Petr Ondracek, Philipp Bryant et al. (Hrsg.): Beratung in heilpädagogischen Handlungsfeldern
Rezensiert von Anne Weber, 01.09.2026
Petr Ondracek, Philipp Bryant, Heinrich Greving, Ilona Hülsmann, Christina Reichenbach (Hrsg.): Beratung in heilpädagogischen Handlungsfeldern. Ein methodisches Handbuch. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2026. 318 Seiten. ISBN 978-3-17-046159-8. 34,00 EUR.
Reihe: Methoden in der Heilpädagogik.
Thema
Das Handbuch befasst sich mit den Grundlagen, theoretischen Bezügen und methodischen Ansätzen heilpädagogischer Beratung und deren Anwendung in unterschiedlichen heilpädagogischen Handlungsfeldern.
Autor
Prof. Dr. Petr Ondracek lehrte Didaktik/​Methodik der Heilpädagogik an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum.
Herausgeber:innen
Philipp Bryant ist hauptamtlich Lehrender der Heilpädagogik und Pflege an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum.
Prof. Dr. phil. habil. Heinrich Greving ist Heilpädagoge und Erziehungswissenschaftler. Er lehrte Heilpädagogik von 1999 bis zu seiner Pensionierung im August 2025 an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Münster.
Ilona Hülsmann ist Heilpädagogin und Akademische Mitarbeiterin der Katholischen Hochschule Freiburg.
Prof. Dr. Christina Reichenbach ist Diplom-Pädagogin. Sie hat eine Professur für Heilpädagogik an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum.
Entstehungshintergrund
Das Handbuch wurde mit dem Ziel verfasst, Heilpädagog:innen eine praxisnahe Orientierung für den Beratungs-/​Berufsalltag zu liefern und seine/ihre Handlungssicherheit in unterschiedlichen Situationen zu stärken. Im Mittelpunkt steht das Anliegen, einen systematischen Überblick über beratungsspezifische methodische Ansätze zu vermitteln und dadurch die Auswahl sowie den reflektierten Einsatz geeigneter Methoden zu erleichtern.
Ferner soll das Werk zur Weiterentwicklung der eigenen beratungsspezifischen Fachkompetenz beitragen, indem es Wege zur Entfaltung und Präzisierung methodischer Kompetenzen aufzeigt. Der Entstehungshintergrund ist damit eng an den Anforderungen der heilpädagogischen Praxis orientiert. Das Buch versteht sich als methodisches Handbuch, das sowohl Berufseinsteiger:innen als auch erfahrenen Heilpädagog:innen als praxisbezogene Unterstützung dienen soll.
Aufbau
Das Buch ist in eine Einleitung und drei Hauptteile gegliedert und wird durch einen umfangreichen Anhang sowie ein annotiertes Literaturverzeichnis ergänzt. Nach der Einleitung (S. 11) werden im ersten Teil „Allgemeine Aspekte der Beratung“ zunächst grundlegende Betrachtungen und anschließend Elemente des Beratungsprozesses dargestellt. Der zweite Teil „‚Wurzeln‘ der methodischen Ansätze“ umfasst die Bereiche Lernpsychologie, Tiefenpsychologie, Humanistische Psychologie, Erkenntnistheorie sowie andere „Wurzeln“ mit Beratungsrelevanz. Im dritten Teil „Beratung in heilpädagogischer Praxis“ werden methodische Beratungsfundamente, unterschiedliche Praxisfelder der Heilpädagogik sowie die Entfaltung eigener Beratungskompetenz behandelt.
Daran schließt sich als Anhang eine „Fundgrube der Beratungsansätze“ an, in der zahlreiche Beratungs‑ und Handlungsansätze alphabetisch zum gezielten Nachschlagen zusammengestellt sind. Ab S. 272 folgt ein „etwas anderes Literaturverzeichnis“, in dem die in der Fundgrube aufgeführten Beratungsansätze erneut alphabetisch geordnet und jeweils mit weiterführender Literatur sowie kurzen Annotationen versehen werden.
