Kathrin Borg-Tiburcy: Ästhetische Bildung
Rezensiert von Prof. Dr. Johann Bischoff, 15.06.2026
Kathrin Borg-Tiburcy:Ästhetische Bildung. Initiieren, gestalten, unterstützen. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2026. 175 Seiten. ISBN 978-3-17-036676-3. 32,00 EUR.
Reihe: Mit Kindern lernen. Bildung von Anfang an.
Autorin
Dr. Kathrin Borg-Tiburcy, Autorin der Publikation „Ästhetische Bildung, Initiieren, gestalten, unterstützen“ realisierte ein Studium der Kunst/​Kunstpädagogik und Erziehungswissenschaft. Sie forscht und lehrt als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft an der Universität Osnabrück. Fachliche Schwerpunkte: Ästhetische Bildung, Reggio-Pädagogik im Rahmen des Remida Projektes (Remida ist ein 1996 in Reggio Emilia/​Italia gegründetes Umwelt‑ und Kulturprojekt, das Industrieabfälle als kreative Ressource nutzt) sowie Kinderzeichnungen. Zudem arbeitet sie als Dozentin an der Kunstschule Paletti e.V.
Thema
In ihrem Buchprojekt postuliert Borg-Tiburcy, dass Ästhetische Bildung von zentraler Bedeutung sei, wenn es um Bildungsprozesse von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gehe. Ästhetische Bildung eröffne neue Perspektiven, anderes Denken und innovatives Handeln. Ästhetische Bildung sei somit ein zentraler Baustein in gesellschaftlichen Veränderungsprozessen. Borg-Tiburcy intendiert mit ihrer Publikation, eine neu entwickelte Bildungskonzeption vorzustellen, die sich zur Aus‑ und Weiterbildung für pädagogische Fach‑ und Lehrkräfte eignet. Sie thematisiert in diesem Zusammenhang den Erwerb zentraler Kompetenzen im Bereich Wissen, Erfahrungen und Haltungen. Wissenserwerb soll über ästhetische Prozesse und Bildungszusammenhänge erfolgen. Erfahrungen sollen durch eigenes kreatives und sinnliches Handeln gewonnen werden. Ihre Aussagen bezieht sie auf pädagogische Fachkräfte, die Offenheit, Wahrnehmungsfähigkeit und Reflexionsvermögen verinnerlichen sollen. Zudem bereichert sie ihre Ausführungen durch didaktische Anregungen im pädagogischen Alltag.
Insofern kann festgehalten werden, dass Borg-Tiburcy versucht, theoretische Grundlagen mit praktischen Anregungen für pädagogische Fachkräfte in unterschiedliche Bildungsinstitutionen zu verbinden.
Aufbau und Inhalt
Die Publikation zeigt einen gut gegliederten Aufbau, der sich den 3 zentralen Themenfeldern „Ästhetische Bildung – Begriffliche Klärungen und theoretischer Hintergrund“, „Die ästhetische Dimension kindlicher und erwachsener Tätigkeit – empirische Fallbeispiele“ und „Ästhetische Bildung initiieren und unterstützen – Die Bedeutung der pädagogischen Fachkraft“ widmet. Die Publikation umfasst 175 Seiten, davon sind einige Seiten auch mit Grafiken oder Fotos ausgewiesen, es folgen Literaturangaben.
Borg-Tiburcy beginnt ihre Einleitung mit der Metapher eines „Museums für Ästhetische Bildung“ mit der Intention, damit einen leichteren Zugang für die Leserschaft zu schaffen. Sie stellt die nachfolgenden Kapitel vor. Das zunächst folgende Kapitel ermögliche den Gang ins Foyer des Museums, wo begriffliche Klärungen der „Kulturellen Bildung“ und theoretische Hintergründe zeitlich angepasst thematisiert werden, so könne nachvollzogen werden, wie kultureller Sinn entstehe. Es folgen dann weitere Ausstellungsräume des fiktiven Museums, um die ästhetische Dimension kindlicher und erwachsener Tätigkeiten zu erforschen, dazu werden empirisch erhobene Fallbeispiele herangezogen.
