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Annette Vanagas: Lernen als soziale Praxis

Rezensiert von Dr. Monika Wilkening, 03.07.2026

Cover Annette Vanagas: Lernen als soziale Praxis ISBN 978-3-8252-6621-9

Annette Vanagas:Lernen als soziale Praxis – Interaktion, Kommunikation und Intervention. Ein Lehrbuch für Lehramt, Erziehungswissenschaft und soziale Berufe. Verlag Barbara Budrich GmbH ( Opladen, Berlin, Toronto) 2026. 446 Seiten. ISBN 978-3-8252-6621-9. D: 44,90 EUR, A: 46,20 EUR, CH: 55,90 sFr.

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Thema

Das Lehrbuch für Studierende beinhaltet zentrale Theorien und gesellschaftliche Herausforderungen sozialer Interaktion und Kommunikation, geprägt von sozialen Ordnungen, Ungleichheiten und Ausgrenzungen. Es wird erklärt, wie soziale Wirklichkeit konstruiert ist und welche Dynamik von Diskriminierung und Polarisierung sowie welche Strategien der Prävention und Intervention dahinterstehen.

Autorin

Dr. Annette Vanagas, Sozialpsychologin und Geschlechterforscherin, ist Dozentin an der Universität Köln.

Entstehungshintergrund

Dieses Buch ist im Zeichen weltweiter Konflikte, einfacher Welterklärungen und anderer aktueller Phänomene entstanden in den Seminaren der Autorin sowie durch eigene und studentische Recherchen der aktuellen Forschung, sozusagen eine Ko-Konstruktion von Bedeutung, kollektivem Denken, kollektiven Irritationen, geteilten Erkenntnissen. Jede/jeder einzelne Lernende wird aber auch in/ihrer/​seiner Individualität gesehen, gehört, herausgefordert. Das Buch ist eine Synergie und Reflexion eines gemeinsamen Lern‑ und Denkprozesses.

Die universitäre Lehre bedeutet für die Autorin die Möglichkeit zur Selbstermächtigung, zu kritischem Denken und daraus zur gesellschaftlichen Teilhabe. Universitäre Lehre geht über reinen Wissens‑ und Kompetenzerwerb hinaus, weil Lernende zu anderen Menschen erwachsen können.

Es basiert auf langer Erfahrung der Autorin in Lehre, Forschung, Praxis und Auseinandersetzungen mit Konflikten. Die Autorin versteht sich als demokratisch, menschenrechtsorientiert, kritisch, sachlich, aber auch subjektorientiert, beziehungsbasiert, machtkritisch.

Eigene Bildung eines jeden Menschen versteht die Autorin als Prozess, der auch hier im Buch weder anfängt noch aufhört

Aufbau

Das Buch ist in drei Teile gegliedert:

  1. Soziale Interaktion und Kommunikation
  2. Gesellschaftliche Spannungsfelder
  3. Prävention und Intervention

Inhalt

Im 1. Teil werden theoretische Grundlagen erläutert: Lebenswelttheorie und Systemtheorie über soziale Interaktionen, soziale Ordnung und gesellschaftliche Strukturen und wie die symbolische Ordnung der Gesellschaft entsteht.

Beispielsweise wird hierzu in einem Kapitel die Macht der Unwissenheit in seiner These mit dem aktuellen Forschungshintergrund diskutiert (S. 101–105), so das sich Verlassen auf ExpertInnenwissen, das Zeitalter der Unwissenheit, Vernachlässigung von Wissen, Zensur, Verwirrung durch Wissensüberflutung, Geheimhaltung, Selektion von Wissen, schließlich Unwissenheit. In Unterabschnitten geht es um bewusste Ignoranz und Unwissenheit als persönliche Entscheidung, als selbstbestimmter Akt, was für das Individuum bestimmte positiv erwartete Konsequenzen haben kann.-

In letzten Kapitel zur sozialen Interaktion und Kommunikation geht es um Anerkennung (S. 121–128), die zentral für das Selbstverständnis des Egos ist und die stets im inneren Monolog mit sich selbst und äußeren Dialog mit anderen entsteht. Verschiedene Arten von Missachtung durch fehlende Anerkennung werden diskutiert.

Im 2. Teil werden konkrete soziale Probleme und Konflikte betrachtet (mit sozialpsychologischen Theorien, Vorurteile, Diskriminierungen, intersektionalen Verschränkungen und ihren Auswirkungen auf Selbstbilder und Zugehörigkeitsgefühle, ebenso verschiedene Arten der Diskriminierung, Identitätspolitik, Kampf um Umgang mit kontroversen Debatten, moderne Herausforderungen von Fake News, Alternativen Fakten, Verschwörungstheorien, Desinformation.

