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Sally Swartz: Psychoanalyse und Kolonialismus

Rezensiert von Prof. Dr. Hannes Stubbe, 28.07.2026

Cover Sally Swartz: Psychoanalyse und Kolonialismus ISBN 978-3-95558-413-9

Sally Swartz: Psychoanalyse und Kolonialismus. Eine Einführung. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2026. 160 Seiten. ISBN 978-3-95558-413-9. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.

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Thema

Sally Swartz führt die Leser:innen und Leserinnen in die frühen Verflechtungen der Psychoanalyse mit dem Kolonialismus und Imperialismus (vgl. Hobsbawn, 2004) ein und zeigt, wie diese zu lang andauernden Auswirkungen auf die Psychoanalyse geführt haben. Das Buch berücksichtigt eine Vielzahl von Quellen und einen historischen Zeitraum von den Anfängen der Psychoanalyse am Ende des 19. Jh. bis hin zu den aktuellen Theorien und Praktiken. Das koloniale Bild, das sie zeichnet, ist vor allem afrikanisch zentriert (S. 16). Sally Swartz untersucht, wie die Freudsche Theorie die Idee des Primitiven in den Mittelpunkt der topologischen Kartierung der „ungezähmten, wilden“ Gebiete des Unbewussten positionierte, und zwar über Vorstellungen von der Zähmung triebhafter Exzesse, der Zivilisierung des Primitiven und der Eroberung und Ordnung der Wildheit. Swartz beschreibt den Einfluss des Kolonialismus auf das Denken von Sigmund Freud und Carl G. Jung und legt die antikolonialen Stimmen wie Césaire, Mannoni, Memmi und Fanon sowie deren Beitrag zur psychoanalytischen Theorie offen. Es folgen abschließend Überlegungen zu den Herausforderungen der Dekolonisierung der Psychoanalyse.

Autorin

Sally Swartz ist eine Emerita an der University of Cape Town (Südafrika) und praktizierende psychoanalytische Psychotherapeutin. Ihre Forschungsinteressen gelten dem Kolonialismus, der Dekolonisierung, Mental Health in der Migration und Gender-Fragen.

Entstehungshintergrund

„Meine klinische Arbeit bringt die traumatischen Überreste des Kolonialismus täglich in mein Bewusstsein und in mein Herz.“ (S. 7)

Aufbau

Das Buch, das in einer ausgezeichneten Übersetzung aus dem Englischen von Daria Bendel vorliegt, ist folgendermaßen gegliedert: Das 1. Kapitel behandelt die Definitionen und den Anwendungsbereich. Das 2. Kapitel konzentriert sich auf den kolonialen Freud und Jung mit ihrer Konstituierung des Primitiven, der Politik der Anerkennung sowie den klinischen Implikationen der kolonialgeschichtlichen Dimension der Psychoanalyse. Das 3. Kapitel ist dem Antikolonialismus und der Psychoanalyse gewidmet und behandelt u.a. Géza Roheim und die psychoanalytische Anthropologie, die Praxis der Psychoanalyse in den Kolonien, die Abhängigkeitsthese, Octave Mannoni, Aimé Césaire und Albert Memmi aus der Sicht der Kolonisierten, Fanon und die psychoanalytische Theorie sowie die klinischen Implikationen der antikolonialen psychoanalytischen Theorie Fanons. Das 4. Kapitel beinhaltet die Dekolonisation der Psychoanalyse mit ihren klinischen Implikationen. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis (S. 148–160) schließt das Werk ab.

Inhalte

Was versteht Sally Swartz unter Psychoanalyse und Kolonialismus?

