Astrid Fritz Carrapatoso, Steve Kenner et al. (Hrsg.): Handbuch Bildung für nachhaltige Entwicklung
Rezensiert von Prof. Stefan Müller-Teusler, 03.09.2026
Astrid Fritz Carrapatoso, Steve Kenner, Claudia Bergmüller-Hauptmann, Nilda Inkermann, Volker Reinhardt (Hrsg.): Handbuch Bildung für nachhaltige Entwicklung. Zur Bedeutung von Bildung in gesellschaftlichen Transformationsprozessen. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2026. 520 Seiten. ISBN 978-3-8252-6380-5. D: 49,90 EUR, A: 51,30 EUR, CH: 65,00 sFr.
Entstehungshintergrund
Unabhängig von politischen und oder ideologischen Strömungen hat die Agenda 2030 nach wie vor Gültigkeit und das Thema Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) nimmt deshalb einen großen Raum ein. Dazu will dieses Handbuch mit circa 500 Seiten Umfang und insgesamt über 90 Autor:innen beitragen.
Herausgeber:innen
Astrid Carrapatoso, Dr., ist Professorin für Politikwissenschaft und ihre Didaktik und Vizedirektorin des Research Center for Climate Change Education and Education for Sustainable Development (ReCCE)an der Pädagogischen Hochschule Freiburg.
Steve Kenner, Dr, ist Tenure-Track-Professor und Leiter des Fach Politikwissenschaft und ihre Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Weingarten.
Claudia Bergmüller Hauptmann, Dr, ist Professorin für Schultheorie und historische Bildungsforschung an der Pädagogischen Hochschule Weingarten.
Nilda Inkermann, Dr, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Didaktik der politischen Bildung an der Universität Kassel
Volker Reinhard, Dr, ist Professor für Politikwissenschaft und Politikdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg.
Aufbau und Inhalt
Das Handbuch ist in 6 verschiedene Abschnitte mit insgesamt 60 Beiträgen unterteilt. Der erste Abschnitt ist überschrieben mit Sozial-ökologische Transformation in Zeiten multipler Krisen. Hier geht es insbesondere die Notwendigkeit der Transformation, womit ein übergeordneter Blick auf die Agenda 2030 gerichtet wird. In den Beiträgen geht es sowohl um den Anlass beziehungsweise die Ursachen für die Notwendigkeit von BNE wie auch um gesellschaftliche Entwicklungen bis hin zu versuchter Einflussnahme von rechten Gruppierungen. Das Verhältnis von Mensch und Natur beziehungsweise Umwelt und die Lebensweise der Spezies Mensch werden dabei ebenfalls thematisiert.
Der zweite Abschnitt ist betitelt mit: BNI als querschnittsauftrag: Grundlagen, Begriffsbestimmungen und wissenschaftliche Verortung. In diesem Abschnitt wird die politische Ausrichtung auf die Bildung für nachhaltige Entwicklung besonders deutlich. Dabei wird ein Bogen gespannt von der Bildungspolitik über die wissenschaftliche Verortung hin zur Notwendigkeit, politische Akzente zu setzen. Parallel dazu werden auch rassismuskritische und dekoloniale Perspektiven angesprochen und es erfolgt eine Einbettung in globales Lernen und Demokratiebildung.
Das Thema BNE ist nicht neu, weshalb es dazu auch schon empirische Untersuchungen gibt. Diese werden im dritten Abschnitt unter der Überschrift: Ausgewählte Einblicke in empirische Bildungsforschung der BNE vorgestellt. Dabei geht es sowohl um die Frage des Kompetenzerwerbs von Schüler:innen, aber auch wie Lehrkräfte mit BNE umgehen, wie Bildung und Klimagerechtigkeit zusammenhängen, und auch die psychologischen Ressourcen wie auch die psychosoziale Gesundheit werden hier aufgegriffen.
