Suche nach Titel, Autor:in, Rezensent:in, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Torsten Linke, Jens Borchert (Hrsg.): Leaving Care

Rezensiert von Prof. Dr. Tim Middendorf, 17.07.2026

Cover Torsten Linke, Jens Borchert (Hrsg.): Leaving Care ISBN 978-3-8474-3402-3

Torsten Linke, Jens Borchert (Hrsg.): Leaving Care. Übergänge gestalten und begleiten: Ein Lehr- und Praxishandbuch für die Soziale Arbeit. Verlag Barbara Budrich GmbH ( Opladen, Berlin, Toronto) 2026. 266 Seiten. ISBN 978-3-8474-3402-3. D: 34,00 EUR, A: 35,00 EUR.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB.

Kaufen beim socialnet Buchversand
Kaufen beim Verlag

Thema

Torsten Linke und Jens Borchert präsentieren als Herausgeber einen Sammelband, der als Lehr‑ und Praxishandbuch verschiedene Beiträge zum Thema Leaving Care beinhaltet. Sie benennen direkt zu Beginn: „Der Sammelband widmet sich aus multiperspektivischer Sicht dem Thema Leaving Care und damit dem Prozess des Verlassens einer Unterstützungsform der Kinder‑ und Jugendhilfe und des Übergangs in ein eigenständiges Leben“ (Borchert und Linke, S. 8). Der Sammelband vereint diesbezüglich theoretische und praktische Perspektiven sowie Sichtweisen von jungen betroffenen Menschen.

Herausgeber

Prof. Dr. Torsten Linke hat die Professur für Sozialarbeitswissenschaft mit Schwerpunkt Einzelfallhilfe an der HTWK Leipzig inne.

Prof. Dr. Jens Borchert vertritt die Professur für Sozialarbeitswissenschaft an der Hochschule Merseburg.

Entstehungshintergrund

Die Herausgeber benennen im Buch, dass die Idee des Sammelbands auf einem an der Hochschule Zittau-Görlitz durchgeführten und vom Sächsischen Landtag mitfinanzierten Forschungsprojekt zum Thema „Care Leaver* – Bedarfe und Erfordernisse beim Übergang in das Erwachsenenleben“ (Borchert und Linke, S. 8) basiert. Der Sammelband unterstützt nun eine weitere Auseinandersetzung mit dem Thema durch den Einbezug weiterer Erkenntnisse aus Wissenschaft, Praxis und von Care Leaver*innen (Borchert und Linke, S. 9).

Aufbau

Der Aufbau des Werks orientiert sich am Konzept eines Lehr‑ und Praxishandbuchs für die Soziale Arbeit. Nach einer kurzen kontextualisierenden Einführung durch die Herausgebenden ist der Sammelband in Teil 1 (Theoretische Grundlagen) und Teil 2 (Praxisorientierte Perspektiven) sowie abschließende Autor*innenangaben gegliedert. Der erste Teil umfasst insgesamt acht Beiträge und der zweite Teil sieben Beiträge. Bis auf die Einführung und den letzten Beitrag im Buch besitzen alle Texte eine Kurzzusammenfassung zu Beginn sowie didaktische Kästen mit „Fragen zum Weiterdenken“ und „Tipps zum Weiterlesen“ am Ende.

Inhalt

Im Sammelband sind verschiedene Beiträge zusammengestellt, die einen gemeinsamen Nenner haben: Die Thematisierung des Verlassens einer Unterstützungsform der Kinder‑ und Jugendhilfe junger Menschen und die Betrachtung des Übergangs in das weitere Leben.