Inhalt
Beratung wird im Handbuch als professioneller Prozess verstanden, der durch verschiedene personale, fachliche und prozessuale Elemente geprägt ist. Eine zentrale Rolle nimmt dabei die beratende Fachkraft ein. Für eine professionelle Beratung werden neben methodischem Know-how insbesondere personale Eigenschaften und Kompetenzen wie Empathie, Authentizität, Kommunikationsfähigkeit, Geduld, Respekt und Wertschätzung sowie Flexibilität hervorgehoben. Ergänzend werden das Selbstbild und Selbstkonzept, die beruflichen Erfahrungen und Qualifikationen sowie die fachlichen Kompetenzen der beratenden Fachkraft als relevante Bestandteile des Beratungsprozesses berücksichtigt. Beratung wird damit nicht auf die Anwendung einzelner Methoden reduziert, sondern als Prozess verstanden, in dem auch die Haltung und die professionelle Positionierung der beratenden Fachkraft von Bedeutung sind.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Bestimmung von Zuständigkeiten und der professionellen Abgrenzung zwischen Beratung und Psychotherapie. Diese Abgrenzung wird insbesondere anhand der Schwere der vorliegenden Problemlagen, der Dauer und Intensität der Intervention, der jeweiligen Zielsetzung sowie der unterschiedlichen Ausbildung und Lizenzierung vorgenommen. Die Auseinandersetzung mit psychotherapeutischen Ansätzen dient dabei auch dazu, die Grenzen heilpädagogischer Beratung zu bestimmen und einschätzen zu können, ab wann beispielsweise eine psychotherapeutische Behandlung für die ratsuchende Person angezeigt sein kann.
Für das Verständnis der verschiedenen Beratungsansätze werden im zweiten Teil unterschiedliche theoretische Wurzeln herangezogen. Die Lernpsychologie wird dabei mit der Annahme verbunden, dass Lernen und Veränderung fortlaufende Prozesse darstellen. Die Prinzipien des Lernens prägen entsprechend das Verständnis davon, wie Veränderungsprozesse gestaltet und unterstützt werden können. Die kognitive Verhaltenstherapie wird in diesem Zusammenhang ebenfalls aufgegriffen. Ihr Verständnis ist insbesondere für die Einordnung der Grenzen zwischen Beratung und Psychotherapie relevant. Eine weitere Bezugslinie bildet die Tiefenpsychologie. Durch die Auseinandersetzung mit tiefenpsychologischen Ansätzen wird ein Verständnis für unbewusste Prozesse vermittelt, die für menschliches Erleben und Verhalten bedeutsam sein können. Damit wird eine Perspektive einbezogen, die über unmittelbar beobachtbare Verhaltensweisen hinausgeht. Aus der humanistischen Psychologie wird insbesondere der personenzentrierte Ansatz, auch als Person Centered Approach bezeichnet, nach Carl Rogers aufgegriffen. Als zentrale Grundlage wird dabei die Annahme dargestellt, dass jeder Mensch über ein Potenzial zur positiven Veränderung verfügt. Für die Beratung ergibt sich daraus eine Haltung, in der die ratsuchende Person in ihrer individuellen Situation angenommen und in ihrem Veränderungsprozess unterstützt wird. Auch erkenntnistheoretische Überlegungen werden als Grundlage für Beratung einbezogen. Dabei wird die Erkenntnis thematisiert, dass das subjektive Ich und dessen Bewusstsein den Ausgangspunkt der Wahrnehmung bilden. Die Perspektive der ratsuchenden Person erhält damit eine zentrale Bedeutung für das Verständnis ihrer jeweiligen Wirklichkeit. Ergänzend werden weitere für die Beratung relevante Ansätze dargestellt. Eine wichtige Rolle nimmt dabei die Ressourcenorientierung ein. Im Mittelpunkt stehen die Stärken, Fähigkeiten und Potenziale der ratsuchenden Person sowie bereits bewältigte Herausforderungen und vorhandene äußere Unterstützungsquellen. Dadurch wird ein Beratungsverständnis entwickelt, bei dem nicht primär Defizite und Problemlagen betrachtet werden, sondern vorhandene Ressourcen als Ausgangspunkt für weitere Entwicklung und Veränderung dienen. Auch Empowerment und Psychoedukation sowie der Einsatz kreativer Medien und bildhafter Kommunikation werden als weitere maßgebliche Zugänge berücksichtigt.
