Stefan Hofer, Rémy Kauffmann: Neue Mündlichkeit
Rezensiert von Alexander König, 10.07.2026
Stefan Hofer, Rémy Kauffmann: Neue Mündlichkeit. Kommunikation und KI im Unterricht. hep-verlag (Bern) 2025. 224 Seiten. ISBN 978-3-0355-2892-3. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR, CH: 26,00 sFr.
Thema
Kaum eine Technologie prägt die Bildungsdebatte derzeit so stark wie die „Künstliche Intelligenz“ – und an ihr scheiden sich die Geister. Während die Befürworter Textgeneratoren, Übersetzungsagenten und adaptiven Lernsystemen etwas Revolutionäres zusprechen, das Schule und Unterricht tiefgreifend „transformiert“, fordern KI-Gegner von den zuständigen Ministerien, von Fortbildungsinstituten und Schulleitungen klare Regelungen und Verbote für den KI-Einsatz. Tatsächlich hat sich der Markt an Sprachmodellen rasant entwickelt. Neuere Large Language Models (LLMs) sind nicht nur in der Lage, Daten und Informationen multimodal zu verarbeiten. Sie sind darüber hinaus mit „Handlungsmacht“ (agency) ausgestattet. Das heißt, sie lösen auch komplexe Aufgaben eigenständig und automatisiert.
Diese Dynamik ist ,technology driven‘. Sie scheint das Bildungssystem förmlich zu überrollen. Schulen und die in ihnen handelnden Akteure, bestehend aus Schulleitungen, Lehrkräften, pädagogischem Fachpersonal, Schüler:innen, Eltern, Erziehungsberechtigten usw., befinden sich aus dieser Sicht im permanenten Modus der Reaktion.
Angesichts dieser Diagnose schlagen die beiden Autoren Stefan Hofer-Krucker Valderrama und Rémy Kauffmann des Bandes „Neue Mündlichkeit – Kommunikation und KI im Unterricht“ einen Perspektivwechsel vor. Denn die Ausgangsdiagnose ist klar: „Wenn KI innert [innerhalb, AK] Sekunden ganze Aufsätze generiert, Multiple-Choice-Tests erstellt und sogar komplexe Problemlösungen simuliert, verliert die schriftliche Einzelleistung als zentraler Kompetenznachweis an Aussagekraft.“ (S. 10) Der traditionelle Glaube, dass sich Leistung – vor allem und ausschließlich – an Schriftlichkeit festmachen lasse, ist nachhaltig erschüttert. Künstliche Intelligenz fordert das Schulsystem einerseits durch neue technologische Möglichkeiten heraus. Andererseits regt sie an, im Kontext der sogenannten „Digitalisierung“ von Schulen über den Status und die Potenziale von Mündlichkeit nachzudenken.
Autoren
Die beiden Autoren bringen eine doppelte Expertise mit. Stefan Hofer-Krucker Valderrama (geb. 1972) ist Dozent und Deutschdidaktiker an der Universität Zürich. Zugleich ist er Mittelschullehrer an der schweizerischen Kantonsschule Enge in Zürich. Sein Co-Autor Rémy Kauffmann (geb. 1962) ist Fellow am Zentrum für Medien und Informatik der Pädagogischen Hochschule Bern. In seiner Arbeit – u.a. beim Schweizerischen Bildungsserver „Swisseduc“ – befasst er sich mit dem Einsatz von digitalen Informations‑ und Kommunikationsmedien in Schule und Unterricht. Heute arbeitet er auch als Geschichtslehrer an der Kantonsschule Baden. Ihr Erfahrungshorizont bringt insofern Theorie und Praxis zusammen.
Entstehungshintergrund
Ausgangspunkt des Buches ist ein empirischer Befund. Die beiden Autoren legen dar, dass im schulischen Unterricht über 80 % der Äußerungen aufseiten der Lehrkraft liegen (S. 14). In dieser Situation sind Lernende in die Rolle des Konsumenten gedrängt. Tatsächlich betonte der bekannte Bildungsforscher John Hattie in einem Interview für das Deutsche Schulportal, dass Lehrkräfte täglich zwischen 200 und 300 Fragen stellen, die Schüler:innen mit wenigen Schlüsselwörtern beantworten können. Demgegenüber steht der Befund, dass eine Schulklasse an einem Unterrichtstag lediglich zwei Verständnisfragen stellt. Es fehlt vor allem an zwischenmenschlichen Interaktionen.
