Astrid Neuy-Lobkowicz, Daniel Schöttle: AD(H)S in der zweiten Lebenshälfte
Rezensiert von Dipl. Päd. Sabine Kamp-Decruppe, 05.06.2026
Astrid Neuy-Lobkowicz, Daniel Schöttle: AD(H)S in der zweiten Lebenshälfte. Strategien für einen dauerhaft erfolgreichen Umgang mit einer besonderen Art zu sein. Kösel-Verlag (München) 2026. 256 Seiten. ISBN 978-3-466-34858-9. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 24,85 sFr.
Thema
AD(H)S ist zurzeit ein Modethema. Gerade in den sozialen Medien wird viel darüber informiert und kaum ein Tag vergeht, an dem sich nicht ein „Promi“ outet und/oder von seiner Neurodiversität berichtet. Damit geht eine Enttabuisierung einher und es wird nicht nur der Leidensdruck, sondern es werden auch mögliche Stärken ins Rampenlicht gerückt.
Bei Kindern ist die „Diagnose“ Zappelphillip inzwischen im Mainstream angekommen und bei bestimmten Ausprägungen kann sogar eine Pflegestufe möglich sein.
Die Veranlagung zur ADHS wird bis zu 80 % genetisch vererbt. Dadurch erfahren auch immer mehr Erwachsene (zum Beispiel Eltern von Kindern mit ADHS) von ihrer möglichen Diagnose bzw. Betroffenheit. Die Autor:innen wenden sich mit diesem Buch an erwachsene Betroffene, Angehörige, medizinisch oder therapeutisch tätige Personen und schließen damit eine Informationslücke.
Autor:innen
Dr. med. Astrid Neuy-Lobkowicz ist Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie. Sie ist im Vorstand des Vereins ADHS Deutschland e.V. und Mitbegründerin des ADHS-Zentrums München. Sie ist niedergelassen in Aschaffenburg und München, hat bereits mehrere Bücher zum Thema ADHS veröffentlicht und arbeitet als Dozentin für Ärzte und Psychotherapeut:innen zum Thema AD(H)S.
PD Dr. med. Daniel Schöttle ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Chefarzt am Zentrum für seelische Gesundheit des Asklepios Klinikums Harburg. Dozent und Supervisor für ärztliche und psychologische Psychotherapeut:innen.
Entstehungshintergrund
Die Autor:innen legen hier das erste deutschsprachige Buch vor, welches sich mit der Thematik ADHS in der zweiten Lebenshälfte befasst. „Viele typische ADHS-Symptome tauchen im Laufe des Lebens in unterschiedlicher Ausprägung … auf“ (S. 10). Die Autor:innen wollen „einen Beitrag… leisten, dass Menschen mit ADHS mit den hierdurch bedingten Herausforderungen auf eine positive Weise umgehen und ihre individuellen Ressourcen und Potenziale nachhaltig stärken und erfolgreich nutzen können.“ (S. 11)
Ihr Motto ist dabei (laut Buchdeckel): „Belastungen reduzieren, eigene Stärken nutzen, die Lebensqualität in jeder Lebensphase stärken.“
Aufbau
Der erste Teil des Buches handelt davon, was ADHS ist. Er umfasst drei Kapitel mit 64 Seiten.
Es folgt ein Kapitel zu Diagnostik und Therapie mit knapp 30 Seiten. Der daran anschließende zweite Teil informiert zu hilfreichen Strategien im gesamten Lebensverlauf. Dieser Teil umfasst fünf Kapitel mit rund 120 Seiten.
Die Haupt-Überschriften des Inhaltsverzeichnisses sind:
- Vorwort: ADHS in der zweiten Lebenshälfte
- Neurodiversität im Lauf des Lebens
- ADHS und andere seelische Erkrankungen
- ADHS und körperliche Erkrankungen
- Diagnostik und Therapieformen
- Strategien im Umgang mit Kernsymptomen von ADHS
- Das Arbeitsleben mit ADHS
- Beziehungen und Sexualität
- ADHS in der Familie
- Salutogenese
- Nachwort
- Dank
- Anhang
- Literatur
Das Buch hat insgesamt 250 Seiten.
