Mosheh Tsimerman: People gone mad
Rezensiert von Prof. Dr. Gertrud Hardtmann, 08.07.2026
Mosheh Tsimerman: People gone mad. Wie die Demokratie sich selbst zerstört. Propyläen Verlag (Berlin) 2026. 288 Seiten. ISBN 978-3-549-11020-1. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 22,90 sFr.
Thema
Die Selbstzerstörung demokratischer Gesellschaften.
Autor
Moshe Zimmermann, geboren 1943, ist emeritierter Professor für deutsche Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem. Arbeitsthemen sind: Geschichte des Nationalsozialismus, Antisemitismus und deutsch-israelische Beziehungen.
Entstehungshintergrund
Anhand historischer Beispiele wird analysiert, wie Demokratien vom Kurs abkommen und ihre Grundwerte verraten.
Inhalt
Einführung: Wohin steuert »das Volk«?
Wie kommt es, dass ein Volk Abschied von der Demokratie nimmt und Antidemokratie populär wird? Zimmermann spricht von ‚freiheitlicher‘ (freie Wahlen, Meinungsfreiheit, freies Handeln) anstelle von ‚liberaler‘ Demokratie. Verrücktes Verhalten (‚People gone mad‘) ist kein Problem der Neuzeit (z.B. Hexenprozesse). Ignoranz und Vorurteile begünstigen kontrarationales Verhalten. Emanzipation schafft auch Unsicherheit, die von Populisten verstärkt werden kann. Die Keime hierfür liegen im demokratischen System. Ohne eine rationale Grundlage ist Demokratie keine Garantie gegen Tyrannei. Der ‚point of no return’ ist erreicht, wenn autoritäre Parteien Verwaltungspositionen besetzen und eine ‚Zustimmungsdiktatur (Ochlokratie)‘ errichtet ist. Das Volk wird gewonnen durch Ansprechen von Gefühlen und Vorurteilen und gerät, wie in ‚Des Kaisers neue Kleider‘, in einen ‚going mad-Zustand‘: Verstand wird – mit Hilfe von Fake News – durch Emotion ersetzt,
Vorbild Frankreich – zwischen Boulanger und Dreyfus
Das Terrorregime 1794 war schon ein »aus den Fugen geratenes demokratisches System« und später auch die Entwicklung von der Republik zur bonapartischen Autokratie. Der Offizier Boulanger wurde 1880 zum Général de Brigade befördert und zum Befehlshaber bei der Eroberung Tunesiens. Er manipulierte die Presse, inszenierte sich selbst als fanatischen Patrioten und wurde 1886 als Kriegsminister vorgeschlagen. Seine Verbannung aus Paris 1887 löste eine Volksbewegung aus. Er nutzte seine Rückkehr als Volkstribun, schickte Boulangisten-Anhänger in die Abgeordnetenkammer und entwickelte 1888 ein autoritäres Programm. Erst durch eine Wahlreform wurde seine Partei ‚Ligue des Patriotes‘ verboten und er zur Flucht nach Belgien gezwungen. Mit Populismus und Demagogie hatte er, ein typischer Fall von ‚people gone mad‘, das Volk gewonnen.
Die bekannte Dreyfus-Affäre wäre ohne Oberst Marie-Georges Picquart und mutige Politiker gegen den Druck von Militär, katholischer Kirche, Nationalisten und Antisemiten in einem Justizirrtum geendet.
Die Angst der USA vor der Roten Gefahr
Die Verfassung der USA wurde 1787 noch vor der französischen Revolution, unterzeichnet, galt jedoch weder für Sklaven, noch für die schwarze und indigene Bevölkerung. Während und nach dem ersten und zweiten Weltkrieg kam es zum ‚big red scare‘ (Panik vor der Roten Gefahr) und einer Hexenjagd auf Gewerkschaftler und Radikale (Spionage-Gesetz 1917 und Aufruhr-Gesetz 1918 gegen Personen, die sich kritisch zum politischen System der USA äußerten). Einwanderer wurden als Anarchisten verdächtigt, und Kritik an der Kriegsführung konnte mit dem Tod bestraft werden. Zwar gab es keine Pressezensur, aber Filme wurden zensiert und die ‚Wobblies‘ (Angehörige der Gewerkschaft der Industriearbeiter, die sich 1919 für Lohnerhöhungen und bessere Arbeitsbedingungen einsetzten) bekämpft. Die Angst vor dem Bolschewismus führte zu illegalen Hausdurchsuchungen, Massenverhaftungen, Abschiebungen und Aufbau einer Radikalenkartei. Sozialistische Abgeordnete und Universitätsprofessoren wurden verdächtigt und Theater, Literatur und Filme kontrolliert. Nach der Flut der ‚people gone mad-Stimmung‘ kam im Sommer 1920 die Ebbe. Gegenbewegungen waren die »American Civil Liberties Union« und progressive Juristen und Richter einer unabhängigen Judikative. Die Angst vor dem Kommunismus führte zu einer aggressiven Außenpolitik, einer Verteufelung von Kommunisten und 1947 – in der McCarthy-Ära – zu einer Veränderung der politischen Kultur, ein offensichtlich wiederholbarer Prozess (s. Trump).