Diese Schieflage greifen Stefan Hofer-Krucker Valderrama und Rémy Kauffmann auf, um ihr Konzept der „neuen Mündlichkeit“ vorzustellen. Der Ansatz schlägt vor, Lernende durch kommunikative Teilhabe und Partizipation aktiv im Unterricht einzubinden. Schüler:innen sollen sich „regelmäßig mit kurzen, eigenständigen mündlichen Beiträgen ganz unterschiedlicher Art“ (S. 17) in den Unterricht einbringen und auf diese Weise ihre Erkenntnisse präsentieren und reflektieren.
Zielgruppe
Das Buch richtet sich an Pädagog:innen, vor allem an Studierende des Lehramts, an Lehrkräfte in der Ausbildung und im Dienst; gewiss können aber auch andere in der Schule tätige Professionen – u.a. Erzieher:innen und Sozialarbeiter:innen – vom Konzept der „neuen Mündlichkeit“ und den Handlungsempfehlungen von Hofer-Krucker Valderrama und Kauffmann profitieren.
Aufbau
In der Einleitung zeichnen die beiden Autoren eine dystopisch anmutende Vision des digitalen Klassenzimmers. Auf einem (gestellten) Symbolbild sind zahlreiche in Bankreihen sitzende Schüler:innen zu sehen. Sie sind tief in den Bildschirm ihres eigenen digitalen Endgeräts versunken. Die Stille des Raumes ist förmlich zu spüren. Die Lernenden arbeiten vereinzelt, auf sich selbst gestellt und kommunikationslos. Dieses Szenario nehmen sie als Startpunkt. Einerseits eröffnet die „Technologisierung“ (S. 9) neue didaktische und methodische Möglichkeiten, andererseits adressiert sie die Frage nach der Rolle der „Mündlichkeit“ im Unterricht, die bislang im Vergleich zu Formen schriftlicher Leistungsbewertung ein gewisses „Mauerblümchendasein“ (S. 9) fristet. Hofer-Krucker Valderrama und Kauffmann plädieren angesichts der technologischen Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz für ein „tiefgreifendes Umdenken in der Unterrichtspraxis“ (S. 12). KI erschüttert den traditionellen Glauben an die Schriftlichkeit nachhaltig, während das zwischenmenschliche Gespräch und der personale Dialog (S. 11) in den Fokus rücken. Die Autoren bestimmen vor diesem Hintergrund Schule „als Stätte der Begegnung“, „als Ort des lebendigen Austauschs“, „als Forum des Erkenntnisgewinns“ (S. 13). In Schule und Unterricht sind die Gesprächsanteile von Schüler:innen unterrepräsentiert. Deshalb schlagen Hofer-Krucker Valderrama und Kauffmann zwei Strategien zur Umsetzung ihres Konzepts vor (S. 20–26). Die erste Strategie legt den Fokus auf Empowerment, Freiwilligkeit und Autonomie; die zweite geht eher systematisch vor und zielt auf einen fortlaufenden Kompetenzaufbau. Der bzw. die Leser:in gewinnt aber den Eindruck, dass beide Zugänge durchaus Mischformen zulassen.
Den größten Teil des Bandes nehmen Einzeldarstellungen zu insgesamt 22 Unterrichtsszenarien ein (S. 37–110, S. 115–141 und S. 145–212), die von zwei kleinen Intermezzi unterbrochen werden. In ihnen stellen die Autoren die Ergebnisse einer eigens für das Buch durchgeführten Umfrage (n = 650) zur Mündlichkeit vor und geben praktische Hinweise für den Einstieg in das Konzept der „neuen Mündlichkeit“ und seine Durchführung.
Die beschriebenen Unterrichtsszenarien setzen bei der Förderung der Sprech‑ und Dialogfähigkeit der Lernenden an. Manche Vorschläge setzen hierbei für die Durchführung den Einsatz digitaler Tools voraus (z.B. „Mit KI Interesse wecken“, S. 74); andere sehen davon ab (z.B. „Value Line“, S. 81f). Im Einzelnen beschreiben die Autoren den jeweiligen Vorschlag. Sie gehen auf Zielsetzungen ein und machen Vorschläge für die Umsetzung. Daneben geben Hofer-Krucker Valderrama und Kauffmann Hinweise für den Ablauf. Sie gehen auch auf Fragen der Leistungsrückmeldung respektive Bewertung ein und diskutieren Variationsmöglichkeiten und Fallstricke.
