Martin Spetsmann-Kunkel (Hrsg.): Soziologische Grundlagen Sozialer Arbeit
Rezensiert von Prof. Dr. René Gründer, 27.07.2026
Martin Spetsmann-Kunkel (Hrsg.): Soziologische Grundlagen Sozialer Arbeit. Eine Einführung. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2026. 204 Seiten. ISBN 978-3-17-038785-0. 32,00 EUR.
Thema:
Anders als es die Titulatur des 200-seitigen Bandes erwarten lässt, wird hier weniger eine grundständige Einführung in die Soziologie als solche oder ein Überblick über sämtliche soziologischen Grundlagen Sozialer Arbeit gegeben, sondern vielmehr in einer überaus lesenswerten Aufsatzsammlung von fünf Beiträgen dezidiert soziologische Zugriffe auf Gegenwartsthemen unserer Gesellschaft präsentiert, die zugleich vielfältige Bezüge zur Praxis Sozialer Arbeit aufzeigen.
Herausgeber
Der Herausgeber des Sammelbandes, Martin Spetsmann-Kunkel ist Professor für Politikwissenschaft und Dekan an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen (katho) in Aachen. Dort arbeiten und lehren auch alle Beitragenden des Bandes, bis auf Maik Wunder, der als Professor für Digitalisierung und gesellschaftliche Verantwortung an der Fachhochschule Dortmund lehrt.
Entstehungshintergrund
Der Herausgeber stellt in seinen „Einführenden Bemerkungen“ (S. 7) heraus, dass das Werk als ein „Einführungsbuch“ aus gegenstandsorientierter Perspektive konzipiert sei. Dabei habe man sich vor allem auf Themen konzentriert, die als „vielfach vernachlässigte Gegenstände des Lehrangebots in den Studiengängen Sozialer Arbeit“ (ebd.) anzusehen seien. Die Funktion der Bezugswissenschaft Soziologie wird dabei im Bezug zur Sozialen Arbeit als Instrumentarium zur kritischen Gesellschaftsanalyse gesehen.
Aufbau
Der Sammelband gliedert sich in fünf Kapitel. Der erste von Markus Baum verfasste Beitrag widmet sich dem Thema Sozialer Ungleichheit, die unter Perspektiven einer politischen Soziologie für die Soziale Arbeit kritisch reflektiert wird.
Der zweite Text von Stephan Grigat klärt über Phänomenologie und Geschichte des Antisemitismus in Abgrenzung zu rassistischen Konzepten auf und argumentiert demgegenüber für eine Erziehung zur Mündigkeit.
Im dritten Aufsatz thematisiert Maik Wunder die vielfältigen Transformationsprozesse der Digitalisierung vor dem Hintergrund der Latour’schen Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) und macht diese für Soziale Arbeit fruchtbar.
Angela Wernberger und Kolja Heckes widmen sich Sozialisationsprozessen als Handlungsbereich Sozialer Arbeit bevor schließlich Manfred Borutta und Johannes Mertens das Thema des Alterns im Hinblick auf die damit verbundenen Risiken für soziale Rollen‑ und Personalitätsverluste untersuchen.
Inhalt
Im Eröffnungsbeitrag von Markus Baum wird ein umfassender Überblick über soziologische Konzepte gesellschaftlicher Ungleichheiten gegeben. Nahezu lehrbuchhaft werden dabei natürliche und soziale Ungleichheit (S. 12 f.); Verteilungs‑ und Chanchenungleichheiten; Vertikale und horizontale soziale Ungleichheit (S. 15), Soziale Mobilitäten, Reichtum und Armut (S. 21 f.), Grundbegriffe der Sozialstrukturanalyse (S. 26 ff.) sowie Inklusion/​Exklusion und Partizipationsbestrebungen vs. ungleichheitsbezogene Gesellschaftskonflikte (S. 35ff) thematisiert. Besonders die abschließenden Anmerkungen zur Förderung partizipativer Ansätze im Sinne von Empowermentkonzepten Sozialer Arbeit bieten praktische Anschlüsse zur soziologischen Theoriebildung in diesem Feld.