Der vierte Abschnitt ist der umfangreichste in diesem Handbuch und handelt von BNE in den Fachdidaktiken. Dieser große Abschnitt ist noch mal in weitere Unterabschnitte unterteilt, nämlich: Didaktik der Sozial‑ und Raumwissenschaften, Didaktik der Naturwissenschaften und Mathematik, Didaktik der Sprachen, künstlerische und bewegungspädagogische Didaktiken und Didaktik der Lebenskunde, Philosophie-/​Ethikdidaktik und Religionsdidaktik. Spätestens hier wird anhand der Überschriften der schulische Fokus besonders deutlich. Damit wird dezidiert der ganze Fächerkanon schulischer Bildung angesprochen: Politik, Wirtschaft, Geschichte, Geographie, Biologie, Chemie, Physik, Mathematik, Technik, deutsch, Fremdsprachen, Musik, Kunst, Schulsport, Religion, Philosophie/​Ethik und Alltagskultur und Gesundheit, wobei der letztgenannte Beitrag kein Schulthema im Fächerkanon ist, aber darauf verweist, dass schulische Inhalte und häusliche Kontexte am besten eine gemeinsame Strategie verfolgen sollten, um wirksam zu sein.
Im fünften Abschnitt geht es um ausgewählte Lehr-Lern-Konzepte mit Bezug zu BNE. Hier wird der Fokus auf eher übergeordnete Themen gelenkt die im Zusammenhang mit BNE von großer Relevanz sind wie Inclusive Citizen Education, Umweltbildung, Klimabildung, Demokratiebildung, Friedenspädagogik, Menschenrechtsbildung, rassismuskritische und dekoloniale Bildung, Medienbildung und schließlich Deeper Learning und Service Learning. Es lässt sich dabei nicht vermeiden, dass es zu anderen Beiträgen in diesem Handbuch Überschneidungen gibt, dennoch ist hier der spezielle Fokus auf die einzelnen Aspekte noch einmal von besonderer Relevanz, um die Bandbreite von BNE herauszustellen.
Der letzte und sechste Abschnitt befasst sich mit Ausgewählte Lehr Lernformate der BNE und hier gibt es viele praktische Beispiele von Aktionen oder Formaten, in denen BNE in den Schulen stattfindet. Dabei geht es sowohl um konkrete Aktionen oder Projekte, die in der Schule verankert sind als auch um methodische Ansätze.
Diskussion
Der Umfang des Handbuches wie auch die große Anzahl der Beiträge und Autor:innen weist auf die Breite der Thematik hin und zeigt gleichzeitig auf, wie facettenreich das Thema an sich ist und welche (systemischen) Verzahnungen es gibt. Wenn man die drei Bereiche von Nachhaltigkeit betrachtet, dann ließe sich einwenden, dass der Bereich Ökonomie in diesem Handbuch nur wenig aufgegriffen wird. Andererseits geht es aber um ein Bewusstsein in Form von Bildung nachhaltiger Entwicklung als eine Selbstverständlichkeit, wo die Fokussierung und Zuordnung zu einzelnen Bereichen nicht immer hilfreich ist, sondern vielmehr ein allgemeines Grundverständnis erlangt werden soll, was dieses Handbuch ohne Frage liefert. Die allermeisten Beiträge sind relativ kurz (unter 10 Seiten) und auch in einer guten Lesbarkeit verfasst. Die Zielgruppe des Buches ist von den Herausgeber:innen nicht eingegrenzt, aber der Fokus auf allgemeinbildende und berufsorientierende Schulen ist schon sehr deutlich. Dennoch ist das Buch auch für Mitarbeitende in der frühkindlichen Bildung mit Kindern kurz vor der Transition zur Schule oder aber auch in der außerschulischen Jugendbildung sehr geeignet.
Schade ist, dass das Buch mit einem Vorwort von zwei Vertreter:innen von youthpanN (Jugendforum der nationalen Plattform Bildung für nachhaltige Entwicklung) beginnt, was aber für sich so stehenbleibt und leider nicht in Form eines eigenen Beitrages oder ähnliches im Buch noch fortgeführt wird. Gerade die kommenden Generationen betrifft es noch einmal viel mehr und dort muss BNE insbesondere ankommen und platziert werden.
Fazit
Das Buch charakterisiert sich selber als Handbuch und genau dieses leistet es auch. Die vielen Facetten zu und von BNE werden hier aufgegriffen und in den kurzen Beiträgen gut und nachvollziehbar dargestellt. Von daher erweist sich das Handbuch als eine Fundgrube für Unterrichtende und andere Menschen, die in der vorschulischen, schulischen und außerschulischen Bildung und Pädagogik tätig sind.
Rezension von
Prof. Stefan Müller-Teusler
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