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Eva von Redecker: Dieser Drang nach Härte

Rezensiert von Wolfgang Schneider, 29.07.2026

Cover Eva von Redecker: Dieser Drang nach Härte ISBN 978-3-10-397724-0

Eva von Redecker: Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2026. 268 Seiten. ISBN 978-3-10-397724-0. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.

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Thema

Es geht ein Rechtsruck um die Welt, überall gewinnen autoritäre Kräfte an Macht und Einfluss. Und doch laufen die ewig bemühten Analogien zur Zeit des Nationalsozialismus ins Leere: Der Faschismus der Gegenwart hat eine neue Gestalt, die nicht leicht zu erkennen und noch schwerer zu erklären ist. In Redeckers wegweisender Analyse gewinnt sein diffuses Wesen an Kontur – und wird angreifbar. Seinen Kern verortet sie in der Beschwörung eines unbedingten Besitzanspruchs, dessen Verteidigung über Leichen geht.

Autorin

Eva von Redecker ist eine deutsche Philosophin und Soziologin, die als eine der einflussreichsten Stimmen der Gegenwart in den Bereichen kritische Theorie, politische Philosophie und feministische Praxis gilt. Sie forscht und lehrt zu Themen wie Revolution, Freiheit, Care-Arbeit und ökologischer Gerechtigkeit. Ihre Arbeiten verbinden marxistische Traditionen mit zeitgenössischen Debatten über Arbeit, Reproduktion und soziale Bewegungen.

Aufbau & Inhalt

Wer sich des ersten Kapitels annimmt, ist gleich mitten im Thema, denn Eva von Redecker offenbart zu Beginn eines der größten Probleme im Zusammenhang mit dem immer stärker werdenden Wunsch nach Härte und starker Führung: Sie ist der festen Überzeugung, dass der Begriff Faschismus in der jüngeren Vergangenheit quasi inflationär verwendet wird. Das, so ihre Grundhaltung, führe dazu, dass ihm in der Debatte die Trennschärfe zu anderen Phänomenen fehle. So viele Menschen und Handlungen würden derzeit als faschistisch tituliert, dass es fast beliebig sei. Es fehle an präzisen Begriffen. Dabei sei gerade die Präzision in den Zeiten, in denen faschistoide Tendenzen immer stärker zutage treten, von großer Bedeutung. Denn nur was klar beschrieben und definiert ist, kann auch bekämpft werden. Deutlich wird in der Argumentation, dass der Vergleich der aktuellen weltpolitischen Lage mit der Situation vor rund 100 Jahren kaum vergleichbar sei, weswegen historische Vergleiche beispielsweise zum italienischen Faschismus unter Mussolini oder zum Nationalsozialismus fehl liefen. Dementsprechend sei eine Beschreibung erforderlich, die Faschismus als das brandmarke, was er aktuell ist: ein strukturelles Phänomen der Gegenwart. Von Redecker verortet die Entstehung des Faschismus in der, wie sie es nennt, entfesselten Eigentumslogik des Kapitalismus, die sich in einer spezifischen Form von Härte und Gewalt äußere. Faschismus sei somit ein Akt der Selbstverteidigung zur Verteidigung dessen, was die Autorin Phantombesitz nennt. Darunter versteht von Redecker scheinbare Besitzansprüche, die aus historischen Macht‑ und Ausbeutungsverhältnissen herrühren. Als Beispiele führt sie rassistische Unterdrückung, das Konstrukt von Nationen, aber auch – mit Blick auf die sehr unerbittlich geführte Diskussion über das Habeck’sche Heizungsgesetz – den eigenen Heizungskeller an. Eine Berechtigung für solche Ansprüche gäbe es aber nicht, weil es sich nicht um tatsächliches Eigentum handele, sondern lediglich um individuell erdachtes, das aus einer lange eingeübten Herrschaftshaltung resultiere. Sobald eine subjektiv eingeschätzte Bedrohung dieser Ansprüche beispielsweise durch Migration, Klimaschutzmaßnahmen oder soziale Gerechtigkeitsbewegungen aufkomme, werde der Faschismus mit seinen Vertreter:innen aktiv. Ein Ausnahmezustand wird erklärt, der dazu führt, dass Gewalt als notwendige Verteidigung gerechtfertigt wird – auch wenn es um die Aufrechterhaltung von Privilegien geht, die auf vergangener Gewalt beruhen. Faschismus ist damit nach von Redecker eine „liquidierende Phantombesitzverteidigung“: Er hat ein Objekt – eben jenen zu schützenden Phantombesitz – und ein Abjekt, die „Verbrecher:innen“, die eliminiert werden müssen.

