Ute Fischer, Thomas Loer: Deutungsmuster und Habitus rekonstruieren
Rezensiert von Dr. Moritz Czarny, 11.06.2026
Ute Fischer, Thomas Loer:Deutungsmuster und Habitus rekonstruieren. Das Deutungsmuster der libertären Selbstbezogenheit bei Gegnern der Corona-Maßnahmen und korrespondierende Habitus. Springer VS (Wiesbaden) 2025. 461 Seiten. ISBN 978-3-658-49721-7. D: 24,99 EUR, A: 25,69 EUR, CH: 28,00 sFr.
Reihe: Objektive Hermeneutik in Wissenschaft und Praxis.
Thema und Entstehungshintergrund
Bei der Publikation handelt es sich um den dritten Band der Reihe ‚Objektive Hermeneutik in Wissenschaft und Praxis‘, herausgegeben von Thomas Loer, im Springer Verlag. Die Reihe ist dem im Jahre 2021 verstorbenen Frankfurter Soziologen Ulrich Oevermann gewidmet. Sie zielt darauf ab, die „Entwicklung der Methode in Vorgehen und Begrifflichkeit“ (Fischer/Loer 2025, S. V) fortzuschreiben und diese in verschiedenen Forschungsfeldern Forschenden, Studierenden und Praktiker_innen zugänglich zu machen. Die Bände der Reihe sind als Lehrbücher zur Einführung in grundlegende Begriffe der Objektiven Hermeneutik konzipiert (Vgl. zum Überblick den Socialnet-Lexikonbeitrag ‚Objektive Hermeneutik‘ von Klaus Kraimer: https://www.socialnet.de/lexikon/Objektive-Hermeneutik).
Vor diesem Hintergrund sind die Themen der Publikation angesiedelt. Auf der methodologischen Ebene stehen die Begriffe ‚Deutungsmuster‘ und ‚Habitus‘ im Fokus der Untersuchung. Diese in den Sozialwissenschaften breit rezipierten, aber aus Sicht der Autor_innen noch nicht hinreichend empirisch bestimmten Begriffe werden einer methodisch und terminologisch differenzierten Rekonstruktion und Diskussion unterzogen. Paradigmatisch wird insbesondere an die strukturtheoretischen Vorarbeiten Ulrich Oevermanns angeknüpft. Auf der inhaltlichen Ebene werden Datenmaterialien (Buchpublikationen, Briefe und Interviews) von Gegner_innen der Corona-Maßnahmen herangezogen, um eine gegenstandsbezogene Begründung zu entfalten. Ausgehend von den Reaktionen auf die Corona-Krise wird das spezifische Deutungsmuster der Maßnahmengegner_innen (‚libertäre Selbstbezogenheit‘) expliziert. Die Fälle entstammen Forschungsprojekten von Ute Fischer zu Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Die Publikation ist somit nicht nur methodologisch für den Fachdiskurs rekonstruktiver Sozialforschung interessant, sondern durch die Verortung in einem kontroversen gesellschaftlichen Diskursfeld auch für eine sozial‑ und politikwissenschaftliche Aufarbeitung der Corona-Pandemie von aktueller Relevanz.
Autor_innen
Prof. Dr. rer. pol. habil. Ute Fischer leitet die Professur ‚Sozial- und Politikwissenschaften‘ an der Fachhochschule Dortmund. Ihre Arbeitsschwerpunkte umfassen u.a. Sozialpolitik, Demokratieentwicklung, Medien, sozialer Zusammenhalt, Gesellschaftstransformation, Postwachstum und qualitative Forschungsmethoden.
Dr. Thomas Loer, habilitierter Soziologe, ist als Lehrbeauftragter an der International Psychoanalytic University Berlin sowie freiberuflich tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte umfassen u.a. Methodologie der Objektiven Hermeneutik, Kultur‑ und Kunstsoziologie, Raum‑ und Stadtsoziologie, Entrepreneurship.