Im folgenden Kapitel wird das „virtuelle“ Museum verlassen, die Konzentration liegt nunmehr auf pädagogische Fachkräfte, die es zu befähigen gilt, Möglichkeitsräume zu kreieren, in denen sich Kinder und Jugendliche ästhetisch bilden können. Als Möglichkeit stellt sie die von ihr entwickelte Bildungskonzeption der „Kreasthetik“ vor. Die Konzeption verbindet Ansätze aus Wissenschaft, Kunst und pädagogischer Praxis. Zielstellung ist eine professionelle ästhetische Haltung bei pädagogischen Fachkräften zu fördern, um Bildungsprozesse bei Kindern und Erwachsenen aktiv zu unterstützen. Ihre abschließenden Ausführungen schließen im Resümee „Fazit, standhaft bewegt bleiben“ mit dem Verweis, dass Ästhetische Bildung nicht nur grundlegend für individuelle und kollektive Bildungsprozesse relevant, sondern auch das Fundament für eine zentrale Bedeutung gesellschaftlicher Transformationsprozesse sei.
Im Kapitel „Ästhetische Bildung – Begriffliche Klärungen und theoretischer Hintergrund“ bezieht sich die Autorin zunächst auf Schiller (ästhetische Erziehung des Menschen) und Kant (Kritik der Urteilskraft), überraschend für den Rezensenten, es wurden andere Quellen erwartet. Borg-Tiburcy konstatiert aus den Quellen, dass die Unterscheidung zwischen theoretischen, technisch-praktischen, moralisch-praktischen und ästhetischen Prozessen dabei helfen könne, die damit einhergehenden unterschiedlichen Zugänge zu dem, was wir wahrnehmen oder wie wir bestimmte Dinge einordnen, besser nachvollziehen zu können. Zur besseren Nachvollziehbarkeit hat Borg-Tiburcy mit Grafiken, Reflexionsfragen und Handlungsvorschlägen im Text gearbeitet. Ihre Grafik „Wie ästhetischer Sinn entsteht“ (S. 40), erfasst die wesentlichen Komponenten dazu. Differenziert erläutert sie, wie ästhetischer Sinn gemeinschaftlich hergestellt wird und verweist auf die bildendende Bedeutung des Prozesses.
Im Kapitel „Die ästhetische Dimension kindlicher und erwachsener Tätigkeit – empirische Fallbeispiele“ geht Borg-Tiburcy auf ihre 2019 verfasste Studie ein mit der Themenstellung, wie ästhetische Sinnzusammenhänge entstehen können, als Bespiele werden verbalsprachliche Experimente beschrieben sowie Übungen mit unterschiedlichen Materialien. Als Resümee der verbalsprachlichen und gestalterischen Übungen beschreibt sie in Kurzform: Reim – Bild – Fiktion – Reflexion sowie: Überformung – Wiedererkennung – Abstraktion – Reflexion. Borg-Tiburcy verweist etwas unvermittelt nach der Beschreibung der eher gestalterischen und praktischen Übungen mit Kindern erneut auf theoretisch orientierte Quellen (Baumgarten: 1714–1762 oder Cassirer 1874–1945). Sie konstatiert, dass die strikte Trennung zwischen theoretischen und ästhetischen Inhalten sowie zwischen verschiedenen Lern‑ und Bildungsbereichen nicht mehr haltbar sei, wenn man pädagogische Praxis empirisch untersuchen würde.
Im Kapitel „Ästhetische Bildung initiieren und unterstützen – Die Bedeutung der pädagogischen Fachkraft“ geht die Autorin der Frage nach, wie pädagogische Fachkräfte begleitet und unterstützt werden können, um ästhetische Sinnzusammenhänge herzustellen. Sie operationalisiert Sinnzusammenhänge wie folgt: Schulung der Wahrnehmung, Empfindung, Vorstellungskraft, Anregung, zielgerechte Ansprache. In diesem Kontext geht sie näher auf ihre Bildungskonzeption ein, die sie Kreasthetik nennt, s.o. Kreasthetik entwickelte Borg-Tiburcy als Fort‑ und Weiterbildungskonzept. Als Zielvorstellung des pädagogischen Handelns beschreibt sie, Lern‑ und Bildungsprozesse zu initiieren und somit Kinder und Schüler zu einer autonomen Lebenspraxis sowie Handlungs‑ und Entscheidungsfähigkeit zu befähigen. In diesem Kontext schlägt sie unterschiedliche didaktische Verfahrensweisen vor: hermeneutisch orientierte Verfahren (Textarbeit), rekonstruktive Verfahren (forschendes Lernen) und gestaltende Verfahren (Kreasthetik). Borg-Tiburcy weist folgend auf sozialtheoretische Ausführungen von Bohnsack hin und differenziert zwischen expliziten (bewusstes) Wissen und implizierten Wissen (nicht bewusstes Wissen). Dazu bietet sie jeweils Reflexionsfragen an. Ausführlich beschreibt Borg-Tiburcy folgend ihr Konzept der Kreasthetik mit den von ihr genannten 5 zentralen Bausteinen „Gestalten“, „Dokumentieren“, „Reflektieren“, „Rekonstruieren“ sowie „theoretisch konzeptionelles Einordnen und Aneignen“. Sie schließt das Kapitel mit didaktischen Anregungen ab.
