Jérôme Endrass, Astrid Rossegger (Hrsg.): Deliktprävention
Rezensiert von Prof. em. Dr. rer. nat. Udo Rauchfleisch, 07.09.2026
Jérôme Endrass, Astrid Rossegger (Hrsg.): Deliktprävention. Psychosoziale Interventionen zur Verhinderung von Gewalt- und Sexualdelikten. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2026. 704 Seiten. ISBN 978-3-7753-0040-7. D: 129,95 EUR, A: 133,85 EUR, CH: 120,00 sFr.
Thema
Mit diesem umfassendem Werk zur psychosozialen Forensik von fast 700 Seiten möchten Jérôme Endrass und Astrid Rossegger einen Überblick über die Fülle von Themen geben, die von den verschiedenen Disziplinen im Zusammenhang mit der Deliktprävention behandelt werden. „Das Buch wurde so verfasst, dass die Inhalte für Fachpersonen aus verschiedenen Fachgebieten zugänglich sind“ (S. XI). „Dutzende Fachpersonen haben ihr Wissen, ihre Erkenntnisse und praktischen Erfahrungen in kurzen Kapiteln zusammengefasst und so der Fachwelt sowie der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt“ (S. XI).
Autoren
Jérôme Endrass, Prof. Dr. phil., ist Leiter Fachzentrum für Psychosoziale Forensik, Justizvollzug und Wiedereingliederung des Kantons Zürich. Er ist Co-Leiter der Arbeitsgruppe Forensische Psychologie und Professor an der Universität Konstanz.
Astrid Rossegger, PD Dr. rer. nat., ist Co-Leiterin Forschung und Entwicklung, Fachzentrum für Psychosoziale Forensik, Justizvollzug und Wiedereingliederung des Kantons Zürich sowie Co-Leiterin der Arbeitsgruppe Forensische Psychologie an der Universität Konstanz.
Ferner finden sich in diesem Werk Beiträge von weiteren 95 Autor:innen.
Entstehungshintergrund
In Anbetracht der Fülle von Themen, die im Zusammenhang mit der Psychosozialen Forensik auftauchen, und den vielen verschiedenen Disziplinen, die sich mit diesen Themen beschäftigen, haben sich die Herausgeberin und der Herausgeber entschlossen, dieses umfassende Handbuch zu publizieren. Dies erschien ihnen umso dringender, als die in dem Bereich der psychosozialen Forensik Tätigen sich regelmäßig mit neuen Phänomenbereichen auseinandersetzen müssen, „was zu einer inhaltlichen Ausdehnung eines ohnehin schon sehr weit gefächerten Themenfelds führt. Vor dem Hintergrund der fachlichen Breite und der kaum zu bewältigenden Fülle an Fachliteratur ist die Idee entstanden, ein Herausgeberbuch zu veröffentlichen, das Orientierung in der psychosozialen Forensik verschafft“ (S. XI). Dabei wurden die Kapitelinhalte bewusst knapp gehalten. Eine Vertiefung in die verschiedenen Themen ist den interessierten Leser:innen mit Hilfe der am Ende jedes Kapitels angeführten Literatur möglich. Da es den Leser:innen möglicherweise schwer falle, mit einem 700 Seiten-Fachbuch zurechtzukommen, haben Jérôme Endrass und Astrid Rossegger entschieden, „die einzelnen Kapitel zu illustrieren“ (S. XII). Die Illustrationen stammen von Luigi Olivadoti.
Aufbau und Inhalt
Das Werk gliedert sich in fünf Hauptteile (A – E) mit 21 Hauptkapiteln und insgesamt 113 Unterkapiteln. Am Beginn jedes Kapitels wird das Thema des Beitrags kurz skizziert, es folgen Ausführungen zum Thema und eine Übersicht über die wichtigste Literatur. Am Ende des Werks findet sich eine Zusammenstellung der Herausgebenden und der Autor:innen.
In Anbetracht der Fülle von Themen dieses Handbuchs ist es im Rahmen einer Rezension wie der vorliegenden nicht möglich, auch nur annähernd einen Überblick über die behandelten Themen zu geben. Es sollen deshalb hier lediglich die Hauptteile des Buches erwähnt und paradigmatisch einige Kapitel etwas ausführlicher dargestellt werden.