Um den heutigen Faschismus einordnen zu können, werden klassische Theorien kurz eingeführt, die dann in Bezug zur Gegenwart gesetzt werden. Dabei zeichnet die Autorin nach, wie rechtspopulistische und faschistoide Bewegungen heute funktionieren. Sie sind nämlich keine klassischen Diktaturen, sondern treten eben, wie zuvor schon beschrieben, als zerstörerische Verteidigung von Privilegien zutage. Eine bedeutende Rolle spielt auch der sogenannte Techfaschismus, bei dem soziale Medien und digitale Monopole eine herausragende Bedeutung haben, weil sie als Monopolherrschaft über die öffentliche Meinung fungieren und so faschistoide Dynamiken verstärken. Eva von Redecker gelingt es aber auch, einen Gegenentwurf zu skizzieren, wonach Antifaschismus als Care-Arbeit zu verstehen sei. Als Kontrastierung zur Härte des Faschismus spielen demnach Solidarität und Sorge eine maximale Rolle: Antifaschismus müsse nach von Redecker antikapitalistisch sein und sich auf die Fürsorge für Verletzliche konzentrieren – etwa durch praktische Unterstützung oder den Aufbau alternativer Strukturen. All das wird am Ende zu einer Gegenstrategie zusammengeführt, aber auch über die Grenzen des Faschismusbegriffs philosophiert: Macht es eigentlich Sinn, einen solch unspezifischen Begriff zu verwenden, wenn die zugrundeliegenden Mechanismen ohnehin klar sind? Ihre Antwort: Es kommt nicht darauf an, dem Phänomen einen klaren Namen zu geben, sondern gegen die Strukturen zu kämpfen, die Faschismus überhaupt erst ermöglichen: Kapitalismus, Rassismus, Patriarchat und die Abwertung von Verletzlichkeit. Dafür sei es erforderlich, vermeintliche Verletzlichkeit als Stärke zu begreifen und kollektive Care-Strukturen zu entwickeln.

Diskussion

Dass Eva von Redecker als eine der bedeutendsten philosophischen Stimmen der Gegenwart gilt, wird beim Lesen schnell deutlich: Die Ideen und Hypothesen, die sie entwickelt, sind von einer beeindruckenden Tiefe und sprachlicher Kompetenz. Das sorgt auf der einen Seite zwar dafür, dass sich dieses Buch nicht mal eben so im Vorbeigehen lesen lässt, beeindruckt aber durch tiefe Logik. Um das anzuerkennen, müssen Leser:innen nicht einmal komplett der inhaltlichen Linie des Buches folgen. Diese Linie ist nahezu durchgehend eine grundsätzliche Kritik am Kapitalismus als Grundlage der weltpolitischen Lage und des neuen Faschismus, den die Autorin skizziert. Auch wer dem nicht folgen mag, kann nicht leugnen, dass die Argumentation in sich stringent und schlüssig ist. Ob allerdings Menschen, die dem Drang nach Härte schon verfallen sind, durch dieses faszinierende Buch vom Gegenteil überzeugen lassen, dürfte leider fraglich sein. Für alle anderen ist es auf jeden Fall lesenswert.

Fazit

Sorge und Solidarität als Grundmaximen der Politik gegen faschistisch-populistische Tendenzen – ein faszinierendes Buch mit hohem sprachlichem Anspruch.

Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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Es gibt 245 Rezensionen von Wolfgang Schneider.

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ISSN 2190-9245