Suche nach Titel, Autor:in, Rezensent:in, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Iris Beck, Dabiel Franz: Lebenslagen von Menschen mit komplexen Beeinträchtigungen

Rezensiert von Dipl. Soz.-Päd. Franziska Günauer, 03.08.2026

Cover Iris Beck, Dabiel Franz: Lebenslagen von Menschen mit komplexen Beeinträchtigungen ISBN 978-3-17-040720-6

Iris Beck, Dabiel Franz: Lebenslagen von Menschen mit komplexen Beeinträchtigungen. Handlungsspielräume für eine individuelle Lebensführung in Wohnangeboten. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2025. 392 Seiten. ISBN 978-3-17-040720-6. 49,00 EUR.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB.

Kaufen beim socialnet Buchversand
Kaufen beim Verlag

Thema

Das vorliegende Buch stellt die Konzeption, die Durchführung und die Ergebnisse der von 2017 bis 2021 durchgeführten IMPAK-Studie (Implementation von Partizipation und Inklusion für Menschen mit komplexen Beeinträchtigungen – Determinanten für Handlungsspielräume und bedarfsgerechte Unterstützungssettings) dar. Drittmittelgeber bis Ende 2020 war das Bundesministerium für Arbeit und Soziales.

Autor:innen

Hauptautor:innen sind Dr. Iris Beck, Professorin für Allgemeine Grundlagen und Soziologie am Arbeitsbereich Pädagogik bei Behinderung und Benachteiligung an der Universität Hamburg und Dr. Daniel Franz, Professor für gesundheitsbezogene Soziale Arbeit an der Medical School Hamburg. Daneben waren fünf weitere Autor:innen beteiligt.

Entstehungshintergrund

Entstehungshintergrund ist, dass zwischen 2005 und 2012 in Hamburg vermehrt ambulante Wohnplätze geschaffen und stationäre Wohnangebote abgebaut wurden. Hiervon sollten auch Menschen mit sogenanntem „hohen Hilfebedarf“ profitieren. Ziel der Studie war zu erfassen, wie die aktuelle Lebenssituation dieser Zielgruppe ist.

Aufbau

Auf die Einleitung folgen sieben Kapitel. In den ersten Kapiteln werden historische Kontexte erläutert, weiter werden aktuelle Konzepte und teilhabepolitische Grundlagen dargestellt. Anschließend werden die IMPAK-Studie sowie die Untersuchungsstandorte vorgestellt. Es wird diskutiert, was unter einer komplexen Behinderung verstanden wird und welche Exklusionsrisiken hierdurch bestehen. Darauf folgt eine Darstellung der Ergebnisse aus der Befragung von Mitarbeitenden aus den an der Studie beteiligten Einrichtungen. Es werden zentrale Erkenntnisse der teilnehmenden Beobachtung von Menschen mit Behinderung vorgestellt. Abschließend werden Handlungsspielräume zur Verbesserung von Lebenslagen erörtert.

Inhalt

In einem Vorwort wird u.a. den beteiligten Personen gedankt. Auf das Inhaltsverzeichnis folgt ein Glossar, in dem zentrale Begriffe vorgestellt und kritisch diskutiert werden.

Daran schließt sich die Einleitung an, in der dargestellt wird, dass Anlass der Studie war, dass durch die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen Verbesserungen der Lebenssituation sämtlicher Betroffener erzielt werden sollten, jedoch faktisch Menschen mit komplexen Beeinträchtigungen nur wenig profitiert hätten. „Herzstück“ der Publikation seien „differenzierte empirische Einblicke in die Lebenslagen“ der Betroffenen, die gewonnen wurden durch „Interviews mit Geschäftsführungen und Leitungskräften, Dokumentenanalysen, eine[r] Mitarbeiterbefragung und intensive[n] Alltagsbeobachtungen“ (S. 18) an zehn Untersuchungsstandorten in fünf Bundesländern über einen Zeitraum von drei Jahren.

Das erste Kapitel wurde von Iris Beck verfasst und ist überschrieben mit „Lebenslage und komplexe Beeinträchtigung – zum Erhalt von 'Lebenschancen aus der gesellschaftlichen Produktion als Sozialgüter' (Zitat von Ferber 1977, S. 31)“ (S. 21). In diesem Kapitel werden die historischen Entwicklungen in der Betreuung von Menschen mit Behinderungen aufgezeigt. Daran schließen sich eine Vorstellung von Konzepten von Behinderung sowie deren Verortung in der UN-BRK, dem Sozialrecht und der Sozialberichtserstattung an. Aufgezeigt wird, „wie Lebenslagen sozialpolitisch gesteuert und personenbezogene Dienstleistungen organisiert werden“ (S. 18). Diskutiert wird, was unter einer „komplexen Beeinträchtigung“ verstanden wird. Der Lebenslagenansatz wird vorgestellt und in Beziehung gesetzt zu Leistungssteuerung, ‑organisation und ‑erbringung.

