Megan Arndt, Thorsten Moos (Hrsg.): Diakonische Theologie
Rezensiert von Dr. Christian Geyer, 17.09.2026
Megan Arndt, Thorsten Moos (Hrsg.): Diakonische Theologie. Eine empirische Dogmatik religiöser Kommunikation in der Diakonie (Loci diaconici). Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2025. 261 Seiten. ISBN 978-3-17-046518-3. 39,00 EUR.
Reihe: Diakonie - Band 28.
Thema
Diakonische Theologie oder Theologie in der Diakonie? Mit dieser Fragestellung wird der Kern der vorgelegten Studie prägnant umrissen, die zwischen Empirie (alltagstheologische Reflexion von Religion/Glaube im Feld) und Dogmatik (systematisch-theologische Reflexion in der protestantischen Lehrtradition) auf der Suche nach einer „kontextuellen bzw. lokalen Theologie der Diakonie“ (9) ist. Im Fokus stehen die wohlfahrtsstaatlichen Sozialunternehmen als eine Gestalt diakonischen Handelns in der Gesellschaft. In ihrem Kontext wurden Professionelle befragt, in welchen Situationen und auf welche Weise sie im Arbeitsalltag religiöse Kommunikation wahrgenommen haben.
Autor:in
Dr. Megan Arndt ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Systematischen Theologie/Ethik an der Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg.
Dr. Thorsten Moos ist Professor für Systematische Theologie/Ethik an der Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg.
Aufbau und Inhalt
Die systematisch-theologische Rekonstruktion und Interpretation religiöser Kommunikation in der Diakonie ist in drei Teile gegliedert:
1. Prolegomena: Religion als diakonisches Problem (29-50)
2. Materiale Loci: Religiöse Reflexion der Diakonie
- Teil A: Vom Tun (51-81)
- Teil B: Vom Menschsein (83-125)
- Teil C: Von den Strukturen (127-156)
3. Epilegomena: Die Präsenz des Religiösen in der Diakonie
- Teil A: Heiliges und Unheiliges (157-210)
- Teil B: Grund und Grenze (211-236)
Es schließt sich ein Fazit in Thesen (237-240) an. Im Anhang wird der Interviewleitfaden, das Codesystem und eine Übersicht der Interviewpartner:innen dokumentiert. Ein Literatur‑ und Stichwortverzeichnis schließen die Studie ab.
In der Einleitung (9-26) reflektieren Megan Arndt und Thorsten Moos einerseits das Forschungsinteresse und die Forschungsfrage und legen andererseits Rechenschaft über die Methodik ab. „Die Diakonie“ (9), so allgemein beginnt der erste Satz, sei deshalb von theologischem Interesse, weil sie „als großes Handlungsfeld im Raum der Kirche […] theologischer Reflexion [bedarf]“ (ebd.). Die theologische Reflexion trage zu differenzierten Deutungen der diakonischen Arbeit und der Herausforderungen des sozialen Sektors insgesamt bei (9). Eine solche Hermeneutik solle aber zunächst die religiöse Rede im Feld und das theologische Reflektieren über das diakonische Handeln wahr‑ und ernstnehmen.
Für die qualitative Forschung wurden leitfadengestützte Interviews in Einzel‑ und Gruppengesprächen sowie teilnehmende Beobachtungen durchgeführt. Die Datenauswertung erfolgte mittels Bottom-up‑ und Top-down-Codes nach Matthew B. Miles et al. Der Leitfaden ist theoriegeleitet und thematisch strukturiert. Dieser enthält Fragen nach religiöser Kommunikation, Erwartungen an religiöse Kommunikation, Rahmenbedingungen religiöser Kommunikation und dem Verständnis von Diakonie.
