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Gine Elsner, Peter Tinnemann: Bevölkerungsmedizin & Öffentliche Gesundheit

Rezensiert von PD Dr. Nicolai Savaskan, 30.07.2026

Cover Gine Elsner, Peter Tinnemann: Bevölkerungsmedizin & Öffentliche Gesundheit ISBN 978-3-96488-241-7

Gine Elsner, Peter Tinnemann: Bevölkerungsmedizin & Öffentliche Gesundheit. Geschichte des Gesundheitsamts Frankfurt am Main. VSA-Verlag (Hamburg) 2025. 263 Seiten. ISBN 978-3-96488-241-7. D: 24,80 EUR, A: 25,50 EUR.

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Thema

Die Geschichte des Frankfurter Gesundheitsamts ist eng mit der Entwicklung der Bevölkerungsmedizin und öffentlichen Gesundheit in Deutschland verbunden. Diese Lektüre beschreibt den historischen Weg vom staatlich geprägten Medizinalwesen bis hin zur aktuellen Situation der Gesundheitsämter und der bevölkerungsmedizinischen Versorgung.

Autor:in oder Herausgeber:in

Die Autorin Gine Elsner ist Ordinaria für Arbeitsmedizin i.R. an der Goethe Universität Frankfurt a.M und hat einen längeren wissenschaftlichen Rekord zum Thema öffentliche Gesundheit. Peter Tinnemann ist habilitierter Amtsarzt und Amtsleiter des grössten Gesundheitsamts in Deutschland, das Gesundheitsamt Frankfurt a.M. Zudem ist Tinnemann Titularprofessor an der University of Nicosia im Bereich population medicine.

Entstehungshintergrund

Die Autoren beschreiben die Geschichte des Frankfurter Gesundheitsamts und liefern damit eine Studie über die Entstehung und das Ende der Sozialhygiene in Deutschland. Mit der Geschichte des Frankfurter Gesundheitsamts wird ein Panorama freigelegt, dass die medizinische Versorgung durch staatliche Institutionen im Lichte gesellschaftlicher Herrschaft und Mehrheitsverhältnisse sichtbar macht. Allein der Zeitpunkt der Gründung des Gesundheitsamts Frankfurt inmitten der Kriegswirren des Ersten Weltkriegs im Jahre 1916 ist bedenkenswert. Mit jeder gesellschaftspolitischen Veränderung ändert sich bemerkenswert zeitnah die Rolle und Aufgaben des Gesundheitsamts. Damit wird gleich zu Beginn des Buches Salomon Neumanns (1819–1908) Ausspruch Gültigkeit hat, nämlich das (auch die moderne) Medizin mit Immuntherapien, KI-gestützen Diagnostika und Longevity Ansätzen immer auch eine soziale Wissenschaft ist.

Aufbau

Das Buch ist in 10 Kapiteln aufgebaut und verfolgt eine geschichtschronologische Aufzeichnung der Öffentlichen Gesundheitsversorgung beginnend mit den Einflüssen der preußischen Monarchie. Dieser historische Rückgriff erweist sich als besonders hilfreich für das Verständnis der Dichotomie heutiger Öffentlicher Gesundheitsdienste (ÖGD). So liegen die ordnungsbehördlichen ÖGD-Aufgaben in der ‚Polizeiverwaltung‘ und damit beim Kreisphysikus verwurzelt, während die sozialmedizinischen, heute als gesundheitsfördernden und präventiven Aufgabenfelder des ÖGD bei den kommunalen, vornehmlich Stadtärzten verortet waren.

Es wird die Zeit des Ersten Weltkriegs und die Weimarer Republik skizziert und insbesondere die Eugenik und die Nationalsozialistische Diktatur diskutiert. Die Nachkriegszeit in der Bundesrepublik wird kurz in den jeweiligen Dekaden beschrieben.

Inhalt

Die Autoren präsentieren eine sozialhistorische Analyse der Bevölkerungsmedizin und öffentlichen Gesundheit und vertreten die These, dass die Geschichte der Bevölkerungsgesundheit „untrennbar mit der Gestaltung allgemeiner Lebensverhältnisse verbunden“ ist. So weisen die Analysen auf die Sozialhygiene als Bewegung auf die neuen gesundheitlichen Herausforderungen durch Industrialisierung und städtische Armut hin. Diese Phase ist von Ärzten wie Alfred Grotjahn oder Wilhelm Hagen geprägt und wird von Elsner und Tinnemann als „Projekt der Krankheitsprävention auf Bevölkerungsebene“ beschrieben. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten wiederrum leiten ein jähes Ende der Sozialmedizin und deren Ärzte. Nachdenklich stimmt hier die Pervertierung eines wissenschaftlich begründeten Präventionsdiskurses, den nicht allein die Anhänger des Nationalsozialismus bestimmten. Wichtig für das Verständnis des heutigen ÖGD ist die Kontextualisierung des „Gesetzes über die Vereinheitlichung des Gesundheitswesens“ und damit die enge Verbindung von Verwaltung, Ideologie und ÖGD. Hier beschreiben Elsner und Tinnemann die Nachkriegszeit als „Unfähigkeit der frühen Bundesrepublik, an das sozialhygienische Engagement der Weimarer Zeit anzuknüpfen“. Stattdessen setze sich eine verwaltungslogische, technokratische „Gesundheitspolizei“ (siehe Polizeiverwaltung als Vorläufer des ÖGD) durch, in der die soziale Dimension des Krankheitsbegriffs marginalisiert wurde.