„Die eine Form der Psychoanalyse legt ihren primären Fokus auf die innere Welt des Individuums. Dies ist eine Welt der Untersuchung dessen, was unbewusst ist und wie es dorthin, ins Unbewusste, gekommen ist, der Abwehrmechanismen, die die Verdrängung aufrechterhalten, der Wiederholungen, die die Geschichte eines Individuums in das gegenwärtige Leben bringen, der Entfaltung der Übertragung und ihrer Empfänglichkeit für Interpretationen. Die Ziele mögen unterschiedlich sein, aber der Anlass für diese Form der Psychoanalyse ist die Behandlung eines Individuums.“ (S. 10) Eine zweite Form der Psychoanalyse konzentriert sich nicht auf die individuelle Psyche, sondern auf Kollektive, auf Massen, auf Gruppen von Menschen, „für die beschrieben wird, dass sie gemeinsame Erfahrungen, gemeinsame Konflikte und Abwehrmechanismen, gemeinsame Impulse und Verdrängungen haben.“ (S. 12)

Kolonialismus definiert Sally Swartz als „die Herrschaft einer Nation über eine andere und die politische und wirtschaftliche Unterwerfung ihrer Völker“ (S. 14). Der Begriff wird manchmal auch im weiteren Sinne verwendet, „als Bezeichnung für eine Reihe von subjektiven und zwischenmenschlichen Zuständen, die mit Herrschaft verbunden sind. In ähnlicher Weise bezieht sich der Begriff „Kolonialität“ auf anhaltende Linien der Beherrschung, der Vorurteile, der Auslöschung und des Schweigens, die einige Menschen immer noch durch die Hand anderer erfahren.“ (S. 15) Unter „Kolonialität“ versteht sie langjährige Machtstrukturen, die als Folge des Kolonialismus entstanden sind, die jedoch Kultur, Arbeit, intersubjektive Beziehungen und Wissensproduktion weit über die eigentlichen Grenzen der Kolonialverwaltungen hinaus prägen (S. 112).

In dem Kapitel „Kontext und Ideengeschichte“ (S. 19–61) geht sie auf die „Berliner Kongo-Konferenz“ (1884-1885) ein, in der Afrika ohne Beteiligung der afrikanischen Gesellschaften unter den Kolonialmächten aufgeteilt wurde (vgl. Schicho, 2010:75).

In der Ideengeschichte referiert Sally Swartz die (kultur-)evolutionistischen Vorstellungen von E. Tylor (1832-1917) und J. Frazer (1854-1941) sowie die Evolutionstheorie Ch. Darwins (1809-1882) (S. 21f), die eine legitimatorische Funktion bzw. Ideologie für den Kolonialismus bildeten, indem die Kolonisierten als „unentwickelte“, „primitive“, „tierähnliche“, prälogisch denkende, „heidnische“ Menschen angesehen wurden, die rettungs‑ und zivilisierungsbedürftig seien.

Die Evolutionstheorie prägte auch die koloniale Psychiatrie bis weit ins 20. Jh. (S. 23). Auch die ethnopsychologischen Werke von Lucien Lévy-Bruhl (1857-1939) (S. 25f) sowie die Degenerationslehre (Morel, Nordau) und die Völkerpsychologie W. Wundts (1832-1920) (vgl. Stubbe, 1992) waren hierbei wirksam (S. 19–30).

„Es gibt kaum etwas in Freuds Theorie, das vom Kolonialismus unberührt geblieben ist, da das „Primitive“ sowohl im psychologischen als auch anthropologischen Sinne jeden Teil seiner Theorie durchdrungen hat.“ (S. 31). Das Unbewusste, das zivilisiert und ins Rationale gehoben werden muss, ist der „dunkle“ Kontinent der Psychoanalyse, so wie Afrika es für die Kolonisatoren war. Was findet Sally Swartz über den „kolonialen Freud“ und den „kolonialen Jung“ heraus? Bei S. Freud (1856-1939), der fremde Kulturen nicht kannte, hebt sie hervor: die Idee einer mentalen Evolution vom Einfachen, „Wilden“, „Primitiven“ zum Zivilisierten, die Wiederholung des „primitiven Denkens“ der „wilden“ Völker im Laufe der kindlichen Entwicklung und die Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der (Wiener) Neurotiker, also eine Psychopathologisierung des Fremden (ausführlicher hierzu, vgl. Stubbe, 2008). C.G. Jung (1875-1961) hat zwar verschiedene Feldforschungen in fremden Kulturen durchgeführt (1921 Nordafrika, 1924/25 Pueblo, 1925/26 Elgonyi), konnte die koloniale Situation der Unterdrückten jedoch nicht erkennen. Aus den „Elementargedanken“ A. Bastians (1826-1905) entwickelte er eine universelle „Archetypen-Lehre“. Den Rassismus in seinen Texten eruiert sie in drei Behauptungen: die Gleichsetzung von „primitiv“ und „schwarz“, die Gleichsetzung von schwarzem Bewusstsein und weißem Unbewussten und die Gleichsetzung von schwarzer „Mentalität“ und der Mentalität weißer Kinder (seine Nähe zum Nationalsozialismus wird nicht erwähnt! vgl. Wörterbuch der Analytischen Psychologie, 2003, S. 295–297) (S. 30–42).

