Jason Stanley: Wie Faschismus funktioniert
Rezensiert von Thomas Barth, 21.04.2026
Jason Stanley: Wie Faschismus funktioniert. Westend Verlag GmbH (Neu-Isenburg) 2024. 212 Seiten. ISBN 978-3-86489-443-5. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.
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Thema
Droht uns eine Wiederkehr des Faschismus ‑auch in den „liberalen Demokratien“ des Westens? Der Yale-Philosoph Jason Stanley arbeitet angesichts des Machtgewinns von „Ultranationalisten“ in vielen Ländern die Muster, Mythen und politische Taktiken eines Faschismus heraus, bei Trump, Orbán u.a. Dieser Faschismus versteht sich heute immer besser zu tarnen, dank ausgefeilter Propaganda in Medien und digitalen Räumen. Kern der Propaganda bleibe jedoch ein nationalistisches Aufhetzen gegen „die Anderen“, ein „wir gegen die“, die Minderheiten, die Migranten, das Ausland. Auch in der aktuellen deutschen Faschismus-Debatte bezieht die Neue Rechte ihre Taktiken aus Blaupausen des NS-Faschismus, fast alle Probleme werden von der AfD „in pathologischer Manier dem Zustrom von Flüchtlingen angelastet“, deren Kriminalität faktenwidrig übertrieben würde (Elchlepp 2025, S. 631 f.).
Autor und Hintergrund
Prof. Dr. Jason Stanley (*1969) lehrt Philosophie an der Elite-Universität Yale (USA), außerdem in Toronto und an der Kyiv School of Economics. Er ist auch Autor von „How Propaganda Works“, woran sein „How Fascism Works“ auf Vorschlag des Verlages Princeton University Press anschließt (S. 203) und schon in 23 Sprachen übersetzt wurde. Das vorliegende Buch schöpft auch aus familiären Erinnerungen, aus Memoiren seiner Großmutter Ilse Stanley, die Widerstand gegen die Nazis leistete (S. 196). Das Vorwort zur dt. Übersetzung verfasste Prof. Dr. Rahel Jaeggi, die an der Humboldt-Uni Berlin sowie als Gastprofessorin in Yale Politische und Sozialphilosophie lehrt.
Aufbau und Inhalt
Einem Vorwort für die dt. Ausgabe von Rahel Jaeggi folgt eines des Autors dann 10 Kapitel und Epilog; die Kapitelüberschriften kennzeichnen jeweils „eine der zehn Säulen faschistischer Politik“. Prof. Jaeggi wendet sich an ihr deutsches Publikum mit einer Warnung vor der Wiederkehr des Faschismus, leicht erkennbar in Gestalt der „in Teilen gesichert rechtsextremen“ AfD, durch die wir es heute sogar schon im deutschen Bundestag mit „offen bekennenden Neonazis“ zu tun hätten (S. 9). Stanley warnt im aktualisierten Vorwort vor Trump, verweist dabei auf Jair Bolsonaro in Brasilien, Giorgia Meloni in Italien und die AfD als zweitstärkste Partei in Deutschland. „Hinter dieser transnationalen, ultranationalistischen Bewegung“, so Stanley, „stehen die Kräfte des Kapitals. Technologieriesen profitieren ebenso wie die Medien von dem dramatischen Aufeinandertreffen von Freund und Feind“ (S. 27). Das zentrale Konzept des Buches sind die „zehn Säulen des Faschismus“, die Stanley identifiziert und ausführlich in jeweils einem Kapitel erklärt:
1. Die mythische Vergangenheit: Faschistische Bewegungen glorifizieren eine idealisierte und oft nur fantasierte Vergangenheit von eigener Nation bzw. Volk; z.B. Trump mit „Make America Great Again“ oder Orban, der Ungarn zum Verteidiger der Christen erklärt (S. 54).
2. Propaganda: Faschisten nutzen Propaganda, um die öffentliche Meinung zu manipulieren und Feindbilder zu schaffen. „So wird aus einem gefährlichen Krieg um die Macht stattdessen ein Krieg, dessen Ziel Stablität ist, oder einer, dessen Ziel Freiheit ist.“ (S. 57)
3. Anti-Intellektualismus: Der US-Rechtsextremist David Horowitz agitiert seit 40 Jahren gegen US-Professoren, die politisch nicht weit genug rechts stehen; seit Trump wird sein politisches „Säuberungs-Programm… aggressiv vorangetrieben“ (S. 70); Studienrichtungen zu Black-, Klima‑ oder Gender-Studies werden als „Kulturmarxismus“ verfolgt (S. 73).