Der Teil A beschäftigt sich mit den „Grundlagen“. Im Kapitel I „Zentrale Theorien deliktpräventiver Interventionen“ formulieren Astrid Rossegger und Jérôme Endrass 20 Thesen zu deliktpräventiven Interventionen, die für das Gelingen der Präventionsarbeit essenziell sind. Sie seien hier zitiert, da sie alle in diesem Werk behandelten Themen nennen und jeweils auf die betreffenden Kapitel verweisen: These 1: „Die empirische Wirksamkeit psychosozial forensischer Präventionsmaßnahmen ist methoden‑ und schulübergreifend belegt“ (S. 5).These 2: „Der gezielte Einsatz innovativer Technologien und bislang marginalisierter Ansätze birgt ein transformatives Potenzial für auf Deliktprävention ausgerichteten psychosozialen Interventionen“ (S. 5). These 3: „Auch gut intendierte Interventionen in forensischen Settings können ein erhebliches Schadenspotenzial aufweisen, sofern sie nicht auf Evidenzbasierung, ethischer Kontrolle und einem fundierten Verständnis psychologischer sowie sozialer Wirkmechanismen beruhen“ (S. 6). These 4: „Auf Deliktprävention ausgerichtete rehabilitative Interventionen sind weitaus kosteneffizienter als rein strafende Ansätze, die dasselbe Ziel verfolgen“ (S. 6). These 5: „In der psychosozialen Forensik existiert keine universell überlegene Methode; vielmehr bestimmt die Passung zur jeweiligen Zielgruppe die Wirksamkeit einer Intervention“ (S. 6). These 6: „Evidenzbasierte Forensik erfordert eine altersspezifische Anpassung. Während bei jüngeren tatverantwortlichen Personen die psychotherapeutische Rückfallprävention im Zentrum steht, muss sich der Fokus der natürlichen Desistenz im Alter stärker auf die gesellschaftliche Integration verlagern“ (S. 7). These 7: „Obwohl sich bei Personen mit geringem Rückfallrisiko kaum ein spezifischer deliktpräventiver Effekt nachweisen lässt, können Interventionen für diese Zielgruppe aus übergeordneter psychosozialer Perspektive dennoch sinnvoll und indiziert sein“ (S. 7). These 8: „Etablierte theoretische Rahmenkonzepte bilden die Grundlage für psychosoziale Interventionen in forensischen Settings, da sie empirische Befunde, ethische Prinzipien sowie psychologische und soziale Wirkmechanismen systematisch integrieren und dadurch erst eine multidisziplinäre Zusammenarbeit in deliktpräventiven Interventionen ermöglichen“ (S. 7). These 9: „Transparenz erhöht bei deliktpräventiven Interventionen die Kooperationsbereitschaft und das Vertrauen aller beteiligten Parteien“ (S. 8). These 10: „Wirksame forensische Interventionen basieren zwingend auf einem integrativen Fallkonzept, das den engen Fokus einer reinen Störungsorientierung überwindet“ (S. 8). These 11: „Ein forensisches Fallkonzept ist kein statisches Gesetz, sondern eine dynamische Arbeitshypothese, deren fortlaufende Anpassung kein Scheitern, sondern professionelle Methode ist“ (S. 8). These 12: „Nachhaltige Deliktprävention erfordert zwingend deliktfokussierende Elemente, da erst das Verständnis der Deliktdynamik eine zielgerichtete Reduktion des Rückfallrisikos ermöglicht“ (S. 8). These 13: „Eine evidenzbasierte Risikoeinschätzung bedingt statistisch unweigerlich Rückfälle; deren absolutes Ausbleiben belegt keine methodische Perfektion, sondern offenbart eine systematische Verzerrung“ (S. 9). These 14: „Der medial getriebenen Erwartung hin zu absoluter Sicherheit kann nur durch konsequente Evidenzbasierung und eine transparente Risikokommunikation begegnet werden, welche die Illusion des Nullrisikos entkräftet und die Verhältnismäßigkeit wahrt“ (S. 9). These 15: „Nachhaltige Deliktprävention wird erst durch die aktive Förderung einer prosozialen Lebensführung möglich“ (S. 9). These 16: „Im forensischen Zwangskontext wird eine intrinsische Veränderungsbereitschaft zu Beginn nicht erwartet, sondern bildet das primäre erste Behandlungsziel. Motivation wird dabei als veränderbarer Zustand verstanden, der sich gezielt fördern lässt“ (S. 10). These 17: „In der psychosozialen Forensik sind eingeschränkte Offenheit und Täuschungsversuche der Klientel keine Ausnahme, sondern systemimmanente Begleiterscheinungen, die von den Fachpersonen einen methodisch reflektierten und professionellen Umgang erfordern“ (S. 10). These 18: „Bei der hochriskanten Kleingruppe chronischer Intensivtäter stößt die klassische Risikoreduktion an empirische Grenzen; die forensische Zielsetzung muss sich hier von der Deliktprävention auf die aktive Vermeidung von Hospitalisierungsschäden durch alternative Milieugestaltung verschieben“ (S. 10). These 19: „Nur durch eine interventionsorientierte Typologie ist im Bedrohungsmanagement eine behördenübergreifende Deliktprävention möglich“ (S. 11). These 20: „Wirksame Jugendforensik ist zwingend systemisch. Nicht das isolierte Symptom, sondern das befähigte soziale Netz ist der entscheidende Hebel für eine evidenzbasierte Verhaltensänderung“ (S. 11).