Weimar – das »verführte« Volk
Nach der Eroberung der Macht, ging es den Nationalsozialisten um deren Ausdehnung und Rückhalt beim Volk. Die Niederlage nach dem 1. Weltkrieg hatte 14 Jahre Demokratie nicht verhindert, aber auch nicht den Aufstieg der NSDAP und die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und die Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes (30.1.1933 und 24.3.1933). Zimmermann sieht den ‚point of no return‘ seit dem Ermächtigungsgesetz oder der Notverordnung mit Verfolgungen und Verhaftungen nach dem Reichstagsbrand am 27.2.1933. Er erfolgte in 3 Schüben: 1. Bis zur Machtübernahme, 2. In den ersten Monaten des Regimes, 3. der Zeit danach. Hitler äußerte seine Verachtung für die Demokratie bereits im August 1923, doch musste der Geist der Revolution von 1789 erst gelöscht werden, um eine ‚illiberale Demokratie‘ (Volksgemeinschaft) zu errichten. Bereits 1925–1928 breitete sich zunehmend eine antidemokratische Stimmung aus, begünstigt durch wirtschaftliche und politische Krisen. Die NSDAP wirkte als Beschleuniger, da der Widerstand der Kommunisten und Sozialdemokraten wirkungs‑ und chancenlos war und bei unbequemen Fakten weggeschaut wurde. Studenten setzten 1933 den Lehrkörper unter Druck. Die Rassenlehre wurde alltäglich in Politik, Gesetzgebung, Erziehung und Kultur angewandt und durch Propaganda unterstützt. Terror erzeugte Angst und vorauseilenden Gehorsam. Performative Zustimmung ersetzte Wahlen: Ein Volk von quasireligiösen ‚Nashörnern‘ (Ionesco), das sogar im Ausland partiell Zustimmung fand.
Das »auserwählte« Volk Israel gerät aus den Fugen
Eine Nation verabschiedete sich kollektiv von der Vernunft, als die rechtsextremistische Regierung in Israel unter Netanyahu (seit 2018 gab es Ermittlungen gegen ihn wegen Bestechlichkeit und Untreue) mehrheitlich eine ethnozentrische, national-religiöse, antiaufklärerische, messianische Politik machte. Dazu mussten der Widerstand der Justiz überwunden, die Opposition ausgeschaltet, Ängste und Vorurteile im Volk geschürt und die Demonstrationsfreiheit eingeschränkt werden. Die rassistische Partei »Jüdische Stärke« - 2022 in der Regierungskoalition – verfolgte mit Unterstützung der sozialen Medien eine aggressive rassistische und antiarabische Politik. Liberale und Sozialdemokraten verloren an Einfluss (zuletzt 3,5 %). Jüdische Siedler bekamen Sonderrechte (Apartheitssystem). Das Volk reagierte mit Zustimmung oder Verdrängung. Der traumatische Überfall am 7.10.2023 beschleunigte diese Entwicklung und führte zum Gaza-Krieg (‚bis zum absoluten Sieg‘ so Netanyahu). Terroranschläge von jüdischen Siedlern, Zerstörung in Gaza und ethnische Säuberung zielten auf eine schleichende Annexion Palästinas. Inzwischen ist die Polizei einem vorbestraften rechtsextremen Polizeiminister unterstellt, die Justiz durch die Regierungspolitik geschwächt und die Medien bieten unter Druck populistische Narrative an.
Das vermeintliche Ende der Geschichte
Die Bundesrepublik beschloss nach den NS-Erfahrungen 1949 das Grundgesetz. Danach gab es zwar Herausforderungen von rechts und links, es gelang aber nicht, das Volk zu begeistern.
Weltweit gibt es populistische Parteien in liberalen Demokratien, aber auch Entwicklungen zu freiheitlichen Demokratien.
Das Ende nach dem Ende
Lange vor Trump gab es auch in Israel Maßnahmen gegen ‚illegale Flüchtlinge‘. In Frankreich ist es jedoch trotz Charlie Hebdo 2015 bislang nicht zu einem ‚Boulangismus‘ gekommen. In den Niederlanden gewann nach der Ermordung von Theo van Gogh 2004 die Ideologie von Geert Wilders an Attraktivität. Glaubenskriege im Rahmen eines intoleranten Nationalismus, Ethnozentrismus, Rassismus und Sehnsucht nach »guten alten Zeiten« und ein Nationalgefühl, das eine kollektive Identität produziert, sind eine Bedrohung für eine freiheitliche Demokratie; inzwischen zusätzlich auch die Verquickung von Kapital und politischer Macht (z.B. Musk). Demonstrationen können den ‚people-going-mad-modus‘ begünstigen, aber auch – im Gegenteil – begrenzen.
Populisten greifen die Demokratien mit verschiedenen Taktiken an, wobei vor allem reale Probleme zur Panikmache benutzt werden.