4. Unwirklichkeit: Stanley meint, „verantwortungsbewusste Medien“ sollten „bestrebt sein, die Wahrheit zu verbreiten“ (S. 95). Die so dargestellte „gemeinsame Realität“ sei Voraussetzung für eine „gesunde liberale Demokratie“ und deren Schwachpunkt sei „extreme wirtschaftliche Ungleichheit“ (S. 100). Fakten würden durch alternative Realitäten ersetzt, man verbreitet Verschwörungstheorien, wie die „Protokolle der Weisen von Zion“.
5. Hierarchie: Faschistische Ideologien würden die Überlegenheit bestimmter Gruppen ‑vom Führerprinzip über die Unterwerfung der Frau bis zur Rassenlehre‑ betonen und rechtfertigen soziale Ungleichheit.
6. Die Opferrolle: Faschisten stellten sich selbst als Opfer dar, um ihre Aggressionen und die Unterdrückung anderer zu rechtfertigen. Hinter dem Opferstatus stecke oft der befürchtete oder tatsächliche Verlust von Privilegien, d.h. das Absinken in der sozialen Hierarchie, auch durch Herstellung von sozialer Fairness und Beendigung von sozialer Ungleichheit.
7. Recht und Ordnung: Ein dauernder Ruf nach Recht und Ordnung, ohne Bezug zur Rechtsstaatlichkeit. Minderheiten würden als „Kriminelle“ hingestellt oder kriminalisiert, was in den USA oft Schwarze Männer trifft. „Vergewaltigungen sind für die faschistische Politik von grundlegender Bedeutung, weil sie sexuelle Ängste auslösen und damit einhergehend die Notwendigkeit, die ,Männlichkeit der Nation’ durch faschistische Autorität zu schützen.“ (S. 143)
8. Sexuelle Ängste: Faschisten würden eine Rückkehr zu traditionellen Geschlechterrollen und bekämpfen sexuelle Freiheiten fordern, was sich in Antifeminismus, der Diskriminierung von LGBT+ und insbesondere Homophobie äußere.
9. Sodom und Gomorrha: Biblisch umschreibt Stanley die moralisierende Ablehnung eines kosmopolitischen, liberal-urbanen Lebens in Großstädten durch die faschistische Weltsicht; ihr korrespondiere eine völkisch-romantische Verklärung des Landlebens.
10. Arbeit macht frei: Faschistische Taktik betreibe eine Teilung der Gesellschaft in die angeblich Fleißigen und die angeblich Faulen, v.a. Migranten, Arme, und Kranke; dabei würden Faschisten jedoch die Rechte der Arbeiterklasse untergraben, um die Macht der Kapitalseite zu stärken.
Diskussion
Der Yale-Philosoph Jason Stanley schwankt in seiner Abhandlung zum Faschismus zwischen logischer Analyse und emotionaler familiärer Betroffenheit, was zuweilen argumentative Lücken offenlässt. Stanley erörtert nicht, inwiefern sich Liberale für eine Verringerung ökonomischer Ungleichheit einsetzen oder problematisiert, dass die weitaus meisten Multimilliardäre aus liberalen Demokratien stammen, obwohl diese meist überschuldet sind; unterfinanzierte Gesundheits-, Bildungs‑ und Sozialsysteme spalten die Gesellschaft und stellen die Demokratie vor eine „Zerreißprobe“ (Butterwegge 2020, S. 393).
Zwei blinde Flecken fallen in der Abhandlung von Stanley sofort ins Auge:
- Bei seiner Aufzählung westlicher Staaten und Regierungen, die rechtsextreme Politik bzw. faschistische Taktiken betreiben, fehlen Israel und Nethanjahu (die Arte-Nachrichten am 26.12.2025 bezeichneten die Regierung Israels als „rechtsextrem“).
- Bei Stanleys „Säulen des Faschismus“ fehlt der Militarismus, die faschistische Verherrlichung von Krieg und Gewalt zwischen den Völkern. Mit beiden Auslassungen schwimmt Stanley unkritisch im westlichen Medien-Mainstream und dieser ist für Stanley offenbar sakrosankt, weil er „die gemeinsame Realität darstellt, die eine gesunde liberale Demokratie voraussetzt“ (S. 100). Zweifel an der „Gesundheit“ dieser Mainstream-Realität meldet dagegen die australische Propaganda-Expertin Caitlin Johnstone an und rügt westliche Mainstream-Medien für ihre „heftigen Hetzkampagnen gegen progressive Persönlichkeiten wie Bernie Sanders und Jeremy Corbyn“ (Johnstone S. 45). Bei Normalisierung von Faschismus ertappt Johnstone die New York Times. Die hätte ukrainischen Nazis vom öffentlichen Tragen ihrer Hakenkreuz‑ und Wolfsangel-Symbole abgeraten, aber „nicht weil Nazismus falsch ist, sondern weil es sich um schlechte Kriegspropaganda handelt“ (Johnstone S. 18).