Die theoretischen Grundlagen werden anschließend mit konkreten Formen heilpädagogischer Beratung verbunden. Bei der personenzentrierten Beratung stehen die Annahme der Person ohne Wertung sowie bedingungslose Wertschätzung, Empathie und Authentizität im Fokus. Die systemische Beratung richtet den Blick auf das gesamte relevante Umfeld einer Person, beispielsweise auf Bezugspersonen, Familie, Schule oder Arbeitsumfeld. Dabei werden die Ressourcen und Stärken des jeweiligen Systems berücksichtigt und insbesondere zirkuläre Zusammenhänge betont. Die ressourcenorientierte Beratung setzt diese Perspektive unter anderem durch eine wertschätzende Grundhaltung, die Förderung von Selbstwirksamkeit und Motivation sowie die Betonung bereits vorhandener Fähigkeiten um.
Die verschiedenen Ansätze werden zudem auf unterschiedliche heilpädagogische Handlungsfelder bezogen. Berücksichtigt werden unter anderem die Beratung von Menschen mit Beeinträchtigungen, Familien mit einem behinderten Kind, Pränataldiagnostik, Frühförderung, Schule und Bildung, heil‑ und sozialpädagogische Einrichtungen, die Arbeitswelt sowie Lebensamt und Lebensabschied. Zusätzlich werden Inklusion, Diversity und Teilhabe als relevante Kontexte heilpädagogischer Beratung einbezogen. Dadurch wird Beratung in unterschiedlichen Lebensbereichen und gegenüber unterschiedlichen Personengruppen verortet und als ein intersektionales Handlungsfeld sichtbar.
Zum Abschluss wird die Entwicklung der eigenen Beratungskompetenz der beratenden Fachkraft aufgegriffen. Neben dem Erwerb und der Erweiterung von Fachwissen werden insbesondere Selbstreflexion, Empathie und Resilienz sowie eine ressourcenorientierte Haltung als Bestandteile professioneller Kompetenz thematisiert. Die Beratungskompetenz wird damit nicht ausschließlich über die Beherrschung einzelner Methoden bestimmt, sondern auch über die Fähigkeit der beratenden Fachkraft, die eigene Haltung, das eigene Handeln und die eigene professionelle Rolle kontinuierlich zu reflektieren und weiterzuentwickeln.
Eine zusätzliche Funktion übernehmen die Anhänge des Handbuchs. Dort werden verschiedene Handlungsansätze alphabetisch geordnet und als eigenständige Nachschlagemöglichkeiten aufbereitet. Unter anderem können dort Ansätze wie Marte Meo, TEACCH, systemische Beratung, Case Management sowie Advocacy-Arbeit und Interessenvertretung gezielt aufgesucht werden. Weiterführend ermöglicht das annotierte Literaturverzeichnis eine vertiefende Auseinandersetzung mit den jeweiligen Beratungsansätzen. Zu den einzelnen Themenfeldern werden weiterführende Literaturangaben mit kurzen inhaltlichen Annotationen aufgeführt, sodass eine gezielte Recherche und Vertiefung einzelner methodischer Zugänge ermöglicht wird.
Diskussion
Das Handbuch erweist sich insgesamt als umfassende und zugleich zugängliche Zusammenstellung für die Beratung in heilpädagogischen Handlungsfeldern. Als besondere Stärke ist die klare Strukturierung hervorzuheben. Durch die systematische Verbindung von allgemeinen Grundlagen, theoretischen Wurzeln, konkreten Beratungsmethoden und unterschiedlichen heilpädagogischen Praxisfeldern wird eine Orientierung ermöglicht, die sowohl für die Ausbildung als auch für die berufliche Praxis relevant sein kann. Die einzelnen Themen können gezielt nachgeschlagen und bei Bedarf unabhängig voneinander vertieft werden. Auch der Umfang des Werkes erscheint angemessen, da weder eine Überfrachtung mit Inhalten noch eine zu starke Verkürzung festzustellen ist.
Besonders gelungen ist die konsequente Verbindung von theoretischen Grundlagen und praktischer Anwendung. Die Darstellung unterschiedlicher psychologischer und erkenntnistheoretischer Zugänge schafft eine Grundlage für das Verständnis der anschließend aufgegriffenen Beratungsmethoden. Dadurch wird nicht lediglich ein Katalog unterschiedlicher Methoden bereitgestellt, sondern es werden auch deren theoretische Bezugspunkte sichtbar gemacht. Für die heilpädagogische Praxis ist insbesondere die Auseinandersetzung mit der Abgrenzung von Beratung und Psychotherapie bedeutsam. Dadurch wird die Frage der professionellen Zuständigkeit aufgegriffen und eine Orientierung dafür geschaffen, wann die Grenzen heilpädagogischer Beratung erreicht sein können. Zur Praxisnähe tragen zudem die Fallbeispiele im Anhang bei. Durch die konkrete Darstellung von Situationen werden die zuvor erläuterten Inhalte in einen praktischen Zusammenhang gestellt. Als besonders nützlich erweist sich darüber hinaus die Möglichkeit, einzelne Methoden und Handlungsansätze im Anhang gezielt nachzuschlagen. Das annotierte Literaturverzeichnis stellt eine weitere hilfreiche Ergänzung dar. Die kurzen Erläuterungen zu den aufgeführten Publikationen ermöglichen eine erste Einschätzung ihrer jeweiligen inhaltlichen Ausrichtung und erleichtern dadurch die gezielte Vertiefung einzelner Themenbereiche.