Die Autoren warnen davor, dass Bevölkerungsmedizin wieder zur „Moralhygiene“ oder „Ordnungspolitik“ degradiert wird und Migration, Armut oder Geschlecht als Risikokategorien statt als soziale Determinanten verstanden werden. Elsner und Tinnemann pointieren dies programmatisch: „Die öffentliche Gesundheitspflege steht auch im Spannungsfeld zwischen medizinischer Expertise und politischer Steuerung. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Öffentliche Gesundheitsdienst als Instrument staatlicher Willkür und Ausgrenzung missbraucht“.

Diskussion

Heute im Kontext wachsender politischer Polarisierung liest sich das Buch als Mahnung, dass Bevölkerungsmedizin, oftmals unscharf als Public Health bezeichnet, nur in einem demokratisch verankerten, solidarischen Gemeinwesen wirksam für die Menschen sein kann.

Die Diagnosen, mit denen ein moderner ÖGD in Reflektion gehen muss, sind am Beispiel Frankfurts als historisch-städtischer Erfahrungsraum deutlich sichtbar ausgearbeitet worden. Sie sind nicht neu, lassen aber ein Verständnis entwickeln, warum die bundesdeutsche Sozialmedizin als Projekt schon von Beginn an beschädigt war. Die große Stärke des Buches: Elsner und Tinnemann beschreiben Geschichte, die den Zugang zur Gegenwart ermöglicht. Das Buch überzeugt durch die Verbindung von tiefer, referenzieller Dichte und systematischer Kontextualisierung. Elsner und Tinnemann schreiben präzise, nicht moralisierend, gut verständlich ohne unnötig ins scholastisch-akademische zu entgleiten. Was sicher in der Betrachtung fehlt, ist die Perspektive des ÖGD in der DDR. Hier wäre die Analyse des dualen ÖGD im Laufe der Dekaden im Vergleich zur Bundesrepublik sicher spannend. Vielleicht aber ist dies eine zu grosse Aufgabe, die einer gesonderten Betrachtung folgen wird.

Elsner und Tinnemann präsentieren ein detailliertes Werk über die aktuelle Bevölkerungsmedizin und öffentliche Gesundheit in Frankfurt als eine Fortsetzung der Geschichte der Sozialhygiene und Sozialmedizin. Die Verbindung aus historischer Forschung mit normativer Relevanz hilft bei der Einordnung von Fakten. Die duale Genese des öffentlichen Gesundheitsdienstes erklärt gleichzeitig die Fragilität seiner ethischen Basis durch politische Ideologien. Die Autoren formulieren fundiert ein Plädoyer für eine evidenzbasierte und demokratisch verankerte Bevölkerungsmedizin. Es erinnert daran, dass der öffentliche Gesundheitsdienst kein neutrales Verwaltungsinstrument ist, sondern eine ethisch-politische Institution, die verwundbar gegenüber gesellschaftlichen Strömungen ist und zugleich unverzichtbar für eine demokratisch faire Versorgung der Bevölkerung. Die historische Erkenntnis dieses Buches ist aktueller denn je: Bevölkerungsmedizin im staatlichen Auftrag erfordert neben Fachwissen auch eine besondere Haltung von seinen Akteuren.

Fazit

Die Lektüre ist für alle Public Health WissenschaftlerInnen geeignet, die Bevölkerungsmedizin aus der Perspektive staatlicher Akteure vertieft kennenzulernen. Es wird an dem Beispiel Frankfurts deutlich, dass der ÖGD Teil der staatlichen Verwaltung ist und damit alle Herrschaftsfragen auch die Bevölkerungsmedizin tangieren.

Rezension von
PD Dr. Nicolai Savaskan
Amtsarzt, Gesundheitsamt Berlin-Neukölln
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Es gibt 2 Rezensionen von Nicolai Savaskan.

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ISSN 2190-9245