merkmale der Schülervorstellungen zu wirksamen Politikunterricht abzubilden“ (S. 52).

Die in zehn Themenblöcke unterteilten Fragen betrafen im Einzelnen: 1. Wissen und Können der Lehrperson, 2.Qualitätsmerkmale des Politikunterrichts, 3. Lernumgebungen und Lehr-/​Lernformen, 4. Differenzierung und Individualisierung, 5. Herausforderungen im Politikunterricht, 6. Aufgaben und Aufgabensets, 7. Politiklernen versus Demokratielernen, 8. Exemplarische Unterrichtseinheit zum Thema „Politik in der Gemeinde“, 9. „First steps“ für angehende Politiklehrkräfte, 10. Das Besondere am Politikunterricht.

Im umfangreichen Kapitel „Ergebnisse und Diskussion“ dokumentieren und interpretieren Elena Braun und Volker Reinhardt die erhobenen Daten zunächst jeweils nach den zehn Themenblöcken getrennt voneinander, um sie anschließend in einer zusammenfassenden Diskussion hinsichtlich der Fragestellung zu reflektieren, wobei sie sowohl auf die Interviewantworten der Schüler:innen als auch der Expert:innen Bezug nehmen. Demnach wünschen sich die Schüler:innen „einen handlungsorientierten, abwechslungsreichen und aktuellen Unterricht“ (S. 108) sowie eine Lehrkraft, die „nett, offen und respektvoll ist“ (S. 109), die Klasse aber trotzdem unter Kontrolle hat und bei Notwendigkeit auch durchgreifen kann. Darüber hinaus seien ein wertschätzender Umgang, Methodenvielfalt, Lebensweltbezug und Diskussionen wichtige Faktoren für Unterrichtsqualität aus Schülersicht.

Aufgrund ihrer Untersuchung empfehlen die Autor:innen (Praktische Implikationen) den Lehrkräften, „Wert auf eine gute Arbeitsbeziehung zu den Schüler*innen und einen wertschätzenden und respektvollen Umgang“ (S. 111) zu legen, denn dies sei den Schüler:innen meist wichtiger als die kognitionsorientierten Prozesse des Unterrichts. Durch eine wertschätzende Beziehung werde auch die Lernatmosphäre verbessert und die Motivation der Schüler:innen gesteigert. Von daher lohne es sich als Politiklehrkraft, an der eigenen Gesprächsführung zu arbeiten und sich dahingehend Feedback einzuholen. Gute Lehrkräfte zeichneten sich für die Schüler:innen schließlich durch gute Erklärungen aus. Außerdem führten die befragten Schüler:innen besonders gerne Diskussionen. Von daher sollte man als Politiklehrkraft immer informiert über aktuelle Ergebnisse sein. Schließlich werde ein tagesaktueller Unterricht sehr von den Lernenden geschätzt. Um den tagesaktuellen politischen Ereignissen und den Schülervorstellungen gerecht zu werden, müsse daher auch auf viele andere Materialien als das Schulbuch zurückgegriffen werde. Ähnlich sei es mit der Auswahl der Methoden, wo hin und wieder aufwendigere wie Talkshow, Planspiel oder Pro-Contra-Debatte angebahnt werden sollten, ebenso wie kooperative Lernformen, um weg von einem lehrerzentrierten Unterricht zu kommen. „Generell sollte man darauf achten, einen abwechslungsreichen Unterricht zu gestalten und eine Varianz in der Medien‑ und Methodenauswahl zu berücksichtigen. Empfehlenswert ist außerdem, sich um außerschulische Kontakte zu bemühen, denn auch der Kontakt nach außen steht für einen abwechslungsreichen Unterricht. Exkursionen zu politischen Institutionen oder das Kennenlernen von politischen Vertretern ist bei einigen Schüler*innen sehr beliebt“ (S. 112).

Auch wenn man viele praktische Tipps aus den Schülerrückmeldungen ableiten kann, sollte man sich nach Ansicht von Elena Braun und Volker Reinhardt auch über deren Grenzen bewusst sein. In einigen Aspekten deckten sich die Schülerurteile nicht mit den allgemeinen Erkenntnissen der Politikdidaktik. Von daher wäre es „ein fataler Fehler, sich unreflektiert den Wüschen der Schüler*innen zu beugen.“ Man sollte sich vielmehr weiterhin an die Erkenntnisse und didaktischen Prinzipien der Fachdidaktik orientieren: „Es ist also immer abzuwägen, in welchem Ausmaß man die Schülerurteile und ‑wünsche in der Unterrichtsplanung berücksichtigt. Im Sinne eines schülerorientierten und motivierenden Unterrichts ist es sicher sinnvoll, sie miteinzubeziehen. Allerdings sollten sie auch in Verbindung mit den zentralen Prinzipien und Qualifikationsmerkmalen des Faches stehen und nicht einfach wunschgemäß umgesetzt werden“ (S. 113). Die Kombination aus Lernendenpartizipation und wissenschaftlichen Erkenntnissen habe allerdings großes Potenzial, einen wirksamen Politikunterricht zu gestalten.

