Maren Hilke, Jörg Kohlscheen et al.: Die verdeckten Kosten der Resilienz
Rezensiert von Franziska Juliane Weiß, 24.04.2026
Maren Hilke, Jörg Kohlscheen, Stephanie Moldenhauer, Johannes Schütte, Heinz-Jürgen Stolz: Die verdeckten Kosten der Resilienz. Ergebnisse und Positionen des Forschungsprojektes "Konstellationen der Resilienz von Kindern".
Wochenschau Verlag
(Frankfurt am Main) 2025.
146 Seiten.
ISBN 978-3-7344-1721-4.
D: 24,90 EUR,
A: 25,60 EUR.
Reihe: Wochenschau Wissenschaft.
Thema
Resilienz gilt in pädagogischen und sozialarbeiterischen Kontexten vielfach als wünschenswertes Ziel: Kinder sollen widrige Lebensbedingungen bewältigen und sich trotz sozialer Benachteiligung entwickeln. Die KoReKi Studie stellt diese normative Setzung grundlegend in Frage. Sie fragt, zu wessen Lasten diese Bewältigungsleistungen gehen, wer sie definiert und welche strukturellen Problemlagen dabei verdeckt bleiben. Damit positioniert sich die Studie in einem wachsenden kritisch-sozialwissenschaftlichen Resilienzdiskurs, der individualisierte Resilienzkonzepte als Entlastungsstrategie gesellschaftlicher Institutionen versteht.
Autor:innen
Die Monografie wurde von fünf Autor:innen verfasst, die das Forschungsprojekt an der Technischen Hochschule Köln und dem Institut für soziale Arbeit e.V. Münster durchgeführt haben: Maren Hilke (Sozialwissenschaftlerin, Promotion zu Aufwachsen in armutssegregierten Quartieren), Jörg Kohlscheen (Soziolinguist, Schwerpunkt Prävention), Stephanie Moldenhauer (Diplomsoziologin, Aushandlungsprozesse in konfliktiven Settings), Prof. Dr. Johannes D. Schütter (TH Köln, Soziale Inklusion, Kinderarmut) und Heinz-Jürgen Stolz (ISA Münster, Prävention und kommunale Bildungslandschaften).
Entstehungshintergrund
Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen der Förderlinie Abbau von Bildungsbarrieren geförderte Projekt KoReKi wurde von 2021 bis 2024 durchgeführt und 2025 in der Monographie publiziert.
Aufbau
Die Monografie gliedert sich in fünf Kapitel:
- die Einleitung,
- den theoretisch-konzeptionellen Zugang,
- die aus Gruppendiskussionen mit Lehrkräften drei rekonstruierten Schultypologien,
- die sozialen Welten der als resilient eingestuften Kinder sowie ihrer Familien und
- eine Zusammenfassung mit Handlungsempfehlungen zum Abbau von Bildungsbarrieren.
Die Publikation wurde bewusst als Forschungsreise konzipiert, um Widersprüche, produktive Irritationen und Perspektivunterschiede im Forschungsprozess sichtbar zu machen, anstatt sie in einer linearen Ergebnisdarstellung zu glätten.
Inhalt
Kernthese der Studie ist, dass Resilienz kein individuelles Persönlichkeitsmerkmal darstellt, sondern das Ergebnis sozialer, institutioneller und materieller Konstellationen ist und dass die Zuschreibung von Resilienz durch Lehrkräfte mit erheblichen verdeckten Kosten für Kinder und ihre Familien verbunden ist. Diese Kosten entstehen nicht primär durch materielle Armut, sondern durch anhaltende Bewertungspraktiken in der Schule (Benotung, Bodyshaming, Mobbing) sowie den damit verbundenen emotionalen und zeitlichen Aufwand.
Methodisch verfolgten die Autor:innen einen qualitativ-rekonstruktiven Ansatz: Gruppendiskussionen mit Lehrkräften an sechs sozial benachteiligten Grundschulen wurden mittels dokumentarischer Methode nach Bohnsack ausgewertet. Die von den Lehrkräften als resilient eingestuften Kinder wurden anschließend in narrativen Einzelinterviews befragt; Mental Maps visualisierten ihre sozialen Welten. Auch Eltern und weitere relevante Personen wurden narrativ interviewt. Die Einzelfallanalysen erfolgten mit der Situationsanalyse nach Clarke, um komplexe soziale, räumliche und institutionelle Konstellationen sichtbar zu machen.