Gebrauchsanweisung für Demokratiezerstörer
Welche Maßnahmen ergreifen Populisten, wenn sie an die Macht gekommen sind? Der Übergang von Weimar zum Dritten Reich dauerte kaum mehr als einen Tag, aber der Gewöhnungsprozess etwa ein Jahr. Eine radikale Veränderung muss die Gegner verunsichern, ohne massive Abwehrreaktionen im Volk hervorzurufen. Aktuelle Beispiele in USA sind Umdeutungen (wie ‚Verteidigung der Demokratie‘), Einschüchterung der Eliten (z.B. der Universitäten), Aktivierung von Vorurteilen, Überflutung mit Fake News in sozialen Medien, Korruption und Bestechung. Gefährlich ist, dass die Feinde der Demokratie die gleiche Freiheit genießen wie die Freunde. Vorbeugend ist eine Erziehung zum kritischen Umgang mit Informationen.
Schluss: Post mortem
Da die Vorteile der freiheitlichen Demokratie offenkundig sind, muss für eine radikale Veränderung der ‚people-going-mad-Modus‘ in Gang gesetzt werden. Zimmermann beschreibt Beispiele aus den letzten 200 Jahren. Paradox ist, dass die Mittel dazu im demokratischen System selbst sind, da die Gegenmittel Aufklärung, Erziehung und Sozialisation in Krisenzeiten versagen können, wenn Affekte anstelle von Rationalität die Politik bestimmen, wenn Fake News Tatsachen zu einer ‚Glaubenssache‘ machen und den ‚people-going-mad-Modus‘ bis zum Kipppunkt in Gang setzen.
Diskussion
Ein Buch, das nicht nur die Schwachstellen der freiheitlichen Demokratie aufspürt und mit historischen Beispielen belegt, sondern auch das gefährliche Zusammenspiel von Volk und machtbesessenen Verführern, die mehr den Eigeninteressen, auch wenn ideologisch oder religiös motiviert, als dem Wohl des Volkes und der freiheitlichen Demokratie dienen. Nicht selten sind diese so verblendet, dass selbst die Niederlagen zu Erfolgen umgemünzt werden und der Selbstmord einem Eingeständnis des Versagens vorgezogen wird.
Mit historischen Beispielen wird das Zusammenspiel von Verführern und Verführten beschrieben, die unterschiedlichen Motive, und was geschieht, wenn der Glanz des Verführers verblasst, die Macht aber noch in dessen Händen und denen seiner Komplizen und Nutznießer ist und rücksichtslos ausgenutzt wird, um jede Opposition im Keim mit Gewalt zu ersticken.
Der Verführungscharakter unbegrenzter Macht ist eine narzisstische Größenphantasie, die – so ‚Des Kaiser neue Kleider‘ – ein ungeheure Anziehungskraft entfalten kann für Menschen, die ein brüchiges oder unsicheres Selbstwertgefühl haben und vom Glanz des Größenwahns angezogen werden. Das Zusammenspiel zwischen Führern und Verführten, das Spielen mit Affekten, die zu einer überbordenden Größe angewachsen, auch partiell die Vernunft im Keim ersticken (Sportpalastrede von Goebbels 1943) und dem Verstand und kritischen Überlegungen gar keine, oder nur noch im Verborgenen eine Chance geben, wird beispielhaft beschrieben. Zimmermann ist um Aufklärung bemüht, um Entlarvung der Schwachstellen demokratischer Verfassung, die auch kriminellen Politikern Sicherheit und Unantastbarkeit zum Schaden der Bürger gewähren. Es ist wichtig, den Anfängen zu wehren, da nicht selten auch die Flucht in Kriege nicht nur von dem politischen Versagen ablenkt, sondern auch zahllose unschuldige Opfer fordert, die meist allzu schnell in Vergessenheit geraten, wenn sie überhaupt Anerkennung finden.
Anstelle einer Aufzählung der unzähligen gewonnenen oder verlorenen Schlachten, der siegreichen oder unterlegenen Machthaber, sollte im Geschichtsunterricht in den Schulen über die Mechanismen des kontrollierten Erhalts und Missbrauchs von Macht und deren unschuldige Opfer informiert werden und auch darüber, dass Heimatgefühle nicht mit Nationalgefühlen, die einen Verführungscharakter haben und leicht missbraucht werden können, verwechselt werden sollten.
Dieses Buch regt zu einem notwendigen und kritischen Nachdenken an über Machtmissbrauch und eigene Verführbarkeit, Ängste und Unsicherheiten und über Machtmissbrauch, wo immer er sich zeigt, in der Politik, der Gesellschaft, im familiären und alltäglichen Umgang.
Fazit
Ein wichtiges, wenn auch nicht immer leicht zu lesendes Buch, das zum Nachdenken über ‚people goning mad‘ und ‚point of no return‘ anregt und für den Geschichtsunterricht geeignet ist.
Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie, Psychoanalytikerin
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