Der Beitrag von Stephan Grigat zum Antisemitsmus-Komplex gibt eine historisch informierte wie theoretisch vertiefte Überblicksdarstellung und bietet mit seiner pointierten Abgrenzung des Phänomens gegenüber aktuellen Rassismustheorien vielfältige Anreize zur reflexiven Auseinandersetzung. Grigat argumentiert überwiegend aus Perspektive der klassischen Texte von Adorno und Horkheimer zum Antisemitismus unter besonderer Fokussierung auf der psychologischen Strategie der pathischen Projektion (S. 51ff) sowie der Funktion antisemitischer Deutungsmuster im Sinne einer reaktionär-regressiven Modernitätsbewältigung. Instruktiv ist besonders der Abschnitt zur Rassismus‑ und Antisemitismuskritik (S. 55 f.) in dem überzeugend herausgearbeitet wird, dass und warum Antisemitismus „nicht einfach ein gegen Juden gerichteter Rassismus ist.“ (ebd.). Folgerichtig thematisiert der Autor Antisemitismus von Rechts und Links sowie aus der „Mitte der Gesellschaft“ (S. 57) und geht ebenso auf den israelbezogenen Antisemitismus muslimisch geprägter Kulturen sowie im modernen Islamismus (S. 61–69) ein, der zugleich zahlreiche Überschneidungspunkte zu den vorgenannten Phänomenen politisch gerahmter Judenfeindlichkeit aufweist. Der Autor positioniert sich als Kritiker einer leichtfertigen Ausklammerung antisemitischer Bestandteile israelkritischer Positionen in der „transnationalen Sozialen Arbeit“ (S. 75).
Zur Bearbeitung antisemitischer Einstellungsmuster empfiehlt der Autor letztlich eine Rückbesinnung auf Theodor W. Adornos Prinzipien einer „Erziehung nach Auschwitz“ (1966): „Ein Mittel zur Bekämpfung der antisemitischen Reaktionsweise wäre die massenhafte Herausbildung selbstreflexiver Individuen, die lernen, in einer mündigen und verantwortlichen Art und Weise mit diesen (…) Ambivalenzen Widersprüchen und Krisenerscheinungen umzugehen.“ (S. 71).
Dem Zusammenhang von Digitalisierung, der Akteurs-Netzwerk-Theorie (ANT) von Bruno Latour und Sozialer Arbeit widmet sich anschließend Maik Wunder im dritten Kapitel. Hierin folgt auf eine umfassende Darstellung der historischen Entwicklung in Richtung digitalisierte (kapitalistische) Gesellschaft eine Einordnung des Themas in techniksoziologische Perspektiven, wobei der ANT umfänglich Raum gegeben wird (S. 103–111). Im Fazit plädiert der Autor für eine „antimumanistische“ (sic!) Soziale Arbeit (S. 111) die im Anschluss an Latour/Foucault und Luhmann eine Perspektivierung eigenen professionellen Handelns als immer schon in die Welt der Hybriden relational eingebettetes Agieren erlaubt. Dadurch könnte nach Auffassung Wunders Soziale Arbeit größere Autonomie bezüglich ihrer Bedeutung und Wirkens in der Gesellschaft von Menschen, Dingen und Hybriden gewinnen.
Der Beitrag zur Sozialisationsthematik von Wenberger und Heckes folgt in Aufbau und Darstellung stärker dem Lehrbuchformat: Anschließend an eine allgemeine Einführung werden Sozialisationstheorien im Sinne einer Bewältigung gesellschaftlicher Sozialintegration vorgestellt und das Interdependenzgefüge von Individualgenese und gesellschaftlicher Zurichtung im Sinne der klassischen Theorien zur produktiven Wirklichkeitsverarbeitung (Hurrelmann) bzw. zum Erwerb von Handlungsbefähigung (Böhnisch) für Soziale Arbeit anschlussfähig aufgelöst. Auf die Zusammenhänge zwischen Sozialisation, Bildung und Erziehung (S. 130) wird ebenso eingegangen wie auf die Bedeutung Sozialer Arbeit als Beziehungspraxis in diesem Feld. Sozialökologische Analysen (n. Bronfenbrenner) der Handlungsformen Sozialer Arbeit grundieren schließlich eine kritische Sicht auf die Ambivalenz Sozialer Arbeit (S. 144 ff.) zwischen einerseits Beförderung von Individuation und andererseits gesellschaftlicher Integration von Menschen. Im Sinne einer praxeologischen Bearbeitung dieses Spannungsverhältnisses verweisen die Autorinnen auf Mannheims Begriff der Kontagion als eine letztlich ganzheitliche, leibliche, räumliche und seelische Realitäten bewusst antizipierende Form der Beziehungsaufnahme zum Anderen in wechselseitig hervorgebrachten Begegnungsräumen (S. 150).
