Thorsten Hippe: Landwirtschaft zwischen Ökonomie und Ökologie
Rezensiert von Prof. Dr. habil. Gisela Thiele, 28.08.2026
Thorsten Hippe: Landwirtschaft zwischen Ökonomie und Ökologie. Eine transdisziplinäre Problemstudie zur Nachhaltigkeit. Verlag Barbara Budrich GmbH ( Opladen, Berlin, Toronto) 2026. 250 Seiten. ISBN 978-3-8474-3424-5. D: 36,90 EUR, A: 38,00 EUR.
Thema
Die Landwirtschaft steckt in einem Dilemma: Wachsende Weltbevölkerung und steigende Lebensmittelnachfrage drängen zur Ausweitung industrieller Produktion. Doch genau diese befeuert den Klimawandel und das Artensterben und gefährdet damit wiederum die Ernährungssicherheit. Thorsten Hippe analysiert agrarwirtschaftliche und wirtschaftspolitische Lösungskonzepte, bewertet deren Erfolgschancen und untersucht, warum eine ökologische Reform des Agrarsektors so schwierig ist.
Autor
Autor des Bandes ist Thorsten Hippe.
Aufbau und Inhalt
Das Buch ist in acht Kapiteln unterschiedlicher Länge gegliedert.
Das erste Kapitel ist überschrieben mit „Frage‑ und Problemstellung: Landwirtschaft im ökonomisch‑ ökologischen Dilemma“. Heute genügen die global produzierten Mengen an Lebensmitteln, um alle derzeit lebenden Menschen angemessen zu versorgen. Dennoch trägt die Landwirtschaft und ihr Flächenverbrauch zu zentralen Umweltproblemen wie der globalen Erwärmung und dem Aussterben bei, wodurch die hinreichende Versorgung vieler Menschen mit Lebensmitteln und sauberen Wasser gefährdet ist.
„Problemdefinition und ‑umfang: Ausmaß und Wirkweise der ökologischen Probleme der Landwirtschaft“ ist der Titel des zweiten Kapitels. Zur Biodiversität zählen das globale Artensterben, die 10- bis 100-mal höher ist als im Durchschnitt der letzten 10 Millionen Jahre. Von den heute geschätzt acht Millionen existierenden Tier‑ und Pflanzenarten seien derzeit ca. eine Million vom Aussterben bedroht. Viele Untersuchungen belegen eine deutliche Abnahme der Biomasse von Insektenpopulationen, der Bestände von Schmetterlings‑ und Pflanzenarten sowie Vögeln. Der Einsatz von Pestiziden hat überwältigend negative Auswirkungen auf viele Arten von Pflanzen, Pilzen, Insekten, Fischen, Vögeln und Säugetieren. Die intensive Düngung von Agrarpflanzen führt ebenfalls zum Rückgang der Artenvielfalt. Durch Eutrophierung sind mehrere „tote Zonen“ mit extremem Sauerstoffmangel und Fischsterben entstanden. Ein Teil des von den Nutzpflanzen nicht verarbeitenden Stickstoffüberschusses wird als Nitrat ausgewaschen und sickert in das Grundwasser. Darunter leidet die Bodenregeneration.
Der „Problementstehung: Historische Genese der industriellen Landwirtschaft“ ist Kapitel drei vorbehalten. In den folgenden Ausführungen geht es um die historische Entwicklung der Landwirtschaft im Zusammenhang mit dem Düngemitteleinsatz. Die zweite Agrarrevolution nach dem Zweiten Weltkrieg steigerte die Nahrungsproduktion zur Bevölkerung überproportional deutlich.
Kapitel vier beschäftigt sich mit den „Agrarwirtschaftliche Problemlösungskonzepten“. Zunächst wird über das Konsistenz‑ Konzept und Suffizienz‑ Konzept debattiert, um letztlich auf die Ernährung einer Tierhaltung ohne Nahrungskonkurrenz zu kommen. Wie zeigt, haben die verschiedenen Konzepte, meist unterschiedliche, nicht selten konträre Vor‑ und Nachteile.
Die „Nationale Ebene“ wird im fünften Kapitel beleuchtet. Zunächst werden die globale und die europäische Ebene betrachtet, um dann schließlich auf die nationale Ebene zu kommen. Hier sind das Bundesklimaschutzgesetz, das Bundesnaturschutzgesetz, das Pflanzenschutzgesetz und das Düngegesetz mit ihren spezifischen Aufgaben und ökologischen Aspekten zu berücksichtigen.
Im Kapitel sechs geht es um „Sozialwissenschaftliche Problemlösungsinstrumente“, um ökologische Subventionen, also um öffentliches Geld für öffentliche Güter. Subventionen sollen künftig nicht mehr für Flächenbesitz, sondern ausschließlich für Gemeinwohlleistungen ausgezahlt werden. Das sind Zahlungen für Biodiversität, Klima‑ und Gewässerschutz und für Tierwohl. Danach geht es noch um Einzelbetriebliche um finanzpolitische Kosten der Subventionen.
Kapitel sieben ist den „Restriktionen: Hindernisse und Hürden der Problemlösung“ vorbehalten. Der reale Wert der durchschnittlich pro Hektar verfügbaren Subventionen ist in letzter Zeit stark reduziert worden, sodass es einen Kostendruck auf Seiten der Farmer lastet. Am Ende des Kapitels wird noch über politisches Misstrauen, kognitive Wahrnehmungen und kulturelle sowie normative Einstelllungen debattiert.
Die Landwirtschaft ist in der EU in den letzten 25 Jahren durchaus ökologisch nachhaltiger geworden, die Entwicklung verläuft aber sehr langsam. Die Reduktion von Produkten und Konsum von tierischen Produkten zugunsten pflanzenbasierter Nahrung ist jene Maßnahme, die bei starker ökologischer Effektivität mit den wenigsten Zielkonflikten/Hürden einhergeht. Zielführend wäre auch, keine Agrarsubventionen für Maßnahmen zu zahlen, die im Nutz‑ Pflanzenanbau dauerhaft mit signifikanten Produktionsrückgängen einhergehen.
Diskussion
Diese Publikation ist sehr komplex und durchgängig in einer sehr akademischen Sprache verfasst, sodass sie fast nur Insidern vorbehalten ist. Unabhängig davon zeigt sie sehr deutlich und prägnant, wie die Wirkzusammenhänge in der heutigen Landwirtschaft aussehen und wie komplex sie insgesamt sind. Es ist sehr interessant zu sehen, wie Zielkonflikte in der täglichen Arbeit von Landwirten entstehen und wie diese möglichst ökologisch nachhaltig gelöst werden können.
Zudem lässt sich die Publikation schlecht lesen, da die ständigen Klammerausdrücke (Hinweise auf Autoren, Studien und Metanalysen) störend sind.
Fazit
Es ist ein profundes Büchlein, was wissenschaftlich tief begründet ist und wirklich Tiefgang hat. Insofern ist es eine geeignete Publikation für jene, die sich tiefgründig mit den Zielkonflikten in der Landwirtschaft auseinandersetzen wollen.
Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische
Sozialforschung und Gerontologie
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Es gibt 212 Rezensionen von Gisela Thiele.