Im zweiten Kapitel werden von Iris Beck und Daniel Franz die „Ausgangslage, Ziele und Vorgehensweise der IMPAK-Studie“ vorgestellt (S. 72). Hier wird u.a. auch die Bedeutung des Bundesteilhabegesetzes erörtert, das zahlreiche Änderungen nach sich zog.

Das dritte Kapitel ist überschrieben mit „Organisiert(es) Wohnen – Einblicke in Entwicklung und Strukturen der Untersuchungsstandorte und die Lebensbedingungen der Adressat:innen“ (S. 101). Verfasst wurde das Kapitel von Iris Beck, Daniel Franz, Henning Karten, Jessica Meyn und Katharina Sipsis. Es werden die Untersuchungsstandorte vorgestellt, sowohl deskriptiv als auch in einer Tabelle (S. 105). Dabei wird auf Anonymisierung geachtet, sodass eine Zuordnung zu konkreten Trägern oder Bundesländern nicht möglich erscheint. Aspekte wie Finanzierungsformen und Leistungstypen, aber auch „Ausschluss‑ und Aufnahmekriterien in Leistungsvereinbarungen und Konzeptionen“ (S. 107) werden dargestellt. Ebenso finden sich demographische Daten zu den Adressat:innen (S. 111–112). Weiter werden Strukturen auf Seiten der Wohnanbieter vorgestellt.

Mit „Bedarfslagen, Leistungssystematiken und Angebotsstrukturen – zur Makro-Ebene der Leistungssteuerung“ ist das vierte, von Daniel Franz und Katharina Sipsis verfasste Kapitel überschrieben (S. 150). Ein Thema dieses Kapitels ist die Frage, was unter einer „komplexen Beeinträchtigung“ verstanden wird. Davon ausgehend wird die Bedarfslage erörtert. Weiter werden Probleme der sozialräumlichen Steuerung und die zahlreichen Gründe, warum komplexe Behinderung ein „verschärftes Exklusionsrisiko“ ist diskutiert (S. 187). Beleuchtet werden „unter dem Fokus der Implemantation bedarfsgerechter Unterstützung die Prozesse der Leistungssteuerung auf der Makro-Ebene der Leistungsträger“ (S. 18).

Das fünfte Kapitel ist überschrieben mit „Handlungssicherheit, ‑fähigkeit und Fachlichkeit – zur Meso-Ebene der Leistungserbringung aus Sicht der Mitarbeiter:innen“ (S. 202) und wurde von Iris Beck, Nicole Franke und Henning Karten verfasst. In diesem Kapitel wird die Haltung der Mitarbeitenden in den untersuchten Wohnangeboten bezüglich ihrer „Leistungserbringung“ beleuchtet sowie deren Rollenverständnis und deren Qualifikation. Weiter werden die konkreten Tätigkeiten der Mitarbeitenden und die Belastungen und Herausforderungen, die den Mitarbeitenden begegnen, fokussiert.

„Alltägliche Lebensführung – Handlungsspielräume von Menschen mit komplexen Beeinträchtigungen auf der Mikro-Ebene“ (S. 279) lautet die Überschrift des sechsten Kapitels, verfasst von Magdalena Birnbacher, in dessen Zentrum die Ergebnisse der teilnehmenden Beobachtung stehen. In diesem Kapitel wird dargestellt, wie das Alltagsleben der Adressat:innen aussieht und welche Bedürfnisse sie haben. Die Unterstützungsbedarfe der Adressat:innen werden vorgestellt und weiter in welchem Zusammenhang hiermit Restriktionen stehen und wie eine Öffnung und Begrenzung von Handlungsspielräumen aussehen kann. Im Mittelpunkt steht hierbei die Interaktion zwischen den Menschen mit Behinderung und den Mitarbeitenden.

Das Buch schließt mit dem siebten Kapitel, überschrieben mit „Handlungsspielräume eröffnen – Lebenslagen verbessern“ (S. 347), verfasst von Iris Beck und Daniel Franz. In diesem Kapitel werden die vielfältigen Ergebnisse der Studie dargestellt, diskutiert und kontextualisiert.

Diskussion

Es ist beeindruckend, wie tiefschürfend relevante Themen in diesem 392 Seiten umfassenden Werk diskutiert werden. Es ist unverkennbar, dass das Buch in einem akademischen Kontext entstanden ist und sich an dort verorteten Diskursen orientiert. Die Ausführungen bewegen sich auf einem vergleichsweise hohen Abstraktionsniveau mit einer hohen konzeptionellen Komplexität.

