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Babette Loewen, Bernd Overwien: Jugendliche stärken. Entwicklungspolitische Ansätze [...]

Cover Babette Loewen, Bernd Overwien: Jugendliche stärken. Entwicklungspolitische Ansätze und Perspektiven für Bildung und Beschäftigung. IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation (Frankfurt) 2005. 322 Seiten. ISBN 978-3-88939-775-1. 21,90 EUR.

Reihe: Internationale Beiträge zu Kindheit, Jugend, Arbeit und Bildung, Band 12.
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Millenniumsziele: Vision oder Illusion?

In der Agenda 21, dem Ergebnis der Konferenz der Vereinten Nationen für (globale) Umwelt und Entwicklung, vom Juni 1992, wird in der Präambel eindrücklich zum Ausdruck gebracht, dass die Menschheit an einem entscheidenden Punkt ihrer Geschichte stehe. Die Bestandsaufnahme: Zunehmende Ungleichheit zwischen Völkern und innerhalb von Völkern, immer mehr Hunger, Krankheit und Analphabetentum, sowie eine fortschreitende Schädigung der Ökosysteme. Diesen Horrorszenarien steht, gewissermaßen als positiver Ruck, die Erkenntnis gegenüber, dass diese Probleme einzelne Nationen nicht mehr alleine bewältigen könnten. Vielmehr bedürfe es dazu der Vision einer globalen Partnerschaft, die auf eine nachhaltige Entwicklung ausgerichtet ist. Lesen wir diese Anforderung als Herausforderung, dann wird klar, dass es eines Perspektivenwechsels im Denken und Handeln der Menschen überall in der Welt bedarf. Im September 2000 beschlossen die Vertreter von 189 Mitgliedsländern der Vereinten Nationen die Millenniums-Entwicklungsziele, die in acht weltweiten Vorhaben von der Beseitigung der extremen Armut und des Hungers in der Welt bis zum gemeinsamen Aufbau einer weltweiten Entwicklungspartnerschaft reichen. In der Zielvorgabe 16 des zuletzt genannten achten Ziels heißt es: In Zusammenarbeit mit den Entwicklungsländern Strategien zur Beschaffung menschenwürdiger und produktiver Arbeit für junge Menschen erarbeiten und umsetzen. Diese Anforderung ist auch in die Zielkataloge der deutschen und internationalen Entwicklungszusammenarbeit eingegangen. Darin steckt die richtige und doch so schwierig umzusetzende Erkenntnis, dass der Umgang einer Gesellschaft mit "ihren" Kindern und Jugendlichen als ein Kriterium für gutes Regieren (Good Governance) und demokratisches, humanes Verhalten darstelle. Die Zielvorgabe, auf den Gebieten der Entwicklung in der Welt, die wir nur allzu oft allzu leichtfertig als "Eine Welt" bezeichnen, zu einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit zu gelangen, gerät doch (noch) allzu oft, nicht zuletzt natürlich wegen der unterschiedlichen ökonomischen Bedingungen, zu einer "Einbahnstraße" des pekuniären und personellen Gebens seitens der Industrieländer hin zu einem patriarchalischen Nehmen der Menschen in den so genannten Entwicklungsländern. Die Situation stellt die Südkommission, in der von 1987 bis 1990 rund 30 Experten aus afrikanischen, asiatischen und lateinamerikanischen Ländern zusammen gearbeitet und darüber nachgedacht haben, wie die Eigenverantwortung der Dritten Welt für eine dauerhafte, globale Entwicklung aussehen könne, in drastischen Worten so dar: "Diese Länder (des Südens, JS), an denen die Vorzüge des Wohlstands und des Fortschritts weitgehend vorbeigegangen sind, befinden sich in einer Randlage zu den entwickelten Ländern des Nordens. Dort lebt die überwiegende Mehrheit der Menschen im Wohlstand, im Süden sind die meisten Menschen arm. Die Volkswirtschaften des Nordens sind in der Regel stark und widerstandsfähig, die des Südens meist schwach und wehrlos. Die Länder des Nordens können im großen und ganzen ihr Schicksal selbst bestimmen, die des Südens sind Einwirkungen von außen preisgegeben und haben keine echte Souveränität" (SEF, 1991). Gibt es einen Schlüssel, aus diesem Dilemma heraus zu kommen? In dem seit einigen Jahren geführten internationalen Diskurs, ob denn die bisher gehandhabten und von vielen lieb gewonnenen Theorien noch tragfähig sind, angesichts der immer interdependenter sich entwickelnden wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Strukturen auf der Erde, dürfte mittlerweile eine Erkenntnis auf eine weitgehende Übereinstimmung stoßen: Wirtschaftliches Wachstum im Sinne eines "Immer-mehr" führt letztendlich zum Zusammenbruch und zur Katastrophe in der menschlichen Entwicklung und nicht zu mehr Wohlstand für alle Menschen.