Die Studie zeigt, dass resiliente Verläufe häufig dort entstehen, wo Kinder institutionelle Zwänge internalisieren, ohne dass diese Zwänge thematisiert oder verändert werden. Resilienz erscheint so als biografische Bewältigungsstrategie unter strukturellem Druck, nicht als frei gewählte Option.
Diskussion
Die Studie überzeugt durch ihre konsequent kritisch-analytische Haltung und die theoretische Einbettung in internationale Resilienzdiskurse (u.a. Masten, 2001, S. 228; Luthar et al., 2000, S. 543; Ungar, 2011, S. 6; Bottrell, 2009, S. 322). Die Ergebnisse lassen sich in der Praxis gut für Schulsozialarbeit und andere Felder, die mit Schule, Schüler:innen und Familien interagieren nutzen, da sie Fachkräfte dazu auffordert, ihre eigene Praxis im Hinblick auf implizite Resilienzerwartungen zu hinterfragen und zu reflektieren. Dies entspricht dem professionswissenschaftlichen Verständnis reflexiver Professionalität in der Sozialen Arbeit (Schütze, 2000, S. 58). Zudem setzt sich die Studie kritisch mit einer individualisierten Sicht auf Resilienz auseinander und interpretiert sie als Anpassungsleistung unter strukturellem Druck, was dem Grundprinzip der Disziplin Sozialer Arbeit: „Soziale Arbeit hat die Aufgabe, soziale Probleme nicht zu individualisieren, sondern ihre strukturellen Ursachen sichtbar zu machen“ (Staub-Bernasconi, 2007, S. 198) entspricht. Es wird an die Rolle der Fachkräfte appelliert, nicht die Kinder zu unterstützen, in dem System Schule zu funktionieren, sondern vielmehr die machtkritische Anwaltschaft für das Klientel zu übernehmen. Das bedeutet konkret, beispielsweise in Konferenzen als Schulsozialarbeit oder in Hilfeplangesprächen, nicht die Anpassungsleistungen der Kinder, sondern eher die damit verbundenen emotionalen Kosten und strukturellen Barrieren aktiv zu benennen und damit der Individualisierung sozialer Probleme entgegenzuwirken. Damit positioniert sich die Studie klar innerhalb einer kritisch-strukturellen Sozialarbeitswissenschaft.
Im Folgenden werden jedoch die methodischen Einschränkungen deutlich: Das Sampling durch Lehrkräfte stellt eine erhebliche Vorstrukturierung dar, die dem Prinzip qualitativer Offenheit widerspricht. Eine Kontrastierung mit nicht als resilient eingestuften Kindern fehlt, was die Möglichkeit der Differenzbildung einschränkt. Die Eingangsfrage in den Gruppendiskussionen lädt eher zur Strukturbeschreibung als zur erfahrungsrekonstruktiven Erzählung ein, was die Tiefe der anschließenden Analyse limitiert. Während die theoretische Einbettung durch ihre konkreten Kontextbezüge überzeugt und eine gute intersubjektive Nachvollziehbarkeit aufweist, sind die Fallkontrastierung sowie die methodische Transparenz lückenhaft umgesetzt. Es fehlen ethnografische Beobachtungen des konkreten Interaktionsgeschehens, womit empirisch erfasst werden könnte, wie sich als resilient bewertete Kinder im alltäglichen pädagogischen Handeln positionieren müssen oder wie entsprechende Einschätzungen in situativen Interaktionen wirksam werden. Die Autor:innen reflektieren diese Einschränkung des Erkenntniszugangs selbst und verweisen auf die durch das gewählte Methodendesign bedingten Grenzen der Studie (Hilke et al., 2025, S. 41).