Inhalt
Neurodiversität im Lauf des Lebens
Der Begriff Neurodiversität steht für ein Konzept der Unterschiede als Zeichen menschlicher Vielfalt. „Neurodivergente Menschen sehen sich mit unterschiedlichen Einschränkungen oder Herausforderungen konfrontiert, haben aber auch spezielle Stärken.“ (S. 13)
„ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, aber nicht alle Betroffenen sind unaufmerksam oder hyperaktiv-impulsiv zu gleichen Teilen. ADHS beginnt in der Kindheit und setzt sich im Erwachsenenalter bei knapp der Hälfte der Menschen mit unterschiedlicher Ausprägung fort.“ (S. 19) Wichtig zu wissen: Es existieren keine biologischen Parameter, die ADHS beweisen oder ausschließen.
„ADHS-Betroffene entwickeln im Laufe ihres Lebens häufig Begleiterkrankungen, die die Symptomatik entweder überdecken oder ihr in manchen Punkten sehr ähnlich sind.“ (S. 18)
Diese Situation trifft auf nicht ausreichend vorhandenes Fachpersonal sowohl für die Diagnose als auch die therapeutische Begleitung.
Im Folgenden beschreiben die Autor:innen die möglichen Symptome nach dem DSM-5 Diagnosemanual.
Im Abschnitt „Wie ADHS entsteht“ skizzieren sie diese Neurodiversität als komplexes Wechselspiel genetischer, neurobiologischer, sozialer und Umweltfaktoren und beschreiben, wie ein ADHS-Gehirn tickt. Dabei helfen verschiedene Fallbeschreibungen von Patient:innen sich ein konkretes Bild zu machen. Bevor es um die Auswirkungen im Lebensverlauf geht, wird noch einmal explizit auf die positiven Seiten eingegangen.
„Im Laufe des Lebens verändern sich nicht nur die Symptome, sondern auch die Auswirkungen von ADHS. Die Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Planung, Motivation und Impulskontrolle bleiben bestehen, aber sie zeigen sich in anderen Formen. … Diese anhaltenden Belastungen, gepaart mit einem Lebensstil, der häufig wenig Pausen, aber viele Wechsel, Krisen und Spannungen beinhaltet, führen bei vielen Betroffenen im Laufe der Jahre zu einer Erschöpfung: körperlich, emotional, mental.“ (S. 34)
Das Kapitel endet mit einem Überblick zu Geschlechtsunterschieden, und den daraus folgenden Nachteilen für Frauen mit ADHS. Sie werden später diagnostiziert, haben einen höheren Anpassungsdruck als auch besondere Herausforderungen durch Hormonschwankungen und eventuell die Mutterrolle (vor allem, wenn auch die Kinder ADHS haben).
ADHS und andere seelische Erkrankungen
„… ADHS-Betroffene (haben) ein anderes Stärken‑ und Schwächenprofil als neurotypische Menschen. Ihre Stärken können sie unter besonderen Bedingungen gut nutzen, aber die Schwächen … können im Alltag große Probleme machen.“ (S. 43) Außerdem geht ADHS häufig mit weiteren psychischen Erkrankungen einher: genannt werden Depressionen, bipolare Erkrankungen und Angsterkrankungen, Posttraumatische Belastungsstörung, Autismus. Der Appell der Autor:innen ist hier jeweils sorgfältig zu differenzieren und dann angemessen zu behandeln.
ADHS und körperliche Erkrankungen
„Fast alle körperlichen Erkrankungen treten häufiger auf, wenn ADHS vorliegt. Durchschnittlich haben Betroffene einen geringeren Gesundheitsstatus.“ (S. 59) In diesem Kapitel werden behandelt:
- Metabolische Erkrankungen,
- Übergewicht und Essstörungen,
- Chronische Schmerzsymptome und Migräne,
- Asthma, Autoimmun‑ und Darmerkrankungen
Allein diese Aufzählung erklärt, warum im zweiten Teil so viel Nachdruck auf eine gute Gesundheits‑ und Selbstfürsorge gelegt wird. Außerdem geht es in diesem Kapitel um:
- Unfälle und Risikoverhalten sowie die
- Folgen von unentdecktem oder nicht behandeltem ADHS im Erwachsenenalter.
„Eine ADHS-Diagnose kann wesentlich dazu beitragen, einen besseren Weg mit ADHS-Symptomen und Begleiterkrankungen zu finden. Besonders hilfreich ist eine medikamentöse Behandlung.“ (S. 77)
Das ist die Überleitung zum nächsten Kapitel.
Diagnostik und Therapieformen
Hier werden die Schwierigkeiten der späten Diagnostik und die Auswirkungen von spät diagnostiziertem ADHS wieder aufgenommen.