Entstehungshintergrund

Der von Babette Loewen und Bernd Overwien vorgelegte Tagungsband zu einer Veranstaltung in der Evangelischen Akademie in Bad Boll zum Thema "Jugend und Gesellschaft im Umbruch - Neue Herausforderungen für Bildung und Beschäftigung in der Entwicklungszusammenarbeit" fasst die Diskussionen und Erfahrungsberichte der Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus staatlichen, nicht-staatlichen und kirchlichen Organisationen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit zusammen. Er will damit beitragen, den bisher überwiegend nur in speziellen Gruppierungen geführten Diskurs einem breiteren Kreis der Engagierten in der Eine-Welt-Arbeit zugänglich zu machen. Dabei lassen sich die folgenden Punkte notieren:

  • Die Berufsorientierung für Jugendliche - und das nicht nur in den Ländern des Südens (!) - sollte sich als "Orientierung zur Beschäftigung" verstehen, mit dem Ziel, Einkommensmöglichkeiten selbständig zu erkennen und zu nutzen. In der entwicklungspolitischen Diskussion wird hierfür der Begriff "Ownership" benutzt, als die Identifikation der Menschen mit einem individuellen und kollektiven Vorhaben, im Sinne einer Eigenverantwortung.
  • Soziale Integration von Jugendlichen, sowohl als Eigeninitiative, als auch der Einbeziehung von gesellschaftlichen Strukturen und Bedingungen.
  • Beschäftigungsförderung und Gemeinwesenarbeit "vor Ort", vor allem mit Jugendlichen in Krisen- und Postkrisengebieten und in schwierigen, gesundheitlichen und existenziellen Lebenslagen.

Die Herausgeber gliedern das Buch in zwei Teile. Im ersten Teil geht es um "Grundlagen und Bedingungen der Jugend- und Beschäftigungsförderung"; im zweiten werden positive Beispiele dargestellt, wie der "Übergang in den Arbeitsmarkt" funktionieren kann.

1 "Grundlagen und Bedingungen der Jugend- und Beschäftigungsförderung"