Darüber hinaus ergeben sich forschungsethische Kritikpunkte. Die Anonymisierung bleibt, bei einem Sample, das aus Lehrkräftebewertungen generiert wurde, lückenhaft. Bei der Einbeziehung von Grundschulkindern aus sozial benachteiligten Milieus (teilweise mit möglichen Sprachbarrieren bei den Erziehungsberechtigten) bleibt unklar, ob ein informiertes Einverständnis im Sinne der DGSA-Forschungsethik-Standards sichergestellt werden konnte. Das Risiko eines Pseudo-Consents (Miethe; Gahleitner, 2010, S. 577) sowie einer erneuten Stigmatisierung durch die Publikation werden nicht hinreichend reflektiert (von Unger, 2014, S. 24–25). Die Fragen ob Lehrpersonen durch die Forschungsergebnisse in ihren zukünftigen Umgang mit Kindern beeinflusst werden und ob Machtasymmetrien in Interaktionen innerhalb der Forschung möglicherweise reproduziert wurden, scheinen nicht bedacht worden zu sein, was dem im Kodex formulierten Prinzip der Minimierung der Vulnerabilität (Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA), 2020, S. 4), in diesem Falle der Minderjährigen, widerspricht.
Die Studie „Die verdeckten Kosten der Resilienz“ überzeugt durch ihren kritisch-analytischen Zugang, indem sie Resilienz nicht als individuelle Ressource, sondern als Ergebnis sozialer, institutioneller und interaktionaler Konstellationen rekonstruiert. Ihre Stärke liegt insbesondere in der theoretischen Einbettung in kritisch-sozialwissenschaftliche Diskurse sowie in der reflexiven Auseinandersetzung mit schulischen Bewertungspraktiken und deren sozialen Folgen. Gleichzeitig zeigen sich methodische und forschungsethische Begrenzungen, insbesondere hinsichtlich der Offenheit des Analyseprozesses, der fehlenden Beobachtung konkreter Interaktionen sowie der unzureichend transparent gemachten ethischen Reflexion im Umgang mit vulnerablen Minderjährigen. Insgesamt leistet die Studie einen wichtigen Beitrag zur Resilienzforschung und zur Sozialen Arbeit, indem sie Resilienz als ambivalentes Phänomen sichtbar macht und zur kritischen Reflexion professioneller Praxis anregt.
Fazit
„Die verdeckten Kosten der Resilienz“ analysiert Resilienz kritisch als sozial erzeugtes und ambivalentes Phänomen. Die Studie ist theoretisch fundiert eingebettet und reflektiert Bewertungspraktiken kritisch; zugleich bestehen methodische und forschungsethische Einschränkungen. Insgesamt liefert sie einen wichtigen Impuls für die kritische Resilienzforschung.
Literaturverzeichnis
Bottrell, D. (2009). Understanding “marginal” perspectives: Towards a social theory of resilience. Qualitative Social Work, 8(3), 321–339.
Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA). (2020). Forschungsethische Prinzipien und wissenschaftliche Standards für Forschung der Sozialen Arbeit: Forschungsethikkodex der DGSA.
Hilke, M., Kohlscheen, J., Moldenhauer, S., Schütte, J. D., & Stolz, H.-J. (2025). Die verdeckten Kosten der Resilienz: Ergebnisse und Positionen des Forschungsprojektes „Konstellationen der Resilienz von Kindern“. Wochenschau Verlag.
Luthar, S. S., Cicchetti, D., & Becker, B. (2000). The construct of resilience: A critical evaluation and guidelines for future work. Child Development, 71(3), 543–562.
Masten, A. S. (2001). Ordinary magic: Resilience processes in development. American Psychologist, 56(3), 227–238.
Miethe, I., & Gahleitner, S. B. (2010). Forschungsethik in der Sozialen Arbeit. In K. Bock & I. Miethe (Hrsg.), Handbuch qualitative Methoden in der Sozialen Arbeit (S. 573–581). Barbara Budrich.
Schütze, F. (2000). Schwierigkeiten bei der Arbeit und Paradoxien des professionellen Handelns. Zeitschrift für qualitative Bildungs-, Beratungs‑ und Sozialforschung, 1(1), 49–96.
Staub-Bernasconi, S. (2007). Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft. Haupt.
Ungar, M. (2011). The social ecology of resilience. Springer.
von Unger, H. (2014). Forschungsethik in der qualitativen Forschung: Grundsätze, Debatten und offene Fragen. In H. von Unger, P. Narimani & R. M’Bayo (Hrsg.), Forschungsethik in der qualitativen Forschung: Reflexivität, Perspektiven, Positionen (S. 15–38).
Rezension von
Franziska Juliane Weiß
Masterstudentin Forschung in der Sozialen Arbeit, Frankfurt University of Applied Sciences.
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