Auch wenn kein (Selbst-)Test beweisen kann, dass jemand ADHS-betroffen ist, sondern lediglich Hinweise auf sogenannte Kernsymptome bzw. eine grobe Orientierung gibt, führt die Erkenntnis bzw. Diagnose zu widersprüchlichen Gefühlen. Einerseits bringt sie Erleichterung im Sinne von: Endlich habe ich eine Erklärung für mein „so und anders“-sein. Das gilt auch für Angehörige und Partnerpersonen. Andererseits macht es traurig, unumkehrbare Lebensverläufe annehmen zu müssen, besonders wenn Misserfolgserlebnisse und verletzende Zuschreibungen dahinter stehen.
„Es ist das Versäumte, das Verpasste, das ADHS-Betroffene mit zunehmendem Alter grämen kann, denn je älter wir werden, desto mehr schwindet unsere Chance, etwas nachzuholen.“ (S. 87) Durch die erhöhte Anfälligkeit für weitere Erkrankungen (s.o.) ist es umso wichtiger, in dieser Lebensphase Selbstfürsorge zu betreiben.
Bezüglich möglicher Therapien wird auf die Behandlung nach Leitlinien und die bei ADHS möglichen Medikamente eingegangen. Die Autor:innen zitieren dabei die Erfahrungen ihrer Patient:innen und gehen auf geschlechtsspezifische Besonderheiten ein. Daneben kann Psychotherapie sinnvoll sein, ebenso wie Ergotherapie, Neurofeedback und grundlegende Aktivitäten wie Sport und Selbsthilfe(-gruppen).
Strategien im Umgang mit Kernsymptomen von ADHS
Dieser Abschnitt widmet sich den „Kernsymptomen“ und im Anschluss daran dem Arbeitsleben. Die Kernsymptome sind:
- Hyperaktivität und Antriebsstörung
- Konzentrationsstörungen und Ablenkbarkeit
- Die Achterbahn der Gefühle – zwischen Leidenschaft und Ausgebranntsein
- Impulsivität – sich selbst überholen
- ADHS und Selbstorganisation
- Prokrastination
- Stress
- Finanzen
Neben Erklärungen, wo die besonderen Herausforderungen liegen, geben die Autor:innen jede Menge konkrete Tipps und stellen immer wieder auch die positiven Aspekte bestimmter Eigenschaften heraus. Das Arbeitsleben mit ADHS umfasst die Punkte:
- Im Beruf
- Sollte ich offen mit ADHS umgehen?
- Arbeitslos mit ADHS
- Mit ADHS in den Ruhestand
„Dieser Abschnitt soll zwar ein Plädoyer für die Einstellung neurodivergenter Mitarbeitender mit ADHS sein, gleichzeitig jedoch auch zeigen, dass zur Entfaltung ihrer Möglichkeiten gezielte Maßnahmen sinnvoll sind und beachtet werden sollten.“ (S. 143)
Vom Ruhestand geht es direkt zum Kapitel:
Beziehungen und Sexualität
Mit dem Ruhestand ändert sich die Partnerschaft, weil dann wesentlich mehr Zeit miteinander verbracht werden kann. In diesem Kapitel blicken die Autor:innen auf die Themen:
- ADHS in der Paarbeziehung
- Paartherapie
- Die sexuelle Beziehung verbessern
- Selbstwert, die Angst vor Zurückweisung und Overthinking
„Viele ADHS-Betroffene beschreiben ein Overthinking, also das kreisende und teils sprunghafte Grübeln über Situationen oder Gespräche, das statt zu Lösungen zu Schlaflosigkeit und Stress führt. Man kann es auch als Hyperfokus auf negative Gesprächsinhalte oder bestimmte Situationen sehen. … Da man die vielen großen und kleinen Kränkungen der ADHS-Betroffenen … als außenstehende Person kaum erahnen kann, führt das dazu, dass ihnen unterstellt wird, schwierig, kompliziert und empfindlich zu sein, was den Kreislauf der Ablehnungsempfindlichkeit aufrechterhält.“ (S. 168)
Hier ist viel Fingerspitzengefühl, Selbstreflexion und Toleranz auf allen Seiten gefragt.
ADHS in der Familie
„Da ADHS zu einem hohen Prozentsatz erblich ist, gibt es in einer Familie meist mehrere Personen, die davon betroffen sind.“ (S. 171) Oft sind auch noch weitere Verwandte betroffen, unter Umständen wird ADHS nicht als Problem gesehen, weil das Verhalten dem eigenen so ähnlich ist. Das kann familiäre Konflikte begünstigen.