Aufbau
Die Autor_innen verknüpfen mit ihrer Fallstudie den Anspruch eines Lehrbuches, das in zentrale methodologische Fragestellungen und Begrifflichkeiten der Objektiven Hermeneutik einführt. Der Studie sind ein ‚Vorwort‘ und ‚Vorbemerkungen‘ vorangestellt, in denen die Autor_innen ihre paradigmatischen Traditionsbezüge und bildungstheoretischen Ansprüche artikulieren. Das erste Kapitel ist mit der Überschrift „Einleitung“ betitelt. In mehreren Unterkapiteln wird eine zunächst allgemeine und umfassende Einführung in die objektive Hermeneutik vorgelegt sowie der aktuelle Forschungsstand zum Deutungsmuster‑ und Habitusbegriff diskutiert (S. 1–57). Das zweite Kapitel ‚Methodisches Vorgehen‘ bildet den Übergang zum empirischen Teil, in dem das Fallstudien-Design beschrieben wird (S. 57–79). Den umfangreichsten Teil des Buches stellt das dritte Kapitel ‚Fallanalysen‘ dar. Ausgehend von der vorgelegten Heuristik werden vier Fälle von Deutungs‑ und Handlungsproblemen angesichts der Corona-Maßnahmen auf unterschiedlicher Protokollbasis (Buchtext, Brieftext, Forschungsgespräche) anhand von Sequenzanalysen rekonstruiert und als Ergebnis der Strukturgeneralisierung in ein typologisches Modell überführt (S. 79–353). Im vierten Kapitel ‚Von der Heuristik zum Begriff‘ werden die empirischen Erkenntnisse im Kontext der allgemeinen methodologischen Fragestellung hinsichtlich ‚Differenz und Zusammenhang von Deutungsmuster und Habitus‘ abstrahiert (S. 353–387). Im fünften Kapitel ‚Ausblick und offene Fragen‘ wird die Studie in methodischer, empirischer und theoretischer Hinsicht reflektiert und Desiderata werden diskutiert (S. 387–393). Das sechste Kapitel ‚Epilog und Glossar‘ bildet den Abschluss. Während der Epilog als kritische Selbstvergewisserung zu verstehen ist, dient das Glossar als nützlicher Nachschlageteil zu zentralen Termini, die in der Publikation Verwendung finden (S. 393–413). Das Werk schließt mit unnummerierten Kapiteln zu den ‚Verschriftungsregeln‘ und dem ‚Literaturverzeichnis‘, einschließlich einer chronologisch geordneten Bibliografie zu objektiv-hermeneutischen Studien, in denen Deutungsmuster und Habitus(-formationen) rekonstruiert wurden (S. 413–461).
Inhalt
Zentraler Gegenstand der Untersuchung sind die Begriffe ‚Deutungsmuster‘ und ‚Habitus‘. Anknüpfend an die theoretischen Vorarbeiten Ulrich Oevermanns und Pierre Bourdieus verstehen die Autor_innen ihre Studie als einen fundierenden Beitrag zu einer soziologischen Praxisforschung. „Praxis ist, so die diesem Buch zugrundeliegende und zu entfaltende Annahme, sowohl durch soziale Deutungsmuster als auch durch soziale Habitusformationen geprägt“ (Fischer/Loer 2025, S. VII). In einer vorläufigen heuristischen Bestimmung bezeichnen die Autor_innen ‚Deutungsmuster‘ als lebensweltlich bzw. alltagstheoretisch strukturierte Reaktionsmuster auf deutungsbedürftige Handlungsprobleme. Deutungsmuster konstituieren sich in lebenspraktischen Zusammenhängen, in denen erlebte Inkonsistenzen nach dem Prinzip der Stimmigkeit als konsistent interpretiert werden. Diese Deutungen sind prinzipiell der Reflexion zugänglich, strukturieren die Wahrnehmung jedoch – im Sinne eines ‚tacit knowing‘ (Polanyi) – zumeist unbewusst (vgl. ebd., S. 41). In Unterscheidung hierzu bestimmen Fischer/Loer den Habitus als „die Grundhaltung eines konkreten Subjekts“ (ebd., S. 42) bzw. Habitusformation als eine „vom konkreten Subjekt ablösbare Systematik dieser Grundhaltung“ (ebd.). Während Deutungsmuster auf die Deutungsbedürftigkeit von Handlungsproblemen verweisen, formiert sich der Habitus entlang der Lösungsbedürftigkeit von gesellschaftlichen Strukturkonflikten und wird somit durch die ontogenetischen Krisen der milieuspezifischen Sozialisation hervorgebracht. Entsprechend wirken Habitusformationen „handlungslogisch wie Sitten“ (ebd., S. 51) und sind „lebenspraxisbestimmend“ (ebd.). In der Differenz zu Deutungsmustern sind sie nur bedingt der Reflexion zugänglich, da sie als inkorporierte, gewohnheitsmäßige Krisenlösungen der Bearbeitung von Deutungsproblemen weitestgehend vorgelagert sind (vgl. ebd. S. 53). Zentrales Anliegen der Studie ist, diese vorläufigen Begriffsbestimmungen methodologisch anhand von Fallanalysen in eine gegenstandsbezogene, empirisch fundierte begriffliche Präzisierung zu überführen und weiterzuentwickeln.