Den ersten Teil „Theoretische Perspektiven“ eröffnet Torsten Linke mit einem Überblick über die aktuelle Situation des Leaving Care in Deutschland. Er folgt in seinem Beitrag leitenden Fragestellungen zum aktuellen Stand zu Leaving Care, zu den grundlegenden Rechten von Care Leaver*innen und zu besonderen Herausforderungen für die betroffenen Menschen anhand ausgewählter Forschungsergebnisse. Im Stil eines Lehr‑ und Praxishandbuchs präsentiert Torsten Linke die angekündigten Themenfelder prägnant und schafft einen nachvollziehbaren Überblick über aktuelle Diskurse. Die Einbindung empirischen Materials durch Interviewzitate zweier junger Menschen schafft ein Verständnis für individuelle Perspektiven auf das hochkomplexe Thema. Der Autor spricht sich dafür aus, dass Jugendliche schon in der Phase in der Kinder‑ und Jugendhilfe unter anderem durch eine stärkere Beteiligung empowert werden, um auch in der Übergangsphase ihre Rechte einzufordern und die Gestaltung des Übergangs kompetent zu gestalten. Als Möglichkeiten hierzu beschreibt er: „Peer-Education und Peer-Counseling, die Etablierung eines verlässlichen Übergangsmanagements, eine Ehemaligenkultur und die Förderung und Etablierung von Selbstvertretungsstrukturen […] durch die Jugendhilfe“ (Linke, S. 31).

Laura Husmann und Severine Thomas diskutieren im zweiten theoretischen Beitrag des Sammelbandes den Übergang junger Menschen aus Pflegefamilien ins Erwachsenenleben. Sie analysieren nationale und internationale Forschungsergebnisse und nehmen diesbezüglich zur Kenntnis, dass sich sowohl die Form als auch das Verständnis von Familie weiter ausdifferenzieren. Anhand empirischen Materials zeigen die Autorinnen Übergangserfahrungen von Care Leaver*innen sowie von Pflegeeltern und konstatieren, dass die Prozesse „kaum fachlich-konzeptionell vorbereitet und begleitet“ (Husmann und Thomas, S. 53) werden. Sie gehen davon aus, dass eine stärkere Fokussierung des Leaving Care in der Pflegekinderhilfe inklusive einer intensiveren Konzeptionierung des Prozesses dazu führt, dass insbesondere die jungen Menschen aber auch die Pflegefamiliensysteme davon profitieren könnten.

In weiteren Beiträgen der Rubrik „Theoretische Perspektiven“ geht es um junge Geflüchtete und Leaving Care (Hannah von Grönheim, Christa Paulini und Jelena Seeberg), um juristische Perspektiven und rechtliche Entwicklungen zum Thema (Erik Hahn), um Leaving Care in Österreich (Stephan Sting, Georg Streißgürtl, Alexandra Weiss und Julia Weissnar), in der italienischen Autonomen Provinz Bozen-Südtirol (Andrea Nagy), in der Schweiz (Stefan Eberitzsch, Renate Stohler und Karin Werner) sowie um Erfahrungen und Perspektiven junger Menschen mit Sexualpädagogik in stationären Erziehungshilfen im Kontext von Leaving Care (Torsten Linke und Lina Schubert).

Im zweiten Teil des Sammelbandes „Praxisorientierte Perspektiven“ sind ebenfalls sehr differente Themenfelder und Sichtweisen vertreten. Exemplarisch wird hier der Beitrag von Jessica Böttger näher vorgestellt, in dem sich die Autorin mit der Bedeutung von Selbstvertretungsstrukturen von Care Leaver*innen und ihren inhärenten Herausforderungen und Erfahrungen mit Selbstvertretung in der Jugendhilfe beschäftigt. Auch basierend auf persönlichen Erfahrungen beschreibt Böttger Sinnstrukturen von Selbstvertretung und analysiert kategorisierend Herausforderungen für die Etablierung, Gelingensbedingungen von Selbstbestimmung sowie Positionierungen, Möglichkeiten und Hinweise zu Selbstvertretungsstrukturen. Die Autorin stellt unter anderem fest, dass es zur Etablierung von Selbstvertretungsstrukturen ein ernsthaftes Interesse und den Willen der Beteiligten darin erfordert, sich selbst, das Team und die Trägerschaft zugunsten der jungen Menschen und ihren Bedarfen zu entwickeln. Es braucht ehrliche partizipative Prozesse, von denen im Endeffekt alle Menschen profitieren können – sofern sie sich auf entsprechende Aushandlungsprozesse einlassen.

