Gernot Hahn, Frank Como-Zipfel et al. (Hrsg.): Handbuch Hausbesuche
Rezensiert von FH-Prof. Mag. Dr. Hubert Höllmüller, 21.07.2026
Gernot Hahn, Frank Como-Zipfel, Daniel Kilian (Hrsg.): Handbuch Hausbesuche. Theorie und Praxis aufsuchender Sozialer Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2026. 227 Seiten. ISBN 978-3-7799-8767-3. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR.
Thema
Anknüpfend an die Publikation der Autoren „Allgemeines Handlungsmodell Hausbesuche – Materialien zur Praxis aufsuchender Sozialer Arbeit“ von 2023 stellen sie diesmal den Anspruch, neben Praxis auch Theorie zu Hausbesuchen als Feld Sozialer Arbeit darzustellen. Dabei wird der Begriff „Hausbesuch“ zum Überbegriff für aufsuchende Soziale Arbeit. Damit wollen die Autoren wie schon 2023 dem konstatierten Mangel an veröffentlichter Beschäftigung mit aufsuchenden Methoden und Verfahren entgegenwirken.
Herausgeber
Gernot Hahn, Dr. phil, Dipl.-Sozialpädagoge (FH), Dipl.-Sozialtherapeut (Univ.), Leiter der Forensischen Ambulanz im Klinikum am Europakanal Erlangen.
Frank Como-Zipfel, Prof. Dr. phil, Dipl.-Sozialarbeiter, Promotion in Politikwissenschaft, Kinder‑ und Jugendpsychotherapeut, Professor für Sozialpädagogische Methoden an der TH Würzburg-Schweinfurt.
Daniel Kilian, Dr. pkil, BA/MA Sozialpädagoge, Promotion in Sonderpädagogik bei Verhaltensstörungen, Koordinator des Krisennetzwerk Unterfranken bei der Psychiatrie und Suchthilfekoordination Unterfranken.
Aufbau
Das Buch ist in zwei Hauptteile gegliedert: Praxiswissen und Querschnittsthemen. Vorangestellt sind Einführung und Grundlagen, den Abschluss bildet ein Fazit mit Ausblick.
In der Einführung werden Hausbesuche in der Sozialen Arbeit historisch hergeleitet und es werden drei Bezugstheorien angerissen. Im Anschluss wird auf die Notwendigkeit eines Handlungskonzepts für Hausbesuche verwiesen und das bereits 2023 erarbeitete Handlungsmodell wieder dargestellt. Dieses wird im Fazit nochmals wiederholt.
Im Teil Praxiswissen werden verschiedene Handlungsfelder dargestellt, in denen Hausbesuche explizit durchgeführt werden: Der Hausbesuch des Jugendamts, die Hausbesuche im Rahmen der ambulanten Familienhilfe, Das Aufsuchen von Menschen mit psychischen Erkrankungen im Rahmen der psychosozialen Versorgung, Hausbesuche im Kontext von Suchtberatungsstellen, in der Bewährungshilfe, in der forensischen Ambulanz, in der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung, in der Krisenintervention, in der Wohnungswirtschaft und, eher fiktiv, bei Streetwork.
In den Querschnittsthemen geht es um „digitale Hausbesuche“, Zwangskontext, spezielle Herausforderungen, interkulturelle Aspekte und Genderfragen und im Abschluss um ein Beispiel für akademische Lehre von Hausbesuchen.
Inhalt
Die Autoren beziehen sich in ihrer Einleitung auf gut zwei Seiten auf drei Theorien. Neben der schon 2023 angeführten Lebensweltorientierung von Thiersch kommen Böhnisch mit der Lebensbewältigung und Neurath mit seinem Lebenslagenkonzept hinzu.
Im Teil Praxiswissen werden von den verschiedenen Autor*innen die jeweiligen Handlungsfelder und die damit verbundenen Besonderheiten und Herausforderungen beschrieben und immer wieder entsprechende Diskussionspunkte aufgezeigt. Dabei wird ersichtlich, dass Zwang bzw. ein Machtgefälle als Rahmenbedingung in vielen Kontexten zentral ist. Dies wird auch in den Querschnittsthemen vertieft und ausführlich beleuchtet. Im Fazit wird mit der Perspektive auf Ausbildung und Lehre nochmals das selbst erarbeitete Handlungsmodell präsentiert.