Den Antikolonialismus und die Dekolonisation der Psychoanalyse behandelt Sally Swartz in den letzten beiden Kapiteln (S. 63–147). Beginnend mit S. Freuds „Totem und Tabu“ (1912/13) (vgl. ausführlicher dazu: Stubbe, 2008) analysiert sie die psychoanalytische Anthropologie bzw. Ethnopsychoanalyse des ungarischen Ethnologen und Psychoanalytikers Géza Roheims (1891-1953) (vgl. Reichmayr et al., 2003, S. 362–365), die Bedeutung Wulf Sachs (1893-1949) für die Psychoanalyse in Südafrika (vgl. Reichmayr et al., 2003, S. 374–376), die Abhängigkeitsthese Octave Mannonis (1899-1989), der die politische und wirtschaftliche Unterdrückung in der kolonialen Situation vernachlässigt (Reichmayr et al., 2003, S. 246–249), Aimé Césaires (1913-2008) aus Martinique und Albert Memmis (1920-2020) Sicht der bisher in der Forschung vernachlässigten Innenwelt der Kolonisierten sowie Franz Fanons (1925-1961) bedeutende Werke „Peau noire, masques blancs“ (1952), „Les damnés de la terre“ (1961), die von den Befreiungsbewegungen intensiv rezipiert wurden und klinische-kasuistische Belege für den Zusammenhang zwischen der kolonialen Situation und den psychopathologischen Symptomen seiner psychiatrischen Patient:innen lieferten. Welche Neuerungen bringt Fanz Fanon für die Psychoanalyse? „Fanon war ein psychoanalytischer Denker ohne Schule, ohne Analyse – und oft ein Praktizierender ohne Couch“ (S. 91). Sally Swartz zählt folgende Bereicherungen (S. 89ff) für die psychoanalytische Theorie auf: Fanon stellt die Soziogenese neben die Ontogenese und Phylogenese, wichtig ist für ihn das institutionelle Umfeld, die Gemeinschaft und Kultur, das individuelle Trauma, die Forderung nach Verschiedenheit, die „Epidermisierung“ (S. 103) und „Laktifizierung“ (S. 104). „Die antikoloniale Psychoanalyse ist Teil der Erschaffung einer neuen Ordnung, mit dem Ziel einer inneren Dekolonisierung“ (S. 108). Was versteht Sally Swartz unter einer Dekolonisation der Psychoanalyse (S. 109–147)? Sie zählt eine Vielzahl von Aspekten auf, wie die Dekolonisation gestaltet werden könnte: die dekoloniale Psychoanalyse ist eine Befreiungspraxis (S. 111), Schwerpunkt einer dekolonialen Psychoanalyse liegt darauf, subalternen Stimmen Gehör zu verschaffen, wichtig ist die Entflechtung der Psychoanalyse von der Kolonialität, die feministische Neukonzeption der Freudschen Theorie, eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Geschichte der Psychoanalyse, Pluralität und Diversität sowohl der Stimmen als auch der Theorien, Zustände der Entfremdung sollen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken, bewusste als auch unbewusste Ambivalenz ist ein allgegenwärtiger Aspekt bei der Bemühung um Dekolonisierung, die viszerale Begegnung zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten verstehen, die Aufgabe von Privilegien, politisch engagierter Aktivismus, die große Bedeutung der Soziogenese in der klinischen Arbeit, Überwindung des Traumas der kolonialen Vergangenheit etc. „Es gibt weder ein endgültiges Ende der Kolonialität noch ihrer Überwindung“ (S. 146).