In seinem Vorwort für Johnstone schrieb der Kieler Kognitionspsychologe Prof. Rainer Mausfeld, Propaganda sei vielleicht das bedeutendste Thema unserer Zeit: Denn würde „der gesamte Denkraum manipulativ verzerrt“ (Mausfelds Fachgebiet), könnten auch geeignete Lösungen für politische Probleme „im Wortsinn undenkbar“ werden. Wie denkbar ist eine Ähnlichkeit von Liberalismus und Faschismus? Der Ideenhistoriker Ishay Landa von der Israeli Open University zeigt die historischen und ideologischen Wurzeln auf, die Liberalismus und Faschismus verbinden. Seiner profunden Analyse nach spaltete sich der Frühliberalismus in einen politischen und einen Wirtschaftsliberalismus auf, wobei Letzterem neoliberale wie faschistische Ideologien und Bewegungen entsprangen. Gemeinsam hätten Faschismus und Liberalismus den sozialdarwinistischen Glauben an die Bedeutung des Survival-of-the-fittest sowie ein Elitenkult, der das angebliche Genie preise (den Führer oder den CEO etwa) und die Massen verachte. Landa identifiziert dabei vier liberale Mythen, die rückblickend dazu dienen sollten, die Wesensverwandtheit mit dem Faschismus zu verschleiern ‑und die sich teilweise bei Stanley wiederfinden.
Fazit
Das Buch von Stanley stellt sich deutlich auf die Seite Hillary Clintons und des Establishments der Partei der US-Demokraten. Von dieser Warte aus werden nationalistische und reaktionäre Politik, v.a. bei Trump, Orban und Putin auf ihre Nähe zu faschistischen Taktiken hin untersucht. Dies ist notwendig und lobenswert, blendet aber fast völlig die ebenso nötige Untersuchung von Israel unter Nethanjahu sowie die der US-Politik unter Obama, Clinton und Biden aus.
Quellen
Barth, Thomas: Von Bertelsmann zu Blackwater: Die Privatisierung der Gewalt, in: Altvater, Elmar u.a.: Privatisierung und Korruption: Zur Kriminologie von Globalisierung, Neoliberalismus und Finanzkrise, Anders Verlag, Hamburg 2009, S. 88–94.
Butterwegge, Christoph: Die zerrissene Republik. Wirtschaftliche, soziale und politische Ungleichheit in Deutschland, Weinheim/Basel 2020, Beltz Juventa Verlag.
Johnstone, Caitlin: Kleines Erste-Hilfe-Büchlein gegen Propaganda. Wie wir unseren Verstand in einer verrückten Welt bewahren können, Neu-Isenburg 2023, Westend Verlag https://www.socialnet.de/rezensionen/33100.php
Elchlepp, Dietrich: Nie wieder wegschauen! Mit Argumenten gegen die Angsterzeugung der Rechtsradikalen, in: Donat, Helmut (Hrsg.)/Lütgemeier-Davin, Reinhold (Hrsg.): Geschichte und Frieden in Deutschland 1870–2020. Eine Würdigung des Werkes von Wolfram Wette, Donat-Verlag, Bremen 2025, S. 631–646).
Landa, Ishay: Der Lehrling und sein Meister: Liberale Tradition und Faschismus, Berlin 2021, Dietz Verlag.
Mausfeld, Rainer: Hegemonie oder Untergang – Die letzte Krise des Westens? Neu-Isenburg 2025, Westend Verlag.
Stanley, Jason: Wie Faschismus funktioniert, Neu-Isenburg 2024, Westend-Verlag.
Teske, Alexander: inside tagesschau. Zwischen Nachrichten und Meinungsmache, (3.Aufl. binnen eines Jahres), München 2025, Langen Müller Verlag. https://www.socialnet.de/rezensionen/33710.php
Wernecke, Klaus/​Peter Heller: Medienmacht und Demokratie in der Weimarer Republik. Das Beispiel des Medienzaren und vergessenen Führers Alfred Hugenberg, Brandes&Apsel, Frankfurt/M. 2023.
Wette, Wolfram: ‘Neue Normalität’. Militarisierung und Weltmachtstreben, in: H.-M. Lohmann: Extremismus der Mitte. Vom rechten Verständnis deutscher Nation, Fischer Vlg., Frankfurt/M. 1994, S. 193–208.
Rezension von
Thomas Barth
Dipl.-Psych, Dipl.-Krim.
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