Das Kategoriensystem bei Arndt und Moos folgt den Loci communes von Philipp Melanchthon, ohne diese zu reproduzieren. Während Melanchthon (1559) insgesamt 24 Loci entfaltet, wird in der Studie eine eigenständige loci-Systematik mit insgesamt 25 Themenfeldern entwickelt. Diese dienen dazu, die empirischen Ergebnisse in verschiedene theologische/dogmatische Themenfelder einzuordnen. Dabei werden unter anderem Fragen des Helfens und der Nächstenliebe, der Überforderung und des Scheiterns, der Selbstbestimmung, der Anerkennung, der Würde und Individualität sowie weitere Dimensionen diakonischer Praxis behandelt. In den jeweiligen Kapiteln wird zwischen Deskription und Analyse des Interviewmaterials einerseits und einer anschließenden theologischen Interpretation andererseits unterschieden.
Die theologische Interpretation setzt die empirisch rekonstruierten Themen mit Begriffen und Motiven der christlichen Theologie in Beziehung. Erfahrungen von Überforderung und Scheitern werden beispielsweise im Horizont einer (diakonischen) Hamartiologie behandelt. Ein anderes Beispiel sind Themen wie Anerkennung, Würde und Individualität, die soteriologisch und anthropologisch kontextualisiert werden.
Zugleich stellen die Verfasser fest, dass eine explizite religiöse Kommunikation in der diakonischen Praxis nicht durchgehend vorkommt und sich nicht immer eindeutig von professioneller oder alltagsweltlicher Kommunikation abgrenzen lässt. Nichtsdestotrotz werden die beschriebenen Erfahrungen und Sichtweisen u.a. als lokale bzw. kleine Soteriologien oder Anthropologien rekonstruiert. Nach Arndt/Moos verändert die Empirie nicht notwendig den dogmatischen Gehalt der theologischen Lehrstücke, sondern zeigt deren kontextuelle Artikulations‑ und Kommunikationsformen.
Im abschließenden Fazit fragt die Studie nach den Konturen einer Theologie der Diakonie. Sie geht davon aus, dass die empirisch erhobenen Themen als „loci diaconici“ verstanden und mit theologischen Traditionen in Beziehung gesetzt werden können. Der Theologie wird die Aufgabe zugewiesen, religiöse Kommunikation in der diakonischen Praxis zu erschließen, zu reflektieren und zugleich die Praxis zu orientieren.
Im Hinblick auf den praktischen Nutzen für soziale Dienstleistungsorganisationen hebt die Studie die Bedeutung von Bildungsprozessen hervor. Religiöse Kommunikation soll nicht institutionell erzwungen werden. Vielmehr sind die Rahmenbedingungen im Blick, die religiöse Kommunikation möglich machen. Dabei werden sowohl die religiöse Sprachfähigkeit der Mitarbeitenden als auch die Freiheit zur Distanzierung von und zum Schweigen über Religion berücksichtigt. Angesichts religiöser und weltanschaulicher Pluralität wird zudem die Frage nach unterschiedlichen religiösen Ausdrucksformen innerhalb der Diakonie aufgeworfen.
Diskussion
Das Verdienst der Studie liegt in dem Versuch, eine Theologie der Diakonie nicht allein aus normativen theologischen Vorgaben zu entwickeln, sondern die Selbstverständnisse und Deutungen diakonischer Praxis und insbesondere die religiöse Kommunikation zum Ausgangspunkt theologischer Reflexion zu machen. Die Empirie soll nicht nur illustrieren, was theologisch ohnehin feststeht, sondern zur Ausbildung einer kontextuellen Theologie der Diakonie beitragen.