Ihr kurzes Resümee, „Fazit – standhaft bewegt bleiben“ greift ein Fallbeispiel auf und fasst folgend ihre zentralen Aussagen zusammen: Mit der Komponente Lernen ist das Vermitteln und Aneignen von Wissen, Konzepten, Werten und Fertigkeiten gemeint. Mit der Komponente des Forschens sind das Entdecken und Finden von Konzepten und Wissensständen beabsichtigt. Mit der Komponente des kreativen Gestaltens ist der flexible, freie und spielerische Umgang mit den bestehenden Konzepten, Wissensbeständen, Werten und Fähigkeiten angesprochen.
Zielgruppe
Die Zielgruppe für die Publikation hat die Autorin auf S. 152 selbst beschrieben: Pädagogische Fachkräfte aus dem Elementarbereich, aus der Institution Schule, aus nonformalen Bildungseinrichtungen sowie Lehrkräfte, die fachfremd unterrichten und Künstler/Künstlerinnen, Dozenten/​Dozentinnen, die im Bereich der kulturellen Bildung tätig sind.
Diskussion
Die Publikation zeigt interessante Aspekte über neue Zugänge zur ästhetischen Bildung in Lehre, Forschung und der ästhetischen Arbeit in der Schule und weiteren Bildungseinrichtungen. Insbesondere das von Borg-Tiburcy konzipierte Konzept der Kreasthetik fasst verständlich und anwendungsbezogen Schritte zusammen, die Kinder und Schüler zu einer autonomen Lebenspraxis sowie Handlungs‑ und Entscheidungsfähigkeit befähigen können.
Zentrale Aussagen werden zum Teil redundant in den einzelnen Kapitelpunkten vorgestellt, sicherlich aus „lesedidaktischen“ Gründen auch beabsichtigt, gleichwohl „gängeln“ die ständigen Kapitelverweise doch ein wenig, zumal ja davon auszugehen ist, dass es sich bei der Verschriftlichung ihrer Erhebungen nicht um ein Seminarkonzept handeln soll. Sicherlich ist auch das Variieren des Abstraktionsgrades in den einzelnen Kapiteln ein gewollter Aspekt gewesen, um ihre Aussagen anwendungsbezogen auch den pädagogischen Fachkräften in Kindergärten und im Primarschulbereich vermitteln zu können.
Fazit
Die Publikation rückt die „Ästhetische Bildung“ wieder in den Mittelpunkt der Diskussion mit innovativen Vorschlägen für die pädagogische Praxis. M.E. ein vehement wichtiges Anliegen darauf aufmerksam zu machen, dass ästhetische Bildung neue Perspektiven eröffnen und damit ein demokratisches Denken und innovatives Handeln ermöglichen kann. Ästhetische Bildung ist somit ein zentraler Baustein in gesellschaftlichen Veränderungsprozessen. Borg-Tiburcy vermag es, eine Verbindung zwischen Theorie und Praxis nachvollziehbar herzustellen. Ihre Betonung auf Wahrnehmung, Offenheit und einem selbstgesteuerten, entdeckenden Lernprozess (konstruktivistische Sichtweise) im pädagogischen Bildungsprozess zu initiieren, ist ebenfalls würdigend hervorzuheben.
Rezension von
Prof. Dr. Johann Bischoff
Professor für Medienwissenschaft und angewandte Ästhetik an der Hochschule Merseburg
Mailformular
Es gibt 17 Rezensionen von Johann Bischoff.