Im Teil B werden die verschiedenen psychosozialen Interventionen dargestellt. Das Spektrum der Interventionen reicht von „psychosozialen Interventionen im Kontext deliktfördernder Einstellungen“ (wie Diagnostik von Verschwörungsglauben sowie psychosoziale Interventionen bei Querulanten, Staatsverweigerern, Extremisten und radikalisierten Jugendlichen) über „ressourcen‑ und körperbezogene Interventionen im Freiheitsentzug“ und „schädliche Interventionen“ bis hin zu „technologiegestützten Interventionen“.
Der Teil C widmet sich den Interventionen für spezifische Deliktgruppen (Gewalt‑ und Sexualstraftäter). Das Thema im Teil D sind die Ansätze der verschiedenen psychotherapeutischen Schulen (Kognitive Verhaltenstherapie, systemische, psychodynamische und humanistische Therapie, klärungsorientierte forensische Psychotherapie, Schematherapie, Therapien mit psychoaktiven Substanzen sowie die Akzeptanz‑ und Commitment-Therapie, ACT). Weitere Kapitel beschäftigen sich mit Therapieansätzen bei Jugendlichen sowie mit der Indikationsstellung, Planung und Verlaufsbeurteilung. Im Teil E werden störungsspezifische Interventionen diskutiert: Psychotherapie bei Persönlichkeitsstörungen und Psychopathie, Therapien von Psychosen und stoffgebundener und nicht-stoffgebundener Abhängigkeit sowie Therapien bei ADHS, ASS und PTBS.
Diskussion
Es ist nicht nur ein durch den Umfang von knapp 700 Seiten und die große Zahl (113) der von 95 qualifizierten Fachpersonen verfassten Beiträge beeindruckendes Werk, sondern dieses von Jerôme Endrass und Astrid Rossegger herausgegebene Handbuch besticht auch durch die Breite der Themen und die Fülle von Informationen, die in dieser Form bisher nicht zur Verfügung gestanden haben. Die im ersten Kapitel von den Herausgebenden formulierten 20 Thesen stellen eine perfekte Übersicht über die wichtigsten Themen der forensischen therapeutischen Interventionen und ihrer Grundlagen dar. Positiv hervorzuheben ist auch, dass die in diesem Handbuch diskutierten Themen schulübergreifend sind und sich auf evidenzbasierte Kenntnisse stützen. Es ist ein unbedingt empfehlenswertes Buch für Fachpersonen ebenso wie für eine interessierte Öffentlichkeit.
Fazit
Ein höchst informatives, durch die Breite der behandelten Themen und die unterschiedlichen theoretischen und praktischen Zugänge beeindruckendes Werk, das einen hervorragenden Überblick über die psychosoziale Forensik vermittelt. Es ist Jérôme Endrass und Astrid Rossegger zu danken, dass sie die große Zahl von 95 qualifizierten Fachpersonen der verschiedenen Richtungen zusammengebracht haben, die den Leser:innen in 113 Beiträgen ihr Wissen, ihre Erkenntnisse und ihre Erfahrungen vermitteln. Es ist ein Werk, das sowohl den sich in das Feld der psychosozialen Forensik einarbeitenden Kollegie:innen und den bereits erfahrenen Fachpersonen als auch einer breiteren Öffentlichkeit unbedingt zu empfehlen ist, da es einen bisher in dieser Breite nicht existierenden Überblick über die wichtigsten Themen der Deliktprävention gibt.
Rezension von
Prof. em. Dr. rer. nat. Udo Rauchfleisch
Klinische Psychologie Universität Basel, Psychoanalytiker (DPG, DGPT)/psychologischer Psychotherapeut in privater Praxis in Basel.
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