Auffällig ist, dass die empirische Analyse eine Reihe von normativen Orientierungen rekonstruiert, die von den Befragten ohne expliziten religiösen oder transzendenten Bezug angeboten werden. Dazu zählen Verantwortung und Überforderung, Selbstbestimmung, Würde und Individualität, Anerkennung, Scheitern oder Hoffnung. Weil die untersuchte Praxis wesentlich professionell strukturiert ist, entstehen ihre normativen Orientierungen nicht nur aus religiösen Quellen, sondern auch aus professionellen Wissensbeständen. Die Studie geht diesen Orientierungen fachwissenschaftlich und auch professionsethisch kaum nach. Dadurch fehlt eine Vermittlungsebene zwischen empirischer Rekonstruktion und dogmatischer Interpretation. Die Selbstdeutungen der Befragten werden zum Ausgangspunkt theologischer Interpretation. Müsste eine Theologie der Unternehmensdiakonie nicht viel stärker interdisziplinär verfahren, weil ihr Gegenstand eine professionalisierte Praxis ist? Heilpädagogik, Sozialarbeitswissenschaft, Pflegewissenschaft, Disability Studies, Organisationsforschung oder Sozialethik sind in diesem Kontext keine ergänzenden Perspektiven, sondern könnten die emischen Selbstbeschreibungen kritisch prüfen und differenzieren.
Zugleich wird das Irritationspotential der lebensweltlichen Verständnisse für die Theologie/Dogmatik kaum genutzt, weil die rekonstruierten Orientierungen im theologischen Interpretationsschritt überwiegend den klassischen dogmatischen Kategorien zugeordnet werden. Erfahrungen des Sollens und der Überforderung werden von Arndt/Moos im Horizont von Gesetz und Hamartiologie gelesen, Würde und Individualität mit der Gottesebenbildlichkeit verbunden und weitere Praxisphänomene soteriologisch, christologisch oder eschatologisch interpretiert. Diese Interpretationen sind als theologische Lesarten durchaus nachvollziehbar. Doch bleibt methodisch unklar, welchen Status sie besitzen. Handelt es sich um religiöse Semantiken, die aus der Selbstdeutung der Befragten rekonstruiert werden oder um dogmatische Deutungskategorien, mit denen die Forschenden die empirischen Befunde interpretieren?
Da die Studie einen emischen Zugang zu Religion gewählt hat, ist diese Unterscheidung von Bedeutung. Die empirisch rekonstruierten Aussagen haben häufig keinen expliziten Transzendenzbezug. Werden sie theologisiert, wird die Perspektive gewechselt: von der emischen Rekonstruktion hin zu einer theologischen Meta-Interpretation. Ein solcher Schritt ist legitim, doch müsste er als hermeneutischer Vorgang expliziter ausgewiesen und begründet werden. Entsprechende Hinweise in der Einleitung reichen dafür nicht aus.
Die Frage nach dem Verhältnis von empirischem Befund und theologischer Interpretation stellt sich bereits auf der Ebene der Datenerhebung. Der Interviewleitfaden sieht Fragen nach religiöser Kommunikation, ihren Rahmenbedingungen und den entsprechenden Erfahrungen der Mitarbeitenden ausdrücklich vor. Damit untersucht die Studie nicht primär emergente religiöse Kommunikation, sondern schafft eine Interviewsituation, in der die Befragten eingeladen werden, ihre Praxis unter religiösen Gesichtspunkten zu reflektieren. Das ist methodisch zulässig und dem Forschungsinteresse angemessen. Es begrenzt jedoch die Reichweite möglicher Schlussfolgerungen. Die Interviews können zeigen, wie Mitarbeitende ihre Praxis religiös deuten, wenn sie dazu befragt werden. Schwieriger ist daraus abzuleiten, welche Bedeutung religiöse Kommunikation in der und für die Praxis besitzt. Gerade angesichts des Befundes, dass explizite religiöse Sprache und religiöse Semantiken fragmentarisch bleiben, wäre eine stärkere Reflexion der Ko-Konstruktion des Untersuchungsgegenstands durch die Interviewsituation wünschenswert gewesen.
Wenn der Anspruch der empirischen Dogmatik nicht notwendig in einer Veränderung des dogmatischen Gehalts, sondern in der Rekonstruktion der kontextuellen Kommunikationsform liegt, stellt sich die Frage, worin der dogmatische Erkenntnisgewinn gegenüber einer theologischen Hermeneutik diakonischer Praxis besteht.