Der abschließende Beitrag von Borutta und Mertens zum Thema Alter(n) wird mit einer Fallvignette eröffnet, die anschaulich den Prozess sozialer und kultureller Zwangsvereinsamung von Menschen beim Übergang in die stationäre Pflege darstellt. Der Beitrag steigt nun mit der biografischen Formierung von Lebensläufen ein (S. 158) und das Altern als blinden Fleck in den Theorien Sozialer Arbeit (S. 169). Im Anschluss an die theoretischen Darstellungen werden dabei stets Rückgriffe auf die Fallvignette gezogen um die Sachverhalte zu veranschaulichen. Dass und wie Altersmodelle und Alternstheorien eine stark normierende Wirkung auf den Umgang mit alternden Menschen, insbesondere in altersspezifischen institutionellen Settings, entfalten, wird aus gerontologischer Perspektive kritisch gewürdigt (S. 165 ff.). Insbesondere wird dabei auf das Desiderat mangelndern „Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit“ im Sinne einer Thanatologie als eigene Forschungsrichtung hingewiesen (S. 170). Unter Rekurs auf die soziologische Theorie des Singularismus (Reckwitz) wird schließlich die Alterseinsamkeit in ihren vielfältigen Konsequenzen fokussiert. Instruktiv werden die hierbei relevanten Formen der Einsamkeit und ihre Wirkungen auf Teilhabe und Lebensqualität im Alter dargestellt (S. 175). Unter einer herrschaftskritischen Perspektive auf die Funktionen Sozialer Arbeit (S. 188) diskutieren die Autoren zum Abschluss den Entwurf einer Sozialen Arbeit, die vom Konzept ermöglichter Personalität bzw. gelingenden personalen Seins im Lebenslauf her (S. 190) ihren Auftrag versteht.
Diskussion
Das Buch dokumentiert die Bedeutung soziologischer Theoriebildung für die Praxis Sozialer Arbeit in der Gegenwartsgesellschaft. Dabei gehen seine Beiträge auf hoch relevante Themenfelder (Antisemitismus, Ungleichheit, Alterseinsamkeit, technologische Transformationen) ein, die das Arbeitsfeld Sozialer Arbeit wie die Lebenswelten ihrer Adressatinnen und Adressaten nachhaltig bestimmen. Das im Rücktitel vermerkte Ziel des Werkes, „(…) die anspruchsvollen Begriffs‑ und Theoriegebilde der Soziologie für die professionelle Praxis handhabbar zu machen“ wurde in allen Beiträgen deutlich.
Für den Rezensenten besonders hervorzuheben ist dabei die Kritik an einer zunehmenden diskursiven Überbewertung vertikaler Ungleichheiten (Gender, Race etc.) gegenüber horizontalen Ungleichheiten (Bildung, Vermögen) in einer Gegenwart, die von zunehmender Erosion demokratischer Kultur aufgrund globaler wie nationaler Verschiebung finanzieller Machtungleichgewichte zu Gunsten von Privatunternehmen und zu Ungunsten (sozial)staatlicher Akteure festzustellen ist.
Weiterhin verhilft eine historisch und begrifflich-analytische Trennung von Rassismus‑ und Antisemitismuskonzepten in Verbindung mit einer klaren Benennung antisemitischer Tendenzen auch in „nicht-rechtsextremen“ Kontexten Sozialer Arbeit zu mehr Klarheit bei der Beschreibung entsprechender Präventions‑ und Interventionsansätze. Wichtig ist es zudem, Soziale Arbeit und ihre Angehörigen auf die eigenen Verstrickungen in antisemitische Lesarten postkolonialer Israelkritik aufmerksam zu machen um den Diskurs hierzu offen zu halten.