Das Buch schließt mit einer Einladung zu seiner Beurteilung ab (S. 214–216). Die Autoren bieten ihren Leser:innen an, ihr Konzept der „neuen Mündlichkeit“ anhand unterschiedlicher und teilweise humorvoller Formulierungsvorschläge einzuschätzen.
Diskussion
Der vorgestellte Ansatz einer „neuen Mündlichkeit“ lässt sich in die seit einigen Jahren geführte Diskussion um eine „postdigitale Bildung“ (Ramge 2020; Schmidt 2020; Höfler 2025) einbetten. Wenn die Nutzung digitaler Medien, der Gebrauch digitaler Werkzeuge, die Interaktion mit digitalen Agenten und das sich Bewegen in unterschiedlichen Formen und Spielarten von Digitalität alltäglich bzw. selbstverständlich geworden sind, wird es zunehmend fraglich, inwieweit die aus der Signalverarbeitung stammende Unterscheidung von „analog|digital“ überhaupt pädagogische Relevanz besitzt. Sie ist einerseits lernpsychologisch fragwürdig. Andererseits fordert sie, gerade in der politisch aufgeladenen Diskussion um die „Digitalisierung“ von Schule und Unterricht, dazu heraus, auf eine Banalität hinzuweisen: „Kein Mensch lernt digital“ (Lankau 2017).
Insgesamt gelingt es Hofer-Krucker Valderrama und Kauffmann in ihrem Buch aufzuzeigen, dass schulischer Unterricht für Dialog und Gesprächsfähigkeit Potenziale bereithält. Er bietet nämlich einen „der ganz wenigen Orte […] an dem alle Beteiligten zumindest phasenweise auf digitale Geräte ganz verzichten, sich gemeinsam auf eine Sache einlassen und sich in sie vertiefen“ (S. 14–15). Dass vor diesem Hintergrund Lehrkräfte Dialogizität zum Unterrichtsprinzip erheben und die zwischenmenschliche Interaktion wiederentdecken, liegt fast schon in der Natur der Sache. Dem Ansatz der „neuen Mündlichkeit“ geht es insofern weniger um einen technizistisch-instrumentell verkürzten Einsatz von Technologie im Klassenzimmer als vielmehr um Befähigung, um den Aufbau und Erwerb von Sprechfähigkeit und Gesprächskompetenzen – also um Techniken, Kunstfertigkeiten, im besten Sinn des Wortes. Für die Lernenden fungiert Sprache als Medium und Mittel der Selbstermächtigung (vgl. S. 31).
Fazit
Das Buch erhebt Dialogizität zum Unterrichtsprinzip. Dieser Perspektivwechsel kommt im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz zur richtigen Zeit. Das Konzept der „Neuen Mündlichkeit“ fordert nämlich im Unterricht etwas ein, was KI nicht ersetzen kann: die zwischenmenschliche Kommunikation.
Weiterführende Hinweise
Brand, Alexander (27.01.2025): John Hattie: Weniger Lehrplan, mehr Leidenschaft! In: Deutsches Schulportal. https://deutsches-schulportal.de/bildungsforschung/​john-hattie-weniger-lehrplan-mehr-leidenschaft/ (Abfrage: 20.06.2026).
Höfler, Elke (2025): Postdigitale Mehrsprachigkeit. Versuch einer Legitimation und Definition. In: Pallaver, Günther/​Rummler, Klaus/​Missomelius, Petra/​Dander, Valentin/​Leistert, Oliver (Hrsg.): Streifzüge an den Nahtstellen von Medien, Bildung und Philosophie. Zürich und Innsbruck: OAPublishing Collective, S. 201–221.
Lankau, Ralf (2017): Kein Mensch lernt digital. Über den sinnvollen Einsatz neuer Medien im Unterricht. Weinheim und Basel: Beltz.
Ramge, Thomas (2020): Postdigital. Wie wir künstliche Intelligenz schlauer machen, ohne uns von ihr bevormunden zu lassen. Hamburg: Murmann.
Schmidt, Robin (2020): Post-digitale Bildung. In: Demantowsky, Marko/​Lauer, Gerhard/​Schmidt, Robin/​Wildt, Bert te (Hrsg.): Was macht die Digitalisierung mit den Hochschulen? Einwürfe und Provokationen. Berlin: De Gruyter Oldenbourg, S. 57–69.
Rezension von
Alexander König
M. A., Lehrkraft am Deutsch-Französischen Gymnasium, Lehrbeauftrager an der Universität Saarbrücken in Saarbrücken
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