Die Thematik, die ausgewählt wurde, um die abstrakten Deutungsmuster und Habitusheuristiken materiell zu begründen, ist die Krise der Corona-Pandemie aus Perspektive der Gegner_innen der Corona-Maßnahmen. So sind für die Verfasser_innen „sowohl die Härte der Fronten als auch ihre Beschaffenheit erstaunlich und insofern erklärungsbedürftig, als die Trennlinie häufig quer durch Familien und Freundeskreise verlief und mit einer Emotionalität besetzt war, die rationale Argumentation unmöglich werden ließ“ (ebd., S. 57). Die ‚Lager‘ waren nicht an milieuspezifische Gruppen gebunden, und so „fragt es sich, durch welche Deutungen sie denn verbunden sind, in welchen Mustern diese wurzeln und inwiefern sie in Zusammenhang mit dem Habitus des Einzelnen stehen“ (ebd.). Die Corona-Pandemie wird als eine konkrete, kollektiv-historische Krisenkonstellation betrachtet, in der Deutungsmuster als grundlegende Praxisorientierungen hervorgebracht und in Relation zu den je habituellen Dispositionen der Staatsbürgerschaft in einem demokratischen Gemeinwesen gesetzt werden können. Insofern werden die Deutungsmuster der Corona-Maßnahmen-Gegner_innen als sachangemessener Gegenstand betrachtet, um „das theoretische Konzept des Deutungsmusters auf[zu]schlüsseln und die Funktion von Deutungsmustern für die Lebenspraxis auf[zu]klären“ (ebd., S. 59; Erg. M.C.).
Wie bereits angeführt, wird dem empirischen Teil eine ausführliche Einführung in den paradigmatischen Bezugsrahmen der Objektiven Hermeneutik vorangestellt. Die Autor_innen betrachten die Methode für die Erforschung des Gegenstands in besonderer Weise als geeignet, da sie auf die „Rekonstruktion strukturierter Sinngebilde“ (ebd., S. XI) abzielt, um „deren latente Strukturen“ (ebd.) aufzuschließen. Als solche latenten Sinngebilde sind Deutungsmuster zu betrachten. Dieses Kapitel ist nicht auf die Darstellung der Anwendung des Verfahrens beschränkt, sondern verknüpft die komplexen konstitutionstheoretischen Begriffe der Oevermannschen Krisentheorie mit den methodologischen Grundlagen des Forschungsdesigns und formuliert diese als Heuristik für das Fallstudiendesign aus.
Zu Beginn des empirischen Teils ist den vier Fallanalysen eine prägnante Darstellung der ‚Forschungsplanung‘, des ‚Feldzugangs‘, der ‚Datenerhebung‘ und ‚Datenauswertung‘ vorangestellt. Da die Sequenzanalysen unterschiedliche Protokollformen rekonstruieren, werden die jeweiligen Charakteristika der ‚pragmatischen Rahmung‘ – hier Buch, Brief und Forschungsinterviews – forschungsstrategisch diskutiert.