Beispielsweise gibt es bzgl. der Arten von Diskriminierung ein Kapitel zu sprachlichen Herabwürdigungen (S. 221–246): Beleidigung, Hassrede, Pejorisierung, sprachliche Diskriminierung, Verbalradikalismus sind allesamt Strategien des sprachlichen Herabwürdigens. Dieses Kapitel schließt mit einem Exkurs zur Sprachlosigkeit ab, der Resistenz, sich den sprachlichen Herabwürdigungen zu widmen.

Ein anderes ausführlich behandeltes Beispiel stellt sich die Frage, ob wir in einer postfaktischen Zeit leben (S. 278–300). Verschwörungstheorien, Fake News, Alternative Fakten, Desinformation werden in ihren Unterschieden dikutiert.

Im 3. Teil geht es um Verwundbarkeit und Verantwortung, aber auch Toleranz Gerechtigkeit, den Social-Justice-and Radical-Diversity-Ansatz als mögliche Lösung, sprachliche Interventionspraxis; Praxen für persönliche Kommunikation, Konkrete Handlungsempfehlungen: Resonanzpädagogik, Anti-Bias-Ansatz, Ambiguitätstoleranz, Empowerment, Affirmative Action.

Beispielsweise wird in dem Unterkapitel Verantwortung (S. 332–338) die Eigenverantwortung diskutiert als individuelle wie kollektive. Selbstsorge und Fürsorge dienen zur Erlebnisverarbeitung von dem beschädigten Selbst und auch zur Selbstreflexion. Resilienz soll gegen verschiedene Stressorentypen aufgebaut werden. Wokeness wird erklärt als erhöhte Wachsamkeit gegenüber Arten von Diskriminierung.

Das Lehrbuch schließt mit Maßnahmen und Strategien zur Intervention bei Diskriminierung (S. 436–445), die Benachteiligungen in sozialen, politischen, institutionellen Kontexten erkennen, hinterfragen, abbauen. Die zentralen Ansätze von Empowerment (Stärkung der Handlungsmacht, Selbstbestimmung von Betroffenen, Aufzeigen von Handlungsalternativen bei Tätern) und Affirmative Action (institutionelle Maßnahmen, die bestehende strukturelle Benachteiligung durch Förderung von Chancengleichheit und Ausgleich von Ungleichheiten reduzieren können)bieten Handlungsansätze.

Diskussion

Theoretisch und praxisorientiert kann dieses Buch in Schule, Sozialer Arbeit und Pädagogik helfen, ein tiefes Verständnis der sozialen Wirklichkeit zu vermitteln, um in schwierigen Zeiten handlungsfähig zu bleiben und eigene professionelle, reflektierte und verantwortliche Haltung bewahren

Die Schlusssätze aus dem Vorwort resümieren treffend den Tenor und die Zielsetzung: „Wenn dieses Buch dazu beiträgt, genauer hinzusehen, differenzierter zu sprechen, Konflikte nicht zu scheuen und Verantwortung nicht abzugeben, dann hat es sein Ziel erreicht. In einer Zeit zunehmender sozialer Kälte setzt es auf Beziehung, Anerkennung und die Zumutung der Reflexion. Dieses Buch ist eine Einladung, handlungsfähig zu bleiben – gerade jetzt.“(S. 13)

Die aktuelle Forschung mit wesentlichen Theorien zur jeweiligen Thematik wird sehr detailliert referiert und diskutiert. Durch die umfangreichen Abbildungen im Buch, die das Gesagte illustrieren und resümieren, und digitale Zusatzmaterialien mit Reflexionsfragen, Diskussionsanregungen und offenen Aufgaben, vertiefende Texte, Übungen; Zusatzmaterial entlang der Kapitel strukturiert, kann das Buch flexibel genutzt werden in Workshops wie zum Selbststudium. Insbesondere die Reflexionsübungen regen an, das theoretische Wissen mit der eigenen Biografie zu verschränken und so eine Selbstreflexion anzuleiten. Das Zusatzmaterial ist integraler Bestandteil des gesamten didaktischen Konzepts

Mit QR-Code ist ein sehr ausführliches Literaturverzeichnis von 33 Seiten neuester Forschungsliteratur erreichbar.

Fazit

Dieses Lehrbuch für Studierende der Sozialen Arbeit und ähnlicher Fächer diskutiert detailliert die neueste Forschung über viele unterschiedliche Aspekte sozialer Wirklichkeit in Zeiten großer Herausforderungen, um Lesende zu befähigen, verantwortlich zu handeln.

Rezension von
Dr. Monika Wilkening
Oberstudienrätin i.R., Fortbildnerin und Autorin
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Es gibt 19 Rezensionen von Monika Wilkening.

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ISSN 2190-9245