Diskussion
Es ist ein Verdienst dieses Buches, eine oberflächliche und unfachliche Vorstellung von Hausbesuchen zu überwinden. Der fundierte Diskurs zum Thema Zwang bzw. Kontrolle und Machtgefälle ist wichtig und für Disziplin und Profession ein guter Anstoß. Er ließe sich um das Thema Transparenz erweitern, das die eventuelle Kontrollfunktion und die Kontrolleffekte für die jeweiligen Zielgruppen offenlegen und damit handhabbar machen würde.
Allerdings ist aufsuchende Soziale Arbeit weit mehr als Hausbesuche: Da im Kontext von Straßensozialarbeit von „Hausbesuchen auf der Straße zu sprechen“, löst das nicht auf. Warum die Autoren den 2023 noch angeführten Theoriebezug zum Sozialraum wieder fallen gelassen haben, erschließt sich nicht. Damit fällt aber sowohl die klassische Gemeinwesenperspektive weg wie auch moderne Konzepte von Sozialer Arbeit im Sozialen Raum, wo genauso aufsuchend gearbeitet wird. Hier wäre ein Bezug zum Feldbegriff von Bourdieu herstellbar. Und der Fachbegriff der Niederschwelligkeit/Niedrigschwelligkeit würde dann notwendig erläutert werden müssen. Streetwork begibt sich schon seit mehr als einem halben Jahrhundert nicht nur in öffentliche, sondern auch die halböffentliche (Veranstaltungen etc.) und private Räume (z.B. andere Einrichtungen, Vereinskontexte, Wohnungen). Die diesbezüglichen Erfahrungen, Reflexionen und Theoretisierungen sind befassen sich so mit wichtigen Bereichen aufsuchender Arbeit.
Generell ist die Perspektive der der Adressat*innen zu wenig beleuchtet. Ein Fachbuch, das fast vollständig ohne den Begriff Partizipation (den Thiersch und Böhnisch zentral setzen) auskommt, hat hier einen blinden Fleck. Dazu gehört dann auch die nicht durchgehende, aber hauptsächlich verwendete Bezeichnung und nicht begründete Bezeichnung der Adressat*innen und Nutzer*innen als „Klient*innen“. Wird in einzelnen Beiträgen sehr wohl ausführlich auf einzelne Begriffe analytisch eingegangen, bleibt der „Klient*innenbegriff“ unhinterfragt bzw. wird manchmal synonym mit „Adressat*innen“ verwendet. Wie auch im Vorgängerband bleibt das Thema der Beschwerdemöglichkeiten von Adressat*innen in Bezug auf Hausbesuche unbehandelt. Es wird auch nicht auf das Konzept des Familienrates, der eine besondere Form von Hausbesuchen vorsieht, eingegangen. Damit einher geht die Aussparung des Settings, wo Professionelle eine dezidierte Einladung zu Hausbesuchen erhalten.
Ganz im Sinne der Autoren ist zu fragen, ob nicht die trotz Konsensbemühungen weiterhin bestehenden Zwangskontexte eigene methodische Konzepte brauchen. Hier wäre an die bestehende Publikation anzuschließen.
Fazit
Das Buch „Handbuch Hausbesuche: Theorie und Praxis aufsuchender Sozialer Arbeit“ als Folgepublikation stellt einen hohen Anspruch, nämlich Theorie und Praxis aufsuchender Sozialer Arbeit zu formulieren: Diesem wird es nur teilweise gerecht. Es bezieht die Perspektive des Gemeinwesens bzw. des Sozialraumes und das damit verbundene Verständnis von „Feld“ nicht ein. Als Ausgangspunkt für einen produktiven Fachdiskurs dient es allerdings auf jeden Fall.
Rezension von
FH-Prof. Mag. Dr. Hubert Höllmüller
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