Den ersten Fall bildet das Buch ‚Wer schweigt, stimmt zu‘ (2022) der Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot. Auf Basis von Sequenzanalysen des Buchdeckels, der Gliederung und weiterer einschlägiger Stellen rekonstruieren die Autor_innen das Deutungsmuster der „libertären Selbstbezogenheit“ (ebd., S. 167) und den Habitus einer „leerlaufenden Selbstcharismatisierung“ (ebd.). Konkret ist damit eine Strukturlogik bezeichnet, in der die Ablehnung der Corona-Maßnahmen auf ein Schlüsselkonzept der „monadischen Autonomie“ (ebd., S. 168) zurückgeführt wird. Die zugrunde liegende Deutungs-Maxime lautet: „Autonom handelt, wer unabhängig von jeglichen Erwägungen und reziproken Abhängigkeiten seine Entscheidung trifft“ (ebd., S. 157). Dieses Deutungsmuster erscheint in der wechselseitigen Stabilisierung mit dem Habitus „abgeschotteter Gewissheit“ (ebd., S. 167).
Den zweiten Fall bildet ein offener Brief des pensionierten Richters Manfred Kölsch. Adressiert an den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier begründet der Jurist seine Rückgabe des Bundesverdienstkreuzes im Zuge des Protestes gegen die Corona-Politik der Bundesregierung. Analog zum Fall Guérot wird durch die Sequenzanalyse der Strukturtyp der ‚libertären Selbstbezogenheit‘ rekonstruiert. Im Unterschied hierzu zeigt sich eine andere habituelle Einbettung – die in der beispielhaft genannten Strukturmaxime „‚Im Zweifel habe ich Recht und greife furchtlos entsprechend in das Geschehen ein.‘“ (ebd., S. 224) zum Ausdruck kommt. ‚Monadische Autonomie‘ bedeutet in diesem Fall die durch das Deutungsmuster verdeckte Inkonsistenz, dass das Selbstverständnis als rechtschaffender, engagierter Bürger, der für das Gemeinwohl eintritt, mit einem Habitus der „durchblickerhaften Selbstüberhöhung“ (ebd.) handlungslogisch nicht als kongruent erscheinen kann.
Der dritte und vierte Fall ist durch Forschungsgespräche dokumentiert, die mit Frau ‚Reinhold‘, Mitglied einer privaten Gruppe von Corona-Maßnahmen-Gegnerinnen, und Herrn ‚Zunder‘, Unternehmer, geführt wurden (beide Namen anonymisiert). Wie in den vorhergehenden Fällen zeigt sich strukturlogisch das Deutungsmuster der ‚libertären Selbstbezogenheit‘ in einem differenzierten Verhältnis zum Habitus. ‚Monadische Autonomie‘ bedeutet im Fall von Frau Reinhold, dass die ideologische Vergemeinschaftung mit anderen Maßnahmen-Gegner_innen als unverbindliches Surrogat für fehlende reziproke Intim-Beziehungen fungiert (vgl. ebd., S. 225 ff.). Im Fall von Herrn ‚Zunder‘ kommt die Paradoxie zum Ausdruck, dass einerseits die Gefahren der Pandemie bagatellisiert und als Freiheitsbeschneidung beurteilt werden, obwohl gleichzeitig durch den Verkauf von Tests, Impfungen und Schutzmasken hoher Profit geschlagen wird, der zugleich auch mit einer Selbstprofilierung zugunsten gesellschaftlicher Anerkennung einhergeht (vgl. ebd., S. 278 ff.).