Die gesellschaftliche Transformation, die seit 2022 in der Durchdringung sämtlicher Lebenssphären (Arbeit, Wissenschaft, Lebenswelt) mit KI-Nutzung bzw. mit der zunehmenden Verlagerung menschlicher Arbeit an KI-Agenten ins Werk gesetzt wurde, schreit förmlich nach einer Bearbeitung im Rahmen von Latours ANT. Dass diese Bezugnahmen in einem sonst hervorragenden Text von 2026 überhaupt nicht bzw. nur marginal angerissen werden, ist etwas ärgerlich. Tatsächlich werden Sozial Arbeitende nicht zuletzt durch die staatlichen KI-Offensiven in der Verwaltung – aber auch schon durch den Umgang mit „nicht-menschlichen-Experten“ wie KI-Chatbots im Studium in hybride Kommunikations‑ und Handlungsgeflechte integriert, für deren kritische Würdigung und konstruktive Gestaltung die ANT ein reichhaltiges Instrumentarium bietet.
Der Beitrag zur Sozialisation fällt etwas aus dem vom Herausgeber formulierten Konzept des Bandes heraus, denn hier wird fundiert und umfänglich der „Stand der Dinge“ zu einem durchaus gängigen Sozialer Arbeit referiert. Dabei käme gerade auch an dieser Stelle eine Diskussion des Problems der sozialisatorischen Effekte digitalisierter Lebenswelten Jugendlicher eine große Bedeutung zu. Gerade die Auswirkungen der Plattformökonomien und ihrer Algorithmen auf die Identitätsentwicklung von Kindern und Jugendlichen werden ja bereits politisch bearbeitet (Stichwort: Social-Media-Verbote) ohne in ihrer umfassenden Wirkung überhaupt differenziert analysiert und verstanden worden zu sein.
Vom Thema Altern bleibt vor allem der philosophisch-anthropologische Fokus auf eine Begründung Sozialer Arbeit vom Konzept der Personalität her im Gedächtnis, der gerade in einer Perspektive endlichen Lebens bzw. der Sterblichkeit aller an Hilfeprozessen Beteiligten her nochmals eine wesentlich(ere) Reflexionsebene auf die alltäglichen Umgangsweisen miteinander und die Verteilungskämpfe um Ressourcen, Teilhabe und Aufmerksamkeit einziehen kann.
Kritisch muss allerdings vor dem Hintergrund des Buchkonzeptes sowie des Buchtitels festgehalten werden, dass es sich bei dem Text weniger um eine voraussetzungsfreie einführende Lektüre im Grundstudium handeln dürfte sondern eher um ergänzende Vertiefungstexte zu den ausgewählten Themen im Hauptstudium. Für eine gegenstandsbezogene Einführung in die soziologischen Grundlagen sozialer Arbeit fehlt es an klassischem „Lehrbuchcharakter“, da die Beiträge überaus heterogen strukturiert sind und zwar überaus relevante und inspirierende Reflexionsgrundlagen für Soziale Arbeit liefern, dies aber auf sehr unterschiedlichen didaktischen Ansätzen.
Fazit
Mit dem Sammelband „Soziologische Grundlagen Sozialer Arbeit“ legen die Autorinnen und Autoren und der Herausgeber Martin Spetsmann-Kunkel überaus interessante Beiträge zur soziologischen Reflexion der Themen sozialer Ungleichheit, Antisemitismus, Digitalisierung, Sozialisation und Alter für die Praxis Sozialer Arbeit vor. Daher ist das Buch zur ergänzenden und vertiefenden Lektüre jeder Lehrveranstaltung zur Soziologie in der Sozialen Arbeit grundsätzlich sehr zu empfehlen.
Rezension von
Prof. Dr. René Gründer
Duale Hochschule Baden-Württemberg Heidenheim, Fachbereich Sozialwesen. Homepage: https://www.heidenheim.dhbw.de/dhbw-heidenheim/ansprechpersonen/prof-dr-rene-gruender
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