In den weiteren Beiträgen zu „Praxisorientierten Perspektiven“ geht es um den Aufbau Sozialer Netzwerke in den stationären Hilfen zur Erziehung (Julia Baumgarten), um Partizipation und Selbstvertretung (Sarah Preusker und Elsa Thurm), um Macht und Sprache im Themenfeld Leaving Care (Tanja Abou und Katja Meier), um minderjährige Mütter und Väter in der stationären Jugendhilfe (Anja Jonas), um Erfahrungen, Bedarfe, Wünsche und Forderungen von Pflegekindern im Leaving Care (Vicky Ulrich von der Weth und André Neutag) sowie um eine abschließende Betrachtung (Torsten Linke und Jens Borchert).

Diskussion

Der Sammelband fokussiert multiperspektivisch verschiedene Themen, die das Leaving Care betreffen. Das Verlassen der Hilfe wird dabei nicht als ein zu bewältigendes Einzelereignis verstanden, sondern als prozessuales Geschehen, das schon während und auch nach der Hilfe Wirkungen entfaltet. Dieser komplexe Prozess wird in Einbettung in Mikro-, Meso‑ und Makrostrukturen different betrachtet und zudem teilweise länderübergreifend diskutiert. Vor allem die Perspektivvielfalt und die Balance zwischen Wissenschaft und Praxis zeichnen das Werk aus. Besonders gefällt, dass sowohl Erfahrungsexpert*innen, ehemalige Careleaver*innen als auch Fachkräfte einbezogen werden, sodass ein inhaltlich rundum gelungenes Werk entstanden ist.

Auch didaktisch kann der Sammelband überzeugen. Das Inhaltsverzeichnis erlaubt eine zielgerichtete Auswahl der Themenfelder und das Abstract zu Beginn der Beiträge umfasst eine kurze thematische Einführung, sodass auch ein zielgerichtetes Querlesen des Sammelbandes gut möglich erscheint. Die Kategorisierung in theoretische und praktische Perspektiven ist zwar nicht immer trennscharf, jedoch werden thematische Gewichtungen der Beiträge durch die Unterteilung greifbarer. Besonders überzeugt die Gestaltung als Lehr‑ und Praxishandbuch, die durch Fragen zum Nachdenken und weiterführende Literatur zur vertiefenden Nacharbeit einlädt. Der Sammelband wird somit seinem Anspruch vollständig gerecht, ein Lehr‑ und Praxishandbuch zum Thema Leaving Care für die Soziale Arbeit zu sein.

Fazit

Der Sammelband „Leaving Care: Übergänge gestalten und begleiten“ besticht durch eine nachvollziehbare didaktische Aufbereitung als sinnvolles und gut einsetzbares Lehr‑ und Praxishandbuch für die Soziale Arbeit. Verschiedene Perspektiven auf Leaving Care werden ansprechend mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und wertvollen Praxiserfahrungen relationiert. Das Werk ist sowohl für Lehrende und Studierende der Sozialen Arbeit als auch für interessierte Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen sehr gut geeignet.

Rezension von
Prof. Dr. Tim Middendorf
Mailformular

Es gibt 6 Rezensionen von Tim Middendorf.

Zitiervorschlag anzeigen Besprochenes Werk kaufen

Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Sponsoren

Wir danken unseren Sponsoren. Sie ermöglichen dieses umfassende Angebot.

Über die socialnet Rezensionen
Hinweise für Rezensent:innen | Verlage | Autor:innen | Leser:innen sowie zur Verlinkung

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245