  • Der Leiter der Arbeitsstelle Globales Lernen und Internationale Kooperation ab der TU Berlin, Bernd Overwien, stellt in seinem Beitrag die Thematik in den Kontext der internationalen Strategien zur Armutsbekämpfung in der Welt, vor allem des Millenniums-Entwicklungsziels "Verwirklichung der allgemeinen Primarschulbildung", als Grundbildung für alle Menschen: "Humankapital" als Ressource für Entwicklung. Trotz der von vielen Think Tanks, internationalen Organisationen wie der Weltbank und von nationalen staatlichen (BMZ) und NGO erarbeiteten Positionspapieren zur Grundbildung und Neuorientierung der Berufsbildungskooperation, hegt der Autor Zweifel, ob in der konkreten Entwicklungszusammenarbeit die Umsetzung gelingen kann - angesichts des zunehmend zurückgehenden Engagements in der deutschen Bildungsforschung im Nord-Süd-Kontext, als auch der zögerlichen praktischen Handhabe.
  • Auch der im internationalen Consulting-Geschäft tätige Gunnar Specht beklagt, dass in der Konzeption der deutschen Entwicklungszusammenarbeit die (bisherige) traditionelle Schwerpunktsetzung auf den Bildungssektor an Bedeutung verloren habe; ein Ergebnis des so genannten "deutschen Bildungsdilemmas"? Um den notwendigen Perspektivenwechsel zu befördern, bringt er Vorschläge für eine wirkungsvolle(re) Zusammenarbeit in den technischen (berufsbildenden) und finanziellen Bereichen in die Diskussion und stellt positive Projekte in der Kooperation mit philippinischen und äthiopischen Partnern vor.
  • Die am Hamburger UNESCO-Institut für Pädagogik arbeitende Soziologin und Erziehungswissenschaftlerin Mahdu Singh stellt verschiedene Konzeptionen zur Verwirklichung der globalen Forderung "Grundbildung für alle" vor und diskutiert "Lernangebote und Basisqualifikationen für junge Menschen". Dabei weist sie darauf hin, dass im internationalen Diskurs über Basis-, Schlüsselqualifikationen und -kompetenzen im Bildungsbereich einseitig die Konzepte im Vordergrund stehen, die im Kontext der Kulturen der nördlichen Hemisphäre entwickelt werden. Sie plädiert für einen Perspektivenwechsel, indem "wir eher unsere problemlösenden Kapazitäten mobilisieren sollten, die eher eine kollektive Beschaffenheit haben als eine gänzlich individuelle, kognitive und einheitliche Beschaffenheit".
  • Für den Leiter der Sektion "Stärkung von Bildungssystemen, Wissensorganisation und Jugendpolitiken" in der GTZ, Hans-Heiner Rudolph, ist der Paradigmenwechsel, der weltweit bei der Betrachtung und Einbeziehung von Jugendlichen in die gesellschaftlichen Prozesse zu beobachten ist, Anlass dafür, nach den Grundlagen zur Kompetenzentwicklung und Stärkung der Potentiale von Kindern und Jugendlichen in der internationalen Zusammenarbeit zu fragen.
  • Kerstin Nagels, ebenfalls von der GTZ, macht sich Gedanken zu Überlegungen und Erfahrungen bei der beruflichen Orientierung von Jugendlichen. Dabei bringt sie den vermeintlichen "Luxus"-Gedanken in die Diskussion, dass - auch in der Entwicklungszusammenarbeit - Berufsberatung ein wichtiges Angebot zur beruflichen Orientierung und damit zu dem ist, was wir als Slogan im deutschen Kontext vor uns her tragen: "Hilfe zur Selbsthilfe".
  • Manfred Wallerborn von InWEnt stellt in zwölf Thesen die paradox anmutende Frage: "Wie begründen (arme) Jugendliche ihre Investitionsentscheidung in (Berufs-)Bildung?".

2 "Übergang in den Arbeitsmarkt"

Im zweiten Teil "Übergang in den Arbeitsmarkt" berichten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus verschiedenen Organisationen über ihre Erfahrungen bei Entwicklungsprojekten in den Bereichen der Jugend- und Beschäftigungsförderung.