Als weitere Stärke ist die differenzierte Betrachtung der beratenden Fachkraft hervorzuheben. Neben methodischem Fachwissen werden personale Kompetenzen, professionelle Haltung und Selbstreflexion berücksichtigt. Insbesondere die Bedeutung von Empathie, Authentizität, Wertschätzung und Kommunikationsfähigkeit sowie die Reflexion der eigenen Rolle erscheinen für die professionelle Gestaltung von Beratung zentral. Beratung wird dadurch nicht auf das Beherrschen einzelner Techniken reduziert, sondern als professionelles Handeln verstanden, das auch die Person der beratenden Fachkraft einbezieht.
Gleichermaßen positiv hervorzuheben ist die Berücksichtigung unterschiedlicher Personengruppen und Praxisfelder. Die Beratung von Menschen mit Beeinträchtigungen wird nicht isoliert betrachtet, sondern in unterschiedliche familiäre, institutionelle und gesellschaftliche Kontexte eingebettet. Die Einbeziehung von Familie, Frühförderung, Schule, Arbeitswelt, Inklusion, Diversity und Teilhabe trägt dazu bei, die Vielfalt heilpädagogischer Beratung sichtbar zu machen. Damit wird dem intersektionalen Charakter heilpädagogischer Handlungsfelder Rechnung getragen.
Kritisch zu betrachten ist hingegen die Darstellung von Diversität. Insbesondere bei den Fallbeispielen sowie bei der Wahl von Namen wird nur eine begrenzte gesellschaftliche Vielfalt sichtbar. Vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Lebenslagen und sozialen Kontexte, in denen heilpädagogische Beratung stattfindet, wäre eine diversitätssensiblere Darstellung wünschenswert gewesen. Dies gilt auch für die verwendete Terminologie. Die teilweise Verwendung von Begriffen wie „Menschen mit besonderen Bedürfnissen“ beziehungsweise „besonderen Bedarfen“ erscheint aus heutiger fachlicher Perspektive zumindest diskussionswürdig. Gerade ein Handbuch mit dem Anspruch, aktuelle Orientierung für heilpädagogische Fachpersonen zu bieten, hätte an dieser Stelle stärker auf eine zeitgemäße und diversitätssensible Sprache eingehen können.
Diese Einschränkungen verändern jedoch den insgesamt positiven Eindruck des Werkes nur begrenzt. Insbesondere die klare Orientierung an heilpädagogischen Handlungsfeldern, die Verbindung von Theorie und Praxis sowie die Möglichkeit zur gezielten Vertiefung einzelner Methoden machen das Handbuch zu einer praxisrelevanten Arbeits‑ und Orientierungshilfe. Es eignet sich dabei nicht nur für die vollständige Lektüre, sondern auch als Nachschlagewerk, das bei konkreten fachlichen Fragestellungen herangezogen werden kann. Insgesamt wird damit ein Werk vorgelegt, das insbesondere für Studierende und bereits berufstätige Heilpädagog:innen einen hohen praktischen Nutzen aufweist.
Fazit
Das methodische Handbuch bietet eine umfassende, praxisorientierte und fachlich auf die Heilpädagogik zugeschnittene Einführung in Grundlagen, theoretische Bezüge und Methoden heilpädagogischer Beratung. Trotz bestehender Schwächen hinsichtlich einer zeitgemäßen, diversitätssensiblen Sprache und Darstellung ist das Werk aufgrund seiner klaren Struktur, seiner Praxisnähe und seiner Funktion als Nachschlagewerk insbesondere für Studierende und Fachpersonen der Heilpädagogik empfehlenswert.
Rezension von
Anne Weber
M.A. Heilpädagogik
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