In ihrem Schlusskapitel „Reflexion und Ausblick“ weisen die Autor:innen darauf hin, dass ihre Untersuchung „sehr kontextabhängig und daher kaum rezipierbar“ (S. 115) sei. Demnach könnten die Ergebnisse der Untersuchung – befragte Schüler:innen aus einer ländlichen Realschule, viele davon an Politik interessiert und überwiegend positiv eingestellt zu bisher erlebten Gemeinschaftskundeunterricht und ihren entsprechenden Lehrkräften – in einem anderen Kontext anders ausfallen. Weitere Limitationen lägen in der Interviewführung und den Fragestellungen sowie der Auswertung der erhobenen Daten. Zudem sei der Lernerfolg der Schüler:innen eher vernachlässigt worden. Der Fokus in den Antworten der Schüler:innen habe eher auf der Beschreibung eines Politikunterrichts gelegen, der ihnen Spaß macht und weniger auf einem Politikunterricht, in dem sie viel lernen.

Nach Ansicht von Elena Braun und Volker Reinhardt eröffnen sich auf der Basis ihrer Untersuchung vielfältige Möglichkeiten, um die Forschung zur Schülersicht auf wirksamen Politikunterricht weiter voranzubringen. Hierzu halten sie abschließend wörtlich fest: „Diese Untersuchung konnte viele bestehenden Erkenntnisse zur Unterrichtsqualität aus Schülersicht bestätigen, aber auch – speziell bezogen auf den Politikunterricht – neue Hypothesenbildungen ermöglichen. Diese Erkenntnisse kann man zum einen dazu nutzen, um im Abgleich mit den Prinzipien des Faches einen schülerorientierten Unterricht zu gestalten, zum anderen aber auch, um daran anknüpfend die Forschung zu wirksamem Politikunterricht weiter voranzutreiben“ (S. 118).

Diskussion

Die Frage, was einen „guten Politikunterricht“ auszeichnet, der zu hoher Politikkompetenz und zur Entwicklung von politisch mündigen und demokratischen Bürgerinnen und Bürgern beiträgt, ist angesichts steigender Aggressivität, Polarisierung der politischen Auseinandersetzung, inhaltlichen Verrohung und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sicherlich so aktuell und wichtig wie nie. Während bereits einzelne allgemeindidaktische und politikdidaktische Erkenntnisse über einen wirksamen Politikunterricht vorliegen, blieb die Perspektive der Lernenden weitestgehend unberücksichtigt, obwohl diese unmittelbar vom Unterricht betroffen sind. Hiervon ausgehend sind Elena Braun und Volker Reinhardt anhand von Interviews zu verschiedenen Aspekten der Frage nachgegangen, was guter Politikunterricht aus der Perspektive von Schüler:innen ist. Bisherige Untersuchungen bezogen sich entweder auf allgemeindidaktische Perspektiven oder auf andere Fachdidaktiken. Speziell bezogen auf den Politikunterricht gab es bisher kaum Erkenntnisse, wie sich Schüler:innen guten Fachunterricht vorstellen. Insofern knüpfen die Autor:innen mit ihrer Untersuchung an den bestehenden Forschungsstand zum Unterricht an und erweitern diesen durch das Feld der Schülerperspektive, wobei sie durch den Perspektivwechsel zugleich den Forschungsdiskurs um wirksamen Politikunterricht von einer neuen Seite befruchten.

Die Ergebnisse ihrer Untersuchung bieten – trotz einiger Limitationen, wie beispielsweise die geringe Zahl der befragten Schüler:innen und die dadurch begrenzte Repräsentativität oder die Begrenzung auf den ländlichen Raum – reichhaltige Schlüsse für die Unterrichtspraxis und den Schulalltag, die zu einem schülerorientierten (Fach-)Unterricht beitragen können. Gerade in Anbetracht der jüngsten PISA-Studien lohnt es sich, jede mögliche Erkenntnis zu nutzen, die Aufschluss darüber geben kann, wie (guter) Unterricht wirksamer gestaltet werden kann. In jedem Fall erscheint angesichts der gesellschaftlichen Herausforderungen „guter Politikunterricht“, der zu hohen Lernerträgen und der Entwicklung von politisch mündigen und demokratischen Bürger:innen beitragen kann, aktuell und wichtiger denn je.

Fazit

Die vorliegende Arbeitet von Elena Braun und Volker Reinhardt bietet einen Einblick in die Perspektive der Schüler:innen zu wirksamen – oder besser gutem – Politikunterricht, der sowohl für die fachdidaktische Wissenschaft als auch für die Praxis von Relevanz ist. Von daher gehört die Veröffentlichung, abgesehen von den Beteiligten am wissenschaftlichen Diskurs, primär in die Hände von Lehrkräften, egal ob sie nun – je nach Bundesland – das Fach „Politische Bildung“, „Sozialkunde“, „Politik“, „Sozialwissenschaften“ oder „Gesellschaftlehre“ unterrichten. Neben Lehrenden an allgemeinbildenden Schulen können das Buch aber auch Mitarbeitende in der politischen Jugend‑ und Erwachsenenbildung gewinnbringend zur Hand nehmen.

Rezension von
Dr. phil. Hubert Kolling
Krankenpfleger, Diplom-Pädagoge und Diplom-Politologe
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Es gibt 203 Rezensionen von Hubert Kolling.

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ISSN 2190-9245