  • Horst Steigler informiert über die Ergebnisse eines Pilotprojekts "Beschäftigungsstrategien von arbeitslosen Jugendlichen" in Chile, auf der Grundlage von sozialpädagogischer Arbeit und der Sensibilisierung und Einbeziehung des sozialen Umfeldes.
  • Axel Sachs berichtet über seine Erfahrungen bei einem Projekt über die Einführung eines beruflichen Orientierungsjahres im Kosovo, als "ein Weg zu einer gezielten Berufsausbildung".
  • Irina Kausch stellt das Projekt "Jugendvermittlungsstelle und Job-Börsen, Beratungs- und Informationszentrum" in Kirgistan vor.
  • Peter Bellen und Erhard Stückrath von der Kindernothilfe e.V. diskutieren die positiven Ergebnisse, aber auch die Probleme mit einem Programmbeispiel auf den Philippinen.
  • Evi-Kornelia Gruber und Maria Victoria Heikel stellen ihre Erfahrungen mit einem Projekt in Paraguay zur Disposition.
  • Birgit Stanzel stellt "jugendliche Kleinstunternehmer" aus Venezuela vor.
  • Die Grundbildung von ländlichen Jugendlichen in Bolivien ist das Thema von Gabriela Günter.
  • Aus Sierra Leone berichtet Ralf Lange über die Reintegration von militarisierten Jugendlichen und Kindersoldaten durch berufliche Bildung.
  • Der Soziologe Manfred Liebel schließlich bringt die Frage nach entwicklungspolitischen Ansätzen und Perspektiven für die Bildung und Beschäftigung von Jugendlichen in den Ländern des Südens mit seiner Conclusio "Mit Arbeit lernen" auf den Punkt, indem er über zwei innovative Projekte mit Kindern und Jugendlichen in Peru und Mexiko berichtet. Dabei kommt der Gedanke wieder zum Vorschein, der in der deutschen beruflichen Bildung schon einmal als Innovation gedacht, aber nur in rudimentären Ansätzen realisiert wurde: Die Produktionsschule.

Fazit

Diese für die deutsche (Berufs-)Bildungsdiskussion beinahe nostalgisch anmutende Replik, bei der immerhin die Arbeiten von Liebel, Overwien, Günter Wiemann und anderen schon wieder so etwas wie eine Perspektive für die notwendige Revision unserer Bildungssysteme und -konzepte darstellen, machen überraschend deutlich: Der vorgelegte Tagungsband ist nicht nur ein Fachbuch für in der deutschen und internationalen Entwicklungszusammenarbeit tätigen Expertinnen und Experten, für Entwicklungshelferinnen und Entwicklungshelfer, sondern liefert - weil es (natürlich!) vielfältige Bezüge zu den real existierenden Bildungs- und Beschäftigungsbedingungen von Jugendlichen in unserer Gesellschaft gibt - Denkanstöße und Vergleichsmöglichkeiten zu unserem Hier und Heute. Wenn Irina Kausch in ihrem Bericht über das Projekt in Kirgistan die "eingeschränkte Wirksamkeit des arbeitsmarktpolitischen Instrumentariums" beklagt und als Kernproblem in den fehlenden produktiven Beschäftigungs- und Einkommensmöglichkeiten in Kirgistan konstatiert und erhofft, dass "beschäftigungsorientierte Politikkonzepte" entwickelt werden, dann sind Parallelen hier bei uns mit Händen zu greifen. Noch ein weiterer Aspekt, der zum Weiter- und Andersdenken auch bei uns anregen könnte: Evi-Kornelia Gruber und Maria Victoria Heikel fokussieren ihre Erfahrungen bei ihrem Projekt in Paraguay auch auf den Aspekt: "Ein Gehalt ist nicht immer das Entscheidende: soziale Anerkennung und Integration auf Gemeindeebene durch Freiwilligendienste scheinen oft viel wichtiger für die Jugendlichen zu sein". Auch bei uns, wird man da fragen dürfen? Denn eines ist doch wohl als Perspektive zu denken: Wir brauchen eine neue Ethik des Lebens und Überlebens, zum Sinn von Arbeit und Beschäftigung, lokal und global!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 07.02.2006 zu: Babette Loewen, Bernd Overwien: Jugendliche stärken. Entwicklungspolitische Ansätze und Perspektiven für Bildung und Beschäftigung. IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation (Frankfurt) 2005. ISBN 978-3-88939-775-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3442.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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