Verantwortungsvolle ADHS-Eltern sollten „sich mit ihren Symptomen auseinandersetzen und die Probleme der Gefühlskontrolle und Selbstorganisation angehen. Man kann Kindern nichts vermitteln, das man ihnen nicht vorlebt. Von daher sind ADHS-Eltern gefordert, ihr ADHS gut zu managen, um als Vorbild zu taugen.“ (S. 184) Elterntrainings und Selbsthilfegruppen können hier sinnvoll sein. (Infos dazu siehe im Anhang)
Salutogenese
„Salutogenese ist die Lehre davon, was gesund und fit hält. Je älter wir werden, desto wichtiger wird diese Frage.“ (S. 185) Es werden folgende Themenbereiche behandelt:
- Ernährung
- Schlafstörungen
- Gesundheitsfürsorge und der Umgang mit Begleiterkrankungen
- Chronische Erkrankungen und zunehmende Einschränkungen der Autonomie
- Bewusstes Altern
- Demenzielle Erkrankungen
- Pflegebedürftigkeit
- Einsamkeit
- Selbstakzeptanz
- Bilanz des Lebens: mit Höhen und Tiefen
Auch wenn das allgemein wichtige Themen sind, mit denen es sich auseinanderzusetzen gilt, gehen die Autor:innen hier mit dem fachlichen Spezialblick vor: Was bedeutet das für ADHS-Betroffene? Welches sind die Herausforderungen? Wo nützen die positiven Aspekte wie z.B. Kampfgeist, Lust an Aktivitäten und auf Abwechslung. Dieses Kapitel beinhaltet eine ausführliche Sammlung von Aktivitäten zur Selbstfürsorge spezifisch für die Zielgruppe Erwachsene mit ADHS.
In ihrem Nachwort verweisen die Autor:innen nochmals auf die Stärken von ADHS und hoffen, das Bewusstsein dafür vermittelt zu haben.
Im Anhang sind nützliche Adressen, Aufklärungs‑ und Informationsbroschüren, sowie digitale Gesundheitsanwendungen und hilfreiche Apps aufgeführt.
Diskussion
Die Autor:innen wenden sich an Betroffene, Angehörige, medizinisch oder therapeutisch Tätige, dabei enthält das Buch so viele kluge Tipps und gute Anregungen, dass eigentlich jede:r aus diesem Buch Erkenntnisse zieht. Und spätestens ab Seite 200 denkt jede:r: ob ich wohl auch (direkt oder indirekt) betroffen bin? Oder geht das nur mir so?
Das Buch zeichnet sich durch eine klare Sprache aus und die Patient:innen-Beispiele erleichtern das Verständnis; der ganzheitliche Blick schließt das Umfeld von Partnerpersonen über Kolleg:innen bis zum Gesundheitswesen in die Betrachtung mit ein.
Sehr gut fand ich die Abgrenzung der verschiedenen Krankheits‑ bzw. „Störungs“-Bilder im Kapitel über ADHS und andere seelische Erkrankungen.
Mir gefällt besonders der durchgängig wertschätzende und ressourcenorientierte Blickwinkel der Autor:innen. Das zeigt sich auch in der gendergerechten Sprache, z.B. sprechen die Autor:innen von Partnerpersonen.
Auch wenn das Buch von zwei Autor:innen geschrieben wurde (es gibt keine Zuordnung von Kapiteln zu einer:m Autor:in), ist der Stil kohärent und es lässt sich flüssig lesen.
Wenn Sie wissen möchten, ob das Buch für Sie relevant ist, dann lesen Sie die Seiten 78 bis 86 über Diagnostik und Therapieformen. Dieser Abschnitt enthält so viel Informatives, was für das menschliche Miteinander günstig ist. Die Lektüre lohnt sich, auch wenn weder Sie noch jemand aus Ihrem Umfeld betroffen ist.
Fazit
Beeindruckend ist der durchgehend akzeptierende und wertschätzende Umgang mit den Begleitphänomenen von ADHS, Autismus und weiteren Neuro-Diversitäten. Ähnlich wie beim Umgang mit Behinderung kann man sagen: Was neurodiversen Menschen das Leben erleichtert, kann auch für Neurotypische hilfreich sein. Oder: mehr Wertschätzung der Unterschiede kommt uns allen zugute.
Rezension von
Dipl. Päd. Sabine Kamp-Decruppe
Mediatorin, Mitarbeiterin im Psychosozialen Dienst der Friesenhörn GmbH
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