Die abschließende Ergebnisdarstellung erfolgt in Bezug auf die methodologische und die inhaltliche Fragestellung. Sowohl in Hinblick auf den Deutungsmuster‑ als auch auf den Habitusbegriff werden die zugrunde gelegten heuristischen Annahmen anhand der empirischen Ergebnisse geprüft, differenziert diskutiert und theoretisch weiterentwickelt. Ohne die komplexe Diskussion an dieser Stelle abbilden zu können, wird auf Basis der empirischen Sättigung der Deutungsmuster-Begriff folgendermaßen präzisiert: ‚Deutungen‘ sind auf ‚Deutungsregeln‘ zurückzuführen. ‚Inkonsistenzen‘ leiten sich aus einem ‚Schlüsselkonzept‘ ab, das sich aus ‚Prinzipien‘ entfaltet, „die die Inkonsistenzen überblenden und damit für den Fall zum Verschwinden bringen. Die Deutungsregeln stellen hierbei eine Selektion aus einem Schlüsselkonzept eröffneten Spielraum dar“ (ebd., S. 364). Korrespondierend hierzu lässt sich der ‚Habitus-Begriff‘ als eine ‚Typik von Handlungsregeln‘ bezeichnen, die ‚(unausgesprochene) Maximen der Lebensführung‘ hervorbringt, denen im Zweifel (ohne bewussten Willen) gefolgt wird. Im konkreten Bezug zur Corona-Krise zeigt sich in der Strukturgeneralisierung, dass das Deutungsmuster der ‚libertären Selbstbezogenheit‘ auf eine Souveränitätsfiktion verweist, in der ein funktionierender Staat gefordert, aber Solidaritätsverpflichtungen, sofern sie die eigene (nicht reziprok gedachte) Autonomie tangieren, als autoritäre Bevormundung betrachtet werden (vgl. S. 390).
Diskussion
Die Diskussion des Werkes kann auf mehreren Ebenen vollzogen werden. Zunächst zur Frage, ob die Autor_innen dem Anspruch eines Lehrbuches zur Einführung in zentrale Gegenstände der Objektiven Hermeneutik vorzulegen gerecht werden? M. E. entspricht insbesondere das erste Kapitel, als allgemeine Einführung in die Methodologie, dieser Zielsetzung. Das Forschungsparadigma wird prägnant und umfassend in allen wesentlichen Aspekten dargestellt (Entstehungsgeschichte, Konstitutionstheorie, Methodologie und Kunstlehre), sodass Interessierte auch losgelöst von der spezifischen Fragestellung das Werk zur Einarbeitung in die Objektive Hermeneutik heranziehen können. Ebenso ist das Studium einzelner Fallanalysen bestens geeignet, um das forschungspraktische Vorgehen nachzuvollziehen und die Logik der Sequenzanalyse zu begreifen. Die Studie ist eine gute begleitende Lektüre, wenn sie in einzelnen Abschnitten in Lehrveranstaltungen integriert und durch fachkundige Dozierende vermittelt wird. Hilfreich ist dazu das Glossar. Mit konventionellen Lehrbüchern, die aufgrund einer didaktischen Vorstrukturierung Studierenden oft zum Selbststudium an die Hand gegeben werden, ist die Publikation – auch aufgrund des Umfangs von 460 Seiten – nicht zu vergleichen. Dafür ist das Werk (wissenschaftstheoretisch) zu komplex. In diesem Zusammenhang stellt sich jedoch die grundsätzliche Frage nach Sinn und Unsinn ‚didaktisierter‘ Lehrbücher, da hier bisweilen einer verschulten sowie häufig substanzlosen ‚Kompetenzorientierung‘ Vorschub geleistet wird. Dass die Darstellung „in vielen Passagen als äußerst verwickelt, kompliziert im Wortsinne“ (ebd., S. 393) erscheint, rechtfertigen Fischer/Loer im Epilog letztlich mit dem Kriterium der Sachangemessenheit. In diesem Kontext können die zahlreichen Exkurse und Fußnoten kritisch im Hinblick auf den Lesefluss beurteilt oder als eine besonders elaborierte Form des Ringens um die ‚Anstrengung des Begriffes‘ (Hegel) gewürdigt werden. Dies kann letztlich jede/r Leser_in für sich selbst beurteilen.