Die Menschen, zu deren Lebenssituation geforscht wurde, wurden mit Flyern und Plakaten informiert, dass über sie geforscht wird (vgl. Universität Hamburg, Materialien), doch es war im Rahmen dieser Studie nicht vorgesehen, sie aktiv mit einzubeziehen (außer als Beobachtete im Rahmen der teilnehmenden Beobachtung). Damit handelt es sich um eine vergleichsweise traditionelle Form des Forschens über eine Zielgruppe, was seine Legitimation hat. Jedoch wirkte auf mich irritierend, dass gleichzeitig in dem Buch mehrfach betont wurde, dass diese Menschen zu wenig einbezogen werden in Dinge, die sie und ihr Leben betreffen. Zunehmend stärker wird gefordert, dass Forschung für die Betroffenen relevant sein muss und diese zudem partizipativ miteinbezogen sein sollten (vgl. z.B. KOMMIT 2026 und DZPG 2026).

Trotz mehrfachem Lesen erschloss sich mir nicht, was die Ergebnisse oder Konsequenzen aus der Studie sind. Es werden zwar zahlreiche Aspekte benannt, wie z.B. „Dreh‑ und Angelpunkt für die Verbesserung der Lebenslagen [ist] die massiv voraussetzungsvolle Einschätzung und Interpretation des vorliegenden Bedarfs“ (S. 385) und „insgesamt, ob in Sachen Partizipation, Sozialraumorientierung oder Netzwerkförderung, besteht ein Missverhältnis zwischen dem, was fachlich an Zielen und Zielumsetzung gefordert wird, und dem, was an abgestützten, wirksamen und entwicklungs‑ und situationsangemessenen Methoden, Verfahren und Konzeptionen zur Verfügung steht“ (S. 388), jedoch hätte ich eine noch konkretere Beschreibung des Outputs hilfreich gefunden. Aus meiner Sicht wird zu wenig benannt, dass vollumfängliche Teilhabe oftmals an Finanzierungsfragen scheitert. Dieses Thema nimmt aufgrund der Relevanz in aktuellen Berichten in der Presse und anderen relevanten Medien viel Raum ein (vgl. z.B. Rudolf 2025 und von Hardenberg 2026). Auch andere Aspekte, die aus meiner Sicht Teilhabe einschränken oder gar verhindern können, wie z.B. der hohe Personalmangel oder vermehrtes Ausbrennen und damit Ausfallen der oftmals überlasteten Beschäftigten, werden nur in vergleichsweise kurzen Abschnitten und eher als Nebenthema in dem Buch erwähnt.

Fazit

Das Buch befasst sich mit der Lebenssituation von Menschen mit sogenannten komplexen Beeinträchtigungen sowohl in besonderen Wohnformen („stationär“) als auch in ambulant betreuten Wohnangeboten. Der Text bewegt sich auf einem hohen theoretischen Niveau und ist intellektuell anregend, der konkrete Nutzen für die Praxis und insbesondere für die Betroffenen erschließt sich (mir) jedoch nur begrenzt.

Quellenangaben

Deutsches Zentrum für Psychische Gesundheit (2026): Partizipation in Gremien. Beteiligungsmöglichkeiten. URL: https://www.dzpg.org/partizipation/​partizipation-in-gremien, abgerufen am 09.07.2026

KOMMIT Deutschland (2026): Forschungskompass Mentale Gesundheit. URL: https://kommit-deutschland.de/, abgerufen am 09.07.2026

Rudolf, Philipp (2025): Die Eingliederungshilfe wird zur Kostenfalle. In der Debatte um die desaströsen Kommunalfinanzen wird immer wieder das Bundesteilhabegesetz genannt. URL: https://www.staatsanzeiger.de/nachrichten/​politik-und-verwaltung/​die-eingliederungshilfe-wird-zur-kostenfalle/, abgerufen am 09.07.2026.

Universität Hamburg (o.A.J.): Materialien und Informationen. Flyer und Plakat für Bewohnerinnen und Bewohner. URL: https://www.ew.uni-hamburg.de/einrichtungen/ew2/paed-bei-behinderung-und-benachteiligung/​forschung/​impak/​materialien.html, abgerufen am 09.07.2026.

von Hardenberg, Nina (2026): Sparpläne des Bundes. Gesundheitsreformen könnten Kommunen teuer zu stehen kommen. URL: https://www.sueddeutsche.de/bayern/​bundesplaene-bayern-kommunen-finanzlage-pflegekosten-li.3508627, abgerufen am 09.07.2026.

Rezension von
Dipl. Soz.-Päd. Franziska Günauer
Diplom-Sozialpädagogin, Erziehungswissenschaftlerin (MA), berufstätig als Pädagogin auf der Station für Menschen mit geistiger Behinderung, Autismus und anderen Entwicklungsstörungen des ZfAE des kbo-Isar-Amper-Klinikums, Region München
Mailformular

Es gibt 18 Rezensionen von Franziska Günauer.

Zitiervorschlag anzeigen Besprochenes Werk kaufen

Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Sponsoren

Wir danken unseren Sponsoren. Sie ermöglichen dieses umfassende Angebot.

Über die socialnet Rezensionen
Hinweise für Rezensent:innen | Verlage | Autor:innen | Leser:innen sowie zur Verlinkung

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245