Diskussion

Erkenntnisfördernd wäre es, wenn man zukünftig den Kolonialismus und seine Auswirkungen nicht nur aus politischer und ökonomischer Sicht allein betrachten, sondern als „fait social total“ im Sinne von Marcel Mauss (1872-1950) analysieren würde, d.h. von den Wirkungen auf die Lebens‑ und Erlebnis-Welt des Einzelnen und der Gemeinschaft her bis hin zu den Einwirkungen auf die natürliche Umwelt und methodisch in einer Zweiseitenbetrachtung von Kolonisator:innen und Kolonisierten.

Der wichtige kollektiv-traumatisierende Aspekt der afrikanischen Sklaverei wird in dem Buch (wie überhaupt in der Psychoanalyse) sträflich vernachlässigt (vgl. z.B. Santos-Stubbe, 2026).

Man sollte jedoch das „Kind nicht mit dem Bade ausschütten“: Die biologische Evolutionstheorie ist eine der bestbegründeten naturwissenschaftlichen Theorien überhaupt! (vgl. Dawkins, 2026). Bei aller berechtigten Kritik sollte man auch nicht vergessen, dass Sigmund Freud in einer alten europäischen Tradition des Humanismus steht (vgl. Benthien et al., 2011), trotz seines Patriarchalismus und seines Eurozentrismus.

Verwunderlich ist, dass die Autorin nicht auf die Entwicklung der Psychoanalyse im Nachbarland Mosambik eingeht (vgl. Stubbe, 2008; Boia, 2024).

Fazit

Das Buch ist eine verständlich geschriebene, sehr empfehlenswerte und anregende Darstellung der historischen Zusammenhänge zwischen Kolonialismus und Psychoanalyse und eignet sich sowohl für interessierte Laien als auch für Psychoanalytiker:innen, die sich damit auseinandersetzen wollen, wie Zeitgeist, ethnische Zugehörigkeit, soziale Schicht, Gender und Sexualität ihre therapeutische Arbeitsweise und ihr wissenschaftliches Scheiben beeinflussen.

Literatur

Benthien, Cl., Böhme, H. & Stephan, I. (Hrsg.) (2011): Freud und die Antike. Göttingen: Wallenstein

Boia Efraime Júnior (Ed.) (2024): Uma aproximação à história e estado da psicanálise em Moçambique – Editorial Universidad Icesi/​Bogotá; Virtuelle Ausgabe: https://www.icesi.edu.co/editorial/​mocambique/

Dawkins, R. (2026): Das große Buch der Evolution. Eine neue Sicht auf die Entwicklung des Lebens. Hamburg: Hoffmann & Campe

Hobsbawn, E. (2004): Das imperiale Zeitalter 1875–1914. Frankfurt/M.: Fischer

Reichmayr, J. et al. (2003): Psychoanalyse und Ethnologie. Biographisches Lexikon der psychoanalytischen Ethnologie, Ethnopsychoanalyse und interkulturellen psychoanalytischen Therapie. Gießen: Psychosozial

Santos-Stubbe, Ch. dos (2026): Die afrikanische Sklaverei in Brasilien (1538-1888). Ein Lexikon. Düren: Shaker

Schicho, W. (2010): Geschichte Afrikas. Stuttgart: Theiss

Stubbe, H. (1992): Wilhelm Wundt und die Herero. Psychologie und Geschichte, Jg. 4, Heft ½, S. 121–138

Stubbe, H. (2008): Sigmund Freuds “Totem und Tabu“ in Mosambik. Eine psychologie-historische Studie. Göttingen: V&Runipress

Stubbe, H. (2026): A global history of psychology. An introduction. Lengerich: Pabst

Wörterbuch der Analytischen Psychologie. Zürich: Patmos Verlag, 2003

Rezension von
Prof. Dr. Hannes Stubbe
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ISSN 2190-9245