Dass Mitarbeitende ihre Überforderung beispielsweise überwiegend nicht als Sünde verstehen, könnte ein Anlass sein, das Verhältnis von Sünde, Schuld, Endlichkeit und strukturellem Versagen anders zu bestimmen. Die heilpädagogische Bedeutung von Selbstbestimmung hat das Potential, theologische Anthropologie mit Fragen von Abhängigkeit, Assistenz und Beziehung zu konfrontieren. Und das lebensweltliche Erfahrungswissen über Würde und Anerkennung lädt dazu ein, die Gottesebenbildlichkeit im Gespräch mit Anerkennungstheorie, Disability Studies und Anthropologie zu reflektieren. Die interdisziplinäre Reflexion würde die Zuordnung der Befunde zu klassischen dogmatischen Topoi irritieren und sie für andere Deutungen offenhalten.
Dass die empirischen Befunde nicht notwendig in den klassischen dogmatischen Kategorien wiederentdeckt werden müssen, zeigt exemplarisch ein anderes theologisches Paradigma. Eine nicht-metaphysische oder post-theistische Theologie der Diakonie würde die Aussagen der Befragten nicht primär als Ausdruck impliziter Soteriologien, Eschatologien oder Anthropologien rekonstruieren, sondern als unterschiedliche Sichtweisen und Deutungen anerkennen. Ein Ansatz wie der von Hartmut von Sass („Atheistisch glauben“, Berlin 2022) könnte hierfür ein herausfordernder Gesprächspartner sein. Glaube wäre dann nicht primär die Annahme einer metaphysischen Wirklichkeit Gottes, sondern eine bestimmte Modalisierung der Weltwirklichkeit. Diakonisch handeln wäre nach diesem Ansatz kein religiöser Sonderraum, sondern eine bestimmte Weise (adverbiale Bestimmung) tätig zu werden. Religiöse Kommunikation, im Sinne von „Sprachspielen des Glaubens“, könnte entsprechend als Artikulation einer solchen Perspektive untersucht werden. Die Verständnisse von Anerkennung, Beziehung, Verletzlichkeit, Scheitern oder Hoffnung müssten nicht durch ihre Zuordnung zu klassischen dogmatischen Topoi theologisiert werden. Zu fragen wäre vielmehr, welche Wahrnehmungs‑ und Handlungsperspektiven der christliche Glaube im Umgang mit diesen Erfahrungen eröffnet.
Der Rekurs auf einen solchen Ansatz soll keine alternative Theologie der Diakonie begründen. Vielmehr macht er sichtbar, dass die empirischen Befunde theologisch nicht eindeutig determiniert sind. Die von Arndt und Moos vorgenommene dogmatische Interpretation stellt eine Lesart dar, aber nicht die einzig mögliche. Gerade darin liegt die methodische Herausforderung einer empirischen Dogmatik. Sie muss darlegen, warum bestimmte theologische Deutungen den empirischen Befunden angemessener sind als andere.
Fazit
Die Studie bietet einen empirisch fundierten Einblick in religiöse Kommunikation in der Diakonie und stellt zentrale Fragen für die theologische Selbstverständigung der Unternehmensdiakonie. Zugleich bleibt offen, ob die loci diaconici über die theologische Deutung und Plausibilisierung bestehender Praxis hinaus einen eigenständigen Erkenntnisgewinn für eine Dogmatik religiöser Kommunikation entfalten. Gerade diese Spannung macht die Studie zu einem anregenden Debattenbeitrag um eine empirische Theologie der Diakonie.
Rezension von
Dr. Christian Geyer
Fachlicher Vorstand Bathildisheim e.V., Bad Arolsen, und Lehrbeauftragter am IDWM (Universität Bielefeld) und der Hochschule Fulda
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