Auf der methodologischen Ebene ist die Frage zu diskutieren, ob die Autor_innen ihrem Anspruch der empirischen Fundierung und Präzisierung der Begriffe ‚Deutungsmuster‘ und ‚Habitus‘ entsprechen können? Die Autor_innen entwickeln die Rekonstruktion mit einer umfassenden Sachkenntnis der Gegenstände und einem ambitionierten methodischen Programm, das dem selbstgesetzten Anspruch Rechnung trägt. Die Fallanalysen sind akribisch und differenziert dargestellt. Veranschaulicht werden die Ergebnisse durch schematische Schaubilder. Den Autor_innen gelingt es, die gegenstandsbezogene Thematik der Corona-Krise zur Exemplifizierung heranzuziehen, sie hierbei aber zugunsten der allgemeinen methodologischen Fragestellung zu abstrahieren. In vielen Aspekten bekräftigen die empirischen Strukturen die theoretischen Vorannahmen der Modelle und entwickeln somit eine ‚begründende‘ Funktion, wenn zugleich hinsichtlich beider Begriffe ‚offene Punkte‘ angestoßen werden, die Anlass zu weiteren methodologischen Diskussionen liefern, bspw. die ‚Differenz von Deutungsmustern zu psychischen Formationen‘ oder ‚Fragen zur sozialisatorischen Genese von Habitusformationen‘.
Damit ist abschließend auf der inhaltlichen Ebene die Frage zu diskutieren, ob durch die Fallstudien substanzielle Erkenntnisse im Hinblick auf die Corona-Maßnahmen-Gegnerschaft herausgearbeitet werden? Die Studie rekonstruiert äußerst detailliert die Deutungs‑ und Handlungsprobleme angesichts der Corona-Krise und kontextualisiert diese anhand von zahlreichen historischen, soziologischen und politischen Exkursen. Aufgrund der in der Rezension verknappten Darstellung der Fallbeispiele kann der Eindruck einer einseitig defizitären Problematisierung der Kritik an Corona-Maßnahmen entstehen. Im Lichte des herausgearbeiteten Strukturtyps des Deutungsmusters der ‚libertären Selbstbezogenheit‘ mit dem Schlüsselkonzept der ‚monadischen Autonomie‘, entkräftet sich dieses Bild. Sequenzanalytisch kann lückenlos nachgewiesen werden, dass kollektive Deutungsregeln einen Typus von Staatsbürgerschaft hervorbringen, der verfassungsgemäße Rechte für sich und die ideologisch Gleichgesinnten geltend macht, jedoch allgemeine solidargemeinschaftliche Pflichten als Bevormundung erlebt, wenn sie die eigene Freiheit als nicht reziprok gedachte Souveränitätsfiktion begrenzen. Aus demokratietheoretischer Perspektive ergibt sich hiermit ein aufschlussreiches Modell, das sicher für Anschlussforschungen zu Krisen des gesellschaftlichen Zusammenhalts (bspw. in Debatten um Migration, Geschlecht und Ökologie) von Bedeutung ist. Diese Anschlussperspektiven werden in der Publikation aufgrund des Gegenstandsfokus nur knapp beleuchtet. Offen bleibt zudem die Frage – dies konstatieren die Autor_innen selbstkritisch als Erkenntnisdesiderat –, unter welchen sozialisatorischen Voraussetzungen sich die milieuspezifischen, divergierenden Habitusformationen herausgebildet haben und welche Bedingungen dazu führen, dass dennoch ein kollektiv kohärentes Deutungsmuster zur Geltung kommt. An dieser Stelle wären u.a. von der Biografie-Forschung interessante Erkenntnisse zu erwarten.
Fazit
Ute Fischer und Thomas Loer haben mit ihrem Werk ein anspruchsvolles und ambitioniertes Werk zur Vermittlung und Weiterentwicklung der objektiv-hermeneutischen Methodologie vorgelegt. Die Lektüre bietet plastische Einblicke in die Logik rekonstruktiver Sozialforschung am Beispiel eines kontrovers geführten Diskurses zu Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Die Publikation wird für zukünftige Forschungen, die auf Deutungsmusteranalysen und/oder Habitusrekonstruktionen abzielen, ein wichtiges Referenzwerk sein, da hier eine umfassende und empirisch fundierte Explikation der Gegenstände vorgelegt ist.
Rezension von
Dr. Moritz Czarny
Lehrkraft für besondere Aufgaben an der HTW Saar, Fakultät für Sozialwissenschaften; B.A. Soziale Arbeit und Pädagogik der Kindheit, M.A. und Promotion in Erziehungswissenschaft an der JGU Mainz
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